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Tendenzen der deutschen Jugendsprache am Beispiel der Ethno-Comedy 'Türkisch für Anfänger'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

1) Einleitung

Am 30. Oktober 2011 feierte Deutschland gemeinsam mit der Türkei das 50 Jahre zuvor getroffene Anwerbeabkommen. Dieses Anwerbeabkommen, dass in Bad Godesberg geschlossen wurde, markierte die Entwicklung von Deutschland zu einem Einwanderungsland. In ganz Deutschland begegnet man Menschen unterschiedlicher Herkunft wie beispielsweise der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien oder Südeuropa. 50 Jahre nach dem Ankommen der ersten sogenannten Gastarbeiter haben viele dieser Menschen in Deutschland ein Zuhause gefunden. Viele der Gastarbeiterfamilien leben schon in der 2. oder 3. Generation hier. Besonders in den großen Städten stellen Immigranten einen großen Teil der Bevölkerung. Von dem sogenannten „Gastarbeiterdeutsch“, das auf mangelnde Deutschkenntnisse und Interferenz mit der Muttersprache zurückzuführen war, hat sich ihre Sprache zu einer neuen ethnolektalen Varietät, dem ‚Türkendeutsch‘ weiterentwickelt.[1]

Diese multikulturelle Gesellschaft hat nun vor einigen Jahren auch Einzug in die deutsche Medienwelt gehalten. Ab etwa Mitte der 1990 Jahre haben sich Comedians wie Mundstuhl mit ihren Kunstfiguren ‚Dragan und Alder‘, Kaya Yanar mit seiner Show ‚Was guckst du‘, die 2001 den deutschen Kleinkunstpreis gewann, oder auch Erkan und Stefan im Bereich der Ethno-Formate etablieren können.[2] Auch Moritz Bleibtreu in der Rolle des Abdul in dem Kinofilm ‚Knockin‘ on Heavens’s Door‘ muss in dieser Aufzählung genannt werden. Die Sprecher des stilisierten Türkendeutschs in diesen Produktionen entsprechen alle dem selben Typ: Sie sind Angeber, die sich durch sprachliche und intellektuelle Defizite auszeichnen.[3]

Zu den aktuelleren Ethno-Formaten gehört Bülent Ceylan, der mit seinem Comedy- Programm sowohl live als auch im Fernsehen auftritt. Auch die Werbebranche hat diese Comedians längst für sich entdeckt, wie der aktuelle TV-Spot von Edeka zeigt, indem Kaya Yanar verkündet „Ich kauf Edeka“.

Daher entsteht nun die Frage, inwiefern das sogenannte Gastarbeiterdeutsch in den Ethno-Formaten verwendet und eventuell weiterentwickelt wird. Dass es eine gegenseitige Beeinflussung gibt, wird bei der Beschreibung des Forschungsstandes deutlich zu sehen sein. Deshalb beschäftigt sich die vorliegenden Hausarbeit mit dem Thema „Tendenzen der deutschen Jugendsprache am Beispiel der Ethno Comedy ‚Türkisch für Anfänger‘“. In einem ersten Schritt wird der Begriff der Jugendsprache vorgestellt und seine Entwicklung skizziert. Weiterhin werden die Forschungsergebnisse zu bereits untersuchten Ethno-Comedy-Shows und der Verwendung von Jugendsprache in den Medien vorgestellt. In Teil drei der Hausarbeit wird die Serie ‚Türkisch für Anfänger‘ erläutert, die als Untersuchungsgrundlage dient. Schritt vier ist die Analyse, ob jugendsprachliche Tendenzen, die aus dem Buch ‚Kiezdeutsch‘ von Heike Wiese entnommen werden, in der Serie vorkommen und wie sie genutzt werden.

