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Die Philosophie bei Georg Büchner. Interpretation der Hintergründe in "Dantons Tod" mit Hilfe der Spinoza Skripte

Bachelorarbeit 2012 52 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abkürzungen und Hinweise

Vorwort

1 Einleitung

2 Spinoza Exzerpte
2.1 Aufbau der Skripten
2.2 Büchners Übersetzung und Kommentierung des ersten Buches der Ethik Spinozas

3 Dantons Tod
3.1 Die Philosophieszene
3.2 Tugend und Glückseligkeit
3.2.1 Betrachtung der Exzerpte Tennemanns
3.2.1.1 Die Philosophie Epikurs 25
3.2.1.2 Die Philosophie der Stoiker 27
3.2.2 Tugend und Glückseligkeit im „Danton“
3.2.2.1 Die Lehre Epikurs in Verbindung mit den Dantonisten 29
3.2.2.2 Der„Tugendhafte“Robespierre 33
3.3 Die Bedeutung der Philosophie im Gesamtwerk

4 Schlussbemerkungen

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

ABKÜRZUNGEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

HINWEISE

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

VORWORT

„Der Mensch muß denken“1, sagt König Peter im Drama Leonce und Lena. Eben dies müssen auch die Rezipienten des Dramas Dantons Tod. Georg Büchners Werk erweckt mein Interesse und meinen Geist stetig neu. Nicht zuletzt aufgrund meines philosophischen Studiums an der Universität Leipzig gilt Büchner für mich als ein Autor, für welchen ich - um mit seinen Worten zu reden - „eine große Dose Enthusiasmus“2 empfinde. Angeregt durch ein Vormärz- Seminar bei Herrn Dr. Michael Masanetz in meinem dritten Fachsemester des germanistischen Studiums stieg meine Hochachtung und Wissbegierde für den jungen Autor.

Eine wissenschaftliche Arbeit wie diese braucht die Unterstützung Vieler, um zum Abschluss zu kommen. Mein größter Dank gilt daher Herrn Dr. Michael Masanetz. Ohne dessen fundiertes Fachwissen, Ideen und Wegweisern diese Arbeit nicht zustande gekommen wäre. Besonders bezüglich der „Pointe“ für die Deutung des Werkes (der Einbeziehung der Philosophie Immanuel Kants) sei an dieser Stelle große Anerkennung ausgesprochen. Auch verdanke ich ihm sowohl die unangefochtene Freiheit bei der Gestaltung meiner Arbeit, als auch motivierende Worte bei Schwierigkeiten. Des Weiteren danke ich Herrn Prof. Dr. Dirk Oschmann für die Bereiterklärung die Arbeit als Zweitkorrektor zu beurteilen. Ferner möchte ich auch meinen Eltern und Freunden für ihre Unterstützung danken.

1 EINLEITUNG

„Herr Präsident, hochgeachtete Herren! Nach Einreichung einer Abhandlung über einen naturhistorischen Gegenstand, hatte ich die Ehre von der philosophischen Fakultät Zürich in ihrer Sitzung vom 3ten diesen Monats einmütig zum Doctor philosophiae ernannt zu werden. Gestützt auf dieses Urteil über meine wissenschaftliche Befähigung wünsche ich mich als Privatdozent für Vorlesungen an der philosophischen Fakultät zu Zürich zu habilitieren. […]

Mit der größten Hochachtung und Ergebenheit,Straßburg d 26.Sep.1836. G.Büchner Dr.phil.“3

