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Ehrbezogene Gewalt in der türkisch patriarchalischen Diaspora in Deutschland im Fokus der institutionellen Netzwerkarbeit

Bachelorarbeit 2012 51 Seiten

Frauenstudien / Gender-Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffserläuterungen
2.1 Was ist ehrbezogene Gewalt?
2.1.1 Der Ehrbegriff im „türkischen“ Verständnis
2.1.2 Der Ehrbegriff im „deutschen“ Verständnis
2.2 Die türkisch patriarchalische Diaspora in Deutschland

3 Funktionen und Organisationsstrukturen patriarchalischer Familien
3.1 Die Erziehung der immigrierten Generation und das Festhalten an Werten und Normen in der Aufnahmegesellschaft
3.2 Innere Konflikte der jüngsten Generation

4 Kernerklärungsansätze für delinquentes Verhalten in Form von ehrbezogener Gewalt
4.1 Psychologische und sozialpsychologische Kriminalitätstheorien
4.2 Soziologisch orientierte Kriminalitätstheorien

5 Netzwerkarbeit - themenbezogener Umgang der sozialen Arbeit
5.1 Was kann die soziale Arbeit mit dieser Erkenntnis verbessern?
5.2 Checkliste Handlungsoptionen
5.3 Kurzcheckliste

6 Fazit

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Postkartenaktion der Journalistin und Pädagogin Güner Y. Balci „Ehre ist, für die Freiheit meiner Schwester zu kämpfen!“

1 Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Postkartenaktion der Journalistin und Pädagogin Güner Y. Balci „Ehre ist, für die Freiheit meiner Schwester zu kämpfen!“ (Tunc 2007, 22)

„Die Integrationsministerin Maria Böhmer hält Zahlen für ‚erschreckend, geradezu alarmierend‘. Und Recht hat sie. Ein gutes Drittel junger Türken sieht nichts Schlimmes am Ehrenmord.“ (http://www.welt.de. Lau 2006, 2012)

Gegenstand meiner wissenschaftlichen Arbeit ist die vorherrschende ehrbezogene Gewalt der türkisch patriarchalischen Diaspora in Deutschland und die Notwendigkeit der Verbesserung der institutionellen Netzwerkarbeit. Mein Interesse, für das allgemein bezeichnete Thema Ehrenmord, entstand im Verlauf und durch Diskussionen in meinem Studium in Modulen wie „Migration und Integration“, „Gender“ und „Institutionelle und politische Bedingungen“. Außerdem erweiterte sich mein Interesse im Speziellen durch eine Exkursion nach Berlin im Rahmen des Moduls „Institutionelle und politische Bedingungen“ bei Frau Professor Dr. Cillie Rentmeister[1] - ermöglicht durch Frau Katrin Göring-Eckardt[2] im Sommer 2011. Hier kam es zu Begegnungen mit den Organisationen/Institutionen MadonnaMädchenkult.Ur e. V.[3] und Der Polizeipräsident in Berlin, Direktion 5 - Zentrale Aufgaben, AGIM - Arbeitsgruppe Migration und Integration[4]. Es entwickelten sich Gespräche und Diskussionen sowie - im Speziellen für mich - die Option zu einem Kurzpraktikum im Januar 2012 in der Polizeidirektion 5. Ich konnte an zwei Tagen in der Fachdienststelle, die im Besonderen ihren Arbeitsfokus auf die Netzwerkarbeit legt, die Polizei vor Ort begleiten.