2) Forschungsstand

Bevor sich die Sprachwissenschaftler mit dem Thema Jugendsprache beschäftigten, tauchte dieses schon in den Medien auf. Ausgelöst wurde es von den sogenannten Jugendrevolten Ende der 70er Jahre.[4] Politiker und Personen des öffentlichen Lebens beklagten sich darüber, dass die Dialogunfähigkeit der Jugendlichen als Ursache für das Scheitern des gemeinsamen Dialogs zu betrachten wäre. 1979 veröffentlichte die Tagespresse die Glosse „Können Sie noch deutsch?“, in der den Lesern der FAZ in einem wörterbuchähnlichen Stil jugendsprachliches Deutsch zusammen mit einer standardsprachlichen Übersetzungsvariante vorgelegt wurde.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung stellte 1982 die Frage: „Spricht die Jugend eine andere Sprache?“, woraufhin das Thema sowohl bei Forschern als auch in den Medien diskutiert wurde. Literarische Texte wurde in jugendsprachliche Varianten umgeformt und die Jugendsprache fand auch Einzug in den Hörfunk und ins Kabarett. Sogar der Spiegel widmete 1984 dem Thema Jugendsprache ein Titelblatt.[5]

In der folgenden Zeit wurden unterschiedliche Zeugnisse mit dem Thema Jugendsprache veröffentlicht. Beispielsweise das Buch „Lass uns mal ne Schnecke angraben“ von Claus Peter Müller-Thurau aus dem Jahr 1983, „Affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache“ von Herrmann Ehmann (1992) als erste Bücher dieses Genres. Im Laufe der Zeit sind noch viele hinzugekommen, besonderer Beliebtheit erfreuen sich dabei die Lexika, die jugendsprachliche Ausdrücke erklären.

Doch neben den Medien wurde Jugendsprache im Laufe der Zeit zu einem wichtigen linguistischen Forschungsthema. Die erste, breit empirisch fundierte Untersuchung stammt von Helmut Henne, der seine Ergebnisse 1986 unter dem Titel „ Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik.“ veröffentlichte. Er beleuchtet darin Phänomene der Jugendsprache unter verschiedenen Gesichtspunkten und geht davon aus, dass Jugendsprache nicht eine homogene Varietät des Deutschen ist, sondern ein spielerisches Sekundärgefüge, das bestimmte strukturelle Formen favorisiert.[6] Margot Heinemann veröffentlichte 1989 „das kleine Wörterbuch der Jugendsprache“, das sie als „eine Art Querschnitt von Jugendspezifika in der DDR“ beschreibt.[7] In den folgenden Jahren sind viele unterschiedliche Forschungen zum Thema Jugendsprache gemacht worden, die an dieser Stelle nicht näher vorgestellt werden, da dazu der Rahmen der Arbeit nicht ausreicht.

Bereits seit etwa Mitte der 90er Jahre hat sich in Deutschland eine ethnisch geprägte Jugendkultur entwickelt. Besonders durch multiethnische Rapgruppen, wie beispielsweise Cartel, oder das Buch „Kanaksprak“ von Feridun Zaimoglu hat es die sogenannte Kanaksprak in die Printmedien und ins Fernsehen geschafft.[8]

Neben der Jugendsprache spielt bei der Analyse der Serie „Türkisch für Anfänger“ auch der sogenannte Ethnolekt eine wichtige Rolle. Laut Auer versteht man unter einem Ethnolekt „eine Sprechweise (Stil), die von den Sprechern selbst und/oder von anderen mit einer oder mehreren nicht-deutschen ethnischen Gruppen assoziiert wird.“[9] Dabei betrifft der Ethnolekt stark die Grammatik. Er tritt in unterschiedlichen Formen auf: als primärer Ethnolekt, als sekundärer, medialer Ethnolekt und als tertiärer Ethnolekt. Unter dem primären Ethnolekt versteht man die Sprechweise, die vor allem in deutschen Großstädten von männlichen Jugendlichen mit türkischem Familienhintergrund genutzt wird. Aus diesem primären Ethnolekt entsteht der sekundäre, medial transformierte Ethnolekt, der in den Medien eingesetzt wird, um eine bestimmte Personengruppe zu beschreiben. Mit diesem sekundär, medial transformierten Ethnolekt wird sich auch die Analyse beschäftigen. Er hat in der Forschung verschiedene Namen, wie beispielsweise Türkenslang, Kanaksprak, Türkendeutsch, Balkandeutsch, Türkenpidgin, etc. Der tertiäre Ethnolekt entsteht aus der Situation heraus, wenn der sekundäre Ethnolekt von Jugendlichen aufgenommen wird. Man spricht an dieser Stelle von einer besonderen Form von code-switching, die von Ben Rampton „crossing“ genannt wird.[10]

