Lade Inhalt...

Die „unbegreifliche Frau“ und der „kuriose Mensch“

Versuch einer situativen Charakterisierung der Frau Tobler mit besonderer Berücksichtigung ihrer figuralen Konstellation zu Joseph Marti in Robert Walsers Roman 'Der Gehülfe'

Seminararbeit 2012 40 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frau Tobler - Femme fatale et fragile
2.1. Die Herrin des Hauses
2.2. Ein behindertes Lachen
2.3. Eine hochanständige Frau
2.3.1. Romantische Gondelfahrten
2.3.2. Unwiderstehliche Angestellte
2.3.3. Ein närrisch verliebter Kerl
2.4. Eine unselbständige Frau
2.5. Eine Rabenmutter

3. Conclusio

4. Bibliographie
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Je öfter ich den Gehülfen gelesen habe, desto stärker blieb mein Blick an der Figur der Frau Tobler, die zuerst kaum einen nennenswerten Eindruck bei mir hinterlassen hatte, haften. Der Roman kann durchaus so gelesen werden, dass sie nicht einmal als Hauptfigur beachtet werden müsste. Einer anderen, der von mir in dieser Arbeit intendierten Lesart zufolge, ist Frau Tobler die wahrscheinlich schillerndste und komplexeste Figur des ganzen Romans, in wel­cher sich zahlreiche Widersprüche auftun – selbstbewusste Herrin und unselbständige Unter­gebene, gewöhnliche und doch ungewöhnliche, schöne wie auch nicht eigentlich schöne Frau, liebende und hassende Mutter, femme fatale und femme fragile[1] –, die jedoch nicht zu einer Synthese zusammengeführt werden. Diese Zwischenposition Frau Toblers tritt besonders deutlich an jenen Stellen hervor, wo Joseph sie mit anderen Frauen ihres Standes vergleicht, wie beispielsweise dem verdorbenen, teuflischen „Männerfräulein“[2] oder der stillen und schüchternen Arztfrau, „die gar nichts weiteres vor[stellte], als die Bestätigung in Weibesge­stalt, die Frau des Arztes zu sein, weiter gar nichts.“[3]

Solche Dualismen im Frauenbild werden oft als kennzeichnend für die Jahrhundertwende und unter anderem als Folge der „Verunsicherung des männlichen Selbstbildes“[4] betrachtet. Sie stehen „in der Tradition des Frauenbilds entweder als Hure oder als Jungfrau bzw. Madonna“.[5] So konträr die beiden Typen auch besetzt sein mögen, sie entspringen einer gemeinsamen Quelle:

Femme fatale und femme fragile hängen beide mit der sexuellen Nervosität zusammen, welche die Kehrseite der enggeschnürten Sexualmoral des 19. Jahrhunderts ausmacht. Beide sind Aus­druck einer Verkrampfung und stellen den Versuch dar, mit Hilfe der Literatur eine sexuelle Unruhe zu bewältigen. Das Symbol und Symptom der femme fatale entspricht dabei einer Flucht aus der Realität gleichsam nach vorn in eine Welt der erotisch-entfesselten Phantasie […]. Der Dichter der femme fragile dagegen flieht ins Undeutliche, Uneingestandene, in die Verdrängung und damit […] in die Neurose.[6]

Die körperliche, männerverführende Femme fatale und ihren Gegenpol, die vergeistigte, tugendhafte Femme fragile als Spezifikum der Jahrhundertwende festzumachen, scheint mir allerdings etwas zu vereinfachend. Diese angeblichen zwei Seiten der Weiblichkeit – in realita dürfte es sich wohl doch um eine etwas komplexere Angelegenheit handeln – existierten schon lange davor und sie werden heute wie ehemals gern von den Medien für Polarisierungen verwendet. Das Festschreiben von zwei gegensätzlichen Frauentypen mag dem Wunsch nach Ordnung und Eindeutigkeit entsprechen, verhüllt aber auch, dass Tendenzen beider Richtungen, wobei es sich keineswegs um zwei exakt voneinander trennbare Seiten handeln kann, nicht nur in jeder Frau, sondern in jedem Menschen – so auch ganz deutlich an der Figur des Gehülfen zu sehen – angelegt sind.

