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Das Selbstverständnis der athenischen Demokratie

Untersuchung an Hand des Epitaphios des Perikles

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltliche Gliederung

1. Einleitung

2. Die athenische Demokratie in ihren Grundzügen

3. Einordnung der Rede
3.1. Perikles
3.2. Rahmenbedingungen der Rede

4. Inhalt und Analyse der Rede
4.1. Inhaltliche Gliederung
4.2. Analyse der Rede

5. Fazit

6. Quelle und Literaturangaben

1. Einleitung

„Einzig und allein bei uns heißt doch jemand, der nicht daran teilnimmt, nicht untätig, sondern unnütz;…“ (Thuk. 2, 40, 2). Dieses Zitat stammt aus der Totenrede des Perikles, die er anlässlich der ersten Gefallenen im Peloponnesischen Krieg im Winter 431/430 gehalten hat und die sich im Geschichtswerk des Thukydides wiederfindet (vgl. Bleckmann 2007, S. 39). Die Aussage bezieht sich auf das Selbstverständnis der Athener zu ihrem politischen System der Demokratie. Der Epitaphios des Perikles ist aus heutiger Sicht von enormer Bedeutung: „Zum ersten Mal in der Weltgeschichte wird hier ein leuchtendes Bild einer gefestigten Demokratie als der idealen, für andere vorbildlichen Staatsform entworfen,…“ (Flashar 1969, S.5). Auch zählt die Rede zu den wenigen, antiken Schriftstücken, die die athenische Volksherrschaft rechtfertigen. Vor dem Hintergrund verschiedener Rahmenbedingungen sind in der modernen Forschung zur Rede einige Fragen in Bezug auf den Wahrheitsgehalt des Redeinhaltes, Intention von Redner und Verfasser sowie Funktion im Gesamtwerk des Thukydides strittig (vgl. Flashar 2005, S.86-89 sowie Saage 2005, S.55).

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich daher mit der Leitfrage: Wie ist das Selbstverständnis der Athener zu ihrem politischen System der Demokratie zu beschreiben? An Hand der Gefallenenrede des Perikles sollen die Grundsätze des athenischen Systems vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen herausgearbeitet und untersucht werden.

Im ersten Abschnitt werden die Grundzüge der athenischen Demokratie dargestellt. Dabei wird auf den Zeitraum, die Quellenlage, die verschiedenen Organe, die politische Willensbildung und die Funktion des Scherbengerichts eingegangen. Diese Darlegung soll als Basis und Vergleichspunkt für die untersuchte Rede herangezogen werden. Im zweiten Teil folgt die Einordnung der Rede in den Kontext. Dabei wird zunächst für das Verständnis der Rede auf biographische Aspekte sowie Rezeption des Perikles eingegangen. Danach werden die Rahmenbedingungen des Epitaphios in Bezug auf den historischen Zusammenhang, die Methodik der Geschichtsschreibung des Thukydides und zur Rezeption der Rede dargelegt. Im dritten Kapitel folgen dann die inhaltliche Gliederung und Analyse der Totenrede. In der Analyse wird der Epitaphios chronologisch untersucht. Dabei werden auf der einen Seite die darin dargestellten Grundsätze und Kategorien des athenischen Selbstverständnisses herausgearbeitet. Auf der anderen Seite werden die Erläuterungen jeweils vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft. Zum Schluss folgt im Fazit eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse.

2. Die athenische Demokratie in ihren Grundzügen

Die moderne Forschung sieht den Gründungszeitpunkt der athenischen Demokratie in den Entwicklungen nach den Reformen des Kleisthenes um 508/507 v. Chr. Die beiden oligarchischen Umsturzversuche 411 und 404/403 v. Chr. bilden die einzigen Unterbrechungen des demokratischen Systems in der attischen Polis bis zu ihrem Ende 322 v. Chr. Danach unterstand Athen der makedonischen Vorherrschaft, in der die bürgerlichen Partizipationschancen nicht mehr in dem Maße vorhanden waren wie zuvor (vgl. Nippel 2008, S. 11).