Ich erhielt verschiedene Einblicke, die ich in den Verlauf meiner Arbeit einbinden möchte, auch um meine Leser zum - meines Erachtens nach - höchst notwendigen Nachdenken, in Bezug auf die Notwendigkeit der Veränderung, anzuregen. Denn wie bereits Kirsten Heisig[5] in ihrem Werk „Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ feststellte, machen wir gegenwärtig noch Fehler, indem häufig „auf halbem Wege stehen geblieben wird.“ (Heisig 2010, 197). Auch Dr. Janine Janssen stellt in ihrem niederländischen Leitfaden „Im Namen der Ehre, Leitfaden für den Umgang mit ehrbezogener Gewalt für Polizeibeamte und andere Professionals“ fest: „Um ehrbezogene Gewalt erkennen, verhindern und verfolgen zu können, benötigt die Polizei Unterstützung professioneller Partner.“ Janssen betont weiterhin, dass sie hier insbesondere auf die Kollegen und Kolleginnen in den Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen in den einzelnen Stadtvierteln verweist (Janssen 2009, 9). Auch meiner Meinung nach liegen Schwachstellen in einzelnen Systemen und Unklarheiten der professionellen Vorgehensweise vor, die es zu überdenken gilt. Hierzu will ich durch die Ihnen vorliegende wissenschaftliche Arbeit anregen und auch mögliche Handlungsoptionen anhand einer Checkliste geben.

Im Kapitel 2 definiere ich zunächst einige Begriffe zum besseren Verständnis meines Themas, um darauf aufbauend im Kapitel 3 differenzierter auf Funktionen und Organisationsstrukturen in patriarchalischen Familien in der türkischen Diaspora in Deutschland einzugehen. Anschließend zeige ich im Kapitel 4 Erklärungsversuche, anhand von Ansätzen der Psychologie, Sozialpsychologie und der Soziologie[6], auf. Im Kapitel 5 thematisiere ich die Netzwerkarbeit, also den themenbezogenen Umgang der sozialen Arbeit in Kooperation mit anderen Institutionen, zum Beispiel der Polizei. Ich verspreche mir davon, zum Ende meiner Arbeit, die fokussierte Benennung von möglichen Handlungsalternativen im gesamten System und auf einzelnen Ebenen. Was heißt Netzwerkarbeit und wie setzt der/die SozialarbeiterIn diese sinnvoll um bzw. ein? In welchen Schritten sollte ein/e SozialarbeiterIn sich der Problematik professionell zuwenden? Gibt es also eine Möglichkeit strukturiert und geplant mit der, teilweise als legitim betrachteten, ehrbezogenen Gewalt in der türkischen Diaspora umzugehen und ihr eventuell vorzubeugen?

2 Begriffserläuterungen

2.1 Was ist ehrbezogene Gewalt?

„Ehrbezogene Gewalt ist jede Form seelischer oder körperlicher Gewalt aufgrund einer kollektiven Mentalität in Reaktion auf eine (drohende) Schändung der Ehre eines Mannes oder einer Frau und damit seiner oder ihrer Familie, von der die Außenwelt erfährt oder zu erfahren droht.“ (Ferwerda und Van Leiden 2005, 25 in Janssen 2009, 30).

Van Eck[7] sagte im Dezember 2004 in einer niederländischen Tageszeitung, dass von ehrbezogener Gewalt gesprochen wird, „wenn die Keuschheit der Frau […] in Frage gestellt wird. Schließlich (handelte es sich um) Mord oder Todschlag aufgrund gekränktem männlichen Stolzes. Hierbei wird nicht die Ehre der Frau, sondern die des Mannes […] in Zweifel gezogen.“[8] (Van Eck 2004 in Janssen 2009, 24). Laut Bundeskriminalamt[9] ist weiterhin eine Begriffsabgrenzung dringend notwendig. So wird im BKA unterschieden zwischen ‚Verbrechen im Namen der Ehre‘ gegenüber der so genannten ‚Blutrache‘ oder ‚Blutfehde‘. Hierbei handelt es sich nämlich „vor allem um die Ermordung von Männern, die wiederum als Vergeltung einen anderen Mord aus der Sippe des Mörders nach sich zieht“ (BKA 2006, 5).