In der nachfolgenden Arbeit werde ich versuchen, die Figur der Frau Tobler im close reading, anhand einiger zentraler Situationen, besonders genau unter die Lupe zu nehmen. Das soll nicht mittels eines Verfahrens geschehen, welches ausgewähltes Textmaterial als Belegsammlung verwendet, um damit einzelne im Vorhinein gefasste (Hypo-)Thesen zu bestätigen. Eine Auswahl muss aber insofern getroffen werden, als dass ich nicht alle Textstellen, in de­nen Frau Tobler auftritt, heranziehen kann und werde, jedoch versuche, das Ziel vor Augen zu behalten, die ausgewählten Zitate soweit als möglich im Kontext der jeweiligen Interaktions­situation zu behandeln. Das hat zur Folge, dass Frau Tobler nicht isoliert als Einzelfigur be­trachtet werden kann, sondern innerhalb des komplexen Beziehungsgeflechts zu den mit ihr interagierenden Figuren, was insbesondere eine nähere Betrachtung der Konstellation von Herrin – die „unbegreifliche Frau“[7] – und Gehülfe – der „kuriose Mensch“[8] – nach sich zieht.

2. Frau Tobler - Femme fatale et fragile

Im Gehülfen steht Frau Tobler, die weibliche Protagonistin, weder für das eine noch für das andere extreme Frauenbild, sondern für beide, ohne dass versucht wird, daraus ein harmonisches Ganzes zu kreieren. Nach außen wird ganz klar die fragile, anständige Seite der Frau Tobler hervorgehoben, auch sich selbst charakterisiert sie gemäß dem ihr zugeschriebenen „Geschlechtscharakter“[9]:

[…] wir Frauen, beständig an die Enge und an die Beschränktheit des Hauses gebunden, wir denken über mancherlei nach, und wir sehen auch manches und fühlen manches. Es ist uns gegeben, die Dinge ein bißchen zu erraten, da einmal die korrekten Wissenschaften unsere geschworenen Feindinnen sind. Wir verstehen es, in den Blicken und im Betragen zu lesen. Wir sagen seltsamerweise nie etwas, wir schweigen, denn wir drücken uns ja in der Regel so schlecht und immer so unpassend aus. Unsere Worte regen meistens die geschäftsüberladenen Männer nur auf, aber überzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklären uns mit dem allermeisten, was um uns her und mit uns selber geschieht, einverstanden, reden nebensächliche Dinge, die uns immer stärker der Vermutung, daß wir kleine und untergeordnete Geister sind, aussetzen, und sind immer zufrieden, ich glaube es wenigstens.[10]

Zwischen der Art und Weise, wie Frau Tobler hier nicht nur über sich, sondern gleich pau­schal über ihr ganzes Geschlecht spricht, und jener, wie es sich tatsächlich auf der Hand­lungsebene damit verhält, tun sich enorme performative Widersprüche auf.

Erstens solidarisiert sich in vorangehendem Zitat eine gutsituierte Bürgersfrau, die in einer prächtigen Villa wohnt – von wegen „Beschränktheit des Hauses“[11] – und ganz gerne auf Niedrigergestellte herabschaut, mittels einem „wir“ völlig ungerechtfertigterweise mit allen Vertreterinnen ihres Geschlechts. Gerade in der Gegenüberstellung von Frau Tobler und Frau Wirsich – „Ja, das waren, wenn es in der Welt irgendwie Differenzen gab, Unterschiede vom klarsten, reinsten Wasser.“[12] – wird deutlich, wie wenig Gehalt diesem „wir Frauen“ beizumes­sen ist. Das Geschlecht wird von Frau Tobler als primärer Unterschied zwischen Menschen festgemacht, die im Roman viel stärker zählende soziale Differenz außenvorgelassen.