Die Hauptquelle über das politische System in Athen stellt die Athenaíon politeía (Staat der Athener) des Aristoteles dar, welche etwa zwischen 335 und 322 v. Chr. verfasst wurde (vgl. Dreher 2001, S. 13). Des Weiteren gibt es ein gleichnamiges Werk eines unbekannten Autoren (Pseudo-Xenophon), welches ursprünglich Xenophon zugeschrieben wurde. Dieser Text, der in etwa zu Beginn des Peloponnesischen Krieges entstanden ist, war eine scharfe Kritik am demokratischen System Athens. Plutarch bietet einige Biographien berühmter, griechischer Staatsmänner wie Themistokles, Perikles, Nikias etc. Im Geschichtswerk des Thukydides zum Peloponnesischen Krieg finden sich des Weiteren verschiedene Reden, die in den Volksversammlungen gehalten wurden. Weitere wichtige Quellen stellen die Komödien des Aristophanes dar. Außerdem liegen zahlreiche Inschriften und archäologische Zeugnisse wie bspw. Tonscherben (ostraka) vor (vgl. Dreher 2001, S. 59f.).

Das politische System Athens war unterteilt in die Volksversammlung (ekklesía), den Rat (bulé), das Volksgericht (heliaía) und einen größeren Beamtenapparat. Die Volksversammlung stellte dabei das zentrale Entscheidungsorgan in Attika dar. An dieser Versammlung konnten alle erwachsenen (über achtzehn Jahren), männlichen Vollbürger teilnehmen. In der Forschung ist jedoch unklar, ob eine weitere Voraussetzung ein zweijähriger Grundwehrdienst gewesen war, welcher dazu geführt hätte, dass das Mindestalter auf zwanzig Jahre angehoben worden wäre. Ausgeschlossen waren alle Frauen, Sklaven sowie ortsansässige Fremde, Metöken (vgl. Nippel 2008, S. 43f. und Funke 2006, S. 180).

Es gibt in diesem Zusammenhang keine genauen Zahlen über die Bevölkerung Athens, sondern nur Schätzungen, die auf vereinzelten bekannten Angaben fußen. So lag die Anzahl der männlichen Vollbürger kurz vor Beginn des Peloponnesischen Kriegs 431 v. Chr. auf dem Höchststand bei etwa 60.000 Männern. Großzügig geschätzt lag die damit die Gesamtzahl der Einwohner inklusive Frauen, Kinder, Sklaven und Metöken zwischen 300.000 und 400.000 (vgl. Nippel 2008, S. 18).

Jeder Teilnehmer der Volksversammlung besaß ein gleichwertiges Rede-, Antrags- und Stimmrecht. Das Organ verfügte über einen uneingeschränkten Kompetenzbereich und konnte entscheiden über die Gesetzgebung, die Wahl von Strategen, Schatzmeister und Sonderbeauftragten sowie über wichtige Beschlüsse wie Krieg und Frieden, Staatsverträge, Bürgerrechtsverleihungen etc. Die Abstimmungen erfolgten über Handzeichen (cheirotonía) oder geheim mit speziellen Stimmmarken (pséphoi). In einzelnen Beschlussfällen wie dem Ostrakismos oder der Verleihung des Bürgerrechts gab es ein Quorum, also eine Mindestanzahl von 6000 Vollbürgern, die bei der Entscheidung anwesend sein mussten. In diesen Fällen wurde mit Stimmsteinen abgestimmt. In der Regel wurde jedoch ohne Quorum per Handzeichen abgestimmt und die Mehrheitsverhältnisse wurden von den Versammlungsleitern abgeschätzt. Genaue Daten über die durchschnittliche Teilnehmerzahl sind nicht bekannt. Im 4. Jahrhundert wurde verschiedenen Angaben zufolge häufig die 6000er Marke erreicht. Da aber auch die Zusammensetzung in den unterschiedlichen Versammlungen wechselte, ist es kaum möglich, festzuhalten, wie viele Bürger regelmäßig, selten oder nie von ihren Partizipationsrechten in der Volksversammlung Gebrauch nahmen. Die Einführung von Diäten in der Wende vom 5. Zum 4. Jahrhundert und die zweimalige Erhöhung sollen jedoch ein Wachstum der Teilnehmer herbeigeführt haben. Das Verhältnis zwischen Stadt- und Landbewohnern, die an der Volksversammlung teilnahmen, fluktuierte saisonal bedingt. Die Landbevölkerung hatte zwar teilweise eine Strecke von bis zu 40 km nach Athen zurückzulegen, so dass der Anweg durchaus als Hemmnis zu betrachten war. Jedoch hatten die Bauern im Winter viel Zeit und konnten so stärker an der Volksversammlung partizipieren. Auch die Teilnahme an Kriegsdiensten auf der Flotte oder im Landheer konnte Einfluss auf die Beteiligung in der Volksversammlung nehmen (vgl. Funke 2006, S. 180 und Nippel 2008, S. 44ff.).

