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Linguistische Analysen zur Dialogkommunikation des ´francais radiophonique`

Examensarbeit 2002 77 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Le français parlé
2.1.1. Phonetische Merkmale
2.1.2. Morphologische Merkmale
2.1.3. Syntaktische Merkmale
2.1.4. Lexikalische Merkmale
2.2. Le français radiophonique

3. Empirische Grundlagen
3.1. Das Korpus
3.2. Die Notationsform

4. Beschreibungsebene des français radiophonique
4.1. Phonetische Merkmale
4.2. Morphologische Merkmale
4.3. Syntaktische Merkmale
4.4. Lexikalische Merkmale

5. Gesprächskonstellationen
5.1.Gesprächsorganisation
5.2. Expressivität
5.3. Höflichkeitsformen

6. Abschlussbetrachtung

7. Anhang
7.1. Vollständiges Korpus
7.1.1. Le téléphone sonne
7.1.2. Les disputes des auditeurs
7.1.3. Interview
7.2. Notationskonventionen

8. Bibliographie

1. Fragestellung

Seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wird die französische Sprachgemeinschaft zunehmend von Kommunikationsformen beherrscht, welche die Verbreitung von Mündlichkeitserscheinungen begünstigt (vgl. Chaurrand 1999: 592). So übt z.B. das Telefon, das Fernsehen, das Kino, die Boulevardpresse und der Rundfunk, dem diese Arbeit gewidmet ist, aktiven Einfluss auf die Sprache aus und bewirkt ein immer stärker werdendes Abweichen der realen Sprachrealisation von der Norm des bon usage, die seit der Französischen Revolution als prestigeträchtig gilt (Fallegger 1998: 44). Die aktuelle Sprachpolitik beschäftigt sich noch immer mit dieser crise du français, die den „Verfall“ des bon usage zum Schwerpunkt hat, was größtenteils den oben genannten Mündlichkeitserscheinungen zuzuschreiben ist.

Wie die Sprachgeschichte zeigt, finden sprachliche Veränderungen zunächst in der gesprochenen Sprache statt und greifen allmählich auch auf die Schriftsprache über. Nur so konnten das Französische und alle weiteren romanischen Sprachen das Latein als Kommunikationsmedium ablösen. Das Bewusstsein für die Andersartigkeit der Volkssprache gegenüber dem Latein im 8./9. Jh., was (nach dem Versuch durch Reformen die Sprache, dem klassischen Latein wieder anzupassen) schließlich zur Entstehung neuer Sprachen, wie dem Franzischen bzw. Französischen geführt hat (ebd.: 34), ist in etwa mit der heutigen Situation zu vergleichen, auch wenn es gewagt sein mag, eine solche These aufzustellen. Aber auch heute ist eine Diskrepanz zwischen dem geschriebenen, normierten und dem gesprochenen Französisch zu bemerken, wenn auch nicht in einem solchen Ausmaß wie zwischen dem klassischen Latein und dem Vulgärlatein. Doch obgleich diese Diskrepanz zwischen der angestrebten Idealvorstellung und der alltäglichen Sprachrealität noch nicht in dem Maße fortgeschritten ist, bzw. durch den ständigen Kontakt der Menschen miteinander (der z.B. im Mittelalter nicht möglich war, da die Gutsherren mit ihren Bauern in regerem Kontakt standen als mit ihren pairs; vgl. Walter 1988: 80) nicht bemerkt wird, muss sie dennoch erwähnt werden, da man den „Virus erkennen muss bevor die Krankheit ausbricht“, wie manche Puristen in der Regierung Frankreichs die Situation beschreiben würden, die in regelmäßigen Abständen die These vom Sprachverfall erneuern und durch sprachpolitische Maßnahmen versuchen, die Tradition des bon usage aufrechtzuerhalten. Zwei Hauptstrategien werden hierbei verfolgt: Die Entfaltung eines übernationalen Frankophonieprojektes zur Prestigesicherung und zur Verbreitung des Französischen und die Verstärkung der Sprachpflege in Frankreich a) durch Gesetze zur Einschränkung und Regulierung des fremdsprachlichen Einflusses auf das Französische, b) durch die Gründung von Sprachpflegeorganisationen, c) durch die Förderung eines öffentlichen Diskurses über die Sprachnorm und d) durch die Weiterführung der Diskussion über die Orthographiereform (vgl. Fallegger 1998: 48/49).

