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Trügerisch, machtvoll, destruktiv – Geld und Gold in Theodor Storms „Im Nachbarhause links“

Hausarbeit 2012 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Desillusionierung des Humanisten Storm infolge gesellschaftlicher Bewegungen
2.1 Botilla Jansen als Paradebeispiel der menschlich gescheiterten Kapitalistin

3 Dem Goldrausch auf der Spur: Einflüsse und Auswirkungen im Leben der Botilla Jansen
3.1 Zentrale Anhaltspunkte in der Novelle
3.2 Zwischenfazit I: Das Gold – vier Lebensstadien, ein Bezugspunkt
3.3 Zwischenfazit II: Botilla Jansen als „Opfer“ von Herkunft und Erziehung

4 Die Kraft des Goldes – zwei Thesen
4.1 Das Gold als dämonische Kraft
4.2 Das Gold als Fetisch

5 Mechtild – Das humane Gegenbild zu Botilla Jansen?.

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„‚Wenn du es hören willst‘, sagte mein Freund […]. ‚Aber die Heldin meiner Geschichte ist nicht gar zu anziehend; auch ist es eigentlich keine Geschichte, sondern nur etwa der Schluß einer solchen.‘“ (S. 346)[1] – auf diese Weise wird dem Leser von Theodor Storms Novelle „Im Nachbarhause links“ die Hauptfigur Madame Sievert Jansen vorgestellt. Was soll uns dieser einleitende Satz sagen? Dass dem Schluss der „Geschichte“ größere Bedeutung zukommen muss als dem Anfang? Dass alles im Leben der Protagonistin nur dazu diente, auf ein Ende zuzusteuern, das die „Heldin“ als höchst unangenehme Zeitgenossin ausweist? Soll dem Leser schon vorab die Illusion genommen werden, dass ein alternatives Ende im Falle der Madame Sievert Jansen möglich gewesen wäre?

Die Darstellung der zutiefst hasserfüllten und deshalb einsamen, vom Alter schwer gezeichneten und höchst argwöhnischen Greisin lässt schließlich keinen Zweifel, dass im Leben der Frau Jansen etwas gründlich schief gegangen ist, das nun seinen Tribut zollt. Gleichzeitig erleben wir die Bewohnerin des „Nachbarhauses links“ als reuelos und trotz schlechter physischer Verfassung als zäh und äußerst willensstark, was darauf hindeutet, dass sie sich mit ihrer Situation durchaus zu arrangieren weiß. Dafür liefert die Erzählung eine Erklärung: Botilla Jansen fand mit dem Geld einst etwas, das vermag, die „normalen“ menschlichen Bedürfnisse, welche den Ausschluss jedweder sozialer Kontakte eigentlich nicht zulassen, zu kompensieren – eine Ersatzbefriedigung. Insbesondere an ihrem Goldschatz, den die Greisin Zeit ihres Lebens angehäuft hat, kann sie nun, da ihr jedes andere Glück abhanden gekommen ist, ihre Triebe und Leidenschaften ausleben. Vom Geiz zerfressen, richtet sich folglich ihr ganzes Bemühen darauf, ihr Vermögen zu schützen – komme da, was wolle. Die Chance auf menschliche Nähe hat sie dank einer steten Haltung, die selbst die eigenen Familienmitgliedern zu Schnorrern und potenziellen Dieben erklärt, längst verwirkt.