Bei der Suche nach einer wörtlichen Übersetzung des Begriffes ‚ehrbezogene Gewalt‘ oder dem differenzierteren, aber eher umgangssprachlich verwendeten, Begriff ‚Ehrenmord‘ in die türkische Sprache, ist ein Scheitern fast unerlässlich. Lediglich der Begriff ‚Gewalt‘ findet sich einzeln betrachtet als „kuwet“ oder „kudret“ (www.deutsch-tuerkisch.net 2012). Betrachten wir hingegen den umgangssprachlich verwendeten Begriff ‚Ehrenmord‘ als die allerletzte Form der ‚Wiederherstellung der Ehre‘, kommen wir einem Erklärungsversuch schon näher. Höffe benennt mit Hobbes Hilfe den Begriff der Ehre wie folgt: „Unter Ehre versteht man die im menschlichen Zusammenleben bekundete Anerkennung und Schätzung, die man selbst empfängt und anderen erweist. Ehre ist das in Worten und Taten sich äußernde positive Urteil, die symbolisch vermittelte Manifestation des Wertes, den wir uns gegenseitig beimessen (Hobbes). Welche Qualitäten als Gegenstand begründeter Ehre gelten, […] hängt entscheidend von den Wertvorstellungen und der soziokulturellen Verfassung einer Gesellschaft ab.“ (Höffe 1986, 40). Daran anknüpfend lässt sich auch anhand aktueller Studien von Janssen feststellen, dass der Ehrbegriff wie sie selber sagt, einen „universellen Charakter hat“ und kein Merkmal bestimmter Kulturen ist. Ihrer Auffassung nach, hat sich bereits „im Lauf der Geschichte herausgestellt, dass Menschen aus allen Himmelsrichtungen große Stücke auf ihre Ehre halten“ (Janssen 2009, 27).

Ich vermag, durch einen Blick in diverse Literatur zum Thema, ebenfalls nicht definieren, wo in der westlichen Welt der Ehrbegriff seinen Ursprung fand. Janssen benennt in ihrem Werk „Im Namen der Ehre“ historische Persönlichkeiten die sich bereits mit dem Begriff der ‚Ehre‘ auseinandersetzten. Um nur einige zu nennen: den griechischen Philosophen Aristoteles (ca. 400 Jahre v. Chr.), den römischen Schriftgelehrten Cicero (ca. 1 Jh. v. Chr.), das Rittertum im Mittelalter sowie moderne Denker und Philosophen wie Hobbes (1588-1679), Rousseau (1712-1778), Kant (1724-1804) und Márquez (1981) in seinem Werk „Chronik eines angekündigten Todes“ (Janssen 2009, 28). Ich fand darüber hinaus die literarischen Werke von Friedrich Schiller: „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ (1964) sowie Heinrich Böll: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1976), die sich eingehend mit dem Umgang der Ehre im westlichen Raum beschäftigen. Auch können wir beim Blick in die Geschichte über verschiedene Formen von Ehre sprechen. Schopenhauer[10] (1788-1860) spricht zum Beispiel in seiner Abhandlung über sexuelle, nationale, private und öffentliche Ehre. Sogar die Berufsehre spricht er an (Janssen 2009, 29).

Das BKA stellte 2006 in einer Pressemitteilung „Eine Frage der Ehre?“ Ergebnisse einer Auswertung zum Phänomen ‚Ehrenmorde‘ vor. Hier wird mangels polizeilicher Definition des Begriffes, in Anlehnung an Phänomenbeschreibungen, in der Literatur von einer Arbeitshypothese ausgegangen: „Ehrenmorde sind Tötungsdelikte, die aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbandes verübt werden, um der Familienehre gerecht zu werden.“ (BKA 2006, 3). Diese Definition der deutschen Polizei kommt der, diesen Abschnitt einleitenden These nach Ferwerda und Van Leiden, die im Auftrag der niederländischen Polizei im Phänomenbereich; im Rahmen des Pilotprojektes „Im Namen der Ehre“ recherchierten, sehr nah.