Der Sozialrevolutionär Georg Büchner wirft sich bereits im Jahr 1833 „mit aller Gewalt in die Philosophie“4, um seinen „Mitmenschen Vorlesungen über etwas […] höchst Überflüssiges, nämlich über die philosophischen Systeme der Deutschen seit Cartesius und Spinoza, zu halten.“5 Nur eine völlige Fehlinterpretation kann davon ausgehend Georg Büchner als einen „Philosophieverächter“6 etikettieren. Büchner gilt als revolutionärer Kommunist, er wird zum ersten Marxisten vor Marx gemacht, dient als Vorgänger Schopenhauers oder als absoluter Nihilist. Gleichzeitig werden ihm überzeugte atheistische Grundposition oder die eines christlichen Revolutionärs zugesprochen7. Doch was ist der Grund für eine solch ambivalente Deutung seiner Person? Glebke sieht die Ursache hierfür darin, dass die Verfasser Büchner den jeweils eigenen weltanschaulichen Standpunkt unterstellen und in seinem Werk nachzuweisen suchen. Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch einen parteilich unabhängigen Blick auf Georg Büchners philosophische Ansichten zu richten. Im Zentrum der Untersuchungen steht zunächst seine Spinoza Rezeption, um im zweiten Teil der Abhandlung die Erkenntnisse dieser auf das Drama Dantons Tod zu transferieren. Ob der Spinozismus jedoch als alleiniger Zugangspunkt für die Erfassung des philosophischen Kontextes im Drama genügt, soll an gegebener Stelle kritisch betrachtet werden. Dieses Vorgehen führt schließlich zu einer Einbeziehung weiterer Philosopheme. Karl Gutzkow kündigt Büchner einen „neuen Effekt“8 an, wenn dieser mit seiner „Ungeniertheit unter die deutschen Philosophen“9 tritt. Fritz Bergemann hingegen spricht Büchner jeglichen „eigenständigen Wert“10 seiner philosophischen Debatten ab. Dass Büchner jedoch weit mehr als ein (wie Karl Viëtor sagte) „Materialsammler“11 ist, sollen die folgenden Ausführungen herausstellen.

Implizit soll die Frage nach der Funktion der Philosophie im Gesamtwerk leitend sein. Michael Glebke erkennt diesbezüglich, dass es die „Philosophie ist, die die Einheit zu den verschiedenen tunnelartigen Betrachtungen über Büchner stiftet.“12

2 SPINOZA EXZERPTE

Als angehender Privatdozent fertigt Büchner umfangreiche Skripten über Spinozas und Descartes Philosophie an, welche er der Planung seiner Vorlesung Über die philosophischen Systeme der Deutschen seit Cartesius und Spinoza zugrunde legt. Soon-Nan Chang macht in ihrer Monografie Politik, Philosophie und Dichtung in Georg Büchners Lebenspraxis auf die geringe Wertschätzung und Beachtung der Büchnerschen Exzerpte aufmerksam.13 Zahlreiche Autoren weisen Büchners Spinoza Rezeption als „gängige, vielfach wiederholte Einwände der Spinoza Kritik“14 zurück. Karl Emil Franzos veröffentlicht 1879 erstmals wenige Teile der philosophischen Schriften, gesteht ihnen jedoch „keinen eigenständigen Wert“15 zu. Auch Friedrich Vollhardt betitelt sie allenfalls als „sorgfältige Quellenauseinandersetzung“16. Dem folgen auch Viëtor und Hans Mayer, indem sie Büchner als „Materialsammler“17 bezeichnen. Joachim Kahl betont hingegen die „produktive Anwendung und kritische Weiterbildung der Philosophie Spinozas durch Georg Büchner“.18 In diesem Sinn steht auch Osawas Einwand, welcher den charakteristischen Wert der Exzerpte für Büchners Denken unterstreicht.19 Ferner hebt auch Chang die büchnersche Spinoza Studie als „äußerst bedeutend“20 und als „Leitfaden für seine Denkform“21 hervor.

In den folgenden Betrachtungen der Büchnerschen Spinoza Rezeption handelt es sich nicht um die Frage, ob Büchner die philosophischen Systeme von Spinoza aus heutiger Forschung korrekt verstanden hat. Vielmehr soll die Wesenheit und Ursache seiner Kritik herausgestellt werden. Bei genauer Betrachtung des Danton22 fällt nicht nur Gideon Stiening auf, dass Büchner „für das Verständnis einiger Passagen seiner Dramen Dantons Tod und Leonce und Lena jene allgemeine Kenntnis über spezifische Theoreme der Philosophie Spinozas voraussetzt“23. Eine dem Argumentationsverlauf des Spinoza Skripts differenziert verfolgende Analyse soll somit ein schärferes Bild auf ihre Bedeutung für Georg Büchner werfen.