Die vorliegende Arbeit wird untersuchen, wie das Geld in Botilla Jansens Leben einen solchen Stellenwert einnehmen konnte und in welch destruktiver Weise es sich fortan auf ihr Dasein auswirkt. Dazu wird nachvollzogen, inwiefern Geld bzw. Gold[2] die Lebensstadien der Protagonistin beeinflusste und anhand zweier Theorien ein Einblick in die Psyche der Figur gewagt: Zum einen gibt die Erzählung Anhaltspunkte dafür, der Protagonistin eine Besessenheit durch einen „Dämon Gold“ zu attestieren. Zum anderen, doch daran angelehnt, lässt sich die Macht des Geldes mit einem Fetischismus erklären, also einer irrationalen Subjekt-Objekt-Beziehung, die auf dem Glauben Botillas an die Kraft ihres Goldschatzes beruht. Zu Beginn soll jedoch ein Einblick in die Entstehungsgeschichte der Novelle darlegen, weshalb sich Theodor Storm für einen derart desillusionierenden Stoff, bei dem alles auf das düster gezeichnete Ende eines verwirkten Menschenlebens gerichtet ist, entschied. Den Bogen hierzu schlägt das fünfte Kapitel, in dem geklärt wird, ob mit der Figur Mechtilds, Botillas positivem Gegenbild in der Erzählung, ein „Anlass zur Hoffnung“ vermittelt werden soll.

2 Die Desillusionierung des Humanisten Storm infolge gesellschaftlicher Bewegungen

Fritz Böttger bezeichnet die Novelle „Im Nachbarhause links“ als einen „Meilenstein auf der Straße der verlorenen Illusionen“.[3] Er beschreibt damit, wie der Humanist Storm in seinen ab 1870 entstandenen Werken der Enttäuschung über die gesellschaftlichen Entwicklungen nach der Gründung des Deutschen Reiches Ausdruck verlieh: Zeigte er sich einige Jahre zuvor noch recht optimistisch, dass die Idee eines „Volksstaates“ in Form einer „wahrhaft harmonische[n] von Bauern und Bürgern getragene[n] Entwicklung der Gesellschaft zum Nutzen aller Individuen“[4] möglich sei, so erwies sich dies im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs der Gründerzeit als ein Trugschluss. Storm war in seiner liberalen, gemäßigt positiven Weltanschauung erschüttert. Dass sich seine bürgerlichen Ziele in der Selbstauflösung befanden, hatte er bereits nach der Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen im Jahre 1867 und der damit verbundenen Aufhebung seines Amtes als Landvogts feststellen müssen. Sein Unmut über die Entwicklung seiner persönlichen Lebensumstände (er war fortan als einfacher Amtsrichter in Husum beschäftigt) ging einher mit der Ernüchterung angesichts der gesellschaftlichen Gestaltung seiner Heimat unter preußischer Herrschaft, in der die Idee einer „Volkssouveränität“ prinzipiell missachtet wurde. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 trieb diese Krise auf die Spitze, indem er alle Veränderungen, von denen Storm seit der Annexion betroffen war, als endgültig bestätigte. Der religiösen und politischen folgte nun auch humanitäre Desillusionierung des Dichters:

Was mich hauptsächlich beherrscht – und das verschlingt alles andere –, das ist der Ekel, einer Gesellschaft von Kreaturen anzugehören, die außer den übrigen ihnen von der Natur auferlegten Funktionen des Futtersuchens, der Fortpflanzung usw. auch die mit elementarischer Stumpfheit befolgt, sich von Zeit zu Zeit gegenseitig zu vertilgen.[5]