Frau Tobler gibt weiters an, wie alle Frauen, nie etwas zu sagen, immer schweigsam zu sein, und das, während sie dabei ist, dem Gehülfen diese lange Rede – im übrigen nur eine von vielen – zu halten. Der einzige, der nach diesem Redeschwall wirklich schweigt, und sich nur „ein unmerkliches Lächeln“[13] erlaubt, ist Joseph Marti, denn „Sie hatte schon wieder mit Reden angefangen“[14]. Es sind nicht primär die Frauen im Roman, welche schweigen, sondern „die Armut und die Ungewißheit“[15], an einer Stelle personifiziert in Mutter und Sohn Wirsich. Die beiden reden, wie es heißt, „eine sehr verständnisvolle, eine stumme, eine nur zu wohlverständliche“[16] Sprache.

Auch, dass die weiblichen Worte nie jemanden überzeugen würden, ist im Falle Frau Toblers weit hergeholt. Sie beeinflusst ihren Mann beispielsweise wiederholt darin, Wirsich trotz seiner Fehltritte nicht zu kündigen, denn „Was eine Frau beim Mittagstisch zu ihrem Mann in leichtem, lachendem, reichem Ton sagt, bleibt nie gänzlich ohne Einfluß […]“.[17] Joseph, Pauline und die Kinder, am wenigsten vielleicht Dora, hat sie ebenfalls völlig unter Kontrolle.

Die Frauen als mit allem einverstanden und zufrieden zu erklären, klingt aus ihrem Mund nicht besonders ernsthaft. Eben, weil es nicht so ist, hat sie zu dieser Rede angesetzt. Die von Frau Tobler festgestellte Geschäftsuntüchtigkeit des Ehemannes dürfte schließlich kaum zu ihrer Zufriedenheit beitragen.

Das war nur ein besonders aussagekräftiges Beispiel von vielen, dafür, dass die Sprache bei Robert Walser oftmals mehr verschleiert als freigibt. Die Worte verleiten zum Darüberhinweglesen, wie auch in der Realität das, was man/frau an erster Stelle hört und sieht, oft davon abhält, genauer hinzuhören und zu sehen, gemäß dem Motto „was wir bereits wissen, müssen wir nicht noch einmal aufrollen und von Neuem ergründen“. Bei Robert Walser hingegen lohnt es sich, das vermeintliche „Wissen“, welches beispielsweise bei erst- und einmaliger Lektüre gewonnen wird, gründlich zu hinterfragen. Es erweist sich in der Regel als ein voreiliges, von wenig Bestand.

Ich habe mir vorgenommen, diese nicht ganz neue Erkenntnis auf die Figur der Frau Tobler hin anzuwenden, auf welche sich dadurch, meiner Meinung nach, innovative und interessante Perspektiven ergeben können.

2.1. Die Herrin des Hauses

Schon auf den ersten Seiten des Romans wird Frau Tobler durch ihren Mann in etwas seltsamer Manier eingeführt: „ ‚Kommen Sie‘, sagte plötzlich Tobler, und er lächelte in etwas, wie es Joseph schien, unziemlicher Art zu seinen Worten, ‚meine Frau muß Sie doch nun auch bald endlich einmal zu Gesicht bekommen. […]‘ “[18].