2.1 Aufbau der Skripten

Die Spinoza Skripten umfassen hundertsechsundsiebzig Seiten. Für die vorliegende Arbeit dient die historisch-kritische Ausgabe (Marburger Ausgabe), Band 9 mit Quellendokumentation und Kommentar: Georg Büchner- Sämtliche Werke und Schriften herausgegeben von Burghard Dedner und mitbegründet von Thomas Michael Mayer im Auftrag der Akademie für Wissenschaften und Literatur Mainz als Basis für die Untersuchungen. Die Exzerpte lassen sich in drei thematische Abschnitte gliedern:

1. In H1 vollzieht Büchner eine eigenständige Übersetzung und Kommentierung des ersten Buchs der Ethica ordine geometrico demonstrata von Baruch de Spinoza. (Seite 5 - 38).
2. In H2 entwickelt Büchner eine differenzierte Darstellung des Tractatus de emendatione intellectus, welche der Metaphysik der Ethik zugrunde liegt. (Seite 131 - 154)
3. In H3 bemüht sich Büchner um eine allgemeine Bestimmung des Verhältnisses von Wissenschaftslehre und Metaphysik und der gesamten Systematik der Philosophie Spinozas. (Seite 157 - 165).

Aufgrund der umfangreichen Kommentierung zu den Lehrsätzen X bis XV und der Verwendung eben dieser Philosopheme im Danton soll der thematische Schwerpunkt der folgenden Ausführungen auf dem ersten Teil der Exzerpte (H1) liegen. Bereits in dieser Akzentuierung der ersten fünfzehn Lehrsätze zeigt sich die Parallelität Büchners zu dem Philosophiehistoriker Wilhelm Gottlieb Tennemann. Eben dieser dient Büchner mit seinem mehrbändigen Grundriss der Geschichte der Philosophie als „philosophiehistorischer Gewährsmann.“24 Auch Tennemann weist dem fünften Lehrsatz eine konstitutive Bedeutung für das Scheitern des spinozistischen Systems zu und endet mit Lehrsatz XV. Quantitativ geringere Einflüsse üben auch Johann Friedrich Herbart25 und Johannes Kuhn mit der Monografie Jacobi und die Philosophie seiner Zeit aus. Gemäß der historischen Wissenschaft bemüht sich Georg Büchner bewertungsfrei zu arbeiten. Dennoch legt er die Kernwidersprüche des Systems offen. Unbeachtet der Strittigkeit einer eigenen originellen philosophischen Darbietung, stellt bereits die spezifische Auswahl der Quellenbezüge und deren Kritik eine Grundlage für das philosophische Gedankengebäude des Autors dar. Die zuvor geschilderte Eigenständigkeitsdebatte der Verfasser Bergemann, Viëtor und Hans Mayers entheben einen Büchner-Forscher und auch einen philosophiegeschichtlichen Betrachter der Spinoza Rezeption des 19.Jahrhunderts keineswegs von einer intensiven Beachtung der Exzerpte!

Mit der eigenen Übersetzung der Spinoza Texte erfüllt Büchner ein „zentrales methodisches Postulat der philosophiehistorischen Wissenschaften nach exakter Textexegese.“26 Die Kommentare schließen sich meist unmittelbar an den thematisierten Lehrsatz an. Einzelne Randbemerkungen verweisen darüber hinaus auf andere Texte Spinozas (beispielsweise die Notiz: „cogitata metaphysica“ bei Definition acht in H127 ). Während der Auswertung der Büchnerschen Kommentare soll versucht werden, auf eventuelle weitere Quellen seiner Anschauungen zu verweisen.

Vielleicht folgt Büchner tatsächlich der Forderung Hegels „Wenn man anfängt zu philosophieren, so muß man zuerst Spinozist sein“28.