Ich bin jedoch der Meinung, dass diese Definition nicht weitreichend genug durchdacht wurde. Das Bundeskriminalamt vernachlässigt Fakten wie herrschende Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit junger Migranten basierend auf Diskriminierung und sozialer Benachteiligung in Deutschland, die ebenfalls Begründungen für ehrbezogene Gewalt der Vergangenheit waren. Hermann Tertilt führt in seiner Ethnographie Turkish Power Boys[11] ein sehr treffendes Beispiel - Fall Muzaffer - an: „Am Merianplatz, im Las Vegas, dem Spielsalon, da waren ich, der Seyfettin, der Bruder vom Seyfettin und ein Typ, der besoffen war. Und dann hat der andere, der besoffen war, den Seyfettin die ganze Zeit angemacht. Der Seyfettin hat gemeint: ‚Das kann passieren, der ist besoffen.‘ ‚Ich mach nix‘, hat er gemeint. Aber der Typ hat dauernd Scheißzeug gelabert, hat auch schlimme Wörter gesagt. Er war auch so ein Türke. ‚Ich fick deine Mutter‘, hat er gemeint, ‚Ich fick deine Mutter‘. Und dann wurden alle beide aggressiv. Nachher wurde der Typ abgestochen - neben mir. Guck mal, das ist ja die Ehre, verstehst du?“ (Tertilt 1996, 211)[12].

Der Psychologe und Mediziner Ilhan Kizilhan[13] benennt den Begriff der Ehre heute als „in verschiedenster Form für bestimmte Interessen instrumentalisiert.“ (Kizilhan 2006, 99). So bezieht er verschiedene Organisationen und Gruppen mit neueren Strukturen in die Begriffsinterpretation ein. Er ist der Meinung, dass diese immer wieder auf den Begriff der Ehre zurückgreifen, „wenn sie in ihrem Handlungsspielraum eingeengt werden oder Auflösungserscheinungen zeigen, um Unterstützung zu bekommen und neue Rekruten für den Kampf gegen den Feind zu mobilisieren“ (Kizilhan 2009, 99). Er belegt seine These an verschiedenen Fallbeispielen und baut so eine Brücke zwischen der Ehre im Urverständnis und der heute sehr breiten Auslegung des Ehrbegriffes in der westlichen Kultur.

Ich denke, dass der Versuch die Ehre begrifflich darzustellen, deutlich macht, dass es sehr erstrebenswert ist, Ehre zu erlangen und zu erhalten, was auch immer Ehre für den Einzelnen bedeutet. Bei Ehrverletzung sind unterschiedliche Erscheinungsformen physischer und psychischer Gewalt wie (Drohung mit) Mord; Selbstmord; Unfall mit Todesfolge; Misshandlung; Verstümmelung; (Drohung mit) Verstoßung; Zwangsheirat; Wegnehmen der Kinder; Wegschicken, Rückbefleckung; Ehescheidung; Freiheitsberaubung; Umzug oder Gerichtsverfahren zu beobachten. Jürgen Sauer benennt in seiner Studienarbeit „Scham - ein Grund für Gewalttaten“ sogar Steinigungen, Säureattentate und Mitgiftmorde in Ländern wie Ostanatolien, Pakistan, Bangladesh und Indien (Sauer 2009, 20). Ursachen hierfür, können das Führen eines im westlichen Stil geprägten Lebens, der Verlust der Jungfräulichkeit; außereheliche/voreheliche sexuelle Beziehungen; Vergewaltigung; außereheliche oder voreheliche Schwangerschaft; Ehebruch; erneute Heirat; Wegnehmen der Kinder; Verlassen des Ehepartners oder der Familie; verschwinden, wegbleiben, weglaufen; inakzeptables Verhalten; Widerstand gegen die Familie, Regeln, arrangierte Hochzeiten und Verlobungen; Beleidigung, Provokationen, Erniedrigung; Klatsch, Tratsch und Schmach sein (Janssen 2009, 137).

