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Erich Kästner – ein „verbrannter Autor“ als Augenzeuge im „Dritten Reich“

Hausarbeit 2009 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leben und Wirken bis 1933

3. Machtwechsel und Bücherverbrennung

4. Leben im Regime
4.1 Mitarbeit am Münchhausen 1942 und die Folgejahre

5. Leben nach Kriegsende

6. Schluss

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir sitzen alle im gleichen Zug

und reisen quer durch die Zeit.

Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.

Wir fahren alle im gleichen Zug.

Und keiner weiß, wie weit.[1]

Dies schreibt der Dichter, Schriftsteller und stete Systemkritiker Erich Kästner im Jahr 1932, ein Jahr vor der Machtergreifung Hitlers. Obwohl er selbst in seinen Werken immer wieder vor den Nationalsozialisten und dem, was sich da über Deutschland zusammenbraute, warnte, unterschätzt er das Regime bis in die Kriegsjahre hinein. Durch seine Entscheidung gegen die Emigration aus seiner Heimat wird er zwölf Jahre lang gezwungen sein, in diesem Zug als „stummer Passagier“ mitzufahren, um sein Leben nicht zu gefährden. Dies stößt bei anderen deutschen Exilanten auf Unverständnis und löst Misstrauen aus – wie kann ein Autor im Land, das sie verließen, ein Dutzend Jahre vergleichsweise unversehrt existieren, ohne sich dem Feind anzuschließen? Kästner wird sich dieser Frage noch lange nach dem Krieg stellen müssen und immer nach einer Erklärung suchen, wie es überhaupt zu einer Diktatur kommen konnte.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich vor allem Kästners Motive für seine Entscheidung gegen die Emigration herausheben und mich mit dem Konflikt auseinandersetzen, der sich dadurch für ihn während und nach der Nazizeit ergab.

Zudem soll verdeutlicht werden, wie ein (Über-)Leben als nicht nationalsozialistischer Intellektueller zwischen 1933 und 1945 in Deutschland möglich war, die Maßregelungen des Systems umgangen werden konnten und welche Kompromisse es mit sich und dem eigenen Idealismus zu schließen galt.

Bevor ich mich Kästners Werdegang ab dem Zeitpunkt der Machtübernahme Hitlers widme, möchte ich zum Einstieg einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Dichters und Schriftstellers bis zu diesem Zeitpunkt liefern, da seine Herkunft und Erfahrungen nicht unerheblich für spätere Entscheidungen sein werden.

Anschließend hebe ich einige besonders bedeutende Stationen im Leben Kästners ab 1933 hervor, so die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, bei der er persönlich anwesend war und seine Mitarbeit am Film Münchhausen, der ihm trotz dessen Erfolgs viel Verdruss und Rechtfertigungsbedarf gegenüber den deutschen Emigranten bescherte.

Insgesamt möchte ich den Werdegang dieses außergewöhnlichen Autors nachvollziehbar machen und zeigen, dass er – wenn er auch kein „Held“ war – doch viel Mut und Nervenstärke beweisen musste, um im Regime zu überleben und der Welt bis zu seinem Tod großartige Werke zu liefern.

2. Leben und Wirken bis 1933

Erich Kästner wird am 23.2.1899 in Dresden als Sohn der Schneiderin Ida und des Sattlers Emil Kästner geboren. Es sei jedoch schon hier angemerkt, dass nie restlos geklärt wurde, ob Emil tatsächlich der Vater war oder doch der Hausarzt der Familie, der Jude Dr. Zimmermann – die Tatsache, dass Erich Kästner somit ein „Halbjude“ wäre, erhält unter dem späteren Naziregime natürlich besondere Brisanz.[2]

Kästner pflegt von seiner Kindheit an ein sehr enges Verhältnis zu seiner aufopferungsvollen Mutter, die alles tut, um ihrem Sohn die spätere Ausbildung zum Lehrer finanziell zu ermöglichen, er wird ihr zum Dank für den Rest ihres Lebens beispiellose Zuwendung schenken. Der Vater ist von dieser engen Mutter-Sohn-Beziehung weitgehend ausgeschlossen.

Nach der Volksschule tritt Kästner in das „Freiherrlich von Fletscher’sche Lehrerseminar“ ein. Der raue Umgangston im angeschlossenen Internat, das er später als „Kinderkaserne“ beschreibt und einige Probestunden als Lehrkraft machen seinen Berufswunsch jedoch zunichte.[3]

Nachdem er 1917 zum Militär einberufen wird, macht der von Kästner verabscheute dortige Drill eines gewissen Sergeant Waurich – der später noch Platz in Kästners Lyrik finden wird – aus dem 18-Jährigen einerseits einen konsequenten Militarismusgegner, andererseits einen Herzkranken. Der tatsächlich zu dieser Zeit entstandene Herzfehler wird sich jedoch noch als „nützlich“ erweisen, da dem Dichter hierdurch im ersten wie im Zweiten Weltkrieg Wehrdienstuntauglichkeit bescheinigt wird.[4]