Bis ins achtzehnte Jahrhundert gilt es als riskant sich öffentlich als Spinozist zu positionieren. Spinoza erschüttert das Zeitalter durch die große innere Freiheit seiner philosophischen Existenz. Er durchbricht die Grundprinzipien eines feudalradikalen Lebens und vollzieht eine Philosophie eines „materialistischen Pantheismus mit dem Lösungswort deus sive natura sive substantia“29. Diese Vergöttlichung der Natur und zugleich Verweltlichung Gottes führt schließlich zur Betitelung seiner Person als „princeps atheorum“30. Zwar gelten seine Schriften unter christlichen Denkern als „Ausgeburten der Hölle“31, sein weltanschaulicher

Werke und Schriften. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumentation und Kommentar (Marburger Ausgabe).

Einfluss in Deutschland steigt jedoch. In dieser zwiespältigen zeitgeschichtlichen Rezeption Spinozas beginnt fortan auch Georg Büchner seine Vorlesungen an der Universität Zürich vorzubereiten.

2.2 Büchners Übersetzung und Kommentierung des ersten Buchs der Ethik Spinozas

Die Ethik (1677) stellt das Hauptwerk von Baruch Benedictus Spinoza (1632 - 1677) dar. Wie bereits seine erste Schrift Prinzipien der Philosophie Descartes (1663) folgt auch dieses der geometrischen Methode (more geometrico demonstrata). Jeder Abschnitt besteht zunächst aus Definitionen, Axiomen, Lehrsätzen mit deren Beweisen, Folge- und Hilfssätzen, sowie Anmerkungen und Postulaten. Diese Methode dient nicht vordergründig der äußeren Form, vielmehr stellt sie die (mathematische) Deduzierbarkeit der Sätze aus oberen Prinzipien dar. Die Ethik teilt sich in fünf Abschnitte, welche „Von Gott“, „Von der Natur und dem Ursprung des Geistes“, „Von den Affekten“, „Von der menschlichen Unfreiheit“ und „Von der Macht des Verstandes oder der menschlichen Freiheit“ handeln.

Durch die Eröffnung seiner Untersuchungen mit Gott, hängt folglich das gesamte Menschenbild von der Richtigkeit seiner Gottesbestimmung ab. Diese inkludiert das „absolut unendliche Seyn“32, das heißt eine aus unendlichen Attributen bestehende Substanz. Jedes der Attribute drückt eine unendliche und ewige Wesenheit aus. Gott wird dem Rezipienten als Substanz vorgestellt, als etwas, was „in sich ist und durch sich selbst begriffen wird.“33 Infolge dessen existiert Gott als freies Wesen, da es nur durch die „Notwendigkeit seiner eigenen Natur existiert [und] durch sich selbst zum Handeln bestimmt wird.“34 Gezwungen hingegen sind jene Dinge, deren Existenz und Handlungsweise durch ein Anderes determiniert werden. Davon ausgehend gelten Elemente als endlich, welche von „einem anderen Ding derselben Natur eingeschränkt werden“35. Als Attribut gilt in der spinozistischen Terminologie: das, was die Vernunft an der Substanz als ‚ihr Wesen ausmachend’ wahrnimmt. Mit anderen Worten die charakteristische Eigenschaften eines Dinges. Modi hingegen bezeichnen die „Affectionen einer Substanz“36, also dasjenige, was in etwas Anderem ist und durch das es begriffen wird. Nach diesen Begriffsklärungen, folgen die Axiomata und schließlich die Proportiones.