Zwei Dinge wirken hier etwas fehl am Platz. Zum einen, dass der Ehemann unziemlich lächelt, wenn er dem neuen Angestellten seine Frau vorstellen will. Zum andern die stark verbal untermauerte Eile – „nun auch bald endlich einmal“[19] –, mit der er auf die Bekanntmachung der beiden, obwohl der Gehülfe gerade erst eingetroffen ist, hinpirscht, so als wollte er es ganz schnell hinter sich bringen und nur ja nicht erst hinausschieben. Dieses Gebaren, das Joseph schon früh eine „unterschwellige erotische Erwartungshaltung“[20] nahelegt, ist zwar recht ungewöhnlich, zumal eine Ursache für Toblers Verhalten aus der Situation nicht er­schlossen werden kann, aber da die Art und Weise der Bekanntmachung für den Leseprozess zunächst unwichtig erscheint, neigt man/frau dazu, sie unhinterfragt hinzunehmen.

Erst viel später im Roman, als vom Vorgänger Martis, Wirsich, und einem angeblichen Gerücht über seine unlauteren Verbindungen zu Frau Tobler die Rede ist, wäre ein Rückschluss möglich.

Die erste Begegnung zwischen Frau Tobler und dem Gehülfen verläuft nicht weniger seltsam. Joseph beginnt seine Reflexion mit den Worten „Eine gewöhnliche Frau“, um gleich darauf „und doch nicht“[21] hinzuzufügen. Diese von Anfang an bestehende Verunsicherung ist bezeich­nend für das Verhältnis Josephs zu Frau Tobler. Sie begegnet ihm kalt und ironisch zugleich, weshalb er sie für „entschieden zu hochmütig“[22] hält. Sofort fühlt er sich provoziert und nimmt ihr gegenüber eine Art Abwehrhaltung ein, indem er sich vornimmt, sie künftig „im geheimen“ „Herrin des Hauses“ zu nennen, „um sie rasch im stillen zu kränken“[23]. Seine Gedanken, die klingen, als wären sie an eine für nicht voll zu nehmende Person gerichtet, verdeutlichen, dass er Frau Tobler bzw. ihrem Auftreten nicht ganz traut: „Ja, sag du das nur. Sehr hübsch. Ei seht mal, wie freundlich. Wollen ja sehen.“[24] Diese überzogen wirkende Reaktion Josephs auf eine wahrscheinlich formelle Begrüßungsfloskel der Frau Tobler zeigt, wie er der Hausherrin schon von Beginn an skeptisch gegenübersteht.[25]

Dem Titel der „Herrin“, den Joseph der „gewiss gar nicht üblen Frau“[26] Tobler ursprünglich zuspricht, um sie „im stillen zu kränken“[27], erweist sie sich als durchaus würdig, wie sich in Folge einer Reflexion des Gehülfen bald herausstellen sollte:

Wer Stumpen rauchen darf während der Geschäftsstunden, der darf nicht brummen, wenn ihn die Herrin des Hauses um einen häuslichen oder familiären Dienst kurz ersucht, auch wenn der Ton, womit dieses Gesuch ausgesprochen wird, eher ein befehlshaberischer als ein schüchtern bittender sein sollte.[28]

Joseph merkt zwar an, dass er sich nicht beklagen darf, aber genau dadurch entsteht im Grunde genommen der Eindruck eines sich Beklagenden, der allenfalls beschlossen hat, die Demütigungen trotz persönlichem Widerstreben hinzunehmen. Später wird dies noch viel deutlicher, wenn er sich beschwert, „jedes Zweimarkstück einem Frauenrock abbetteln zu müssen“[29]. Die Bezeichnung „Herrin“, welche ursprünglich spöttisch gemeint sein sollte, erweist sich allmählich als bittere Realität. Frau Tobler, obgleich eine Frau, hat weitaus mehr Macht im Abendstern als der Gehülfe.

