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Die Rolle der Think Tanks innerhalb der Power-Structure-Debatte in den USA

Eine elitetheoretische Einordnung unter besonderer Berücksichtigung der Advocacy Think Tanks

Bachelorarbeit 2012 50 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Elitetheoretischer Diskurs
1.1 Klassische Elitetheorien
1.2 Ursprünge pluralistischer Denkschulen in den USA

2. Die Power-Structure-Debatte in den USA
2.1 Kernpunkte des Elitismus
2.2 Kernpunkte des Pluralismus

3. Think Tanks innerhalb der Power-Strucutre-Debatte
3.1 Theoretische Einbettung
3.2 Vom Marktplatz zum Krieg der Ideen: Advocacy Think Tanks gewinnen an Bedeutung
3.3 Einfluss(losigkeit) der Advocacy Think Tanks

4. PNAC: Erfolgreiche Policy Entrepreneurs
4.1 Das Policy Window des 11. September
4.2 PNAC: federführende Architekten der Bush-Doktrin

5. Konklusion

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Vorherrschaft einer Meinung, also einer Geisteshaltung bedeutet, dass Herrschaft letzten Endes nichts anderes ist als geistige Macht“ (Ortega y Gasset 1957, 192).

Innerhalb der letzten 40 Jahre hat sich das Feld der Politikplanung enorm gewandelt. Non-Profit Organisationen wie Think Tanks, sind in den Bereichen Verteidigung, Außenpolitik und Sozialpolitik wichtige politische Akteure geworden, welchen jedoch in Forschung und Wissenschaft nicht ausreichend Beachtung zukommt (Abelson 1995, Beam 1996, Gehlen 2005, Weaver 1989). Die USA sind mit etwa 1500 Denkfabriken weltweit führend, wovon die Mehrheit im Speckgürtel des politischen Zentrums Washington angesiedelt und sich im Wettbewerb der Ideen, streitend um die Deutungshoheit befindet (McGann und Sabatini 2011, Rich und Weaver 1998, 245).

Ziel der Arbeit ist es, das Phänomen amerikanischer Think Tanks elitetheoretisch vor dem Hintergrund der Power-Structure-Debatte in den USA zwischen Pluralisten und Elitisten zu verorten. Die Pluralismustheorie definiert die Machtstruktur in den Vereinigten Staaten als ein dezentralisiertes offenes System, welches von vielfältigen Interessengruppen dominiert wird, die im öffentlichen Diskurs verhandeln. Deshalb ist Macht stark fragmentiert und potenzielle Machtungleichheiten werden über den demokratischen Prozess mittels Wahlen verhindert oder beseitigt (Bentley 1949, Dahl 1961, Polsby 1970, Truman 1960). Davon abgrenzend argumentiert die Elitismustheorie, dass die USA von einer zahlenmäßig kleinen Minderheit, die geschlossen und kohäsiv ist, regiert werden. Die Mitglieder dieser Machtelite stammen aus der sozial-ökonomischen Oberschicht und besetzen die wichtigen Kommandoposten in Politik, Wirtschaft, Medien und Militär, wobei personelle Verflechtungen zwischen den Bereichen nachgewiesen werden (Domhoff 1967, Dye 1976, Mills 1971). Die Autoren beider Denkschulen beziehen sich auch auf Think Tanks, wobei diese höchst konträr interpretiert werden. Der Grund dafür liegt im Definitionsproblem der Denkfabriken.

Das Definitionsproblem

Die Bezeichnung „think tank“ trat erstmals 1950 in den Sozialwissenschaften auf, um Forschungseinrichtungen und -organisationen wie beispielsweise die RAND Corporation zu beschreiben (J. A. Smith 1991, xiii).[1] Erst zehn Jahre später etablierte sich der Begriff. Think Tank-Historiker James A. Smith schreibt:

“By the 1960s, ‘think tank’ had entered the popular lexicon, but it is an imprecise term that refers to all sorts of private research groups. It is a curious phrase, suggesting both the rarified isolation of those who think about policy, as well as their prominent public display, like some rare species of fish or reptile confined behind the glass of an aquarium zoo (J. A. Smith 1991, XIV).”[2]

Um den vielumfassenden Begriff „Think Tank“ zu definieren, muss zunächst zwischen drei Kategorien unterschieden werden: university without students, contract researcher und advocacy tank (Weaver 1989, 563).[3]