Die vom Verliererland Frankreich zu leistenden Reparationszahlungen bescherten dem Deutschen Reich einen regelrechten Wirtschaftsboom und läuteten den Sieg des Kapitalismus ein. Storm, der diese Entwicklungen mit Sorge verfolgte, sah sich als Beobachter seiner Zeitgenossen gezwungen, die Gedanken der Darwinisten zu übernehmen, wonach die sozialen und geschichtlichen Erscheinungen mit dem Naturgesetz vom „Kampf ums Dasein“ erklärt werden können. Die „schlechten Seiten“ der kapitalistischen Gesellschaft erscheinen hiernach als „naturgegeben“. Der Dichter war von dieser Anschauung nicht begeistert, wie Böttger betont. Doch er begann, diese Erklärungen des menschlichen Verhaltens bei seinen Arbeiten zu berücksichtigen und in der Darstellung der Wirklichkeit zu einer Nüchternheit und Objektivität überzugehen. Auch in der Konzeption der Figuren hinterließ die Zerrüttung des Stormschen Weltbildes ihre Spuren; so stellt Böttger fest, dass er nur noch scheiternde Helden zu gestalten vermochte.[6] Zu den typischen „Desillusionierungsnovellen“, die in dieser Zeit entstanden, zählen neben „Im Nachbarhause links“ auch „Draußen im Heidedorf“, „Carsten Curator“, „Waldwinkel“ und „Hans und Heinz Kirch“ – all diese Texten spiegeln die „Melancholie der bürgerlichen Endzeit“[7] wider. Die Hoffnung auf eine Rettung des Bürgertums hatte Storm angesichts der Tatsache, dass sich die Mehrheit der bürgerlichen deutschen Bevölkerung in der Herrlichkeit der Reichsgründung sonnte und sich in der kapitalistischen Hochphase der Gründerjahre durchaus wohlfühlte, schon bald aufgegeben. Wie Böttger dem Dichter konstatiert, gewahrte er aufgrund der ihm notwendigen Stellungnahme zur gesellschaftlichen Lage „den ethischen Zusammenbruch früher […] als jene bürgerliche Masse, die damals an eine unbegrenzte Aufstiegsperiode des Kapitalismus im machtgeschützten Deutschland glaubte“.[8] So führte er seinen Lesern vor allem die schwachen und anfälligen Stellen des alten Bürgertums, das der eigenen Verurteilung zum Absterben kaum gewahr wurde, vor Augen. Während des wirtschaftlichen Aufschwungs im Deutschen Reich wurde Storm bewusst, dass sich der profitorientierte Unternehmertyp, dem er in seinen Werken nie allzu große Sympathie hatte zukommen lassen, in den Vordergrund gespielt hatte und nun den Ton anzugeben begann. Storm, der in seiner Desillusionierung zeitweise schon das Ende seiner Dichterlaufbahn gesehen und sich bereits 1869 als „pensionierten Poeten“ bezeichnet hatte[9], sah sich nun zu einer Auseinandersetzung mit dem ordinären Besitzbürger und Geizhals gezwungen. Es entsprach dabei nicht seinem Stil, diesen Typ der Lächerlichkeit preiszugeben (und wenn er es tat, dann nur in subtiler Form), sondern „moralisch zu Ende zu denken“ und in seiner Schlussphase darzustellen: in der grausamen Verlassenheit und Einsamkeit, dem generalisierten Menschenhass, der hoffnungslosen Verbohrtheit in die Triumphgefühle des Besitzes.[10] Diese ins Phantastische gesteigerte Gestaltung der kapitalistischen Raubtierhaftigkeit findet sich in kaum einer Erzählung so unmittelbar wie in der Figur der Botilla Jansen in „Im Nachbarhause links“.

2.1 Botilla Jansen als Paradebeispiel der menschlich gescheiterten Kapitalistin

Bei der Konzeption seiner Protagonistin griff Storm auf ein nicht untypisches Mittel der Novelle zurück: Die Figur des vermeintlichen „Sonderlings“, des grotesk agierenden gesellschaftlichen Außenseiters, welcher jedoch auf den zweiten Blick ganz besonders die Merkmale der Gesellschaft widerspiegelt. Durch diese kuriosen Gestalten werden bestimmte Verhaltensweisen der Allgemeinheit im Extrem dargestellt – oder sie zeigen gerade durch ihre Andersartigkeit die Deformation der angepassten Bürger.[11] So stellt sich Botilla Jansen, die als ein durch Geld völlig entarteter Mensch in ihrem Haus isoliert von jeglichem sozialen Kontakt ihr Dasein fristet, als ein typisches Produkt der ökonomischen Gesellschaftsform am Jahrhundertende dar.[12] Storms Kritik richtete sich gegen eine gesellschaftliche Entwicklung, in der menschliche Bindungen zu einem Hemmnis für wirtschaftlichen Erfolg werden. An Symbolen wie dem Haus, das sich traditionell als belebter Schauplatz von Familienbeziehungen und sicherer Hort darstellte und nun als das düstere „Nachbarhause links“ zum einsamen Gefängnis der alten Witwe Jansen verkommt, macht Storm deutlich, wie der frühkapitalistischen Phase Familiensinn und Freundesbeziehungen zum Opfer fallen.[13] Auch die von den Furien des Geizes und Goldrausches getriebene Botilla Jansen selbst steht als Symbol für den Eintritt in ein neues, „realistischeres“ Zeitalter des Profits.[14] Wurde der Maßstab für die Schönheit einer Frau in der Klassik noch am Grad ihrer Humanität festgemacht, gelten im frühen Kapitalismus andere Regeln, wie Madame Sievert Jansen auf den Punkt bringt: „[…] ein schönes Weib ist doch auch nur ein schönes Raubtier“ (S. 360)[15] – in dieser Aussage zeigt Storm die Frau entsprechend seiner ernüchterten Erkenntnis als ein den Darwinistischen Gesetzen gehorchendes Wesen.[16]