Bald darauf erfährt der Leser, die Leserin auch, was Frau Tobler vom Gehülfen hält. Sie findet ihn seltsam und lächerlich, beurteilt ihn im Allgemeinen nicht gut. Wahrscheinlich gibt diese Einschätzung wieder, was Joseph Grund hat, anzunehmen, das ihrerseits über ihn gedacht wird. Dieses einigermaßen strenge und wenig Sympathie bekundende Urteil wird jedoch gleich darauf durch den Erzähler relativiert, indem er anmerkt, „daß Frau Tobler, eine Bürgersfrau von echtester Abstammung, sehr leicht geneigt war, vieles komisch zu finden, was auch nur ein ganz klein wenig ihre Anschauungsweise fremd berühren konnte.“[30] Karl Wagner merkt in seiner Dissertation Herr und Knecht treffen an:

Dieser Vorgriff auf die Erzählperspektive, die hier sich unumwunden kundtut, war notwendig, um die Justierung der Leseroptik anzuzeigen, die durch die vom Erzähler verschieden bewertete Figurenperspektive bewirkt wird. Dies verschärft den negativen Eindruck, den der Leser vom hochmütig-herablassenden Charakterzug der Herrin gewinnen muß.[31]

Indem der Erzähler Frau Toblers Verhalten als antrainiertes, wenig subjektives Empfinden ausdrückendes, identifiziert, bleibt „Herrin“, zumindest für die LeserInnen, mehr die Bezeichnung für eine nicht zu selbständigen Urteilen fähige Bürgersfrau als für eine Autoritäts­person. Auch die Charakterisierung „Bürgersfrau von echtester Abstammung“[32] macht etwas stutzig, da eine genealogische Herrschaftslegitimation normalerweise nur in Zusammenhang mit dem Adel zu tragen kommt. Zudem war Herr Tobler noch vor kurzem ein einfacher An­gestellter, was eher auf eine mittlere als auf eine obere Mittelklasseposition hinweist. Den Aufstieg ins angesehenere Bürgertum haben die Toblers rein dem finanziellen Erbe und nicht einer wie auch immer gearteten Abstammung zu verdanken. Die spöttelnde Ironie, welcher sich der Gehülfe vor allem in seinen Gedankengängen bedient, wirkt wie eine Art Selbst­schutz, um die eigene, relativ ohnmächtige Lage besser akzeptieren zu können. Das „ent­schieden zu hochmütig[e]“[33] Verhalten der Hausherrin mag mitunter aussehen, als würde sie sich für gesellschaftlich höher angesehen halten, als sie tatsächlich ist. Der Erzähler am offen­sichtlichsten und Joseph zumindest im stillen und für sich, weisen Frau Tobler, jedenfalls der Meinung der LeserInnen gegenüber, wenn auch für die Handlungsebene weitgehend unwirk­sam, in ihre Schranken, indem sie ihr das Großtun nicht ganz abnehmen.

Karin Fellner sieht in dem ambivalenten Verhalten Josephs „zwischen erotischer Erwartungshaltung und forcierter Abwehr“[34] ein Anzeichen für den „fortdauernden Konflikt von Verbot und Trieb“[35], welchen Freud als Quelle des Tabus festmachte. Der Gehülfe fühlt sich so sehr von Frau Tobler angezogen, weil sie ihm nicht gehören darf, und er wehrt sich gegen diese Anziehungskraft, weil er um ihre Unerhörtheit weiß, was ihn aber wiederum anzieht. Ein Kreislauf, hinter dem laut Fellner „die Figur der verbotenen Mutter“[36] steckt, die sich hinter der ebenfalls verbotenen Ehefrau versteckt.[37]

2.2. Ein behindertes Lachen

Frau Toblers Seufzen und Lachen ähneln sich dem Gehülfen zufolge. Sogar so sehr, dass dies an drei verschiedenen Stellen im Roman angemerkt wird.[38]