Universities without students sind Think Tanks, die sich in erster Linie den Standards wissenschaftlichen Arbeitens verschreiben. Es existiert keiner Lehre, sondern nur Forschung. Im Mittelpunkt steht die langfristige Forschung, deren Ergebnisse sowohl in Büchern und Fachzeitschriften als auch auf Vorträgen und Seminaren präsentiert werden (Denham und Garnett 1996, 44, Gehlen 2005, 22 f., Weaver 1989, 564 f.). Kent Weaver schreibt: “Although these organizations often address specific legislative proposals, their horizons have traditionally been long-term, focused on changing the climate of elite opinion” (Weaver 1989, 564). Hinzu kommt, dass diesen Think Tanks ein enorm hohes Budget zur Verfügung steht. Beispielsweise kann das 1943 gegründete konservativ ausgerichtete American Enterprise Institute (AEI) auf etwa 16,3 Millionen Dollar (Stand: 2001) zurückgreifen (McGann 2005, 14).

Contract researcher arbeiten eher kurzfristig, da sie sich stark auf Aufträge der Regierung konzentrieren, die schneller Ergebnisse bedürfen. Statt Bücher und Monographien stellen die Experten ihre Ergebnisse übersichtlich und handbuchartig in „Reports“ bzw. kürzeren Expertisen dar (Gehlen 2005, 23). Weiter sind diese Think Tanks profitorientiert, der Meistbietende erhält den Zuschlag (Weaver 1989, 566), weshalb sie laut Weaver nicht vollständig unabhängig sind: “Contract researchers often face pressures to follow the agency line, especially if they are highly dependent on a single agency” (Weaver 1989, 567). Ein bedeutender Think Tank dieser Kategorie ist die RAND Corporation (R&D) mit einem laut McGann (2005, 15) sagenhaften Budget von knapp 170 Millionen Dollar (Stand: 2001). Bekannt ist R&D wegen des Auftraggebers: US-Department of Defense.

Advocacy think tanks bilden in dieser Arbeit den zentralen Untersuchungsgegenstand. Sie gelten als die umstrittensten Think Tanks, da sie weniger wissenschaftlich-objektiv, als vielmehr ideologisch motiviert arbeiten, nicht um die „best policies“ zu artikulieren, sondern um den „war of ideas“ zu gewinnen (McGann und Sabatini 2011, 20).[4] Advocacy Think Tanks rechnen sich einer ideologischen Richtung zu, arbeiten auf dieser Grundlage und kommen somit zu ideologisch stark eingefärbten Ergebnissen, wobei auch nicht davor zurückgeschreckt wird, Zahlen und Fakten anderer wissenschaftlich fundierter Studien zu nutzen, um die eigene Weltanschauung zu stützen (Gehlen 2005, 24). “Advocacy tanks combine a strong policy, partisan or ideological bent with aggressive salesmanship and an effort to influence current policy debates”, schreibt Weaver (Weaver 1989, 567). Ziel der Advocacy Think Tanks ist es deshalb nicht neue Forschungserkenntnisse zu erarbeiten, sondern anderen Ergebnissen einen politischen „spin“ zu verleihen (Weaver 1989, 567, Rich und Weaver 1998). Formell werden die ideologieunterstützenden Ergebnisse in kurzen übersichtlichen Artikeln dargestellt (Reinicke 1996, 37). Ein herausragendes Beispiel ist die mit einem Etat von etwa 33,5 Millionen Dollar (Stand: 2001) ausgestattete Heritage Foundation, die McGann zu den „Top 15 Think Tanks“ in den USA zählt (McGann 2005, 14). In dieser Arbeit wird der Think Tank Project for the New American Century analysiert, der als ultrakonservative Denkfabrik neokonservative Ansichten[5] vertritt und versuchte, die Ideen in die Bush-Administration (2001-2004) hineinzutragen und als Leitlinie zu etablieren (Greve 2005, Keller 2008).

Die Forschungsfrage und die Leitfragen

Eine umfassende Definition für Think Tanks kann wegen der unterschiedlichen Typologisierung nur schwer entwickelt werden.[6] Da sich universities without students und contract researcher nahe stehen, werden diese unter dem Dach der akademischen und semi-akademischen Think Tanks verortet, während advocacy think tanks getrennt betrachtet werden. Weil die advokatorischen Denkfabriken ab den 1970er Jahre einen exponentiellen Bedeutungszuwachs erlebt haben (J. A. Smith 1991, Weaver 1989), bilden diese den zentralen Untersuchungsgegenstand der Arbeit, wobei auch die akademischen und semi-akademischen Think Tanks nicht komplett ausgespart werden.