Auch wenn der Versuch die französische Sprache „rein“ zu halten in gewisser Weise verständlich ist, muss man jedoch einsehen, dass Sprache lebendig ist – und alles Lebendige verändert sich. Wenn dies nicht der Fall wäre und die Diskrepanz zwischen dem klassischen und dem Vulgärlatein nicht zunehmend größer geworden wäre, gäbe es weder das Französische, noch eine andere romanische Sprache, was zum Nachdenken anregen sollte.

Somit ist das français parlé wichtiger Bestandteil der modernen Sprachwissenschaft. Eine besondere Form des gesprochenen Französisch übt das français radiophonique aus, da es sich zwar dem Medium der gesprochenen Sprache bedient, durch den hohen Öffentlichkeitsgrad jedoch eher zu Distanzsprachlichkeit tendiert[1] und in einem gewissen Maße den oben erwähnten sprachpolitischen Maßnahmen untergeordnet ist, was im Folgenden näher erläutert wird.

Inwiefern diese These zutrifft wird in dieser Arbeit anhand einer Microanalyse untersucht, und die Relation von Distanz- bzw. Nähesprachlichkeit herausgearbeitet. Hierbei wird, ausgehend vom français parlé, dessen Teilkomponente das français radiophonique darstellt, die Dialogkommunikation in letzterem als Textsorte herausgegriffen, wobei sich die Frage stellt, ob sich dessen Norm mit der Norm des français parlé deckt, ob sie sich daran orientiert, eine Sonderstellung, die des français surveillé, einnimmt, oder eventuell eine Mischform darstellt. Die Norm des français parlé wird dabei aus den von Söll behandelten Korpora (Söll: 1980) übernommen, die Norm des français radiophonique anhand von drei gesprächstypisch unterschiedlichen Aufzeichnungen aus dem französischen Rundfunk selbständig transkribiert und analysiert, wobei die Dialogizität als gemeinsamer Vergleichspunkt besteht.

2. Theoretische Grundlagen

In diesem Teil der Arbeit sollen die theoretischen Grundlagen der Untersuchung gelegt werden, um den Untersuchungsgegenstand zu definieren. Daher wird zunächst die Norm des français parlé und anschließend die Bedeutung des français radiophonique auch in historischer Hinsicht aufgezeigt. Gleichzeitig soll eine Einführung in die aktuelle Forschung bzw. in Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet gewährleistet werden.

2.1. Le français parlé

Wie in der Einleitung[2] bereits erwähnt, trägt das français parlé beträchtlich zur Diskussion über die These des Sprachverfalls bei. Selbstverständlich kann man nicht von dem français parlé reden, da es von verschiedenen Faktoren geprägt ist, die von der Sprechsituation abhängen. So spielt der Öffentlichkeitsgrad eine bedeutende Rolle: in vertrauter, familiärer Umgebung wird ein anderes Register gewählt als in sprachlichen Äußerungen in öffentlicher Umgebung[3]. Des weiteren hat das Thema des Sprechakts Einfluss auf den Sprachgebrauch: alltägliche Themen bewirken eine spontaneres Sprechen als wissenschaftliche oder von besonderen Anlässen geprägte sujets. Auch die Eigenschaften der Kommunikationspartner (Alter, Geschlecht, soziale Stellung, Bildung etc.) und die Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern (bekannt/ unbekannt, vertraulich/ förmlich/ distanziert) ist an dieser Stelle zu erwähnen. Solche Merkmale lassen sich auch bewusst zum Ausdruck innerer Gefühle einsetzen. So wird die Sprache einer Mutter beispielsweise förmlicher, wenn ihr Kind ihre werden unter 2.2. behandelt.