In Lehrsatz V heißt es bei Spinoza: „Es kann nicht mehrere Substanzen von gleicher Natur oder gleiche[n] Attribute[n] geben.“37 Wäre dies der Fall, so müsste man sie durch die Verschiedenheit der Attribute oder der Affectionen unterscheiden können. Da eine Substanz jedoch aus vielen Attributen bestehen kann, könnte man nicht sagen, dass es nur eine Substanz von einem und demselben Attribut gibt. Ferner gilt laut Definition der Affectionen, dass Substanzen dem Wesen nach eher da sind. Um Substanzen also durch ihre Affectionen zu differenzieren, müssen diese zunächst ‚an und für sich’ betrachtet werden. Dieser Umstand mündet in der Proposition, des Nichtunterscheiden-Könnens der Substanzen selbst. In jener Beweisführung sieht Büchner bereits ein Kernproblem des Systems, denn die „Unmöglichkeit [zweier Substanzen gleicher Art] ist durch nichts erwiesen. […] Der Satz beweist nur, daß wir 2 Dinge von gleichen Eigenschaften, wenn wir sie successive betrachten (um die Sache von der sinnlichen Seite zu nehmen) nicht von einander unterscheiden können, wir können aber dennoch wissen daß es 2 sind, wenn wir beyde zugleich sehen.“38 Das Nebeneinanderdenken zweier Substanzen sei in Spinozas Systematik also verwechselt mit dem ‚Nichtunterscheiden- Können.’ Bereits an dieser Stelle wird die Parallelität Büchners mit Tennemann deutlich. Schreibt der Philosophiehistoriker doch: Dieser Beweis stützt sich auf den Grundsatz, daß dasjenige, was nicht unterschieden wird, auch nicht verschieden ist, und was nicht verschieden ist, eine und dieselbe Sache ist, welches nur in der Sphäre des Denkens, nicht aber für die Objectenwelt gilt.“39 Stiening macht in diesem Zug auf einen ähnlichen Beweisgang in Kants Kritik der reinen Vernunft innerhalb des sogenannten ‚Amphiboliekapitels’ aufmerksam. Ebenda heißt es: „Wenn uns ein Gegenstand mehrmals, jedesmal aber mit eben denselben inneren Bestimmungen dargestellt wird, ist es nicht ein Ding, sondern so sehr auch in Ansehung derselben [Erscheinung] alles einerlei sein mag, […] doch die Verschiedenheit der Örter dieser Erscheinung zur gleichen Zeit ein genugsamer Grund der numerischen Verschiedenheit des Gegenstandes (der Sinne) selbst ist.“40 Die von Tennemann und Büchner getroffene Differenz des Unterscheidens entgegen dem ‚sich denken Können’ basiert somit auf der kantischen Disharmonie der reinen und der empirischen Verstanderkenntnis. Spinoza allerdings manifestiert im Leibnizschen Sinn des ‚Prinzip des Nichtzuunterscheidenden’ eine Identitätsbehauptung. Büchners Ziel dieser umfangreichen Kommentierung liegt somit deutlich in der Destruktion der spinozanischen Demonstration der Einzigkeit von Substanzen. Diese systeminterne Spinozakritik greift auch der Philosoph Konrad Cramer (*1933) im Zuge seiner Kritischen Betrachtungen auf. Auch er spricht dem fünften Lehrsatz „zentrale Bedeutung für das Scheitern des Systems“41 zu. Büchner schreibt wie Cramer dieser zugrundeliegenden Annahme eine „aus den Definitionen und Axiomen nicht ableitbare und daher axiomatische Funktion [zu], deren inhaltliche Inkonsistenz das gesamte Theoriegebäude zum Einsturz bringt.“42 Auch Spinozas achter Lehrsatz - „Jede Substanz ist nothwendigerweise unendlich!“43 - bedient sich schließlich der fünften Proposition als Stütze. Da eine Substanz nicht von einer Anderen der gleichen Natur begrenzt werden kann, ist jede Substanz unendlich. Diese „Begränzung im Raum ist aber möglich, wenn man die 5 Prop. nicht zugiebt“44, bemerkt Büchner kritisch. Im Scholium II zu diesem Lehrsatz bemüht sich Spinoza weiter die Einzigkeit einer Substanz zu beweisen. Da jede Sache eine existenzbegründende Ursache in sich oder außerhalb trägt, müsste es für eine bestimmte Anzahl von Individuen oder Dingen eine Ursache für eben diese Zahl geben. Für das Dasein von zwanzig Menschen genügt demgemäß nicht die Ursache des menschlichen Seins im Allgemeinen, da keine Definition eine Anzahl bewilligt. Folglich kann „aus der Definition einer Substanz [nicht] das Daseyn mehrerer Substanzen“45 geschlossen werden. Hierin sieht Büchner einen Widerspruch in der spinozistischen Terminologie selbst. Da „nach Spinoza jede Substanz den Grund ihres Seyns in sich enthält, liegt auch der Grund für das Daseyn einer jeden in der Definition, ohne daß dieselbe eine bestimmte Zahl einschließen müßte.“46 Der Anlass für die Mehrfachexistenz von Substanzen kann also weder außerhalb, noch im Allgemeinen gesucht werden. Letzteres würde zudem die absolute Freiheit der einzelnen Substanz widerlegen. „Die Definition […], ist doch […] die Definition einer jeden insbesondere und kann keine bestimmte Zahl einschließen, weil dadurch gerade das eigentliche Wesen der Substanz […] verloren geht.“47