Wie Schuster resümiert, liegt die allgemeine Dimension des halb mitleidig, halb spöttisch erzählten Falls der Botilla Jansen in der Erkenntnis Storms, dass der Glaube an eine Erziehbarkeit des Menschen ebenso aufgegeben werden muss wie die Hoffnung, der Einzelne könne sich dem Einfluss der Gesellschaft entziehen.[17] Für Laage ist die Novelle, obgleich sie wenig Beachtung fand, ein wichtiges Zeugnis für die „Eroberung der Wirklichkeit“ durch den Dichter: „Storm ist hier den Weg weitergegangen, den er in […] ‚Draußen im Heidedorf‘ begonnen und im ‚Waldwinkel‘ fortgesetzt hat.“ Das Wirklichkeitsbild hat jedoch „noch krassere Farben bekommen“, da dem Leser nicht nur das „schöne Weib“ (Margarethe Glansky und Franziska Fedders aus den vorher genannten Novellen) präsentiert wird, sondern auch das in einen alten Soldatenmantel gehüllte „Endprodukt“ ihrer Entwicklung: Der Typus des vollkommen egozentrischen Geizhalses, für den die Triumphgefühle des Besitzes von Goldbergen die letzten Überbleibsel jener gewissenlosen Eroberungen aus den Jugendtagen darstellen, in denen das höchste Erlebnis das Gefühl des Beutemachens und der Macht über die zahlreichen Verehrer war.[18] Aus der Kontrastierung ihres Bildes aus Jugendzeiten, in denen Botilla als umschwärmte Ballkönigin den Männern den Kopf verdrehte, und ihrer Erscheinung im Alter als lebende „Menschenmumie“ Madame Sievert Jansen ließ Storm ein Menetekel für all jene Zeitgenossen erwachsen, die glaubten, dass ein auf Äußerlichkeiten angelegtes Leben einen Sinn haben könnte.[19] Erst dadurch, dass der Leser am ebenso grässlich wie realistisch gezeichneten Ende der einst „bacchantischen Schönheit“ teilhat, entfaltet sich das Potenzial der Figur Botilla Jansen als warnendes Beispiel. Mit ihr erfahren alle, die in ihrem Leben nur materiell-egoistische Züge verfolgen und keine höheren menschlichen Zwecke kennen, dieselbe Verurteilung durch Storm.[20]

3 Dem Goldrausch auf der Spur: Einflüsse und Auswirkungen im Leben der Botilla Jansen

Nachdem nun die Hintergründe zur Entstehung der Novelle bekannt sind und deutlich wurde, weshalb sich Storm bei der Konzeption von „Im Nachbarhause links“ für eine derart düstere und hässliche Wirklichkeitsabbildung entschied, soll der Fokus im Folgenden deutlich auf den Inhalt des Textes gerichtet werden. Um zu veranschaulichen, was die alte Frau Sievert Jansen zu einem Sklaven ihres Geldes machte, ist eine eingehende Analyse der Anhaltspunkte, die uns die Erzählung zu ihrem Werdegang liefert, vonnöten. Dazu sind vor allem jene Angaben im Text von Interesse, in denen sich Charakterzüge und erziehungsbedingte Neigungen Botilla Jansens erkennen lassen.