Anweisungen nicht befolgt; sie droht ihm somit implizit (durch die Anwendung distanzsprachlicher Charakteristika) mit „Liebesentzug“.

Wie bereits erwähnt, ist der Stil und das Sprachniveau für die gesprochene Sprache entscheidend. Die Diastratik des Französischen ist durch die dialektale Regression in Frankreich äußerst vital, und wenn Schreiber (s.u.) eine Unterscheidung zwischen dem français parlé und dem français populaire in der Hinsicht vornimmt, dass das français parlé im Gegensatz zum français populaire keine diastratische Restmarkierung aufweist, kann ich dem nicht zustimmen, da heutzutage v.a. in der gesprochenen Sprache häufig diastratische Merkmale benutzt werden, z.B. um Komik zu erzeugen (vgl. Schreiber 1999: 69). Vielmehr sehe ich das français parlé zunächst als Überbegriff für die verschiedenen Realisierungen an[4], wobei vom code phonique als Medium ausgegangen wird (vgl. Söll 1974:11). Die diaphasischen Varietäten des Französischen [das français vulgaire (argotique), populaire, familier, courant (usuel, commun, standard), in höheren Kreisen wird eventuell das français cultivé für nähesprachliche Äußerungen verwendet], die Sondersprachen [der verlan, der jargon (argot) ], die Fachsprachen, die Gruppensprachen/ Soziolekte (z.B. die Sprache des Arbeitermilieus oder der höheren bourgeoisie etc.), das français régionaux (vgl. Fallegger 1998: 61f)[5], gehören somit dem français parlé an, wobei allerdings nicht alle Nähesprachlichkeit anzeigen (s.u.) und sich selbstverständlich einige mit dem français écrit überschneiden, da sie der Norm entsprechen (vgl. Schreiber 1999: 91f)[6]. Dabei sollte man jedoch beachten, dass Norm arbiträr festgelegt wird.

Die Norm des bon usage war im 17. Jh. eine diastratisch markierte Sprachvarietät, deren Vorbild die puristisch geprägte Sprechsprache des Hofes und die Literatursprache der königlich anerkannten Autoren war, bevor er im 18.Jh. schließlich als universelle Sprache mit Prestige anerkannt wurde (vgl. Fallegger 1998: 38ff). Das Standardfranzösische (s.u.) entwickelte sich demnach „auf einer verhältnismäßig engen topischen und stratischen Basis“ (Albrecht 1990: 51) und hat sich dennoch durchgesetzt. Hätte beispielsweise das Okzitanische, das durch das Verdrängen der Dialekte kaum noch vorhanden ist[7], die geographische Position von Paris aufgewiesen und somit das Prestige als Sitz des königlichen Hofes (ab dem 13. Jh.), als kulturelles und religiöses Zentrum (die Abtei Saint-Denis mit der königlichen Grabstätte liegt in der Nähe, und durch die Errichtung der Sarbonne 1227 löst Paris Tours und Lyon ab), ebenso wie als wirtschaftliches Zentrum (durch 4 umgebende Flüsse: Seine, Marne, Oise, Nonette; vgl. Walter 1988: 83) genossen, würde diese Varietät nun die Standardnorm (s.u.) des Französischen darstellen.