Wie bereits erwähnt findet man den sekundären Ethnolekt in der Medienwelt. Er wird in den in der Einleitung genannten Shows und Serien genutzt. Daher beschäftigen sich auch neuere sprachwissenschaftliche Forschungen mit diesem Phänomen. Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle die Untersuchung von Karin Keding und Annika Struppert, die sich mit der Ethno-Comedy „Was guckst du“ beschäftigt haben.[11] Anhand einer empirischen Studie vergleichen sie das Auftreten von ausländischen Charakteren und deren Wahrnehmung durch das Publikum. Auch die Untersuchung von Helga Kotthoff beschäftigt sich mit dem Komiker Kaya Yanar und seiner Ethno-Comedy Show „Was guckst du“. Dabei geht sie insbesondere auf Identitätskonstruktionen ein.

Neben Keding/Struppert und Kotthoff hat auch Marlen Jens sich mit dem Thema Ethno-Comedy beschäftigt. Sie untersucht Mehrsprachigkeit in der Serie „Türkisch für Anfänger“ und lieferte damit die Idee für diese Arbeit. Inken Keim beschäftigte sich mit dem Thema „Die Verwendung medialer Stilisierung von Kanaksprak durch Migrantenjugendliche“.[12] Sie untersucht dabei, ob die Jugendliche die stilisierte Kanaksprak in ihrem alltäglichen Umgang verwenden. In ihrer Arbeit vergleicht sie eine Comedy-Cd von Mundstuhl mit Gesprächsmaterial aus Mannheimer Hauptschulklassen. Auch Arnulf Deppermanns Untersuchung geht in diese Richtung. Er untersucht „stilisiertes Türkendeutsch in Gesprächen deutscher Jugendlicher“.[13] Als letztes sollte an dieser Stelle noch die Arbeit des sehr bekannten Jugendsprachforschers Jannis Androutsopoulos genannt werden. Unter dem Titel „Ultra korregd Alder! Zur medialen Stilisierung und Aneignung von ‚Türkendeutsch‘“ veröffentlichte er im Jahr 2002 einen Artikel mit der Absicht zu zeigen, dass Türkendeutsch als Produkt der Wechselwirkung zwischen direkter und medialer Kommunikation auftritt.[14]

3) Türkisch für Anfänger

3.1) Die Serie – Allgemeine Informationen

‚Türkisch für Anfänger‘ ist der Titel einer Serie, die zwischen 2005 und 2008 in Deutschland von der Firma Hofmann & Voges Entertainment produziert wurde. Insgesamt wurden 53 Episoden produziert, die auf 3 Staffeln verteilt wurden. Eine Folge dauerte 25 Minuten. Die 3 Staffeln wurden zwischen dem 14. März 2006 und dem 12. Dezember 2008 im Vorabendprogramm der ARD ausgestrahlt.

Als verantwortlicher Autor der Serie arbeitete Bora Dağtekin. Da er selbst halb Türke ist, konnte er sich nach eigenen Aussagen gut in das Drehbuch hineinversetzten. Oft standen ihm auch türkischstämmige Gastautoren zur Seite.

Gedreht wurde die Serie in Berlin, wo sie auch spielt. Als Außenkulisse wurde das Haus von Günter Grass genutzt. Es befindet sich in Berlin Friedenau in der Niedstraße und wurde von dem deutschen Autor zwischen 1963 und 1996 bewohnt. Die Innenaufnahmen für die Serie wurden jedoch nicht in diesem Haus gedreht. Für sie wurde in einem Studio eine entsprechende Kulisse aufgebaut. Andere Drehorte, wie beispielsweise die Schule, die von Serienfiguren besucht wird, sind wieder reale Orte.

Neben der Serie wurde 2012 auch ein gleichnamiger Film auf den Markt gebracht, in dem die Geschichte des Kennenlernens der beiden Familien neu erzählt wird. Bora Dağtekin übernahm dabei die Leitung der Regie. Außer Emil Reinke tauchen auch im Film dieselben Schauspieler wie in der Serie auf.