Für die organisatorischen Abläufe der Volksversammlung war der Rat der 500 von enormer Bedeutung. Dieser bestand aus 500 Ratsherren. Jeder Vollbürger über 30 konnte Mitglied im Rat werden, in dem er sich für die jährliche Auslosung anmeldete. Jedoch durfte jeder Athener nur zweimal im Leben Ratsherr sein und dies auch nicht in aufeinanderfolgenden Jahren. So konnten in 30 Jahren mindestens 7500 Männer im Rat tätig sein, so dass es eine enorme Streuung der politischen Erfahrung innerhalb des Rates gab. Für die Zusammensetzung des Rates waren die Reformen des Kleisthenes (508/507 v. Chr.) relevant. Dieser führte eine Neuordnung der Untergliederung der Bürgerschaft in den sogenannten Phylen durch. Phylen gab es in allen griechischen Poleis. Durch diese Einteilung wurden Militäraufgebote und die Erhebung von Staatsabgaben ausgestaltet. Ortsgemeinden, so genannte Demen, wurden durch die kleisthenischen Reformen in zehn Phylen aufgegliedert. Die Anzahl der Demen schwankt in der Überlieferung zwischen 133 und 174. Die gesamte attische Polis inklusive der Stadt Athen wurde in Demen gegliedert. Die zehn Phylen wurden dann so zusammengesetzt, dass sie jeweils gleichermaßen aus Demen aus Stadt, Binnenland und Küste bestanden. Die entstandenen zehn Phylen stellten wiederum jeweils 50 Ratsherren für den Rat der 500. Diese Zehntel im Rat wurden Prytanien bezeichnet und stellten jeweils einmal im Jahr die Versammlungsleitung der Volksversammlung. Daher war ein Amtsjahr in Athen in zehn Perioden eingeteilt. Durch diese Einteilung wurde den verschiedenen Interessen der Bürger in den Prytanen adäquat entsprochen. Als Ratsherr musste man fast täglich zusammentreten, so dass dieses Amt eine hohe zeitliche Beanspruchung mit sich brachte. Wie hoch die tatsächlichen Teilnehmerzahlen waren, ist jedoch nicht bekannt. Für die Prytanen galt zudem Anwesenheitspflicht. Auch in diesem Zehntel wurde zur Prävention von zu viel Macht innerhalb einer Person der Vorsteher (epistátes) der Prytanen täglich neu ausgelost (vgl. Nippel 2008, S. 21f. sowie S. 48 und Funke 2006, S. 180).

Sitzungen des Rates wurden von den Prytanen vorbereitet. Der Rat tagte im Normalfall öffentlich, jedoch wurde dies variiert, insofern militärische Geheimnisse diskutiert wurden. Hauptaufgaben des Rates waren die Finanzkontrolle, die Beaufsichtigung der Beamtentätigkeiten sowie die Vorbereitung der Volksversammlungen. Jegliche Beschlüsse der Volksversammlung benötigten einen Vorbeschluss des Rates (probúleuma), auch wenn die Volksversammlung letzten Endes Souverän der Entscheidungen darstellte. Diese Verzahnung der beiden Organe war insofern wichtig, dass durch die repräsentative Zusammensetzung des Rates das gesamte Volk stellvertretend am Prozess der Entscheidungen teilnahm, während in der Volksversammlung nicht alle Bürger, wie oben erläutert, gleichermaßen partizipieren konnten (vgl. Funke 2006, S. 180f.).

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Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656323938
ISBN (Buch)
9783656325239
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205382
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
14
Schlagworte
selbstverständnis demokratie untersuchung hand epitaphios perikles

Autor

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