Hier ist es wichtig, den Begriff Standard näher zu erläutern, da über dessen definitorische Kriterien in der Fachliteratur durchaus keine Einstimmigkeit besteht[8]. Mit etwa Albrecht betrachte ich die Überregionalität als wichtiges Kriterium für den Begriff der Standardsprache (vgl. Albrecht 1997: 7). In der Dimension der Diastratik gehe ich davon aus, dass eine schichten- bzw. gruppenübergreifende Verständlichkeit notwendig ist. Bei der Unterscheidung zwischen Standard und Norm lehne ich mich an die Theorie Albrechts an, die den Standard als „Ist-Form“ und die Norm als „Soll-Form“ bezeichnet (Albrecht 1986: 66), denn die von der Sprachpolitik festgesetzten Regeln, die den Standard bilden, müssen nicht unbedingt von der Sprachgemeinschaft akzeptiert werden oder, worunter sich lediglich 2 Mio. aktiver Sprecher befinden.

falls sie zunächst akzeptiert werden, von den folgenden Sprachgenerationen nicht fortgesetzt werden. Sprache ist nicht konstant und sollte den Sprechern angepasst werden; keinesfalls sollten die Sprecher der Sprache angepasst werden, denn somit würden die Menschen der aufoktroyierten Sprache unterliegen, was gegen die Menschenrechte verstößt. Somit ist das français parlé als Nähesprache (ohne diatopische Markierung) als Standard zu betrachten. Nach Ammon kann dann von Standardsprachlichkeit geredet werden, wenn sie „Norminhalt von offiziellen Gebotsverpflichtungen sind“ (Ammon 1987: 314)[9]. Ich bevorzuge hier einen anderen Begriff, den der Standardnorm, zu verwenden.

Unter Standardnorm verstehe ich mit Schreiber das zunehmend an der Vergangenheit orientierte, primär schreibsprachlich ausgerichtete Sprachnormkonzept und seine Übertragung auf den

- Literatursprache zur Bezeichnung einer in der Literatur verwendeten Sprachform, die nicht per se graphisch fixiert sein muss.
- Hochsprache zur Bezeichnung einer normierten, aber auf eine bestimmte Schicht beschränkte Sprachform (z.B. der bon usage des klassischen Französischs).
- Gemeinsprache zur Bezeichnung einer diaphasisch aufgefächerten, in der gesamten Sprachgemeinschaft verbreiteten kanonischen Form einer Einzelsprache.
- Schreibsprache zur Bezeichnung einer graphisch fixierten, prolet. orientierten Varietät (z.B. Kanzleisprache).
- Schriftsprache findet in der Leseart „Standardsprache“ u.a. in der Prager Schule Verwendung (vgl. Besch 1983: 964f).
- Der Terminus Standardsprache kann allerdings auch verschiedene Stadien des Standardisierungsprozesses bezeichnen. So dienen die Begriffe Schreibdialekt und Standardsprache bei Besch zur Bezeichnung unterschiedlicher Etappen des Standardisierungsprozesses.

Schulunterricht[10] (Schreiber 1999: 85), d.h. der von sprachnormierenden Instanzen festgesetzten Varietät, die zur Norm und somit zum Standard wurde, wobei allerdings ein gewisser Grad an Bildung vorherrschen muss, da dieser Standard meist den „höheren“ Stilebenen zugeordnet wird (vgl. etwa Oesterreicher 1995: 10).

Das français parlé scheint, durch den strengen und eng gefassten Normbegriff und den gleichzeitig großen Abstand zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, eher zum Nonstandard gerechnet zu werden (vgl. Schreiber 1999: 85)[11]. „Der französische Nonstandard kann als eine Ansammlung unterschiedlicher Varietäten verstanden werden, die nur eines gemeinsam haben: sie entsprechen nicht der Standardnorm“(ders.:85). Somit wird jegliche Variation als ´schlechtes oder fehlerhaftes Französisch` abgewertet. Hier sollte man jedoch vom français parlé mit diastratischer Markierung reden, das als Nonstandard eine Varietät der Standardsprache[12] ist.

Im folgenden wird demnach der Begriff Norm als festgelegte Regel (Grammatik, Wörterbuch), Standard als überregionale Realisierung dieser Norm, Nonstandard als Varietät diesen Standards (z.B. Dialekte) und Standardnorm als „Soll-Standard“ verwendet.