3.2) Die Figuren

3.2.1) Hauptfiguren

Josefin Preuß spielt in ‚Türkisch für Anfänger‘ die Rolle der Lena Schneider. Lena Schneider, die mit vollem Namen Helena Claudette Schneider heißt, aber von ihrer Familie und ihren Freunden Lena genannt wird, spielt die Tochter von Doris Schneider. Lena wurde in Südamerika geboren, da ihre Mutter und ihr Vater Marcus dort lebten. Bereits im Kleinkindalter ging Lena gemeinsam mit ihrer Mutter Doris und ihrem jüngeren Bruder Nils nach Deutschland zurück, weil die Eltern sich getrennt hatten. Lena wurde von ihrer Mutter sehr offen erzogen und hatte in ihrer Kindheit und Jugend viele Freiheiten. Von der neuen Beziehung ihrer Mutter ist Lena wenig begeistert. Die Rolle der Lena ist eine sehr quirlige und dickköpfige.

Neben Josefin Preuß spielt Elyas M‘ Barek eine weitere Hauptrolle. Er verkörpert den jungen Türken Cem Öztürk. Er ist der Sohn des neuen Freunds von Lenas Mutter und somit Lenas Stiefbruder. Zwischen den beiden bildet sich schnell ein ganz besonderes Verhältnis. Cem tritt in der Serie als Macho auf. Er gibt gerne den Ton an. Dass die beiden dabei ein gutes Paar sind, zeigt sich in weiteren gemeinsamen Projekten, wie der gemeinsamen Synchronisation des Kindergruselfilms „Hotel Transylvanien“.

Anna Stieblich spielt die Rolle der Doris Schneider. Sie ist die Mutter von Lena und Nils und arbeitet als Psychotherapeutin. In Erziehungsfragen tendiert Doris zu einer lockeren Erziehung, ihr ist es wichtig, für ihre Kinder eine Freundin zu sein. Nachdem ihre vorigen Ehen und Beziehungen gescheitert sind, ist sie mit Metin Öztürk liiert.

Metin Öztürk wird von Adnan Maral gespielt. Er ist von Beruf Kommissar und findet in Doris, nach dem Tod seiner Ehefrau, eine neue Lebensgefährtin.

Pegah Ferydoni spielt in der Serie die Rolle der Yagmur Öztürk. Sie ist die Tochter von Metin und die Schwester von Cem. Für sie ist die Verbindung zu ihrer Religion sehr wichtig. Sie trägt ein Kopftuch und verkörpert die traditionellen Einstellungen des Islam.

Arnel Taci spielt die Rolle des Costa Papavassilou. Er ist Cems bester Freund und ist in späteren Folgen mit Yagmur liiert. Costa ist Grieche und stottert in der Serie sehr stark; er verkörpert das Bild des etwas doofen besten Freundes.

3.2.2) Nebenfiguren

Diana Schneider ist die jüngere Schwester von Doris Schneider und wird in der Serie von Katharina Kaali gespielt. Sie ist Englisch- und Mathematiklehrerin und arbeitet an derselben Schule, die von Lena, Cem, Yagmur und Costa besucht wird. Weiterhin ist Diana auf der Suche nach dem richtigen Mann. Das Verhältnis zu ihrer Schwester ist am Anfang eher schlecht, da Diana immer das Lieblingskind der Familie war.

Axel Mende, gespielt von Axel Schreiber, ist ein Patient von Doris, der später eine kurze Beziehung mit Lena führt. Neben ihm tritt noch Hans Hermann Schneider, verkörpert von Carl Heinz Choynski als Vater von Doris und Diana auf. Er spielt die Rolle des ehemaligen Nationalsozialisten, der nicht sehr begeistert ist von dem Leben in einer multikulturellen Patchwork Familie.

[...]


[1] Deppermann 2007, S.44

[2] Jens 2012, S.16

[3] Deppermann 2007, S.45

[4] Neuland 2007, S.261

[5] Abbildung eins

[6] Schlobinski, Kohl, Ludewigt 1993, S.10

[7] Heinemann 1989, S.7

[8] Keim 2003, S.95

[9] Auer 2003, S.256

[10] Rampton 1995

[11] Keding/ Struppert 2006

[12] Keim 2003

[13] Deppermann 2007

[14] Androutsopoulos 2002, S.1

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656329534
ISBN (Buch)
9783656329633
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205632
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Schlagworte
tendenzen jugendsprache beispiel ethno-comedy türkisch anfänger

Autor

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