Aufgrund der breiten Definition von Ehre in den verschiedenen Gesellschaften möchte ich im Folgenden zwei Gesellschaften herausgreifen, aus deren Sicht ich Ehre noch einmal gesondert definiere. Zum Einen möchte ich näher auf das Verständnis des türkischen und zum Anderen auf das Verständnis des deutschen Ehrbegriffes eingehen. Die türkische Gesellschaft wurde von mir ausgewählt, da in Deutschland die meisten Migranten aus der Türkei stammen. Dies wird unter anderem in der Pressemitteilung des BKA anhand von Zahlen belegt: „Von den rund 7,3 Millionen Ausländern in Deutschland besitzen beispielsweise rund 1,8 Millionen die türkische Staatsangehörigkeit und bilden damit den höchsten Anteil an der ausländischen Wohnbevölkerung in Deutschland. (Zahlen siehe Homepage des Statistischen Bundesamtes)“ (BKA 2006, 12).

2.1.1 Der Ehrbegriff im „türkischen“ Verständnis

„Die Nachbarschaft ist eine Brutstätte düsterer Intrigen und emotionaler Spionage, wo die Zungen von zwei Menschen, die auf der Straße miteinander sprechen, wie die beiden zuschnappenden Hälften einer Schere sind, die Reputationen und gute Namen in Stücke schneidet:“ (Aslam 2004, 218 in Janssen 2009, 54)

Ehre hat in der türkischen Sprache mehrere Bedeutungen. „Einerseits meint sie eine Eigenschaft, die sich von einer erlangten gesellschaftlichen Stellung und Wertschätzung ableitet. Im Türkischen wird dies als „seref“ bezeichnet. Eine andere Ausprägung von Ehre ist „izzet“, die Großzügigkeit gegenüber anderen. „Namus“ wiederum bezieht sich auf das einwandfreie moralische und sexuelle Verhalten einer Frau.“ (Terre des Femmes[14] - Menschenrechte für die Frau e.V. 2005, 7)

Die für diese Arbeit relevanten Übersetzungen sind „seref“ und „namus“. Wörtlich übersetzt heißen die Begriffe beide „Ehre“ oder „ehren“ (www.deutsch-tuerkisch.net 2012) und sind eng miteinander verbunden. Die jeweilige Wortbedeutung greift jedoch tiefer.

Laut Van Eck bedeutet „seref“ so viel wie „Status“, „Prestige“ oder „Ansehen“ (Van Eck in Janssen 2009, 31). Laut Ahmet Toprak kann „seref“ durch gute Taten gesteigert und durch schlechte Taten gemindert werden. In jedem Fall ist diese Definition der Ehre für beide Geschlechter gleichbedeutend. Das Ansehen kann durch Männer und Frauen gleichermaßen beschädigt werden und muss gleichermaßen von beiden erarbeitet werden (Toprak 2005, 149ff).

„Namus“ hingegen bezieht sich laut Van Eck „auf die Keuschheit von Frauen und Mädchen. Wenn von einem Mann behauptet wird, dass er Namus hat, bedeutet dies, dass seine weiblichen Familienmitglieder ‚namuslu‘, d.h. ‚ehrenhaft‘ sind.“ (Van Eck in Janssen 2009, 31). Diese Begrifflichkeit, also die Ehre der Frau, „ist insbesondere an ihre sexuelle ‚Reinheit‘ gebunden.“ (Toprak 2005 vgl. BKA 2006, 5). Wird „namus“ in irgendeiner Form beschädigt, ist jedoch nicht nur die Ehre der Frau oder ihres Mannes zerstört, sondern die Ehre der ganzen Familie. Hier ist ein zentraler Unterschied zum Ehrbegriff im „deutschen“ Verständnis manifestiert, auf den ich im Folgenden näher eingehen werde.

2.1.2 Der Ehrbegriff im „deutschen“ Verständnis

In Deutschland bedeutet Ehre so viel wie Achtungswürdigkeit (einer Person), also die Achtung eines Menschen, und kann jemandem als Mitglied eines Kollektivs oder Standes zuerkannt werden, aber auch (zum Beispiel durch Nobilitierung oder eine Ordensverleihung) vom dazu Berechtigten zugesprochen werden. „Gegenüber jemandem, dem man sich an Ehre sehr unterlegen fühlt, gibt man sich ‚ehrerbietig‘. Jemanden ‚ehren‘ bedeutet, ihm eine neue Ehre zuzuerkennen. So stellte Bormann bereits 1953 im Bertelsmann-Lexikon fest, dass nach der demokratischen Grundverfassung, dem Menschen besondere Ehre zu Teil wird, der sich in besonderer Weise für das Gemeinwohl verdient gemacht hat (Bormann 1953, 1002 in Tränkle 2007, 12).