Das erste Mal seufzt Frau Tobler beständig und übertrieben lang, als Joseph auf ihr Fragen hin von seiner vorherigen Anstellungslosigkeit erzählt. Er kommentiert ihr Betragen: „Wie diese Frau Nachdenklichkeit mimt. Sie seufzt, wie andre lachen, genau so fröhlich. Ist das jetzt meine Herrin?“[39]. Das Seufzen drückt gemeinhin Bedrücktheit aus. Dem Lachen schreibt man/frau meist Fröhlichkeit zu. Doch eine andere Form des Lachens, das Auslachen bzw. die dadurch empfundene Schadenfreude, kommt dem geheuchelten Seufzen schon näher. Beides kann eine Art Erleichterung und Genugtuung darüber ausdrücken, dass es einem selbst, in diesem Fall der Frau Tobler, besser ergangen ist. Und obwohl sie diese unelegante Empfindung durch ein dem Lachen gegenüber dezenteres Seufzen verhüllt, bemerkt der Gehülfe, dass im Grunde genommen auf ihn hernieder geschaut wird. Die sozial Höhergestellte lässt den Untergebenen ihre weit von ihm enthobene Position spüren.

Beim nächsten Mal, als von Frau Toblers Lachen die Rede ist, hört der Gehülfe schon mehr heraus als nur ein starkes Bewusstsein der eigenen gesellschaftlichen Stellung. Joseph beginnt hinter die äußere Erscheinung zu blicken:

Sie lachte. „Wie seltsam sie lacht“, dachte der Untergebene und fuhrt fort zu denken: „An diesem Lachen könnte einer, der sich darauf versteifen wollte, Geographie studieren. Es bezeichnet genau die Gegend, wo diese Frau her ist. Es ist ein behindertes Lachen, es kommt nicht ganz natürlich zum Mund heraus, als wäre es früher durch eine allzupeinliche Erziehung stets etwas im Zaum gehalten worden. Aber es ist schön und fraulich, ja, es ist sogar ein bißchen fri­vol.[40]

Die Bedeutung der Behinderung ist hier wohl im Sinne eines gestörten, verhinderten bzw. verhaltenen Lachens zu verstehen. Diese Hemmung, allemal als Frau, Gefühle offen zu zeigen, schreibt Joseph der bürgerlichen Erziehungspraxis zu, der er nicht ganz unkritisch gegenüberzustehen scheint. Trotz der Verstellung glaubt der Gehülfe mehr als nur eine bürgerlich standardisierte Note heraushören zu können. Mit der Steigerung der Eigenschaften dieses weiblichen Lachens, welche von schön über fraulich bis hin zu frivol in eine Art sexuell aufgeladene Anspielung münden, gibt er sich gewissermaßen selbst preis. Joseph findet offensichtlich Interesse an dieser so zwiespältigen Frauengestalt, was ihm aber gleich darauf schon wieder zu weit zu gehen scheint, wie der Ausspruch „Nur hochanständige Frauen dürfen so lachen“[41] untermauert. Die der Frau zugeschriebene Hochanständigkeit, ein Ideal bürgerlicher Tugendvorstellungen, soll den vorher aufgemachten sinnlichen Diskurs in ein anderes, der Beziehung eines Angestellten zu seiner Hausherrin geziemenderes Licht rücken. Aber der Gedanke war nun einmal da und ist nicht mehr ganz auszulöschen. Die einzige Möglichkeit der Rechtfertigung bzw. Abschwächung besteht nun noch darin, den letzten Gedanken in zumindest verbale Hochanständigkeit zu hüllen.[42]

Zuerst wurde Frau Toblers Seufzen mit dem Lachen anderer verglichen, dann explizit auf ihre ganz spezielle Art zu Lachen eingegangen. Nun bestätigt Frau Tobler selbst gewissermaßen diese vom Gehülfen hergestellte Verbindung durch ihr direkt aufs Seufzen folgendes Lachen:

Frau Tobler seufzte wieder einmal. Gleich darauf aber brach sie über irgend etwas in ein Gelächter aus, und da war es deutlich zu hören, wie der Seufzer und das Gelächter ein und dieselbe Klangfarbe, ein und denselben Ton hatten.[43]

[...]


