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Gawein im Kontext seines Ritterdaseins im "Iwein" Hartmanns von Aue

Ausarbeitung 2009 5 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Die Figur des Gawein ist Teil mehrerer Erzählungen des Hochmittelalters und wichtiger Bestandteil der Artusromane verschiedener Sprachregionen dieser Zeit. Deshalb ist sie auch unter den Schreibweisen Gawain oder Gawan bekannt. Im folgenden möchte ich aber besonders auf charakteristische Merkmale der Gaweinfigur in Hartmann von Aues Erzählung Iwein eingehen.

Gawein ist der Sohn Loths, des Neffen des norwegischen Königs Sichelmus und Geisel des britischen Königs Uterpendragon, und dessen Tochter Anna. Als Folge der Liebe zwischen Loth und Anna heimlich geboren, wird Gawein noch als Säugling zum gallischen Festland gebracht, dort vom Fischer Viamundus erzogen und von ihm nach Rom gebracht, wo der Fischer stirbt. Zu diesem Zeitpunkt ist er zwölf Jahre alt, wird vom Kaiser adoptiert und mit fünfzehn Jahren zum Ritter geschlagen. In den folgenden Jahren erlangt Gawein schon allein deshalb Bekanntheit, weil er mit dem für diese Zeit unüblichen Waffenrock an Turnieren teilnimmt; er sei daher der miles cum armature[1].

Hartmann von Aue weist der Figur Gawein in seiner Erzählung eine Funktion zu, die nur insofern definiert ist, inwieweit sie für den Helden Iwein bei seiner Selbstfindung von Bedeutung ist. Günther Schweikle meint deshalb, dass sie nur inkonsequent als positiver Artusritter angelegt sei[2]. Tatsächlich scheint es dennoch, dass Gawein ein Vorbild als Ritter für die Artuswelt darstellt. Margit M. Sinka bezeichnet ihn gar als „knight of perfection“[3]. Es soll aber noch im folgenden geklärt werden, ob er wirklich alle Voraussetzungen eines perfekten Ritters erfüllt. Auch Hartmann zeichnet vorsichtig ein positives Bild von Gawein und hebt bei ihm Tugenden wie hövescheit (2714/3037) hervor, bezeichnet ihn als guote (5688) und sagt aus, er sei der getriuwe man (2767)[4]. Laut Schweikle ergäbe sich aus diesen positiven Eigenschaften des Ritters ein negatives Bild der Artuswelt: für Hartmann sei die Artusrunde offenbar eine „dunkelmüßige Gesellschaft, die offenbar nur von der Tapferkeit des einen Gawan ihren Ruf nährt.“[5]

Trotz dieses musterhaften Zeugnisses übt Ritter Gawein einen ebenfalls negativen Einfluss auf seinen Freund Iwein aus, Kurt Ruh bezeichnet ihn sogar als ungevelle.[6] So gibt es zum Beispiel Situationen, wo Gawein einen Mangel humanitären Verhaltens und auch fehlende Sensibilität in seiner Rolle als Iweins Freund und Ratgeber beweist, welche allerdings stets rollenbedingt sind.

Ihm fällt die Aufgabe zu, als Artusritter das Höchstmaß an Ehre zu verkörpern. Exemplarisch dazu eignet sich die Szene, wo Gawein Iwein überredet, Laudine zu verlassen und an Turnieren teilzunehmen (2787-2912), indem er ihm das Schicksal Erecs vorhält: „kêrt ez niht al an gemach;/ als dem hern Êreke geschach,/ der sich ouch alsô manegen tac/ durch vrowen Ênîten verlac.“ (2791- 2794). Dabei lässt er völlig außer acht, dass Laudine Iwein gerade aus Bedarf an Schutz und auf der Suche nach einem neuen Brunnenherrn geheiratet hat. Doch Gawein ordnet seine eventuell vorhandenen Bedenken seinem êre- und arbeit-Begriff unter und geht dabei davon aus, seinem gesellen Iwein damit einen guten Rat zu erweisen. In seinen Augen sind Faulheit und gemach eines Ritters unwürdige Eigenschaften; das ritterliche Leben sei ein aktives[7]. Die Ritterlichkeit als solche müsse aber nicht allgegenwärtig zu demonstrieren sein, aber von Zeit zu Zeit praktiziert werden (2854, „so tuo ouch under wîlen schîn/ob er noch rîters muot habe“). Man erkennt an Aussagen wie diesen, wie präzise Gawein seine Vorstellung des Ritterdaseins formuliert hat. Entsprechend dieses Ehrenkodexes hat Hartmann von Aue Gawein zu einer aufmerksamen und nachdenklichen Figur geformt.[8]

Seine Freundschaft zu Iwein hat Gawein ebenfalls seinem triuwe-Begriff angepasst, doch ist besonders zu Anfang der Iwein-Erzählung ein gewisses Maß von Ungleichgewicht in ihrem Verhältnis zu spüren, der unserer modernen Vorstellung von Freundschaft nicht mehr entspricht; für Margit M. Sinka zeigt sich die Lücke zwischen den beiden Gefährten, als Gawein beim Versuch, Iwein zum Verlassen Laudines zu bewegen, sich ihm gegenüber als „the more experienced knight“[9] gibt. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass Gawein sich durchaus seines Status als ehrenvoller Ritter bewusst ist. Für Iwein jedenfalls ist Gawein bestimmend für sein Tun; der âventiure zum Brunnen folgt er nur deshalb unverzüglich, um diesem zuvorzukommen, dabei handelt er so, wie Gawein es in seinen Augen tun würde.[10] Auch wenn Hartmann behauptet, Gawein sei ein treuer Freund von Iwein (2700/2701), so kann das doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gawein die Quelle von Iweins Fall, Bewährung und Begnadigung ist.[11]

[...]


[1] Fritz Peter Knapp: Vom höfischen Roman zur historischen Biographie: Jung-Gaweins Abkunft und Aufstieg. in: Fritz Peter Knapp: Historie und Fiktion in der mittelalterlichen Gattungspoetik, Bd. 2. Heidelberg: Universitätsverlag 2005, 85.

[2] Günther Schweikle: Zum Iwein Hartmanns von Aue. Strukturelle Korrespondenzen und Oppositionen. in: Festschrift für Käte Hamburger zum 75. Geburtstag. Stuttgart: Klett 1971, 18.

[3] Margit M. Sinka: 'Der höfschste man':An Analysis of Gawein's role in Hartmann von Aue's Iwein. in: MLN, 96 (1981), 471.

[4] alle Versangaben sind der folgenden Iwein-Ausgabe entnommen: Hartmann von Aue: Iwein. Studienausgabe. Berlin: de Gruyter 1965.

[5] Schweikle, 18.

[6] zitiert in: Sinka, 472.

[7] Schweikle, 17.

[8] Sinka, 474.

[9] Ebenda.

[10] Sinka, 473.

[11] Sinka, 476.

Details

Seiten
5
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656316961
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205273
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,3
Schlagworte
Hartmann von Aue; Iwein; Gawein; Ritter; Ritterdasein; ungevelle;

Autor

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