In Lehrsatz zehn heißt es: „Jedes Attribut einer Substanz muß durch sich selbst begriffen werden.“48 Zunächst erscheint dies in der Systematik Spinozas logisch, da als Attribut das ‚Wesen-aus-machende’ begriffen wird. Da jedes Attribut Realität der Substanz ausdrückt, kommt Spinoza zu dem Fazit, dass das „absolut unendliche Wesen [die eine Substanz] aus unendlichen Attributen“49 besteht. Büchner bemerkt im Zuge dessen eine Identifikation von Substanz und Attribut, denn „wenn jedes Ding unter einem Attribut begriffen wird und dieses Attribut das Wesen ausdrückt, so sind Attribut und Ding eins!“50 Somit ist es für ihn „unbegreiflich, wie dieses Ding (oder Attribut) nun doch mehrere Attribute […] enthalten könne!“51 Insofern jedes Attribut durch sich selbst begriffen wird, bleibt nichts als ein leeres Wort von der Substanz übrig. Darüber hinaus sieht Büchner Spinozas Fazit eines absolut unendlichen Wesens, im Punkt der Unendlichkeit aufgrund des unschlüssigen fünften Lehrsatzes nicht als bewiesen an. In dem Kommentar zum folgenden elften Lehrsatz setzt Stiening den zweiten thematischen Kritikpunkt Büchners an. Im Zuge dreier Beweisschritte versucht Spinoza die Gleichsetzung Gottes mit der notwendig existierenden Substanz zu manifestieren. Zunächst verfährt er a priorisch, da man „Gott nicht als nichtexistierend denken kann“52. Büchner hinterfragt jedoch: „Was zwingt uns ein Wesen zu denken, was nicht anders als seyend gedacht werden kann?“53. Der entscheidende Schnittpunkt gründet obendrein in der Frage, worin die Berechtigung besteht, aus eben diesem ‚Absolutvollkommenen’ Gott zu machen. Letztlich basiert Spinozas erster Beweis lediglich auf seiner eigenen Definition, doch Büchner stellt wiederum die Frage der Legitimation dieser: „Der Verstand? Er kennt das Unvollkommene. Das Gefühl? Es kennt den Schmerz?“54 Das ontologische Argument, welches uns Gott als die „absolute, alle Negation ausschließende Positivität“55 darstellt, scheint für Büchner durch das rational ermittelbare Faktum der Unvollkommenheit und das empfindbare Phänomen des Schmerzes höchst problematisch. Stiening hält den Umstand, dass die „Gottesinstanz als causa prima zugleich das von ihr kontradiktorisch Unterschiedene bewirken soll“56, als Kernproblem Büchners fest. Aufgrund der Identität von Ursache und Wirkung erklärt sich entweder das von der menschlichen Erkenntnisfähigkeit Wahrgenommene für nichtig oder Gott muss unvollkommen sein. Damit scheitert der ontologische Gottesbeweis. Ebendies sei laut Stiening Ziel Büchners, besonders im Danton. Die Verwendung dieses wichtigen Philosophems im Drama wird an entsprechender Stelle thematisiert werden.

