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Michael Endes „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“und Johann Wolfgang von Goethes „Faust“. Erzählerische Ausführungen der Theodizee

Hausarbeit 2012 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Nähe zu Goethes „Faust“
1. Die Nähe zur Form des Dramas
a) Die Umsetzung der aristotelischen Einheiten
i) Einheit der Zeit
ii) Einheit der Handlung
iii) Zwischenergebnis
b) Die Ähnlichkeit zur Problemarchitektur des Regeldramas
c) Zwischenergebnis
2. Ähnlichkeiten des Personals und der Handlungsräume im „Wunschpunsch“ und im „Faust“
a) Personal
b) Räume
i) Studierzimmer: Parallelen zwischen den irdischen Schauplätzen
ii) Himmel, Welt, Hölle: Universalität der Schauplätze und der Bedeutungsräume
c) Zwischenergebnis

III. Theodizee
1. Im „Faust“
a) Die Frage nach der Theodizee im „Faust“ in Anlehnung ans biblische Buch Hiob
b) Theodizee im „Faust“
2. Im „Wunschpunsch“
a) Die Frage nach der Theodizee im „Wunschpunsch“ als eine an den „Faust“ angelehnte Frage nach der Möglichkeit der Existenz des Bösen
b) Theodizee im „Wunschpunsch“ in Anlehnung an Leibniz und Kant
c) Die erzählerische Ausführung der Theodizee

IV. Schluss

I. Einleitung

Das vorliegend zu analysierende Werk, „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“[1] von Michael Ende hat in der Forschungsliteratur bisher praktisch keine Beachtung gefunden. Das Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur führt in seiner Liste der Sekundärliteratur zu Endes Erzählung hier nahezu ausschließlich Rezensionen in Tageszeitungen zum Erscheinen des Buches im Jahr 1989 auf. Der einzige auszumachende wissenschaftliche Beitrag findet sich bei Stefan Neuhaus[2], der insbesondere untersucht hat, wie sich der Text zum Genre des Märchens positioniert.

Diese Arbeit verfolgt einen anderen Interpretationsansatz. Ihre These lautet: Das Werk „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ rückt sich über die Ähnlichkeit der aufgerufenen Motive, einzelner handelnder Figuren und der Handlungsräume in beiden Werken selbst in die Nähe von Johann Wolfgang von Goethes Drama „Faust. Der Tragödie erster Teil“. Es greift die im Faust unausgesprochen in Anlehnung an das biblische Buch Hiob aufgeworfene Frage der Theodizee auf und arrangiert den Handlungsverlauf der Erzählung als eine erzählerisch ausgeführte Antwort auf diese Frage. Den gedanklichen Hintergrund dieser poetisch ausgemalten Theodizee bildet wiederum eine Synthese, in der sich leibnizianische Theologie und kantische Sittlichkeitsmetaphysik verbinden.

Ziel dieser Arbeit ist es, diese These zu plausibilisieren und kritisch zu überprüfen. Sie wendet zu diesem Zweck vornehmlich die Methoden der Exegese und der textimmanenten Interpretation an. Eine Inhaltsangabe kann diese Arbeit schon aus Platzgründen nicht leisten.

II. Die Nähe zu Goethes „Faust“

Zunächst soll plausibilisiert werden, dass dem Vergleich von Michael Endes „Wunschpunsch“ mit Goethes „Faust“ in formaler Hinsicht lediglich leicht überbrückbare Hindernisse im Wege stehen, und dass ein solcher Vergleich in inhaltlicher Hinsicht durchaus nahe liegt.

1. Die Nähe zur Form des Dramas

Freilich ist es problematisch, ein episches Werk mit einem dramatischen Werk vergleichen zu wollen. Schon der Unterschied der Gattung der beiden Werke „Wunschpunsch“ und „Faust“ scheint einen solchen Vergleich zu hindern und unmöglich zu machen. Und doch geben einige spezifische Merkmale der vorliegenden Erzählung ausreichend Berechtigung dazu, einen solch gattungsübergreifenden Vergleich zu ziehen. Diese Merkmale sind insbesondere die raumzeitlichen Gegebenheiten, innerhalb derer sich die erzählte Handlung abspielt, sowie ihr schematischer Verlauf. Dass diese Merkmale der Erzählung den „Wunschpunsch“ in die Nähe des Dramas rücken und insofern die Berechtigung zum gattungsübergreifenden Vergleich geben, soll unter Rekurs auf einige klassische Dramentheorien plausibel gemacht werden.

a) Die Umsetzung der aristotelischen Einheiten

Mit seinen Abhandlungen zur „Poetik“ hat Aristoteles eine der ersten und sicherlich eine der wirkmächtigsten Literatur-, und darin enthalten insbesondere auch Dramentheorien formuliert. Unter anderen von Aristoteles hier aufgestellten Empfehlungen zu Form und Inhalt des Dramas (oder konkreter: der Tragödie) ist eine besonders zentral: Es ist die Forderung nach Einheit der dargestellten Handlung[3] und der dargestellten Zeit[4]. Die oft propagierte Forderung nach der Einheit des Ortes ist entgegen aller landläufigen Behauptung keine genuin aristotelische und wird in dieser Arbeit, auch aus Platzgründen, nicht geprüft.

Um Missverständnissen vorzubeugen, ist es eminent wichtig, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass der „Faust“ selbst freilich keine der drei Einheits-Forderungen erfüllt. Ziel dieses Abschnittes ist es noch nicht, faktische Parallelen zwischen „Wunschpunsch“ und „Faust“ nachzuweisen, sondern in erster Linie, zu zeigen, dass die Form, in der der „Wunschpunsch“ erscheint, obwohl selbstverständlich epische Merkmale dominant sind, dramatische Züge trägt und diese Form des „Wunschpunsches“ es deshalb grundsätzlich zulässt, Michael Endes Erzählung auch unter Zuhilfenahme dramenanalytischer Begriffe zu fassen.

i) Einheit der Zeit

Ganz unzweifelhaft und deshalb an erster Stelle zu nennen ist die geradezu exemplarische Umsetzung der Forderung nach der Einheit der Zeit in Michael Endes „Wunschpunsch“. Sie ist auch deshalb besonders zentral, weil genau diese Einheit der Zeit für Aristoteles unter zweien eines der ausschlaggebenden Kriterien zur Unterscheidung zwischen epischer und dramatischer Form ist: Das Drama zeichne sich dadurch aus, dass sich seine Ausdehnung innerhalb eines einzigen Sonnenumlaufs, also innerhalb von 24 Stunden halte, wohingegen das Epos im Umfang der abgebildeten Zeit vollkommen unbeschränkt sei.[5]

Der im „Wunschpunsch“ dargestellte Zeitraum ist der von etwa sieben Stunden – von „Fünf Uhr“ am Nachmittag bis um „Zwölf Uhr“ der Silvesternacht, inklusive einiger hinzuzuaddierender Minuten nach diesem Zeitpunkt. Dass diese genaue Angabe gemacht werden kann, ist auch der Organisation der Kapitel des Buches zu verdanken. In seiner Eigenart, die Kapitel anhand der fortschreitenden Zeit am Silvesterabend zu unterteilen, leistet das Werk dabei ein dreifaches: Insofern erstens die Kapitelüberschriften in Form der grafischen Darstellung eines Ziffernblattes dem Rezipienten die Uhrzeit, ihr Fortschreiten und dergestalt das Näherrücken des für den Ausgang der Erzählung entscheidenden Zeitpunktes regelmäßig vor Augen führen, bekommt die Kapitelfolge des Werkes den Charakter eines spannungssteigernden ‚Countdowns‘.[6] Durch diese Form der Organisation rückt das Werk zweitens den auf wenige Stunden begrenzten Zeitrahmen des Dargestellten explizit ins Blickfeld und unterstreicht, vermittels der Kontinuität, in der die Kapitelüberschriften die zeitliche Unterteilung der Erzählung vornehmen, in der Zeitsprünge vermieden werden, drittens die Deckungsgleichheit von Erzählzeit und erzählter Zeit.[7] Beide letztgenannten Leistungen der Kapitelorganisation machen deutlich, wie sehr das Werk daran interessiert ist, eben jene Einheit der Zeit umzusetzen, die Aristoteles für das Drama fordert.

ii) Einheit der Handlung

Etwas weniger eindeutig zu beantworten ist die Frage danach, ob und inwieweit der „Wunschpunsch“ der aufs Drama gemünzten aristotelischen Forderung nach der Einheit der Handlung entspricht. Um die Frage zu beantworten, ist es hilfreich, einen genaueren Blick auf das aristotelische Konzept zu werfen.

Unter die Forderung nach Einheit de Handlung lassen sich durch Analyse des aristotelischen Textes vier Merkmale subsummieren, die für die Organisation der Handlung des Dramas entscheidend sind. Diese sind:

1. Die Abgeschlossenheit durch Anfang und Ende[8]
2. Die notwendige, d. h. kausale Aufeinanderfolge der Einzelelemente der Handlung[9]
und daraus abgeleitet
3. Die Abwesenheit einer (weil für den Kausalablauf der Aufeinanderfolge der Einzelelemente der Handlung unerheblichen) Nebenhandlung[10]
4. Die Zielgerichtetheit der Handlung auf das Ende hin[11], also die stringente Hinarbeit der Handlung auf den Schluss, der selbst wiederum dadurch gekennzeichnet ist, dass er allein keinen Grund für den Fortgang der Handlung mehr setzt.[12]

Eine Handlung hat, mit Aristoteles gesprochen, dann einen Anfang, wenn sie „selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt“[13]. Dieses Kriterium erfüllt der Beginn der Handlungserzählung im „Wunschpunsch“ nicht. Der Besuch des höllischen Beamten Made und die Bedrängnis, der sich der Geheime Zauberrat Irrwitzer dadurch ausgesetzt sieht, folgen mit exakt kalkulierbarer Notwendigkeit aus dem von Irrwitzer mit „Seiner Höllischen Exzellenz“[14] eingegangenen, ihn zur erfolgreichen Durchführung genau spezifizierter Übeltaten verpflichtenden Vertrag, und aus Irrwitzers Nichteinhaltung dieser vertraglichen Vereinbarung. Den Irrwitzer holt hier als Wirkung also lediglich das ein, wozu er selbst bei Eingehung des Vertrages und durch seine Nachlässigkeit im verstrichenen Jahr die Ursache gesetzt hat. Die Handlung der Erzählung begänne, zur Verdeutlichung, dann nicht notwendig, wenn sie etwa vor Eingehung des Vertrages anhöbe – zu einem Zeitpunkt also, zu dem die dem Irrwitzer obliegende Entscheidungsfreiheit den Vertragsschluss nur als Möglichkeit eröffnete, ihn aber nicht mit Notwendigkeit zwang. Im aristotelischen Sinne beginnt die Erzählung deshalb nicht mit einem Anfang, sie setzt viel mehr innerhalb einer bereits begonnenen Handlung ein. Sie nutzt in ihrem Verlauf die Mittel des Epos, um das vor Einsetzen der Erzählung für die Handlung relevante Geschehen aus der Vergangenheit darzustellen. In dieser Hinsicht ist sie deshalb ganz ihrer eigenen und eigentlichen Gattung verpflichtet.

Der Schluss der erzählten Handlung ist allerdings ein Dramen-Ende im aristotelischen Sinne und die Handlung läuft, ebenfalls im aristotelischen Sinne, auch auf dieses Ende zu. Dieses Ende besteht in der Beantwortung der Frage, ob dem Irrwitzer die Lösung des sich ihm stellenden Problems der zeitlich prekären Erfüllung des höllischen Vertrages gelingen wird, oder nicht und in den unmittelbar, noch mit Notwendigkeit folgenden Konsequenzen dieser Lösung oder des Scheiterns an diesem Problem. Genau dieses Scheitern an der Lösung des Problems, die Pfändung des Irrwitzers und den Triumph der tierischen Helden nimmt die Erzählung zum Anlass, zum Ende zu kommen. Die vom Kater Maurizio und dem Raben Jakob in einer einem Epilog gleichenden Szene geschmiedeten Zukunftspläne hindern diese Lesart nicht, sondern unterstreichen sie eher: Des einen Einschlagen einer lang nur herbeifabulierten Sangeskarriere, des anderen Rückkehr ins Nest liegen nunmehr in ihrer beiden Entscheidungsgewalt, sie sind nicht mehr Teil ihrer qua Amtsverpflichtung durch den Hohen Rat der Tiere wie Notwendigkeiten auszuführenden Versuche der Vereitelung der dunklen Pläne des Irrwitzers. Mit der Erfüllung dieser Verpflichtung sind sie aus den Kausalzusammenhängen der Handlung entlassen.

[...]


[1] Michael Ende, Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch. Mit Bildern von Regina Kehn. Stuttgart 1989. Die in dieser Arbeit angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die durch den Thienemann-Verlag lizensierte Ausgabe des Carlsen-Verlags von 2008, die ihrerseits wiederum die Ausgabe des Thienemann-Verlages von 2007 reproduziert. Im Fließtext dieser Arbeit wird das Werk im Folgenden kurz als „Wunschpunsch“ referenzialisiert.

[2] Stefan Neuhaus, Michael Ende. Märchenromane, in: ders., Märchen. Tübingen, Basel 2005 (Uni-Taschenbücher 2693), S. 298-310.

[3] Vgl. Aristoteles, Poetik, 7.

[4] Vgl. Aristoteles, Poetik, 7.

[5] Vgl. Aristoteles, Poetik, 5. Und 7.

[6] Das freilich ist lediglich ein Stilmittel, dessen Vorhandensein noch nichts zum Verhältnis des Werkes zur Form des Dramas beiträgt.

[7] Das Werk ist als ungekürzte Lesung in einer Hörbuch-Ausgabe erschienen. Die Laufzeit dieser Ausgabe liegt bei exakt 5 Stunden und 24 Sekunden. Tatsächlich stimmen Erzählzeit und erzählte Zeit also so genau überein, wie es nur denkbar ist.

[8] Vgl. Aristoteles, Poetik, 7.

[9] Vgl. Aristoteles, Poetik, 7.

[10] Analysiert aus vorstehendem Punkt 2.

[11] Synthetisiert aus Analysen der vorstehenden Punkte 1. Und 2.

[12] Vgl. Aristoteles, Poetik, 7.

[13] Aristoteles, Poetik, 7.

[14] Michael Ende, Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch, S. 15.

Details

Seiten
29
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656316121
ISBN (Buch)
9783656316756
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205348
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Bildungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
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Autor

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Titel: Michael Endes „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“und  Johann Wolfgang von Goethes „Faust“. Erzählerische Ausführungen der Theodizee