Da der Pluralismus die vorherrschende Theorie über die Machtstruktur in den USA ist (Domhoff 1990, XV), ergibt sich folgende Fragestellung: Inwiefern können Advocacy Think Tanks mit der Pluralismustheorie erklärt werden? Daraus resultieren folgende Leitfragen, die sich in den Kapiteln der Arbeit widerspiegeln:

I. Wie entwickelte sich die Power-Structure-Debatte?
II. Wie ist der Erklärungsgehalt der Theorien zu bewerten?
III. Wie sind Think Tanks theoretisch zu verorten?
IV. Wie bewerten Theoretiker beider Denkschulen Think Tanks nach der historischen Zäsur?
V. Wie einflussreich sind Advocacy Think Tanks tatsächlich?

Das Vorgehen

Kapitel 1 behandelt die Ursprünge sowohl der Pluralismus- als auch der Elitismustheorie. Dieser Punkt ist nötig, um einen theoretischen Zugang zu den modernen Macht- und Systemtheorien zu öffnen. Wesentliche Charakteristika der Power-Structure-Debatte stammen aus den traditionellen Theorien, entweder übernommen, weiterentwickelt oder widerlegt sowie abgegrenzt (Leitfrage I). Mit den erarbeiteten Fundamenten der Theorieschulen, wird in Kapitel 2 die Power-Structure-Debatte zwischen Pluralisten und Elitisten dargestellt, die einzelnen Theorien werden verglichen und bewertet (Leitfrage II).

Mithilfe der dargebotenen Blaupausen beider Theorien, werden in Kapitel 3 Think Tanks theoretisch verortet. In Punkt 3.1 werden pluralistische und elitistische Interpretation der Think Tanks exzerpiert (Leitfrage III). Es wird bewiesen, dass sich Pluralisten stark an den akademischen und semi-akademischen Think Tanks orientieren und sie als Zeichen eines real existierenden Pluralismus bewerten, da sie die Qualität einer Debatte durch objektiv neutrale wissenschaftliche Expertise anheben (Fischer 1991, 345, Rich und Weaver 1998, 239, Weiss 1999). Elitisten argumentieren, Think Tanks seien ein Steuerungs- und Koordinationsmechanismus der Machtelite, um Ideen und Entscheidungen zu entwickeln und durchzusetzen (Dye 1976, 193). Dabei werde ein Konsens hergestellt und die Agenda entwickelt, bevor politische Parteien, Entscheidungsträger, Interessengruppen und die Öffentlichkeit Zugang zum Herrschaftsprozess bekommen (Dye 1976, 197). Folglich entsprechen Elitisten eher der Definition der Advocacy Think Tanks. Aufgrund des Patts gilt es nun, nicht mehr rein theoretisch, sondern empirisch zu argumentieren. Punkt 3.2 behandelt die Zäsur in der historischen Entwicklung der Think Tanks und bettet diese in den elitetheoretischen Diskurs ein (Leitfrage IV). Da besonders konservative Advocacy Think Tanks als organisierte „Gegenintelligenz“ (Fischer 1991, 340) den politisch mehrheitlich liberalen akademischen und semi-akademischen Think Tanks seit den 1970ern den Rang ablaufen, ist es problematisch, Einfluss und Fortbestand advokatorischer Think Tanks pluralistisch zu erklären (Beam 1996, 435, Rich und Weaver 1998, 240). Stattdessen ist die elitistische Interpretation, Think Tanks seien ein Steuerungs- und Marketingorgan der Elite, überzeugender (Fischer 1991, 345, Ricci 1993, 166). In Punkt 3.3 wird der tatsächliche Einfluss advokatorischer Think Tanks auf theoretischer Basis diskutiert, wobei den ideell ausgerichteten Think Tanks aus pluralistischer Sicht ein verschwindend geringer Einfluss im politischen Prozess bescheinigt wird (Schweigler 1977, 221). Elitisten hingegen identifizieren einen hohen Einfluss der Advocacy Think Tanks, auch wenn sie als wenig glaubwürdig empfunden werden (Rich und Weaver 1998, 248 f.).