Der zweite Beweis des Lehrsatzes steht im Sinne der uneingeschränkten Gültigkeit einer bestimmten Version des ‚principiums rationis’ 57 . Gott existiert für Spinoza notwendigerweise, weil es weder einen Grund gegen Gott außerhalb der göttlichen Existenz, noch in ihm selbst geben kann. Letzteres streitet gegen seine Unendlichkeit und absolute Vollkommenheit, wohingegen Ersteres erneut im fünften Lehrsatz mündet. Büchner kritisiert jedoch, dass es „für das Nichtvorhandensein eines Dings keinen bestimmten Grund geben kann.“58 Das Nichts kann keine Wirkung sein, da es das absolute Gegenteil des Seins darstellt. Stiening betont folgerichtig, die „originelle Analyse Büchners“59 ziele darauf ab, dass die Unmöglichkeit von Widersprüchen in der Definition (Gottes) kein Grund für die Existenz desselben ist. Die Pointe liegt obendrein darin, dass sie ebenso wenig die Inexistenz Gottes beweist. Büchner stellt ausschließlich die Legitimation der spinozistischen Definition Gottes in Frage. Dieser Abschnitt, der die „bedeutendste Reflexion des gesamten Spinoza Skriptes“60 darstellt, entwirft zwei Positionen. Zunächst führt die Widerlegung des Daseinsbeweises Gottes nicht zu einer Inexistenzbehauptung, sondern vorerst zu einer rationalen Unbeweisbarkeit desselben. Positiv hervorzuheben, ist hierbei die von Stiening angedeutete Parallelität von Büchner zu Tennemanns Beschäftigung mit den kantischen Auseinandersetzungen der Gottesbeweise in der Kritik der reinen Vernunft. Die Ursache für diese zusagende Unterstreichung Stienings wird an gegebener Stelle ausführlicher referiert werden. Des Weiteren lässt sich anhand des Lehrsatzes XI der Grundsatz a nihilo nihil fit für Büchner als grundsätzlich erklären. Auch die hier zugrundeliegende epikureische Verwandtschaft soll in den weiteren Ausführungen berücksichtigt werden. Der dritte Beweis Spinozas verläuft a posteriorisch. Da wir Menschen entweder in uns oder in etwas Anderem sind - was notwendigerweise ist - existiert Gott zwangsläufig. Denn es gibt entweder Nichts oder das absolut Unendliche muss sein. Wäre alles, was unzweifelhaft ist, nur endlich, so muss das Endliche mächtiger sein, als das Unendliche. Dies wäre laut Spinoza jedoch widersinnig. Büchner kommentiert die Einfachheit aus spinozistischen Grundsätzen die Unendlichkeit zu belegen. Er rekonstruiert den Weg hin zu einer Substanz, als Weltursache, worin alles unendlich und ewig ist. Der nachfolgende Schritt, die Identifizierung dieser Weltursache mit Gott, dem „absolut vollkommenen, moralischen Wesen des Deismus“61 ist der Kernpunkt der Büchnerschen Spinoza Kritik.

[...]


1 Leonce und Lena. In: Pörnbacher; Schaub; Simm und Ziegler: Georg Büchner: Werke und Briefe. Münchner Ausgabe. Deutscher Taschenbuch Verlag. München. 2009. S.164.

2 Ebd., S.177.

3 Münchner Ausgabe.: S. 323. Brief 64.

4 Ebd., S. 284, Brief 17

5 Ebd., S. 321, Brief 61.

6 Bezeichnung geprägt durch Kuhnigk, in: Glebke, Michael: Die Philosophie Georg Büchners. Tectum Verlag. Marburg. 2010. S. 38.

7 Ebd., S. 7.

8 Zit.n. Kahl: „Der Fels des Atheismus“, S. 104.

9 Zit.n.ebd.

10 Osawa, Seiji: Georg Büchners Philosophiekritik. Eine Untersuchung auf der Grundlage seiner Descartes - und Spinoza Exzerpte. Tectum Verlag. Marburg. 1999. S. 26.

