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Antike und Europa - Versuche, eine europäische Identität auf antiken Wurzeln zu gründen

Richard Coudenhove-Kalergi und die Paneuropa-Union

Essay 2009 7 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

„Unser Kontinent ist berufen, die Ideale von Freiheit und Menschenwürde in der Welt zu vertreten.“ Mit diesem pathetisch anmutenden Satz schloss die Internationale Paneuropa-Union ihre Grundsatzerklärung vom 10. Dezember 1995 in Straßburg, mit der sie ihre tiefe Verbundenheit „den politischen Ideen und Idealen“ ihres Gründers, Richard Coudenhove-Kalergi, ausdrückte. Innerhalb der Europabewegung galten er und seine Paneuropa-Union als Wegbereiter der europäischen Integration, doch die schillernde Person Coudenhove-Kalergis sowie seine unzähligen Schriften fanden dabei besonders Beachtung. Otto von Habsburg, Präsident der Paneuropa-Union bis 2004, sah in ihm einen Propheten Europas, während andere ihn als „Grandseigneur der Europabewegung“ oder als „kosmopolitischen Edelmann“ bezeichneten. In seinem Eifer, eine europäische Identität zu formen, wurden jedoch seine Monomanie und sein „aristokratischer Führungsanspruch“ kritisiert. Die in seinen Kampfschriften, von denen „Paneuropa“ wohl die bedeutendste ist, verkündeten Einigungsideale sind möglicherweise deshalb bis heute nicht realisiert worden. Die Wurzeln seines

kosmopolitischen Denkens liegen dabei vorwiegend in seiner Biografie.

Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi wurde am 17. November 1894 als Sohn des österreichisch-ungarischen Diplomaten Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi und der Japanerin Mitsuko Aoyama in Tokio geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Isolation zu anderen Kindern auf Schloss Ronsperg im Böhmerwald. Eine frühe kosmopolitische Prägung erfuhr er durch die Herkunft seiner Eltern: „Als Kinder eines Europäers und einer Asiatin dachten wir nicht in nationalen Begriffen, sondern in Kontinenten.“ Die Tatsache, dass Coudenhove von englischen und französischen Gouvernanten sowie von einem russischen Lehrer erzogen und dass in der Familie neben Deutsch auch Japanisch und Englisch gesprochen wurde, dürften für seine Weltoffenheit von Bedeutung gewesen sein. Nach dem Studium der Philosophie und Geschichte in Wien beantragte Coudenhove 1921 seine Aufnahme in die Freimaurerloge der „Humanitas“. Seine Daseinsberechtigung als Mitbruder begründete er auf den „Ideen der Völkerversöhnung und Völkerverbrüderung“ einerseits und angesichts seiner unzweifelhaften Abstammung andererseits. In letzterer sah er vor allem sein Wesen als Weltbürger und den aristokratischen Führungsanspruch:

„Die Coudenhoves, von nordbrabantischem Uradel, kämpften im niederländischen Freiheitskrieg auf Seiten der Habsburger und wanderten damals nach Flandern. In den Revolutionskriegen, als die Habsburger aus Belgien vertrieben wurden, folgten sie ihren Kaisern nach Österreich. Die Kalergis sind Nachkommen der byzantinischen Kaiserdynastie Phokas. Im dreizehnten Jahrhundert führte dieser Zweig der Phokas zum ersten Male den Namen Kalergis – zusammengesetzt aus den beiden griechischen Wörtern Kalon=schön und Ergon=Tat.“

Mit diesem Verweis auf seine Abstammung von Herrschern jenes Oströmischen Reiches, das im Gegensatz zu seinem weströmischen Pendant nach der Teilung im Jahr 395 einen Zusammenbruch bis zum Einmarsch der Türken in Konstantinopel 1453 vermeiden konnte, ist es möglich zu

schlussfolgern, dass sich Coudenhove als Nachkomme dieser in der Antike wurzelnden Kaiserdynastie sah.

Nach einem zerstörerischen Ersten Weltkrieg mit einem in seinen Augen in Fanatismus ausartenden Nationalismus erachtete Coudenhove die Einigung Europas als notwendig, um den kulturellen Niedergang Europas zu verhindern. In der Einleitung seines Essaybands Krise der Weltanschauung (1923) schreibt er: „Zwischen der moralischen und politischen Krise Europas besteht ein innerer Zusammenhang.“ Seiner Meinung nach resultiere diese Krise aus dem Untergang des Christentums und damit der christlichen Moral, zerstört durch Aufklärung und Naturwissenschaften, aber durch nichts ersetzt. Die idealtypische Stilisierung des Mittelalters erfolgt durch Coudenhove aufgrund seiner romantisch anmutenden Auffassung, dass die Völker Europas im Mittelalter allein durch ihren christlichen Glauben geeint waren, bis zur lutherischen Reformation im 16. Jahrhundert. Hier erfolgte in seinen Augen die Spaltung in zwei Glaubenslager und der Niedergang der kulturellen Einheit Europas.

Coudenhove sieht zwei kulturelle Fundamente Europas, die es zu verteidigen gilt: den „hellenischen Individualismus“ und den „christlichen Sozialismus“, wie Paul Michael Luetzeler es ausdrückt. Diese manifestieren sich vor allem in der ausdrucksstarken Symbolik, die sich Coudenhove zu eigen machte, um sein Weltbild in der Paneuropa-Politik umzusetzen. Er wählte zunächst als Motto einen Leitspruch des Heiligen Augustinus, jenes Kirchenvaters, „der mit der Loslösung des Pax - Begriffs vom irdischen Leben die Friedensidee in Gott begründete“: „In necessariis unitas - in dubiis libertas - in omnibus caritas.“ Die Verbindung zwischen Antike und Christentum zeigt sich im Emblem der Paneuropa-Union. Es handelt sich hierbei um das Sonnenkreuz, welches aus einem schmalen roten Kreuz auf einer goldenen Scheibe bestand. Das rote Kreuz symbolisiert dabei als überkonfessionales Zeichen für Menschlichkeit die christliche Ethik und Kultur, die goldene Scheibe als hellenisches Sonnensymbol für den golden Himmel Apolls die heidnische Schönheit, die Aufklärung, den Geist, das Leben. Die kulturelle Basis Europas sieht Coudenhove auf eben dieser jüdisch-antik-christlichen Tradition begründet, deren Einheit sogar stärker als die der chinesischen oder indischen Kultur sei. Das, was sich deutsche, französische oder italienische Kultur nennt, sei laut Coudenhove nur eine Spielart der europäischen Kultur, deren Wurzeln jedoch alle in der Antike liegen. „Diese Kultur entstand vor zweieinhalb Jahrtausenden in Athen. Noch sind Spuren dieser griechischen Kultur der Freiheit, der Schönheit und der Persönlichkeit in Europa lebendig: in Kunst und Philosophie, Wissenschaft und Politik.“

[...]

Details

Seiten
7
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656316152
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205271
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Schlagworte
Richard Coudenhove-Kalergi; Coudenhove; Kalergi; Paneuropa; Antike; Europa; Odysseus; Otto von Habsburg;

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Titel: Antike und Europa - Versuche, eine europäische Identität auf antiken Wurzeln zu gründen