Wieder gilt es, empirisch zu untersuchen, ob und wenn zutreffend, unter welchen Bedingungen die advokatorischen Denkfabriken einflussreich sind (Leitfrage V). In Kapitel 4 wird der Fall des Advocacy Think Tank Project for the New American Century analysiert und bewiesen, dass der Think Tank federführend bei der Bush-Doktrin nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington war. Getestet wird der Fall anhand John Kingdons (1984) Modell des Policy Windows. In Punkt 4.2 werden Voraussetzungen für hohen Einfluss advokatorischer Think Tanks isoliert. Gleichzeitig wird die Verschwörungstheorie widerlegt, das PNAC habe bewusst ihre Mitglieder in die Bush-Administration installiert, um eine Irak-Invasion durchzusetzen (Abelson 2009).

In der Konklusion werden die Ergebnisse der Arbeit vorgestellt und erklärt, dass die Elitismustheorie Wirkung und Fortbestand der Advocacy Think Tanks überzeugend erklären kann. Die Pluralismustheorie, die zwar akademische und semi-akademische Think Tanks und die Entstehung aller drei Think Tank-Kategorien plausibel explizieren kann, zeigt deutliche Schwächen hinsichtlich der Erklärung advokatorischer Think Tanks, sobald diese unter den in Punkt 4.2 entwickelten Voraussetzungen einflussreich werden.

1. Elitetheoretischer Diskurs

Das erste Kapitel stellt die Ursprünge der Power-Structure-Debatte in den USA dar. Der Denkschule moderner Elitisten liegen die klassischen Elitetheorien zugrunde, die in Punkt 1.1 erläutert werden, wobei Demokratie- und Elitenverständnis fokussiert werden. In Punkt 2.2 wird sich den Ursprüngen pluralistischen Denkschulen zugewandt. Denn kaum ein moderner pluralistisch motivierter Theoretiker lässt es vermissen, James Madison und Alexis de Tocqueville zu zitieren (Dahl 1961, Polsby 1970, et al.). Das erste Kapitel ist wesentlich, um die Debatte über die amerikanische Machtstruktur zu verstehen, denn nur unter Beleuchtung der Entwicklung, kann die Debatte in einen historischen und philosophisch-theoretischen Kontext verortet werden. Zentrale Elemente resultieren – entweder weiterentwickelt oder gar falsifiziert – aus den klassischen Elitetheorien oder der ursprünglichen Pluralismustheorie.

1.1 Klassische Elitetheori e n

Die Ursprünge des Elitismus finden sich in den Machttheorien europäischer Theoretiker, die unter dem Dach „klassischer Elitetheorien“ verbunden werden.[7]

Wer herrscht und wie geherrscht wird, bilden die zentralen Fragestellungen tonangebender Elitetheoretiker wie Gaetano Mosca, José Ortega y Gasset, Robert Michels sowie Vilfredo Pareto, die allesamt spätere moderne Theoretiker – insbesondere Robert A. Dahl und C. Wright Mills – beeinflusst haben.[8] Das verbindende Element der klassischen Elitetheoretiker ist, dass eine Mehrheit von einer mehr oder weniger legitimierten Minderheit regiert wird (Michels 1970, 371, Mosca 1950, 53, Ortega y Gasset 1957, 190).

Unterschiede lassen sich hinsichtlich des schlagkräftigen Begriffs Elite aufzeigen. Während Karl Marx noch eine herrschende Klasse (Marx 1946, 43) identifiziert, schreiben Pareto und Ortega y Gasset über die herrschende Elite (Ortega y Gasset 1957, 192, Pareto 1962, § 2032), die sich wiederum bei Mosca als präziser formulierte politische Klasse (Mosca 1950, 53)[9] findet, wohingegen Michels nicht müde wird, die Existenz oligarchischer Tendenzen (Michels 1970, 493) innerhalb des repräsentativ-demokratischen Systems zu betonen. Mills, der noch detailliert diskutiert wird, prägte den Begriff der Machtelite (Mills 1971).

Demokratie ist die Herrschaft des Volkes. Repräsentative Demokratie erfasst die Volksherrschaft indirekt über die Wahl und Abwahl ihrer Vertreter (Madison 1958, 77). Repräsentative Demokratie ist im Sinne Moscas surreal, da sie letztlich nichts mehr sei, als eine Oligarchie in scheindemokratischen Hüllen. Die volksvertretende Demokratie wird deshalb abgelehnt, da „jeder Staat von einer organisierten Minderheit beherrscht wird und dass darum jede Staatsform, die auf dem Mehrheitswillen zu beruhen vorgibt, eine Unwahrheit in sich enthält, die auf lange Sicht zu ihrem Untergang führen muss“ (Mosca 1950, 317).