11 Ebd.

12 Glebke, S. 8.

13 Vgl. Chang Soon-Nan: Politik, Philosophie und Dichtung Büchners Lebenspraxis. Eine Untersuchung des Verhältnisses von Politik und Dichtung bei Büchner unter der besonderen Berücksichtigung seiner dichterischen Praxis anhand des Dramas "Dantons Tod". Freie Universität zu Berlin, 1988. (Phil.Diss.) 213 Seiten. Seite 86.

14 Vgl. Vollhardt Friedrich: Straßburger Gottesbeweise. Adolph Stoebers Id é e sur les rapports de Dieu á la Nature 1834als Quelle der Religionskritik Georg Büchners. In: Georg Büchner Jahrbuch (GBJb) 7 [1988/89], Seite 49-82. Hier: S. 49.

15 Zit.n. Osawa: S. 26.

16 Vollhardt, S. 48.

17 Osawa, S. 26.

18 Joachim Kahl: Der Fels des Atheismus. Epikurs und Georg Büchners Kritik an der Theodizee. In: GBJb 2 1982, Seite 99-125. Hier: Seite 115. Hervorhebung durch Verfasserin.

19 Vgl. hierzu: S.Osawa, S. 25f.

20 Chang Soon-Nan, S. 85.

21 Vgl.ebd.

22 Der kursiv geschriebene Name Danton bezieht sich im Folgenden stets auf das Drama Dantons Tod und nicht auf die entsprechende Titelfigur selbst.

23 G. Stiening. Der Spinozismus ist der Enthusiasmus der Mathematik. Anmerkung zu Georg Büchners Spinoza Rezeption. In: GBJb 19 [2000-2004], S. 202 - 239. Hier: S. 210.

24 Dedner,Burghard und Funk,Gerald: Georg Büchner. Philosophische Schriften. Marburger Ausgabe 9.2. Text und Editionsbericht, Quellen, Erläuterungsteile. 2009. S. 264. In: Dedner, Mayer: Georg Büchner. Sämtliche

25 Insbesondere mit seinem ersten historisch- kritischen Teil seiner Allgemeinen Metaphysik nebst den Anfängen der Philosophischen Naturlehre. Königsberg 1828.

26 Ebd., S. 214.

27 Ebd., S. 5.

28 Zit.n. Kahl, S. 117. Verweis auf Georg Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III.

29 Ebd.

30 Abscheuerregender Atheistenfürst. Übersetzung nach Glebke, Seite 116.

31 Ebd.

32 Zit.n.: MA, S. 5.

33 Ebd.

34 Ebd.

35 Ebd.

36 Ebd-

37 Vgl. MA, S. 7. Die Markierungen entsprechen den Änderungen oder Hinzufügungen Büchners.

38 Ebd.

39 Ebd., S. 394.

40 Zit.n. Stiening, S. 216.

41 Konrad Cramer: Kritische Betrachtungen über einige Formen der Spinozainterpretation. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. Band 31, H. 4: Zum Gedenken an den 300.Todestags von Benedict de Spinoza. Vittorio Klostermann GmbH. S. 529.

42 Stiening, Seite 218.

43 MA, S. 8.

44 Ebd.

45 Ebd., S.10.

46 Ebd.

47 Ebd.

48 Ebd., S. 11.

49 Ebd. Hinzufügung […] durch Verfasserin.

50 Ebd..

51 Ebd.

52 Ebd., S. 12.

53 Ebd.

54 Ebd.

55 Stiening, S. 219.

56 Ebd.

57 Satz des zureichenden Grundes.

58 MA, S. 13.

59 Stiening, S. 223.

60 Ebd.

61 MA, S.15.

Details

Seiten
52
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668144491
ISBN (Buch)
9783668144507
Dateigröße
907 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205488
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Germanistisches Institut
Note
1,1
Schlagworte
Georg Büchner Philosophie

Autor

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Titel: Die Philosophie bei Georg Büchner. Interpretation der Hintergründe in "Dantons Tod" mit Hilfe der Spinoza Skripte