Bei der Abgrenzung der gesprochenen Sprache von der geschriebenen Sprache sollte des Weiteren nicht vom Medium ausgegangen werden, da sich deren Opposition damit nur unzureichend erklären lässt. Es findet überdies eine Verschmelzung der beiden Medien bzw.

Konzeptionen ´Geschriebene und Gesprochene Sprache` statt, was durch moderne Technik verschärft wird (s.u.), und wie oben erläutert wurde ist es ebenso nicht möglich, eine Unterscheidung von gesprochener und geschriebener Sprache zu unternehmen, die auf Förmlichkeit beruht. Daher muss, um die linguistische Unterscheidung eindeutig zu bestimmen, eine andere Begrifflichkeit – die der Nähe-/ Distanzsprachlichkeit (vgl. Koch/Oesterreicher 1985; s.u.)[13] – angewandt werden. Nicht jede schriftliche Äußerung weist nämlich Distanzsprachlichkeit auf. Beispielsweise werden SMS´, Comics oder e-mails grundsätzlich gesprochen konzipiert, obwohl sie in graphischer Form erscheinen. Ebenso besitzt nicht jede mündliche Äußerung nähesprachliche Charakteristika: würden förmliche Reden, wissenschaftliche Vorträge o.ä. orthographisch transkribiert, so würde beim Vergleich mit einer schriftlich notierten Form selbiger kaum Unterschiede festzustellen sein. Die Kommunikationsbedingung rückt hier in den Vordergrund, wobei der Öffentlichkeitsgrad, die Vertrautheit der Gesprächspartner, die emotionale Beteiligung und v.a. die Spontaneität eine bedeutende Rolle spielen. Wenn im Folgenden von sprechsprachlichen Charakteristika gesprochen wird bezieht sich dies demnach auf nähesprachliche Erscheinungen, ebenso wie ich schreibsprachliche Merkmale auf die Distanzsprachlichkeit beziehe.

Ob die Unterschiede zwischen Nähesprache und Distanzsprache auf unterschiedliche Systeme verweisen, oder zwei Varianten eines einzigen Systems darstellen, ist umstritten und hat die sog. Systemdebatte aufgeworfen (Rath 1994: 385). Ein Beispiel von Albrecht soll hier zur Verdeutlichung von Systemunterschieden dienen:

Les jeunes filles que j´ai entendues chanter.

Les chansons que j´ai entendu chanter. (Albrecht 1990: 69)

Durch Paraphrasierung wird der Systemunterschied ersichtlich:

Des jeunes filles chantaient. Je les ai entendues.

On chantait des chansons. Je l´ai entendu. (ebd.)

Nach Schreiber scheinen „die meisten Unterschiede die Norm im Sinne Coserius[14] “ zu betreffen, wohingegen „nur punktuelle Systemunterschiede“ vorliegen (Schreiber 1999: 93f), wodurch von einer Bipolarität des Französischen ausgegangen werden kann (Koch/Oesterreicher 1990: 237). Damit sei jedoch nicht behauptet, dass sich das français parlé nicht in Richtung Diglossie bewegen könnte. Es ist durchaus möglich, dass die Systemunterschiede im Laufe der Jahre/ Jahrhunderte zunehmen und sich das gesprochene Französisch weiter vom français écrit entfernt.

In Zusammenhang mit der Systemdebatte steht die Autonomiedebatte, welche die Beziehung zwischen der gesprochenen und geschriebenen Sprache ausdehnt. Nach Rath umfasst sie drei Hypothesen (vgl. Rath 1994: 384f): die „Abhängigkeitshypothese“, die davon ausgeht, dass die geschriebene Sprache von der gesprochenen Sprache abhängig ist; die „Autonomiehypothese“, die besagt, dass die gesprochene und geschriebene Sprache autonome, von einander unabhängige Systeme sind; die „Interdependenzhypothese“, welche die gesprochene und die geschriebene Sprache als gleichberechtigte Systeme ansieht, die sich wechselseitig beeinflussen. Für jede dieser Hypothesen gibt es gute Argumente15. Ich würde jedoch eine Wechselwirkung befürworten, da die gesprochene Sprache Einfluss auf die geschriebene Sprache hat, wie die Sprachgeschichte zeigt (s.o.), sie jedoch von der normierten, standardisierten Schriftsprache beispielsweise in kommunikativer Distanz ebenso beeinflusst wird: „Da die Schrift als primärer Vermittler der Distanzsprache dient, tritt bei den Sprechern die Neigung auf, manche für den code graphique spezifischen Merkmale in den code phonique zu übernehmen. Hierzu gehört u.a. die Aussprache der in der Graphie vorhandenen Doppelkonsonanten, (immense – [ immãs ] statt [ imãs ]), auch wenn

sie bekanntlich im französischen code phonique mit wenigen Ausnahmen nicht vorkommen“(Fallegger 1998: 83). Allerdings bestreite ich nicht, dass das français parlé durchaus auch als Subsystem des français écrit angesehen werden könnte, da letzteres als System normiert ist und sich das français parlé von diesem peu à peu abhebt. Obgleich zuerst die Sprache entstand (vgl. Vulgärlatein), findet das gesprochene Französisch seinen systematisierten Ursprung daher im français écrit, wodurch es ihm in gewisser Weise untergeordnet ist.

[...]


[1] Vgl. Nähe-Distanzsprache bei Schreiber 1999: 45f.

[2] Kapitel 1 der Arbeit.

[3] Die Auswirkunken des Öffentlichkeitsgrads im français radiophonique

[4] Der Unterscheidung gesprochene Sprache, Umgangssprache, Alltagssprache werde ich keine Rechnung tragen, da ich diese in Bezug auf Nähesprachlichkeit als Synonyme auffasse (vgl Schreiber 199: 56ff).

[5] zur Diskussion dieser Variäten vgl. etwa Schreiber1999: 85.

[6] Es wäre vielleicht angebrachter vom français écrit auszugehen, das engere Regelhaftigkeit aufweist und bei dem eine Abgrenzung zum parlé leichter getroffen werden kann.

[7] die geschätzte Zahl der Okzitanophonen beschränkt sich auf 10-12 Mio.,

[8] Konkurrierende Termini:

[9] Zum Begriff der Norm vgl. Schreiber 1999: 78f.

[10] Zur näheren Diskurs über die Begriffsbestimmung s. Schreiber 1999: 76ff.

[11] Mit Schreiber übernehme ich diesen Ausdruck von B. Henn-Memmesheimer als Oberbegriff aller sprachlichen Erscheinungen die nicht zur Standardnorm zählen, wohingegen der Begriff des Substandards hierarchisch orientierte Abweichungen erfasst (vgl. Henn- Memmesheimer, Beate (1989): “Über Standard- und Nonstandardmuster generalisierende Syntaxregeln. Das Beispiel der Adverbphrasen mit deiktischen Adverbien“, in: Holtus, Günter/ Radtke, Edgar (Hgg.) (1986-90): Sprachlicher Substandard. Tübingen: Niemeyer (Bd. 2: 212f).

[12] Zur Abgrenzung Varietät und Variation s. Schreiber 1999: 56ff.

[13] bzw. Kommunikative Nähe/ Distanz.

[14] Nach Coseriu enthält die Norm „all das, was in der einen oder anderen funktionellen Sprache entsprechenden Rede traditionell, allgemein und beständig, wenn auch nicht notwendig funktionell ist, nämlich alles, was man ´so und nicht anders` sagt (und versteht)“. (Coseriu 1988: 297).

Details

Seiten
77
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638244237
ISBN (Buch)
9783638700832
Dateigröße
844 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20580
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Romanisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Linguistische Analysen Dialogkommunikation

Autor

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