3.1 Zentrale Anhaltspunkte in der Novelle

Wie bereits festgestellt wurde, ist das Leben der Botilla Jansen von seinem Ende her erzählt. Erst nach und nach erhält der Leser – gemeinsam mit dem jungen Ich des Binnenerzählers – Informationen über frühere Lebensstadien der Figur. Seine erste überraschende Begegnung mit der alten Frau, die in der Stadt als schrullige Einzelgängerin, „Geizdrache“ (S. 356) und „alte Hexe“ (S. 357) verschrien ist, hat der Erzähler der Geschichte vom „Nachbarhause links“ (die eine Binnenerzählung innerhalb der eigentlichen Novelle darstellt) bei einem zufälligen Zusammentreffen in den benachbarten Gärten: Hier kommt es über die Grenze der Grundstücke hinweg zum Blickkontakt mit Frau Jansen. Auffällig ist an ihrem Auftritt vor allem ihre ungewöhnliche Aufmachung („Ihr schwarzes verschossenes Kleid war von einem Stoffe, den man damals Bombassin nannte; auf dem Kopf trug sie einen italienischen Strohhut mit einer weißen Straußenfeder“, S. 349 / „das Gesicht [war] zu beiden Seiten […] mit einigen Rollen falscher Locken eingerahmt […], wie sie vordem auch wohl von jüngeren Frauen getragen wurden“, S. 350) und ihr Verhalten, als sie der Beobachtung durch den Nachbar gewahr wird: „Als ich dann fast verlegen meinen Hut vom Kopf zog, erwiderte sie dies Kompliment durch einen feierlichen Knicks im strengsten Stile […]“ (S. 350). An dieser Stelle erhält der Leser erste wichtige Hinweise zum Charakter Botillas, der nach wie vor von übertriebener Eitelkeit geprägt ist, sowie zu ihrer Herkunft bzw. einem früheren Leben, in dem sie sich augenscheinlich in gehobenen gesellschaftlichen Kreisen bewegte (dass sowohl die altmodische Ausstaffierung der alten Frau als auch ihre übertriebene Geste zum Gruße ihre Wirkung inzwischen vollends verfehlen und ins Lächerliche verkehrt erscheinen, ist ebenso symptomatisch für den Verfall der Figur wie ihre Beschreibung als „winzige zusammengekrümmte Frauengestalt“ mit „verfallenem Antlitz“, S. 349 / 350).

Im weiteren Verlauf der Geschichte nähert sich der Leser der jüngeren Version Botilla Jansens an: Der Erzähler schildert, wie sein Großvater ihn zu Lebzeiten an seinen Kindheitserinnerungen teilhaben ließ, in denen das Mädchen Botilla eine entscheidende Rolle spielte (dass es sich bei dem beschriebenen Kind um Botilla Jansen handelt, wird zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht benannt). Der alte Mann präsentierte dem Enkel seinerzeit ein kleines Portrait, das einen „Mädchenkopf von bestrickendem Liebreiz“ (S. 352) darstellte, und beschrieb die abgebildete junge Frau als seine Spielgefährten aus Kindertagen, als sie zusammen mit ihrem Vater, einem reichen Kapitän, das elterliche Nachbarhaus bewohnte. Schon damals offenbarte die junge Botilla ihre Schwäche für das Sammeln von Schmuck, Gewändern und Goldmünzen, die der Vater seiner einzigen Tochter von den Schiffsreisen um die Welt mitbrachte. Am Gold faszinierte sie in jener Zeit nicht der finanzielle Gegenwert; vielmehr fand sie Gefallen daran, ihren „goldenen Schatz“ (S. 352) dem beeindruckten Nachbarsjungen zu präsentieren und die Geldstücke als Spielzeug zu nutzen. Auffällig erscheint auch die Neigung des Mädchens, das der Großvater gleichsam rügend als „verzogenes Kind“ wie zärtlich als „kleine[r] wilde[r] Schwarzkopf“ (S. 352) bezeichnete, sich seinem Spielkameraden überzuordnen und sich der Macht über ihn stets neu zu vergewissern. So thronte Botilla mit Vorliebe in luftiger Höhe auf einer Gallionsfigur in Form einer Fortuna, die an der Stirnseite des eigens für sie errichteten „Lusthäuschens“ im Garten angebracht wurde, und beschäftigte ihren ersten Verehrer als Handlanger, wie der Großvater rückblickend einräumte:

„Sie war eigentlich schon damals eine kleine Unbarmherzige, […] das eine Füßchen baumelte ganz lustig in der Luft; aber ich stand unten und mußte ihr die goldenen Stücke wieder zuwerfen, wenn sie bei ihrem Spiel auf die Erde fielen, und oft sehr lange betteln, bis das Vögelchen zu mir herunterkam.“ (S. 354)

[...]


[1] Die im Mengentext angegebenen Seitenzahlen in Klammern beziehen sich ausschließlich auf den Primärtext „Im Nachbarhause links“ von Theodor Storm in: Sämtliche Werke in vier Bänden. Hrsg. von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Bd. 2. Novellen, 1867–1880. Frankfurt am Main 1987.

[2] Zwischen Geld und Gold ist deshalb zu unterscheiden, weil der in der Novelle evozierte Fetischcharakter des Geldes auf die Goldstücke in verstärktem Maße zutrifft. Teilweise überschneiden sich die Bedeutungen von Geld und Gold im Leben der Frau Jansen jedoch: So wird in der Beschreibung ihrer Jugend, in der sie den materiellen Wert des Geldes zu schätzen lernte, nicht explizit darauf verwiesen, dass das Gold gegenüber dem Geld als Ganzes einen höheren Stellenwert eingenommen hätte. Bezeichnend ist jedoch, dass die Goldstücke, die der Erzähler nach dem Termin mit dem Notar bei seiner überraschenden Rückkehr in das Haus vor Botilla liegend entdeckt, aus der Sammlung zu stammen scheinen, die sie schon als Kind begann – dieses Gold begleitete sie also ihr ganzes Leben lang – und auch darüber hinaus, wie der Text verrät: „[N]ur der rotseidene Beutel mit den fremden Goldmünzen ist niemals aufgefunden worden“ (S. 377).

[3] Fritz Böttger: Theodor Storm in seiner Zeit. Berlin 1959, S. 278.

[4] Ebd., S. 266f.

[5] Theodor Storm zitiert in ebd., S. 267.

[6] Böttger (1959), S. 269.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 269f.

[9] Ebd., S. 267.

[10] Böttger (1959), S. 280.

[11] Wolfgang Tschorn: Idylle und Verfall. Die Realität der Familie im Werk Theodor Storms. Bonn 1978, S. 144.

[12] Gertrud Brate: Theodor Storms „Im Nachbarhause links“. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 21 (1972), S. 57.

[13] Tschorn (1978), S. 145.

[14] Böttger (1959), S. 279.

[15] Ebd.

[16] Ingrid Schuster: Theodor Storm. Die zeitkritische Dimension seiner Novellen. Bonn 1971, S. 153.

[17] Schuster (1971), S. 151.

[18] vgl. Karl Ernst Laage: Im Nachbarhause links. Wirkung und Würdigung. In: Theodor Storm: Sämtliche Werke in vier Bänden. Hrsg. von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Bd. 2. Novellen 1867–1880. Frankfurt am Main 1987, S. 908 sowie Böttger (1959), S. 280f.

[19] vgl. Böttger (1959), S. 280f. sowie Laage (1987), S. 908.

[20] Böttger (1959), S. 281.

Details

Seiten
30
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656323556
ISBN (Buch)
9783656325796
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205729
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Fetisch Fetischismus Storm Geld Novelle Gold Realismus

Autor

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Titel: Trügerisch, machtvoll, destruktiv – Geld und Gold in Theodor Storms „Im Nachbarhause links“