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Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen

Mit Fokus auf das Asperger-Syndrom

Hausarbeit 2012 24 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Störungsdarstellung
2.1 Klassifikation und Symptomatik
2.2 Epidemiologie und Komorbidität
2.3 Ätiologie

3. Die aktuelle Schulsituation von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen
3.1 Rechtliche Grundlagen
3.2 Formen der Beschulung
3.3 Symptomatische Besonderheiten und didaktische Herausforderungen im Schulalltag

4. Integrative bzw. inklusive Beschulung bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen
4.1 Geeignete Schulformen
4.2 Förderliche Rahmenbedingungen
4.3 TEACCH Ansatz

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, kommen mir Erinnerungen an die schlimmste Zeit meines Lebens. Niemals sonst habe ich so sehr gelitten wie damals“, schreibt die heutige Ärztin für Allgemeinmedizin Fr. Dr. med. C. Preißmann (2009, S. 102) aus ihren eigenen Erfahrungen als Asperger-Autistin. Auch andere biographische Publikationen verdeutlichen, wie häufig autistische Menschen ihre eigene Schulzeit als schwierig und belastend empfunden haben (vgl. Sautter, Schwarz, et al. 2011, S. 9). Die letzten Jahrzehnte zeigen ein wachsendes Bemühen, den verhaltensauffälligen Schülern durch individuelle Fördermaßnahmen gerecht zu werden. Vor allem Schüler mit autistischer Symptomatik sind im Kontext der Integrati­on bzw. Inklusion auf eine störungsspezifische Didaktik angewiesen, die in den curri­cularen Inhalten der Ausbildung für Regelschullehrer bis jetzt nur ansatzweise vermittelt wird. Dabei gilt es zu erkennen, dass schulische Schwierigkeiten meist nicht aus einer intellektuellen Minderbegabung resultieren, sondern Ausdruck einer ungenügenden Passung von Lehr- und Lernform sind.

Der Begriff ''Autismus'' wurde durch den Schweizer Psychiater Eugen Beuler (1911) geprägt. Er verstand darunter kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein „Grundsymptom der Schizophrenie“, das sich in einem „egozentrischen und rein auf sich selbst fixierten Denken und Verhalten schizophrener Menschen“ ausdrückt (vgl. Remschmidt 2008, S. 9; Schuster 2010/11, S. 16). 1943 und 1944 beschrieben der österreichisch-amerikanische Kinder- und Jugendpsychiater Leo Kanner und der Wiener Kinderarzt Hans Asperger unabhängig voneinander zwei unterschiedliche Störungsausprägungen: Sie übernahmen zwar den Beuler'schen ''Autismus''-Begriff, definierten diesen jedoch gleich dem gegenwärtigen Verständnis als Entwicklungs­störung. Die von Kanner beschriebene Personengruppe ist heute unter dem ''Kanner-Syndrom'' oder dem ''frühkindlichen Autismus'' bekannt (ebd.). Die Bezeich­nung ''Asperger-Syndrom'' wurde zum ersten Mal in einem 1981 verfassten Aufsatz von Lorna Wing gebraucht. Sie beschrieb darin eine Personengruppe, deren Auffäl­ligkeiten eine große Ähnlichkeit mit den von Asperger beobachteten Symptomen aufwies (vgl. Attwood 2000, S. 10). Seit der Aufnahme in die internationale Diagno­senklassifikation der WHO (ICD-10 1992) ist das Asperger-Syndrom ein offiziell aner­kannter Diagnosebegriff, der 1993 auch in Deutschland seine Gültigkeit bekam (vgl. Jørgensen 1998, S. 12).

Heute fasst man sowohl das Kanner- und Asperger-Syndrom, als auch weitere Autis­musformen – wie z. B. den ''Atypischen Autismus'' und das ''Rett-Syndrom'' – zu den ''Autismus-Spektrum-Störungen'' (folgend: ASS) zusammen. Bei dem oft genannten „High-functioning-Autismus“ handelt es sich dagegen nicht um eine psychiatrische Diagnose. Erst wenn ein frühkindlicher Autismus diagnostiziert wird, im Laufe der Entwicklung jedoch eine normale Intelligenz (IQ von mehr als 70) festzustellen ist, spricht man von einem hoch funktionierenden Autismus. So können im Erwachsenenalter durchaus mit dem Asperger-Syndrom vergleichbare kognitive Fähigkeiten erlangt werden. Allerdings ist es in der neueren Fachliteratur umstritten, ob man nach Beendigung der Kindheit überhaupt zwischen Asperger- und High-functioning-Autismus klinisch unterscheiden kann (vgl. Schirmer 2011, S. 14; Remschmidt 2008, S. 51ff.). Der Großteil der Menschen mit frühkindlichem Autismus verfügt aber nur über geringe intellektuelle Fähigkeiten (vgl. Remschmidt, Kamp-Becker 2007, S. 875). Insofern liegt der Fokus dieser Arbeit auf Schülern mit dem Asperger-Syndrom, deren normale bis überdurchschnittliche Intelligenz eine Regelbeschulung nahelegt. Der ganzheitliche Blick auf alle ASS soll dabei gewahrt bleiben.