Demnach hängt die Ehre im „deutschen“ Verständnis eng mit den Taten eines Menschen und der jeweiligen Bewertung zusammen. Das Gegenteil der Ehre ist die Schande. In der westlichen Welt ist hiermit oft der Verlust der Ehre (siehe auch Demütigung) oder in milderer Form eine persönliche Blamage gemeint.“ (www.wikipedia.org 2012). Rechtlich gesehen kann die Achtung eines Menschen in Deutschland durch Beleidigungen verletzt und strafrechtlich sogar verfolgt werden.

Allgemein kann man Ehre auch im deutschen als einen sozialen Zwang begreifen, den man als Bestandteil seiner eigenen Persönlichkeit begreift und verteidigt (vgl. www.wikipedia.org 2012).

2.2 Die türkisch patriarchalische Diaspora in Deutschland

„Die Türken sind eine Ethnie, deren Hauptsiedlungsgebiete in Anatolien, Zypern und Südosteuropa liegen. In vielen Ländern der Welt existiert eine große Diaspora, überwiegend in europäischen Ländern und vor allem in Deutschland. Der Großteil der Türken lebt in der nach ihnen, seit Gründung 1923 durch Mustafa Kemal benannten Türkei, wo sie ca. 81 Prozent der Bevölkerung ausmachen (entspricht ca. 58 Millionen Menschen).“ (www.wikipedia.org 2012). Im familiären Kontext finden sich in der Türkei noch heute Stammesstrukturen die aus mehreren Kleinfamilien, die wiederum Großfamilien bilden, weitergehend als Sippe betrachtet einen Großstamm ausmachen (Kizilhan 2006, 31). Dieses System im größeren Kontext hat wiederum ein ganz eigenes Rechtsdenken zu dem sich Wießner in seiner ‚Stellungnahme zum Problem der Blutrache im Strafverfahren […]‘ zum Rechtsdenken der einzelnen soziologischen Gruppen wie folgt äußert: „Von den Familien bis hin zu den Stämmen, ist nicht die ‚Gesellschaft‘, sondern der konkrete Andere der Bezugspunkt. Alle Rechte und Verpflichtungen sind bilateral; sie organisieren sich als Verhältnisse zwischen Schuldnern und Gläubigern. Diese Verhältnisse werden durch Gabesaustausch begründet; Gaben sind dabei sowohl ideelle Güter (Erziehung, ideeller Beistand durch Anwesenheit bei Repräsentationsakten etc.) wie auch materielle Güter unterschiedlicher Art. Die Verpflichtungen des Schuldners sind im Idealfall allumfassend und können vom Gläubiger jederzeit eingeklagt werden. Von diesem Rechtsdenken her gesehen, erscheint die Organisation der Familie, aber auch die Organisation einer Dorfgemeinschaft idealerweise als ein Netz von Reziprozitätsbeziehungen bei gegenseitigem Wahren der Ehre.“ (Wießner 1996, 8 in Kizilhan 2006, 39).

[...]


[1] Professor Dr. Cillie Rentmeister: Professorin am Lehrstuhl der Fachhochschule Erfurt für die Fachbereiche Mädchen- und Frauenarbeit, Gender Studies, Interaktive Medien. (www.fh-erfurt.de 2012)

[2] Katrin Göring-Eckardt: Bündnis 90/Die Grünen. Seit 18. Oktober 2005 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. (http://www.bundestag.de März 2012.)

[3] MadonnaMädchenkult.Ur e. V.: „ein selbstständiger, weltanschaulich und politisch unabhängiger Verein zur Wahrung der Menschenrechte. MaDonna bietet offene und mobile Kinder- und Jugendarbeit und Beratung sowie ergänzende Eltern- und Familienarbeit in Berlin Neukölln. MaDonna arbeitet interkulturell, kreativ, niedrigschwellig, kieznah, krisenerprobt, chaos- und konfliktfähig, entdeckungsfreudig, und gefühlvoll und… MaDonna mischt mit!“ (http://www.madonnamaedchenpower.de März 2012.)