[1] Bei den Begriffen femme fatale und femme fragile handelt es sich um relativ feststehende Stereotypen, die in der Literatur und generell in der Kunst häufig aufgegriffen wurden bzw. werden. Beschrieben findet man/frau sie u.a. bei: Walter Fähnders: Avantgarde und Moderne: 1890 – 1933. 2., aktualisierte und erweitere Auflage. Stuttgart [u.a.]: Metzler 2010. (Lehrbuch Germanistik). S. 111. Oder bei: Ariane Thomalla: Die „femme fragile“: ein literarischer Frauentypus der Jahrhundertwende. Gütersloh: Bertelsmann 1972. S. 60/61.

[2] Robert Walser: Der Gehülfe. Roman. Hrsg. und kommentiert von Karl Wagner. Berlin: Suhrkamp 2010. (Suhrkamp BasisBibliothek 102). S. 46.

[3] Ebd. S. 104.

[4] Walter Fähnders: Avantgarde und Moderne: 1890 – 1933. S. 111.

[5] Ebd.

[6] Ariane Thomalla: Die „femme fragile“. S. 60/61.

[7] Beispielsweise: Robert Walser: Der Gehülfe. S. 230.

[8] Ebd.

[9] Ich verwende den Begriff „Geschlechtscharakter“ hier im Sinne von Karin Hausen, laut der diese Bezeichnung dazu verwendet wurde „die mit den physiologischen korrespondierend gedachten psychologischen Geschlechtsmerkmale zu bezeichnen.“ Siehe: Karin Hausen: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“ – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Werner Conze (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgart: Klett 1976. S. 363-393. Hier S. 363.

[10] Robert Walser: Der Gehülfe. S. 220.

[11] Ebd.

[12] Ebd. S. 36.

[13] Ebd. S. 221.

[14] Ebd.

[15] Ebd. S. 43.

[16] Ebd.

[17] Ebd. S. 34.

[18] Ebd. S. 12.

[19] Ebd.

[20] Karin Fellner: Begehren und Aufbegehren. Das Geschlechterverhältnis bei Robert Walser. Marburg: Tectum Verlag 2003. (Diplomica 3). S. 67.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] Vgl. Lukas Rüsch: Ironie und Herrschaft. Untersuchungen zum Verhältnis von Herr und Knecht in Robert Walsers Roman "Der Gehülfe". Königstein/Ts.: Forum Academicum in der Verlagsgruppe Athenäum 1983. (Hochschulschriften: Literaturwissenschaft 57). S. 147/148.

[26] Robert Walser: Der Gehülfe. S. 26.

[27] Ebd. S. 12.

[28] Ebd. S. 27.

[29] Ebd. S. 136.

[30] Ebd.

[31] Karl Wagner: Herr und Knecht. Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“. Wien: Braumüller 1980. (Wiener Arbeiten zur deutschen Literatur 9). S. 76.

[32] Robert Walser: Der Gehülfe. S. 27.

[33] Ebd. S. 12

[34] Karin Fellner: Begehren und Aufbegehren. S. 67.

[35] Sigmund Freud: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und Neurotiker. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch-Verlag 1991. S. 118.

[36] Karin Fellner: Begehren und Aufbegehren. S. 67.

[37] Vgl. Ebd.

[38] Vgl. Robert Walser: Der Gehülfe. S. 16, S. 28, S. 42.

[39] Ebd. S. 16.

[40] Ebd. S. 28.

[41] Ebd.

[42] Vgl. Lukas Rüsch: Ironie und Herrschaft. S. 148/149.

[43] Robert Walser: Der Gehülfe. S. 42.

Details

Seiten
40
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656327424
ISBN (Buch)
9783656327592
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205457
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
1
Schlagworte
Robert Walser Der Gehülfe Im Bleistiftgebiet Frau Tobler Joseph Marti Herr und Knecht Bärenswil Villa Abendstern Berliner Jahre

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die „unbegreifliche Frau“ und der „kuriose Mensch“