Laut Michels sind Wahl und Abwahl der Volksvertreter nur beschränkte Kontrollmechanismen der Masse, denn Oligarchie sei überall dort, wo es Herrschafts- und Machtgefüge gebe. Da die Natur schon Herrschaft hervorbringe, bilden sich also in allem Organisierten oligarchische Tendenzen. Auch und besonders in Demokratien existiert „Macht der gewählten Führerschaft über die gewählten Massen“, und „die oligarchische Struktur des Aufbaus verdeckt die demokratische Basis (Hervorhebungen im Original)“ (Michels 1970, 371).

Ähnlich wie Michels, beschreiben auch Mosca, Ortega y Gasset und Pareto Eliten[10] als naturgegeben (Mosca 1950, 53, Ortega y Gasset 1957, 75, Pareto 1962, § 2025). Folglich wirkt die gesellschaftliche Ungleichheit elitenbildend und die Beherrschten ordnen sich bewusst unter, da „alle die Existenz dieser herrschenden oder ‚politischen Klasse‘ [anerkennen]“ (Mosca 1950, 53).

Die Herrschenden verfügen über das Gewaltmonopol und versuchen, die Deutungshoheit für sich zu beanspruchen, da man „nicht gegen die öffentliche Meinung herrschen [kann]“, weshalb er resümiert, dass „Herrschen Vorherrschaft einer Meinung, also einer Geisteshaltung bedeutet, dass Herrschaft letzten Endes nichts anderes ist als geistige Macht“ (Ortega y Gasset 1957, 190-192).[11] Daneben widmet er sich im Besonderen dem Massenmenschen, der das eigentliche Hindernis zur Realisierung demokratischer Prinzipien sei, nicht aber das Parlament (Ortega y Gasset 1957, 213 f.). „Es gibt keine Helden mehr; es gibt nur noch den Chor“, so Ortega y Gasset, denn die Masse „stand im Hintergrund der sozialen Szene. Jetzt hat sie sich an die Rampe vorgeschoben; sie ist Hauptperson geworden“ (Ortega y Gasset 1957, 72). So sehnt der reaktionäre Elitetheoretiker eine gebildete Elite herbei, die imstande ist, die Masse zu retten (Bachrach 1970, 13).

Paretos Ansatz des Elitenpluralismus ist dahingehend schon fast ein Brückenschlag zu pluralistischen Vordenkern wie Alexis de Tocqueville (Röhrich 1991, 31).[12] In seiner Methode der Elitenzirkulation kategorisiert Pareto die Menschen mit Indizes, um ihre soziale Stellung und Fähigkeiten zu identifizieren (Pareto 1962, § 2026).[13] Dabei unterscheidet der Ökonom und Sozialwissenschaftler eine „herrschende“ und eine „nicht herrschende Elite“, wobei auch diejenigen, die indirekt Zugang zur Regierung genießen, die „unmittelbar herrschende Elite“ bilden (Pareto 1962, § 2032). Folglich ist der Zugang nicht komplett Versperrt, da neben der sozialen Stellung auch die Fähigkeiten den Schlüssel zur meritokratischen Elite bilden.

Wo geherrscht wird, gibt es Elite und da es überall Herrschaft gibt, gibt es überall eine oder mehrere Eliten. Repräsentativ-demokratische Modelle werden ebenso pessimistisch betrachtet, wie auch die gesamte Theorie der frühen Elitetheoretiker pessimistisch ist (Dahl 1972, 30). Lösungen werden kaum angeboten – warum auch? Schließlich sind Eliten, Herrschaft und Ungleichheit, so der Kanon der Theoretiker, naturgegeben und münden zwangsweise in einer Herrschaft der Wenigen, die im Eigeninteresse agiert. Pluralistische Denker erkennen zwar eine Herrschaft der Minderheit in der volksvertretenden Demokratie als notwendig an, allerdings genießen die Regierenden einen hohen Grad demokratischer Legitimität und handeln Sinne des Allgemeinwohls (Bachrach 1970, 17).