Nach Abschluss des Lehrerseminars besucht Kästner das Gymnasium und macht 1919 sein Kriegsabitur. Aufgrund seiner guten Noten erhält er das Goldene Stipendium der Stadt Dresden und studiert daraufhin Germanistik, Geschichte, Philosophie und Theatergeschichte in Leipzig. Nachdem einige seiner eingereichten Texte großen Anklang gefunden haben, erhält Kästner 1922 eine Anstellung bei der Neuen Leipziger Zeitung. Drei Jahre später promoviert er mit einer Arbeit zum Thema Friedrich der Große und die deutsche Literatur.[5]

Im Jahr 1927 siedelt der „Doktor“ nach Berlin über und arbeitet hier als Theaterkritiker und freier Mitarbeiter für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften wie Die Weltbühne, Tagebuch, Vossische Zeitung und den Montag Morgen. Ab 1928 kann Kästner erste große Erfolge mit seinem Gedichtband Herz auf Taille und weiteren Sammlungen seiner Lyrik verbuchen. Kästners Freund Hermann Kesten bringt das Geheimnis des Dichters auf den Punkt: sein rascher Durchbruch läge einerseits an der „spielerischen und fehllosen Meisterschaft“ seiner Sprache, andererseits daran, dass er in seinen Gedichten ausdrückt, „was mancher gedacht und keiner zu sagen gewagt hat (…). Er traf seine Zeitgenossen (…), entlarvte sie (…), zog sie aus und häutete sie.“ Das alles mit „Charme und Grazie, mit Anmut und Witz.“[6] Selbstverständlich hat Kästner auch Kritiker, vor allem unter politisch rechts stehenden Publizisten, die seinen Werken fehlende Tiefe vorwerfen. Er selbst übernimmt die Bezeichnung „Gebrauchslyrik“ für seine Texte, denn: Kästner schreibt fürs Volk, weil er es erziehen möchte. „Schulmeister müssen schulmeistern. Ja, und im verstecktesten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern (…) die törichte, unsinnige Hoffnung, daß die Menschen vielleicht doch ein wenig (…) besser werden könnten, wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht. Satiriker sind Idealisten.“[7]

Ab jetzt beschäftigt er die Sekretärin Elfriede Mechnig, außerdem hat der Autor inzwischen Freundschaft geschlossen mit den Zeichnern Erich Ohser und Walter Trier sowie dem Schriftsteller Hermann Kesten.

Der Durchbruch als Kinderbuchautor gelingt Kästner 1929 mit dem Buch Emil und die Detektive, das zwei Jahre später sogar verfilmt wird, und der Geschichte um Pünktchen und Anton. 1931 erscheint der Roman Fabian, eine Satire für Erwachsene, in der Kästner sich sehr kritisch mit den gesellschaftlichen und politischen Umständen der späten Weimarer Republik auseinandersetzt und vor der Machtübernahme des Nazis warnt. Im selben Jahr wird er Mitglied des PEN-Clubs.[8]

Die fünf Jahre in Berlin vor der Machtergreifung Hitlers wird Kästner später als die „schönsten meines Lebens“ bezeichnen, insgesamt veröffentlicht er in dieser Zeit dreizehn Werke. Doch ab 1933 werden sich die Lebensumstände des jungen Autors radikal ändern. Obwohl er sich stets gegen Hitler und die Nazis ausspricht und von diesen als „Kulturbolschewist“ oder „Kommunist“ bezeichnet wird, rechnet sich der Autor weder dem einen noch dem anderen Lager vollkommen zu. Klaus Kordon dazu: „Kästner ist (…) nun mal weder Marxist noch Sozialist, sondern ein sozial denkender liberaler Demokrat, der jeden revolutionären Umsturz zutiefst verabscheut.“ Wenn er Änderungen im Gesellschaftssystem verlange, dann meine er möglichst umfassende Reformen. So falle ihm auch immer wieder ein, wogegen er sei, doch nie, wofür. „Es gibt keine Heilslehre, an die Kästner glauben kann; also kann er sie auch nicht predigen. Was er seinen Lesern empfiehlt, sind humanistische Anstandsregeln, Vernunftdenken und Zivilcourage.“[9]

3. Machtwechsel und Bücherverbrennung

In den entscheidenden Wochen der Machtübernahme durch die Nazis hält sich Kästner in der Schweiz auf. Der Reichstagsbrand am 27.2.1933 ist für viele Flüchtlinge das Startzeichen zur Emigration, zu dieser Zeit befindet sich der Autor in Zürich. Täglich treffen neue Züge mit Freunden und Bekannten ein, die die Stadt als ersten Zufluchtsort wählen. Kästner jedoch entschließt sich, nach Berlin zurückzufahren und lässt sich trotz aller Bemühungen der Emigrierten, ihn von diesem Vorhaben abzubringen, nicht aufhalten.[10] Stattdessen versucht er sogar, sie ebenfalls zur Rückkehr in die Heimat zu bewegen: „Daß ich trotzdem nach Berlin zurückkehren wollte, führte (…) zu lebhaften Auseinandersetzungen (…) Ich bemühte mich, (…) weitere Gesinnungsgenossen von der Flucht ins Ausland abzuhalten. Ich beschwor sie zu bleiben. Es sei unsere Pflicht und Schuldigkeit, sagte ich, auf unsere Weise dem Regime die Stirn zu bieten.“[11] Im Nachhinein ist er sich darüber im Klaren, dass es wahrscheinlich alle das Leben gekostet hätte, hätten sie auf ihn gehört.