[4] Direktion 5: „…zuständig für die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln. Rund 566.000 Menschen leben hier auf 65 km²; dies entspricht einer Stadt in der Größenordnung von Dortmund.
Hier lebt die größte türkische Gemeinde außerhalb der Türkei.“ (http://www.berlin.de 2012.)

[5] Kirsten Heisig: „…war bis zu ihrem Tod Ende Juni 2010 Jugendrichterin an Deutschlands größtem Amtsgericht, dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten“ (Heisig 2010, Bucheinband)

[6] Soziologie: die Wissenschaft, die sich mit dem Ursprung, der Entwicklung und der Struktur der menschlichen Gesellschaft befasst. (Fremdwörterbuch 2007, 976)

[7] Anthropologin und Turkologin Clementine van Eck (Janssen 2009, 12)

[8] Daraus resultiert, dass ich im Folgenden überwiegend von dem weiblichen Klientel/der weiblichen Adressatenschaft als Opfer ehrbezogener Gewalt schreiben werde. Ich verwende diese weibliche Sprachform, jedoch auch stellvertretend für die sehr geringe Zahl an von ehrbezogener Gewalt betroffenen Männern.

[9] Bundeskriminalamt: Im Folgenden nur noch kurz BKA benannt

[10] Schopenhauer: „Dieser Philosoph hat im 19. Jahrhundert ein interessantes (sic!) Text über die Ehre geschrieben.“ (Janssen 2009, 52)

[11] „Bereits 1990 gründeten türkische, meist in Deutschland geborene Jugendliche, in Frankfurt am Main die Jugendbande Turkish Power Boys, die bald schon etwa 50 Jungen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren umfassen sollte. Von ihrem Traditionsverständnis, ihren Erfahrungen, moralischen Grundsätzen und Wertvorstellungen, aber vor allem von ihren antigesellschaftlichen Aktivitäten handelt diese auf teilnehmender Beobachtung basierende Feldstudie. Dabei wird die Bandenbildung als Lösungsversuch gemeinsamer Problemlagen innerhalb der zweiten Einwanderergeneration interpretiert.“ (Tertilt 1996, Bucheinband)

[12] An dieser Stelle verweise ich auf hiesiges Kapitel 3, ‚Innere Konflikte der jüngsten Generation‘, Seite 18.

[13]Ilhan Kizilhan, Dr. rer. soc., Diplom-Psychologe. Arbeitsschwerpunkt: Konflikt- und Friedensforschung, Migrationsforschung, Klinische Psychologie, Ethnopsychologie, Sozialisationsforschung, Psychotraumatologie. Aktuelle Publikationen: Wege aus der Depression, 2003. Sozialisation im Krieg, 2004. Biographiearbeit für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, 2005. Der Irak als geopolitischer Stabilitätsfaktor und die Bedeutung des Reformprozesses in der Türkei, 2006.“ uvm. (Kizilhan 2006, Bucheinband)

[14] Terre des Femmes e.V.: ein 1981 in Hamburg gegründeter gemeinnütziger Verein, der sich für ein selbstbestimmtes und freies Leben von Frauen und Mädchen weltweit einsetzt. (www.wikipedia.org 2012 vgl. www.frauenrechte.de 2012).

Details

Seiten
51
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656331940
ISBN (Buch)
9783656332336
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205503
Institution / Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
1,3/1,7
Schlagworte
Gender Patriarchalische Familienstrukturen Ehrbezogene Gewalt Ehrenmorde Netzwerkarbeit Sozialpädagogische Handlungsoptionen Theorien Erziehung Migranten

Autor

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Titel: Ehrbezogene Gewalt in der türkisch patriarchalischen Diaspora in Deutschland im Fokus der institutionellen Netzwerkarbeit