1.2 Ursprünge pluralistischer Denkschulen in den USA

Die Theoriegeschichte des amerikanischen Pluralismus begann während der Bildung einer Unionsverfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika 1787. Die Federalist Papers zählen zweifelsohne zu den wichtigsten Aufsätzen klassischer Pluralismustheorie. Daneben gilt das Werk Alexis de Tocquevilles De la Démocratie en Amérique zu den einflussreichsten Abhandlungen der noch jungen Pluralismustheorie über die frühen Vereinigten Staaten.[14]

James Madison schreibt im Federalist No. 10 unter dem Pseudonym „Publius“, dass Personen und Gruppen aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft „notwendigerweise verschiedene Interessengruppen [bilden]“ (Madison 1958, 74). Der Diskurs konkurrierender Interessen fußt auf einem Gruppenpluralismus, der die temporären Partikularinteressen widerspiegelt und gleichzeitig ein Kriterium der Freiheit bildet (Madison 1958, 74). Garantiert und realisiert wird die Freiheit in Form der volksvertretenden Demokratie, die Madison als notwendig erachtet.

Denn „auf diese Art kann es geschehen, dass die Stimme des Volkes dort, wo sie aus dem Munde der Volksvertreter spricht, eher dem Wohl der Allgemeinheit dient als dort, wo das Volk selbst zusammentritt“ (Madison 1958, 77).

Sollte aber, argumentiert Madison, eine organisierte Minderheit[15] die Macht über die Mehrheit erlangen wollen, so „kann die Mehrheit die schädlichen Absichten der Minderheit durch reguläre Abstimmung zu Fall bringen“ (Madison 1958, 75). Mit anderen Worten: eine pluralistische Demokratie muss volksvertretend durch eine offene Funktionselite aufgebaut werden, die nicht im Eigeninteresse handelt, sondern im Allgemeininteresse entscheidet, wobei die Herrschenden mittels elektoraler Mittel der Mehrheit, also der Regierten, kontrolliert werden. Interessenpluralismus wirkt somit nicht nur demokratiefördernd, sondern auch demokratieerhaltend. Je größer das Land sei, desto unterschiedlicher die Interessen, desto höher sei der Grad pluralistischer Realität und desto geringer die Möglichkeit einer Gruppierung sich zu organisieren und die absolute Mehrheit zu erlangen (Madison 1958, 78-79).[16] Die repräsentative Demokratie ist demnach wehrhaft.

An Madison anknüpfend, ist Tocqueville von der „Gleichheit der Bedingungen als die wirkende Ursache, aus der jede einzelne Tatsache hervorgeht“ regelgerecht beeindruckt.[17] Aus der gegebenen Gleichheit folgert Tocqueville, dass das Volk regiere, berufend auf verfassungsgemäß garantierte elektorale Mittel. „In Amerika ernennt das Volk den, der das Gesetz macht, und den, der es ausführt; es selbst bildet das Gericht, das die Gesetzesübertretungen bestraft“ (de Tocqueville 1976, 197). Entscheidende Elemente der pluralistisch geprägten Staatsform der Vereinigten Staaten sind allgemeines Wahlrecht, Konkurrenz der Parteien, Pressefreiheit, unabhängige Gerichtsbarkeit und – besonders daran knüpfen spätere Pluralismustheoretiker an (Bentley 1949, Riesman 1961, Truman 1960) – freie Interessengruppen (de Tocqueville 1976).

Die Ansätze Madisons und Tocquevilles griff Arthur Bentley in seiner 1908 veröffentlichten Studie The Process of Government auf.[18] Auch für Bentley ist der Diskurs unterschiedlicher Interessen das wesentliche Element einer funktionierenden Demokratie. Die repräsentative Regierungsform etikettiert Bentley als Schauplatz verschiedener Interessen, artikuliert und gebündelt durch Interessengruppen, in den politischen Prozess mittels öffentlichen Drucks eingebracht, abgeschwächt wiederum durch Gegendruck von legislativer, exekutiver oder judikativer Seite sowie anderer Interessengruppen, und schließlich durchgesetzt im Kompromiss mit konkurrierenden Interessen. Aus diesem Prozess heraus, entsteht eine Balance oder auch ein Gleichgewicht konkurrierender Interessen („balance or equilibrium of pressure groups“) (Bentley 1949, 352 ff.).

Die Grundthesen Bentleys entwickelte Truman in seinem Werk The Governmental Process weiter, mit besonderem Augenmerk auf die Balance der Interessen. Um auf Grundlage von Konkurrenz optimale Entscheidungen herbeizuführen, erfordert es einen Ausgleich, garantiert durch die Mehrfachmitgliedschaft in Interessengruppen, was Kompromissbereitschaft fördert. Truman spricht dabei vom „overlapping membership“ (Truman 1960, 159).

David Riesman beschreibt eine fragmentierte Herrschaft in den USA, die sich historisch entwickelte, als sich das Machtgefüge änderte und „an die Stelle einer einzigen Hierarchie mit einer herrschenden Klasse an ihrer Spitze sind Interessenverbände (veto groups) getreten, unter denen die Macht aufgespalten ist (Hervorhebung im Original)“ (Riesman 1961, 220).

Auch wenn Bentley, Truman sowie Riesman eine zeitlich große Distanz von Madison und Tocqueville trennt, so verbindet sie trotz aller grundverschiedenen Rahmenbedingungen das Verständnis pluralistischer Demokratietheorie.[19] Insgesamt lassen sich für repräsentative Demokratien vier ausnahmslos geltende Merkmale isolieren: die Wahl einer Regierung in regelmäßigen Abständen, eine gewisse Unabhängigkeit der Regierenden von den Interessen der Wähler[20], die Möglichkeit zur Interessenartikulation der Regierten ohne Repressionen von oben fürchten zu müssen und die Entscheidungsfindung über öffentliche Diskurse (Manin 2007, 14). Zentral sind Interessengruppen innerhalb eines Nachtwächterstaates.

[...]


[1] Ursprünglich stammt der Begriff „Think Tank“ aus dem Militärjargon während des Zweiten Weltkriegs und bezeichnete einen sicheren Raum, in welchem Pläne und Strategien diskutiert wurden (J. A. Smith 1991, xiii)

[2] Zitate aus dem Englischen werden in englischer Rechtschreibung kenntlich gemacht. Aus dem Englischen übernommene Begriffe werden im Fließtext mit deutscher Rechtschreibung ausgewiesen. Zitate, die über eine Länge von drei Zeilen hinausgehen, werden eingerückt.

[3] Weavers Unterscheidung hat sich in der amerikanischen Forschung durchgesetzt (Denham und Garnett 1996, 44) und als nützlich erwiesen (Gehlen 2005, 22).

[4] Seit das konservative Think Tanks in den 1960ern begannen ihre Ideen aggressiv zu artikulieren, spricht man vom „war of ideas“, der zwischen konservativen und liberalen Kräften ausgetragen wird (J. A. Smith 1991, 182).

[5] Ultrakonservativ wird des Öfteren mit neokonservativ gleichgesetzt. Bei unterschiedlicher Motivlage, gibt es große Schnittmengen hinsichtlich der Ansichten (Homolar-Riechmann 2003, 33 f.). Für eine weiterführende, vor allem historisch erklärende Darstellung des amerikanischen Konservatismus, siehe: Guttmann, Allen. The conservative tradition in America. New York: Oxford University Press, 1967.

[6] Vgl. hierzu: “There is (…) no accepted definition of what think tanks do or should do (Weaver 1989, 564).

[7] Die aufgeführten Machttheoretiker darf man hierbei nicht als die „Gründerväter“ der Machttheorien verstehen. Wenn man einen „Gründervater“ neuzeitlicher Machttheorie benennen will, dann ist Niccoló Machiavelli zu nennen, der in seiner berühmten Schrift Il Principe über Machtgewinn, Machterhalt und Machtverlust schreibt (Machiavelli 1978).

[8] Vgl. hierzu Robert A. Dahl, der beispielsweise Ortega y Gassets Werk, la rebelión de las masas, als immens einflussreiches Buch beschreibt (Dahl 1961, 6). C. Wright Mills führt Ortega y Gasset während seiner Auseinandersetzung mit der Massengesellschaft an (Mills 1971, 301).

[9] Zwar wird Moscas Werk als Die herrschende Klasse übersetzt. Zentral ist jedoch eine politische Klasse (classe politica), die sich eher auf eine politische Herrschaft, als auf eine ökonomische Herrschaft (Marx 1946) bezieht (Mosca 1950, 53).

[10] Elite wird hier bewusst in den Plural gesetzt, auch wenn die Theoretiker – vor allem Mosca – oft von der Elite im Singular sprechen, jedoch aber mehrere Eliten meinen (Albertoni 1987, 110).

[11] Diese Definition von Herrschaft, nämlich geistige Macht und Macht über Ideen, ist im späteren Teil (Kapitel 3) von besonderer Bedeutung, da sich Think Tanks im Krieg der Ideen befinden und um die Deutungshoheit kämpfen (Rich 2011, 191).

[12] Dennoch darf nicht der Verdacht aufkommen, Pareto sei Pluralist. Keineswegs: das Prinzip der Elitenzirkulation fußt auf einer ständigen Konkurrenz von Elite und Gegenelite also, die eben nicht im pluralistischen Sinne über Verhandlungen zwischen Interessengruppen interagieren, sondern sich „gegenüberstehen wie zwei fremde Nationen“ (Pareto 1962, § 2226). Die herrschende Elite kann nur durch „Infiltration (Zirkulation der Elite) [oder] (…) stoßweise durch Revolution“ ausgewechselt werden. Dieser Austauschprozess von Elite und Gegenelite umfasst nicht etwa die gesamte Gesellschaft, was schließlich bedeuten würde, jeder hätte Zugang zur Elite, sondern beschreibt nur den Kampf zweier organisierter Minderheiten um die Herrschaft (Röhrich 1991, 62). Die Masse, zuvor mit Indizes versehen, bleibt unberücksichtigt (Ebd.).

[13] Pareto weist jedem einen Index zwischen 0 und 10 zu. „Dem überragenden Anwalt wird man beispielsweise eine 10 zubilligen, demjenigen dem es nicht gelingt, auch nur einen einzigen Klienten zu bekommen, eine 1, um eine Null demjenigen vorzubehalten, der ein richtiger Idiot ist. Dem Mann, der recht oder schlecht Millionen zu verdienen wusste, werden wir eine 10 geben, demjenigen, der Zehntausende verdient, eine 6 [etc.]“ (Pareto 1962, § 2027).

[14] Vgl. hierzu Robert A. Dahls Einleitung in Who governs?, in welchem er Tocqueville beschreibt: “An amaizing and gifted observer” (Dahl 1961, 2). Weiter bewertet Dahl Tocquevilles Abhandlung De la Démocratie en Amérique:“Probably the most profound analysis of American democracy ever written” (Ebd.).

[15] Organisierte Minderheit im Sinne der in Punkt 2.1 aufgeführten klassischen Elitetheoretiker (Michels 1970, Mosca 1950, Pareto 1962).

[16] Vgl. hierzu auch Alexis de Tocqueville, der die „Allmacht der Mehrheit“ als die größte Gefahr der amerikanischen Demokratie identifiziert, die die Minorität (die Regierenden) verzweifeln lasse und sie zur Anwendung von Gewalt treibe. Das Ergebnis werde Anarchie sein, hervorgerufen durch die Masse (de Tocqueville 1976, 300). Aber auch er sieht die Möglichkeit einer Mehrheitstyrannei nicht gegeben: es fehle eine „Verwaltungszentralisation“ als Mittel der Tyrannei, es herrsche ein ausgeprägter „Geist der Rechtsgelehrsamkeit“, der die Mängel der Volksregierung aufzuheben vermag und es existiere ein „Geschworenengericht(…) als kraftvolles Mittel, das Volk regieren zu lassen“ (de Tocqueville 1976, 302-319).

[17] Schwärmerische Formulierungen der Pluralisten sind deshalb bemerkenswert, da sie mitunter die Kritiker – moderne Elitisten – auf den Plan riefen. So wandte sich C. Wright Mills radikal gegen den „romantic pluralism“ David Riesmans (Mills 1971, 244).

[18] Mit Arthur Bentley bewegt man sich eigentlich schon in der modernen Pluralismustheorie. Allerdings kann man Bentley erstens, als Schaltstelle zwischen klassischen und modernen Theoretikern klassifizieren. Zweitens, ist es die Absicht, einen Zugang zur Power-Structure-Debatte zwischen Elitisten und Pluralisten zu finden, welche erst Ende der 1950er Jahre begann, weshalb Arthur Bentley, genauso wie David Truman, bereits in diesem Kapitel aufgeführt werden.

[19] Tocqueville und Madison befanden sich noch nicht im vollindustrialisierten Zeitalter. Mehr zu den unterschiedlichen Rahmenbedingungen: Connolly, William E. „The Challange to Pluralist Theory.“ In The Bias of Pluralism, Herausgeber: William E. Connolly, 3-34. New York: Atherton Press, 1969.

[20] Um das langfristige Gemeinwohl zu erreichen und sich nicht von kurzweiligen Wünschen der Bevölkerung leiten zu lassen (Madison 1958). Mit anderen Worten: langfristig vernünftige, nicht kurzfristig populistische Politik.

Details

Seiten
50
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656339014
ISBN (Buch)
9783656339403
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205532
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Elite Pluralismus USA Think Tanks Bush Demokratie Mills Dahl Elitismus Theorie

Autor

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Titel: Die Rolle der Think Tanks innerhalb der Power-Structure-Debatte in den USA