So ergibt sich die groteske Situation, dass Kästner gerade in der Zeit nach Berlin zurückfährt, als ihm die Flüchtlinge von dort entgegenkommen.

Wurde der Autor später gefragt, weshalb er nicht emigrierte, reagierte er oft trotzig, wie in seinem Gedicht Notwendige Antwort auf überflüssige Fragen deutlich wird:

Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.

Mich läßt die Heimat nicht fort.

Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen –

wenn’s sein muß, in Deutschland verdorrt.[12]

Seiner Mutter, die ihn in einem Brief ebenfalls bat, in der Schweiz zu bleiben, schreibt er:

„Also, mit dem Draußenbleiben, das kommt gar nicht in Frage. Ich hab ein gutes Gewissen, und ich würde mir später den Vorwurf der Feigheit machen. Das geht nicht. Außerdem bekommt mir das Fortsein immer nur ein paar Wochen.“[13]

Als der den Nazis verhasste Kästner jedoch kurze Zeit später mit einem Berufsverbot belegt wird, muss er feststellen, dass ihm sein „gutes Gewissen“ nicht viel nützt.

Seinem Freund Hermann Kesten wird Kästner später sagen, dass ihn das Verantwortungsgefühl seinen Eltern gegenüber von der Emigration abhielt.[14] Neben der Bindung an die Eltern, insbesondere an die Mutter, sei auch seine kleinbürgerliche Herkunft nicht zu vergessen. So schreibt Doderer in seiner Biographie über den Autor: „Man würde der Herkunft Kästners aus dem Milieu der kleinen Leute zu wenig Gewicht beimessen, würde man hier leichthin Vergleiche anstellen mit anderen Schicksalen, etwa dem der in die Emigration gegangenen Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Thomas Mann und Bert Brecht. Die Bedingungen großbürgerlicher Herkunft und kosmopolitischer Einstellung, auch der schon länger praktizierten Auslandserfahrungen oder des Eingeklinktseins in ein internationales parteipolitisch-antifaschistisches Beziehungsnetz trafen auf Erich Kästner nicht zu.“[15]

Er selbst gibt an, die Beobachterrolle einnehmen zu wollen, um später „den großen bilanzierenden Roman“ über die Nazidiktatur zu schreiben. „Ein Schriftsteller will und muss erleben, wie das Volk, zu dem er gehört, in schlimmen Zeiten sein Schicksal erträgt. Gerade dann ins Ausland zu gehen, rechtfertigt sich nur durch akute Lebensgefahr. Im Übrigen ist es seine Berufspflicht, in jedes Risiko zu laufen, wenn er dadurch Augenzeuge bleiben und eines Tages Zeugnis ablegen kann“.[16]

Der junge Stefan Heym vermutet später, Kästner sähe in dem, was sich da in Deutschland anbahnte, das Thema seines Lebens, das sich nur schreiben lassen wird, wenn man es von Anfang bis Ende miterlebt hat. Kästner ist davon überzeugt, als vielleicht am wenigsten Gefährdeter ausharren zu müssen, um später wahrheitsgemäß über diese Episode der deutschen Geschichte schreiben zu können. Diese Aussage ist durchaus glaubhaft, da auch viele von seinen früheren Werken Chronikcharakter haben.[17]

[...]


[1] Kordon, Klaus:Die Zeit ist kaputt. Die Lebensgeschichte des Erich Kästner. Weinheim [u.a.]1997, S.157.

[2] Kordon (1997), S.305.

[3] ebd.

[4] ebd., S.53.

[5] ebd., S.305.

[6] ebd., S.102.

[7] Kordon (1997), S.104.

[8] ebd., S.306.

[9] ebd., S.109f.

[10] Bemmann, Helga:Erich Kästner. Leben und Werk. Frankfurt/Main, Berli 994, S.263.

[11] Bemmann (1994), S.263.

[12] ebd., S.261f.

[13] ebd., S.262.

[14] ebd.

[15] Doderer, Klaus:Erich Kästner. Lebensphasen - politisches Engagement – literarisches Wirken. Weinheim [u.a.]2002, S. 83.

[16] Kordon, Klaus:Die Zeit ist kaputt. Die Lebensgeschichte des Erich Kästner.Weinhei 994, S.103.

[17] Kordon (1994), S.106.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656323594
ISBN (Buch)
9783656326021
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205724
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Politik- und Sozialwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Exil Innere Emigration Kästner Zweiter Weltkrieg Bücherverbrennung

Autor

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Titel: Erich Kästner – ein „verbrannter Autor“ als Augenzeuge im „Dritten Reich“