Die vorliegende Arbeit stellt die Frage, welche Rahmenbedingungen eine bestmögli­che integrative bzw. inklusive Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit ASS er­möglichen. Dazu ist es erforderlich, zunächst das Störungsbild darzustellen, Möglich­keiten (und Grenzen) einer Beschulung aufzuzeigen und didaktische Herausforde­rungen in der Arbeit mit Autisten zu benennen.

Abschließend soll beispielhaft der ''TEACCH-Ansatz'' vorgestellt werden. Er bietet in der pädagogischen Praxis die Möglichkeit, die schulischen Rahmenbedingungen für Kinder und Jugendliche mit ASS zu verbessern.

Im Sinne einer besseren Lesbarkeit des Textes wurde auf die weibliche Form ver­zichtet. Grundsätzlich sind jedoch immer beide Geschlechter gemeint.

2. Störungsdarstellung

2.1 Klassifikation und Symptomatik

Die derzeit gängigen Klassifikationssysteme für psychische Störungen, die ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) und das DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, hrsg. v. Ameri­

can Psychiatric Association, 1994), ordnen die ASS den Tief greifenden Entwick­lungsstörungen zu (vgl. Remschmidt 2008, S. 47; Weiß 2002, S. 14). Gemeinsam ist ihnen, dass sie „durch qualitative Abweichungen in den wechselseitigen sozialen In­teraktionen und Kommunikationsmustern und durch ein eingeschränktes, stereoty­pes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten“ gekennzeichnet sind (ICD-10, Kap. V: F84; WHO, Stand 2012).

Eine Gegenüberstellung von Remschmidt (2008, S. 48) verdeutlicht, dass die beiden Klassifikationssysteme bez. der spezifischen Symptomatik des Asperger-Syndroms weitgehend zu vergleichen sind. Dennoch gibt die ICD-10 laut Jørgensen (1998, S. 20) konkretere Anhaltspunkte, um das ''Asperger-Syndrom'' zu diagnostizieren.

Als gemeinsame Hauptmerkmale der beiden Klassifikationssysteme hebt Rem­schmidt (2008) hervor:

- Qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion: Den Betroffenen fällt es schwer zwanglos mit Mitmenschen zu interagieren und Beziehungen aufzubauen. Grund dafür sind Auffälligkeiten in der nonverbalen Kommunika­tionsfähigkeit wie Gestus, Mimik, Gebärden und Blickkontakt. Die gegenseiti­ge Kommunikation wird zusätzlich durch die eingeschränkte Fähigkeit des Perspektivenwechsels erschwert. Hinzu kommt die Schwierigkeit, Emotionen wie bspw. Wut, Ärger oder Freude differenzieren und deuten zu können.
- Ungewöhnlich ausgeprägte und spezielle Interessen und repetitive Verhal­tensmuster: Menschen mit Asperger-Syndrom beschäftigen sich oft mit ein­seitigen Themengebieten wie z. B. „Schmelzpunkte von Metallen“, „Kirchtür­me“, „Dinosaurier“ oder „Waschmaschinen“. Hierbei ist besonders die Intensität hervorzuheben, mit der sich die Betroffenen ihren Sonderinteressen zuwenden. Ihre guten Fähigkeit im logischen und abstrakten Denken und ein mitunter lexikalisches Wissen können Asperger-Autisten jedoch selten in den praktischen Alltag übertragen.
- Anders als beim frühkindlichen Autismus zeigt sich beim Asperger-Syndrom keine Retardation in der Sprach- oder Einschränkung in der kognitiven Entwicklung. Die betroffenen Kinder lernen vergleichsweise früh und schnell sprechen, zeigen aber Defizite in den Sprachebenen der Semantik und Pragmatik. Der durchschnittliche Intelligenzquotient liegt beim Asperger-Syn­drom – im Gegensatz zum Kanner-Syndrom – mindestens im Normbereich (vgl. ebd., S. 47ff.).

Bei der Abgrenzung des Asperger-Syndroms vom frühkindlichen Autismus ist das zeitliche Auftreten der Störungssymptome von großer Bedeutung: Ist der Entwick­lungsverlauf bis zum 3. Lebensjahr unauffällig und lassen sich erst anschließend für den Autismus symptomatische Auffälligkeiten beobachten, ist von einem Asperger-Autismus auszugehen (vgl. Klauß 2008, S. 31). Oft zeigen sich diese Auffälligkeiten bei den Kindern erst in verstärktem Maße, wenn die Eingliederung in ein soziales Umfeld wie Kindergarten oder Schule verlangt wird. Dabei sind große Unterschiede im Ausprägungsgrad der Störung konstatierbar (vgl. Remschmidt 2008, S. 49).

2.2 Epidemiologie und Komorbidität

Studien zufolge schätzt man in Deutschland die Zahl der Betroffenen mit ASS auf mehr als 800 000. Dabei wird angenommen, dass von diesen nur 60 000 bis 70 000 auf ständige Hilfe angewiesen sind. Weltweit geht man von ca. 30 Mio. Betroffenen aus (vgl. Schuster 2010/11, S. 18f.). Die unpräzise Datenlage resultiert laut Schirmer (2011, S. 9) aus der differierenden Auslegung von Diagnosekriterien.

Während beim frühkindlichen Autismus in Bezug auf die Allgemeinbevölkerung von 4 – 5 auf 10 000 Kindern und Jugendlichen im schulrelevanten Alter ausgegangen wird (vgl. Remschmidt 2008, S. 20), stellt das Asperger-Syndroms eine Prävalenz von 2 – 3,3 auf 10 000 Betroffenen in selbiger Altersgruppe dar (vgl. Remschmidt, Kamp-Becker 2007, S. 885). Vergleicht man die Häufigkeitsraten dieser Autismus-Formen, so stellt man eine höhere Prävalenz für das Kanner-Syndrom fest. Dies widerspricht hingegen der Feststellung zahlreicher Untersuchungen, dass eigentlich das Asper­ger-Syndrom häufiger in Erscheinung tritt. Als Ursache für diesen Widerspruch sieht Remschmidt (2008, S. 51) eine „sehr breit gefasste Definition“ des Asperger-Syndroms, da es auch äußerst schwach ausgeprägte Formen von Asperger-Autismus gibt, die diagnostisch oft nicht von Bedeutung sind.

Das Verhältnis von Jungen und Mädchen liegt beim frühkindlichen Autismus bei etwa 3:1, während die Jungen mit Asperger-Syndrom bei einem Verhältnis von 8:1 deutlich anfälliger sind (vgl. Remschmidt, Kamp-Becker 2007, S. 874).

In den letzten Jahrzehnten kann ein starker Anstieg an ASS-Diagnosen konstatiert werden. Ob dieser hingegen mit einer wachsenden Bekanntwerdung verschiedenster ASS korreliert oder tatsächlich eine vermehrte Erkrankung autistischer Störungen auftritt, wird kontrovers diskutiert (vgl. Remschmidt 2008, S. 20).

Wie bei anderen ASS kann es auch beim Asperger-Syndrom zu weiteren Begleiter­krankungen – den Komorbiditäten – kommen. Am häufigsten sind dabei Angst- u. Zwangsstörungen, Depressionen, Schizophrenien, ADHS und aggressives Verhalten (vor allem im Kindes- u. Jugendalter) (vgl. Faust 2007, S. 24). Beim Kanner-Syndrom treten zusätzlich (neben schon genannten Begleiterkrankung) eine mentale Retardie­rung und sehr häufig Epilepsien auf (vgl. Remschmidt, Kamp-Becker 2007, S. 874).

Das Phänomen, dass zu einer bereits vorhandenen Störung eine zweite tritt, liegt laut Faust (2007, S. 24) häufig in einer „Mehrfach-Belastung“ begründet. So können durch plötzliche Veränderungen in der Umwelt bereits bestehende Symptome verstärkt werden, wie auch neue Störungsausprägungen entstehen.

2.3 Ätiologie

Bereits Asperger wies darauf hin, dass die von ihm als „autistische Psychopathie“ bezeichnete Symptomatik einen genetischen Hintergrund hat. Seine Annahme resultierte aus einer Untersuchung mit 200 betroffenen Kindern, von denen mindes­tens ein Elternteil ähnliche Persönlichkeitsmerkmale aufwies. Bei den Vätern stellte Asperger dabei oft eine intellektuelle Ausrichtung fest. Diese Befunde konnten durch spätere Untersuchungen belegt werde, wenn auch nur auf die klinische Symptomatik bezogen (vgl. Remschmidt 2008, S. 57f.). Die genauen Ursachen autistischer Störungen bleiben trotz verschiedener Theorie- und Erklärungsansätze bis heute ungeklärt.

Obwohl es nur wenige Untersuchungen zu der Entstehung des Asperger-Syndroms gibt, deuten klinische Erfahrungen vor allem auf biologische Ursachen hin, die das zentrale Nervensystem beeinträchtigen (Faust 2007, S. 18). Nach Remschmidt (2008, S. 57ff.) werden auch „Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen sowie neuropsychologische Defizite“ als Ursachen diskutiert.

Die noch in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts verbreitete These, Autismus sei der emotionalen Kälte der Mutter geschuldet, konnte nie belegt werden. Insofern verfestigte sich die Annahme, dass sich das Asperger-Syndrom „aus verschiedenen krankhaften Faktoren und deren pathologischer Vernetzung“ zusammensetzt. Demzufolge scheint es nicht psychosozial sondern biologisch bedingt zu sein, wobei Umweltreaktionen das ''Syndrom'' verstärken können (vgl. ebd.).

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Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656330301
ISBN (Buch)
9783656329961
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205463
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Autismus-Spektrum-Störungen ASS Asperger-Syndrom Beschulung Pädagogik Inklusion

Autor

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Titel: Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen