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Der Diskurs über Organspenden im Lichte der Gouvernementalitätsstudien

Eine Untersuchung des medialen Diskurses des Organmangels, mithilfe Foucaults Regierungsbegriffs

Bachelorarbeit 2012 43 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist ein Diskurs?

3. Die Gouvernementalität als Möglichkeit Regierungsrationalitäten zu untersuchen
3.1. Die Funktionalität von Macht und Wissen
3.2. Eine Genealogie der Macht – Von der Souveränitätsordnung zur Bio-Macht
3.3. Wirkung von Bio-Macht und Rassismus auf Körper und Leben
3.4. Die Gouvernementalität – Regierung der Subjekte mithilfe der Freiheit
3.5. Zusammenhang von Bio-Macht und Gouvernementalität

4. Gouvernementale Implikationen im Diskurs über den Organmangel
4.1. Modelle zur Behebung des Organmangels
4.2. Vorsorge- oder Fürsorgerationalität in den Modellen
4.3. Anrufung der Subjekte als OrganspenderInnen und deren Rationalitäten
4.3.1. Anrufungen in Zeitungsartikeln und im Internet
4.3.2. Anrufungen in der Schule
4.3.3. Anrufungen in Werbekampangen

5. Fazit - Zusammenfassung und Ausblick

6. Anhang
6.1. Abbildung 1
6.2. Abbildung 2
6.3. Abbildung 3
6.5. Abbildung 4

7. Quellenverzeichnis
7.1. Literaturverzeichnis
7.2. Internetquellen
7.3. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Am 25.05.2012 hat der Deutsche Bundestag eine Neuregelung der Organspende beschlossen. Die erweiterte Zustimmungslösung[1] soll durch die Entscheidungslösung ersetzt werden. Neu ist, dass die Krankenkassen ihre PatientInnen alle zwei Jahre anschreiben und mit der Frage nach der Organspende konfrontieren sollen. Diese kann mit „ja“, „nein“ oder „ich weiß es nicht“ beantwortet werden. Es gibt keine Pflicht diese Frage zu beantworten, was bedeutet, dass der Brief unbeachtet entsorgt werden kann. Bei einer Nichtentscheidung soll wie zuvor im Fall des Hirntodes die Familie entscheiden. Das Gesetz ist ein zentrales Diskursereignis, welchem eine lange Diskussion über die Möglichkeiten und die Notwendigkeit einer Behebung des Mangels an Organen vorausging.

„Ziel des Gesetzes ist es, die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland zu fördern“ (Deutscher Bundestag, 21.03.2012, 17/9030). An dem Problem den Organmangel zu beheben sind unterschiedliche AkteurInnen beteiligt. Diese Arbeit soll die verschiedenen AkteurInnen der Organspende auf ihre Rationalitäten zu Regieren untersuchen außerdem soll die These geprüft werden, ob die Gouvernementalität mit verschiedenen Rationalitäten das Wohl der Bevölkerung und des Lebens steigert, indem die Subjekte durch biopolitische Technologien sich selbst regieren und fremd regiert werden.

Im ersten Teil der Arbeit soll Foucaults Verständnis von einem Diskurs genauer erläutert werden, um eine Grundvoraussetzung für die Diskussion über den Organmangel mit Hilfe von Foucaults Regierungsbegriff zu schaffen.

Im zweiten Teil der Arbeit wird die Gouvernementalität als Analysekonzept erläutert. Vor allem Thomas Lemke hat in der deutschen Gouvernementalitätsforschung einen zentralen Beitrag zum Verständnis der foucaultschen Gouvernementalität geleistet. Diese Arbeit bezieht sich auf sein Verständnis und seine Interpretation von Gouvernementalität. Im Besonderen soll Bezug auf „Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität“ (Lemke, 2007) genommen werden. Wie bereits angekündigt soll nicht ein Analysekonzept Foucaults separat betrachtet, sondern die Verbindung von Subjektivität, Biopolitik, Macht, Wissen und Gouvernementalität aufgezeigt werden. Es soll gezeigt werden, was Regierung alles umfasst und das diese nicht ausschließlich einer Rationalität, sondern durch die Vielfältigkeit der Machtverhältnisse ganz unterschiedlichen Rationalitäten folgt. Dieser Abschnitt wird mit Beispielen aus dem Diskurs über die Organspende belegt, um die Verständlichkeit der Theorie zu verbessern.

Um Foucaults Regierungsbegriff analysieren zu können, wird ein Verständnis seiner Macht- und Wissenskonzeption (3.1.) benötigt. Die Entwicklung hin zu einer Machtkonzeption welche aktuell die Bio-Macht darstellt soll aufgezeigt werden (3.2). In diesem Zusammenhang soll sein Konzept von Bio-Macht und dessen Bedeutung für den Körper und das Leben deutlich gemacht werden (3.3.). Des Weiteren ist der Begriff der Regierung ohne Freiheit und Subjekt nicht denkbar, dies soll genauer erläutert werden (3.4.). Am Ende des zweiten Teils soll der Zusammenhang von Bio-Macht, wie auch Gouvernementalität mit ihrer Zielsetzung aufgezeigt werden (3.5.).

Im dritten Abschnitt soll der mediale Diskurs über den Organmangel untersucht werden. Zum einen, ob die Modelle den Organmangel zu beheben, eine Vorsorge oder Fürsorgerationalität der Regierung wiederspiegeln. Des Weiteren soll untersucht werden, wie Subjekte angerufen werden und welche Rationalitäten hinter den verschiedenen Anrufungspraktiken zu erkennen sind. Zum einen sollen Tageszeitungen wie DIE WELT, die tageszeitung, die Süddeutsche Zeitung und die BILD analysiert werden. Es werden ausschließlich Onlineartikel aus den Jahren 2008-2012, verwendet, welche mit der einfachen Suchfunktion („Organspende“) auf den jeweiligen Internetseiten gefunden wurden. Der Grund für die Auswahl dieser vier Zeitungen liegt sowohl in dem jeweiligen Klientel, welches angesprochen werden soll, als auch in der Größe der LeserInnenschaft[2].

Da Werbekampangen allen zugänglich sind, ist es kaum möglich, nicht von ihnen angesprochen zu werden, wenn sie mit großen Plakaten auf Bussen bzw. überall in der Berliner Innenstadt zu finden sind. Aus diesem Grund sollen die zwei großen Werbekampangen vom deutschen Herzzentrum aus den Jahren 2009 und 2010 zur Analyse herangezogen werden. Außerdem soll die Postkarten Werbeaktion vom Berliner Senat aus dem Jahre 2009 mit einbezogen werden. Des Weiteren werden die Onlineveröffentlichungen und Debatten des deutschen Ethikrates, wie auch die des Bundestages zu diesem Thema untersucht. Auch Krankenkassen werben gerade für Jugendliche mit Musikprojekten und DVDs. Da Jugendliche nur selten auf Zeitungsartikel reagieren, soll die Informations-DVD der BZgA[3] und der Techniker Krankenkasse „Organspende macht Schule“ durchleuchtet werden (Techniker Krankenkasse, 2012).

Bei der expliziten Suche nach kritischen Texten zum Thema biopolitisches Regieren und Organspende werden vereinzelt Artikel im Internet z.B. Bioskop-forum.de gefunden. Das Buch „Körper Gabe“ von Mona Motakef reiht sich in die kritische Betrachtung biopolitischen Regierens ein und ist derzeit eins der einzigen veröffentlichten Bücher zur Analyse von Gouvernementalität und Organspende. Motakef hat in diesem Werk die „fachöffentlichen Aussagen vielfältiger Wissenschaftskulturen“ (Motakef, 2011, 126) nach ihren Rationalitäten von Regierung befragt. Die Arbeit soll an Motakef´s Analyse der Fachöffentlichkeit, mit einer Analyse von medialen Berichten und Anrufungen staatlicher Gesundheitspolitiken anknüpfen.

Im letzten Abschnitt sollen darauf aufbauend noch einmal die zentralen Verbindungen des Foucaultschen Denkens und dem Diskurs über Organspenden zusammengefasst werden.

Die Betrachtungs- und Analyseweise reiht sich in die foucaultsche Denkart ein, da sie sich in ihrer Untersuchung auf seine Modelle beruft. Das zeigt, dass auch eine kritische Denkweise in Bezug auf die Bioethik, Eingang in den Diskurs über Organspende findet. Dies ist noch stark unterrepräsentiert und für Menschen ohne Kenntnisse über die kritische Bioethik nicht verständlich, dass nur ein kleiner Teil der Subjekte in diesem Diskurs davon geprägt sind. Diese Arbeit reiht sich mit in eine foucaultsche Analyse des Diskurses der Organspende ein und muss somit auch als kleiner Teil dessen gesehen werden.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Komplexität des Begriffs der Gouvernementalität herauszuarbeiten, ihre Widersprüchlichkeit zu kennzeichnen und diese an dem Diskurs über die Organspende zu erläutern. Die Arbeit soll aufzeigen, nach welchen Rationalitäten die Bevölkerung und die Individuen regiert werden bzw. sich selber regieren, wenn es darum geht Organe zu spenden, um den Organmangel zu beheben.

Foucaults Thesen wurden häufig verwendet, indem sie aus dem Gesamtkontext seines Schaffens herausgelöst betrachtet wurden, um in völlig anderen Bereichen zur Anwendung zu kommen. Diese Arbeit versucht die Zusammenhänge des Denkens von Foucault aufzuzeigen, indem viele seiner Thesen und Analysen verknüpft werden sollen. Dadurch geht ein Stück weit an Tiefe verloren. Aus diesem Grund soll die Arbeit zeigen, dass es möglich ist Foucaults Denken in einem Sinnzusammenhang zu betten und sich trotzdem auf einzelne Diskurse zu beziehen „[…] ist das Denken Foucaults also weitaus konsistenter und kontinuierlicher, als gemeinhin behauptet wird“ (Gudmand-Hoyer, 2011, 14). Widersprüche, welche dadurch entstehen, gilt es aufzugreifen und anzuerkennen. Er hat immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass seine Analysen als Werkzeugkasten zu verstehen sind und bei einem Diskurs immer wieder aufs Neue geprüft werden müssen, um eventuell umformuliert zu werden. Foucault führt seinen Analysen stets neue Elemente hinzu, welche fortwährend sein komplexes Verständnis von Gesellschaft reformulieren. (vgl. Gudmand-Hoyer, 2011, 61). Dies passiert, da „[er] noch nicht genau weiß, was [er] von dem halten soll, was [ihn] so sehr beschäftigt“ (Foucault, 2005d, 52) wenn er über ein Thema nachdenkt und schreibt.

Von Zentraler Bedeutung sei noch genannt, das nur durch die Analyse dessen, was der Diskurs der Organspende aufzeigt noch keine Wertung auszumachen ist. Die Frage der Kritik und Wertung soll am Ende reflektiert werden.

2. Was ist ein Diskurs?

Ein Diskurs besteht für Foucault aus einem Wissen von dem, was als wahr und richtig gilt (von einem Großteil der Subjekte anerkannt wird) und dem, was noch nicht ganz wahr und richtig ist (von einer Minderheit der Subjekte anerkannt wird). Es existiert ein ständiger Austausch zwischen den Individuen als Träger von Wissen, welche die neuen Wahrheiten erschaffen, alte stützen oder bekannte transformieren. Dieser Austausch (re-)produziert und modifiziert die Diskurse. Foucault überwindet den vermeintlich existierenden Gegensatz zwischen diskursiven Praktiken (wissenschaftliche Aussagen, philosophische Theorien, moralische Imperative, Kommunikation auf allen Ebenen) und nicht-diskursiven Praktiken[4] (Äußerlichkeiten, Institutionen, Handeln auf der Grundlage von Wissen), indem er beide zum Gegenstand seiner Machtanalyse macht. Diskurse sind „als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ (Foucault, 1988, 74) und beinhalten immer nur ein eingeschränktes Feld von Wahrheiten. „Gegenstände“ meint in diesem Zusammenhang Themen, Theorien und Aussagen welche aus dem Diskurs verschwinden oder neu hineintreten können. Dies funktioniert über Wahrheit und Wissen, welches als wichtig oder unwichtig, bzw. wahr oder falsch angesehen wird, indem es an Macht verliert. Bei der

[…] Produktion des Diskurses [wird Wissen] zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert […]- und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen. (Foucault, 1991, 11)

Der Diskurs organisiert das Sagbare zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte in Verbotenes und Erlaubtes, Vernünftiges und Wahnsinniges, sowie Wahres und Falsches (vgl. Foucault, 1991,11-13)[5]. Somit soll im Diskurs untersucht werden, wie Ausschluss von Wissen und Einschluss von Wissen sich gebildet haben bzw. welche Veränderungen sich vollziehen und welchen Bedürfnissen dies entspricht (Foucault, 1991, 38). Es wird Wahrheit benötigt, damit Macht funktionieren kann, wodurch die Subjekte angeleitet und gelenkt werden können.

Die Diskurse sind nicht zu trennen von ihren Machtwirkungen, welche die Wahrheiten besitzen. Einzelnes Wissen hat zu einem bestimmten Zeitpunkt mehr Macht und anderes Wissen weniger Macht, doch im Laufe der Zeit und im Kampf um den Wahrheitsanspruch kann sich diese Macht immer wieder verschieben.

Es sind keine einzelnen Subjekte oder einzelne Institutionen, welche die Macht zur Produktion von Diskursen besitzen. Macht ist Produkt eines historischen Prozesses, der von allen Individuen in die Institutionen, von den Institutionen in die Individuen und von Individuum zu Individuum getragen wird. Subjekte denken, entwickeln, glauben, internalisieren und beschreiben Diskurse in ihrem Umfeld. Dies tun sie auch als TrägerIn einer Position und als MitarbeiterIn in einer Institution. Daraus folgt ein ständiges Wechselspiel zwischen Subjekten welche die Diskurse herstellen und den Diskursen, welche die dazugehörigen Individuen als Subjekte produzieren und modifizieren. Das funktioniert immer durch Machtwirkungen und deren Kräfteverhältnisse.

Was dann juridisch verankert wird bzw. Geltung beansprucht, hängt zum großen Teil davon ab, was ein Großteil der Individuen des Diskurses denkt und handelt. Dies spiegelt sich in den konsumierten Medien der Individuen wieder. Doch auch die Fachdiskussion im Bereich der Medizin und Ethik hat einen Einfluss darauf, in welche Richtung sich sowohl der Diskurs als auch Recht und Moral entwickelt.

3. Die Gouvernementalität als Möglichkeit Regierungsrationalitäten zu untersuchen

3.1. Die Funktionalität von Macht und Wissen

Von besonderer Bedeutung für das Verständnis der Analysen Foucaults ist sein Verständnis von Macht. Foucaults Begriff der Macht weicht von dem gewöhnlichen Verständnis im Sprachgebrauch ab, in welchem Macht als etwas Negatives begriffen wird, gegen das gekämpft werden muss. Macht ist hier etwas Produktives und Allgegenwärtiges.

Foucault dagegen geht es darum zu untersuchen, wie Macht ausgeübt wird, „also was da geschieht“ (Foucault, 2005b, 251). Er benötigt für sein Verständnis von Subjekt und Gesellschaft Werkzeuge, um Macht auch außerhalb der rechtlichen und institutionellen Modelle zu untersuchen (vgl. Foucault, 2005b, 241). Unser alltägliches Verständnis von Macht im Sinne von Recht und Institutionen würde sich in Bezug auf die Organspendepraxis auf die Parteien und Gesetze beziehen, welche die Organisation der Organspende übernehmen. Ein Beispiel dafür ist die Regelung, dass die Familie im Falle eines Nicht-Vorhandenseins eines Organspendeausweises für denjenigen entscheiden soll, der Hirntod ist. Oder die Pharmakonzerne, welche durch den Geldfluss Macht besitzen, um die Organspende zu ihrem Vorteil zu organisieren. Foucault distanziert sich von einem solchen Machtbegriff als „staatliches Oben“ bzw. als Besitz an Produktionsmitteln.

Es ist die „Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen“ (Foucault, 1977, 93), die Pluralität der Macht, welche über staatliche Institutionen hinaus wirkt. Machtverhältnisse sind zwischen allen Subjekten, Gruppen, Institutionen, Akteuren und Objekten zu finden, da sie nicht von einer Gruppe oder Person besessen werden können. Macht findet in den Meinungen der Individuen über Organspende statt und wie sie diese untereinander vertreten. Sie findet sich in Werbekampangen, in Zeitungsartikeln, in den Familien, in öffentlichen Diskussionen des Ethikrates, von Medizinern, Juristen und allen Subjekten wieder, welche den Diskurs des Organmangels mitprägen. Sie ist ein Beziehungsgeflecht, welches von allen Punkten aus wirkt und den Objekten und Subjekten verinnerlich ist. Es existiert kein isolierter Ort, an welchem sie existiert oder nicht existiert. Macht ist omnipräsent; jede/r übt sie aus und sie ist überall. Es lassen sich Absichten und Zielsetzungen der Macht ausfindig machen, aber die Ergebnisse sind nicht Produkt eines handelnden Subjekts.

Die Macht ist nicht etwas, das man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht. (Foucault, 1977, 94)

Es existiert somit nicht eine zentrale Person, welche entscheidet was in Bezug auf die Organspende passieren soll. Alle Individuen, welche sich mit dem Thema befassen oder sich nicht damit befassen führen Macht aus und können Prozesse anstoßen, ohne diese geplant zu haben. Foucault bezeichnet das Netz der Macht als Gesamteffekt aller Machtmechanismen. Es sind auch keine Ideologien am Werk, denn Macht ist immer Wahrheit und Wissen, welches eine Wirkung entfaltet, indem es akzeptabel für Individuen wird. Dies soll am Beispiel von Herz-und Hirntod[6] näher erklärt werden. Die Individuen versuchen nicht den Hirntod als Tod zu definieren, nur um an Organe zu kommen. Dies kann nur gemacht werden, da der Hirntod als Wahrheit anerkannt wird. Mithilfe der Medizin sehen wir dieses Wissen als Wahrheit an und die Individuen, die wissenschaftlich forschen tun dies auch. Subjekte, welche ihre Zweifel am Hirntodkonzept haben, versuchen den Sachverhalt auch mit wissenschaftlichem Wissen und Wahrheit zu belegen.

Wenn Hirntodkonzept nicht mehr als Wahrheit anerkannt wird, kommt es zu einem „Formwechsel der Macht“ (Ladwig, 2009, 201). Dieser Formwechsel war der Zeitpunkt, an welchem das Herztodkonzept vom Hirntodkonzept abgelöst wurde, da dieses nicht mehr wissenschaftlich vertretbar war indem neue wissenschaftliche Wahrheiten entdeckt wurden. Eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses im Diskurs hat in Bezug auf den Herztod zu einer Verschiebung von Wahrheit geführt. Im Moment können wir uns nicht mehr vorstellen, Menschen mit Herz-Tod als SpenderInnen zu nehmen, da dies nicht mehr in unser Wissen von Wahrheit passt. Diese Macht hat somit ihre Form gewechselt.

Foucaults Analyse ist nicht zu verstehen, ohne die Idee des Widerstandes mit einzubeziehen.

Und wenn wir wissen möchten, was Machtbeziehungen sind, müssen wir vielleicht die Widerstände dagegen untersuchen und die Bemühungen, diese Beziehungen aufzulösen.“ (Foucault, 2005b, 243)

Widerstand ist auch eine Form der Macht, welcher versucht eine andere Wahrheit zu verbreiten und die bestehenden Kräfte zu schwächen. „Widerstand funktioniert vielmehr als Versuch einer taktischen Umkehrung der lokalen Machtverhältnisse“ (Sarasin, 2005, 153). Hier kann die Kritik am Hirntodkonzept beispielhaft genannt werden, die versucht mit ihrer Wahrheit und ihrem Wissen mehr Macht zu erlangen.

Nach Foucault wird Widerstand benötigt, damit das Feld der Macht nicht erstarrt und zu Herrschaft wird, denn dann tauchen widerständige Machtgeflechte auf und versuchen die bestehenden Verhältnisse zu verändern. Aus diesem Grund ist Macht immer produktiv und erfinderisch. Sobald sie einen negativen Charakter bekommt, wird sie zu Herrschaft und Gewalt. Es sind Spielräume, in denen Macht und Widerstand ihre Wirkung entfalten.[7]

Mit diesem Hintergrund versucht Foucault die verschiedenen Mächte und Kräfteverhältnisse, zu den verschiedenen Zeiten und Orten ausfindig zu machen, um sie bestimmten Rationalitäten, Wahrheiten und einem bestimmten Wissen zuzuordnen. Er tut dies, ohne eine Bewertung dessen vorzunehmen, da er jede Macht als ein Produkt von relativen Wahrheiten versteht.

Auch den Begriff des Wissens verwendet Foucault in einer anderen Form als üblich. Wissen ist für ihn all das, was in einem Diskurs für wahr gehalten wird. Es interessiert nicht, ob das für wahr gehaltene, auch wirklich wahr ist. Wissen ist relativ da es immer in Bezug zum Kräfteverhältnis steht. Es existieren Effekte, welche zu einem Diskursereignis führen, wenn etwas als wahr gilt. Diese Ereignisse und deren Hintergründe interessieren Foucault in seinen Analysen.

3.2. Eine Genealogie der Macht – Von der Souveränitätsordnung zur Bio-Macht

Der zuvor erläuterte Machtbegriff entstand, indem Foucault verschiedene Untersuchungen über die Gesellschaft und ihre Geschichte angestellt hatte. Mit diesen Untersuchungen konnte er herausfinden, wie Macht funktioniert. Eine zentrale Bedeutung für den Untersuchungsgegenstand der Organspende ist die Verschiebung der Machtmechanismen im 19. Jh. von der Souveränitätsordnung über eine „Ökonomie der Macht“ (vgl. Lemke, 1997, 134) in Form von Disziplinen zu einer neuen, die Bevölkerung regulierenden Bio-Macht. Dies hat zur Folge, dass medizinisch-biologische Diskurse in ökonomische Systeme eingefügt werden, um den größtmöglichen Nutzen aller Individuen zu erzeugen und eine optimale Funktionalität der Macht gewährleisten zu können (vgl. Lemke, 1997, 129). Ziel dieser neuen Macht ist es, das Wohlergehen aller zu steigern. Das funktioniert über eine Macht als „Vermögen, sich selbst und andere zu lenken, ohne dass dies jedoch zum völligen Verschwinden der anderen Machtkonzeptionen führen würde“ (Gudmand-Hoyer, 2011, 55). Die Machtkonzeptionen vor dieser neuen regulierenden Bio-Macht definierte Foucault als Souveränitäts- und Disziplinarmacht.

Die Souveränitätsmacht kann als Form von Herrschaft[8] definiert werden; es ist das „Recht des Souveräns gegenüber seinen Untertanen“ (Foucault, 1977, 131). Das Souverän besitzt das Recht über Leben und Tod, er „offenbart seine Macht über das Leben nur durch den Tod, den er zu verlangen imstande ist.“ (Foucault, 1077, 132) durch „direkte Macht“, „Abschöpfung“ und „Strafe“.

In Überwachen und Strafen zeigt Foucault auf, wie sich die Souveränitätsordnung zu einer Disziplinarordnung verschoben hat. Am Beispiel der Strafmethoden wird gezeigt, dass die Rationalität des „Martern“, „Zerstückeln“, „Verstümmelns“ und der „peinlichen Strafen“ abgeschafft wurde und „eine neue Moral des Strafaktes“ (Foucault, 1976,20) in Form von Ausschließung im Gefängnis zutage tritt.

Diese neue Moral nennt er Disziplinarmacht. „Verschwunden ist der Körper als Hauptzielscheibe der strafenden Repression“ (Foucault, 1976, 15). Die Disziplinarmacht ist ein System, welches auch weiterhin auf die individuellen Körper gerichtet ist, allerdings nicht in Form von Repression, sondern als Entfaltung der Fähigkeiten durch Lenkung.

Der Körper funktioniert allerdings anders als noch bei der Souveränitätsmacht, nicht als Angriffspunkt von Schmerz, sondern als Zugangsinstrument zur Seele. „Die Entdeckung des Körpers als Gegenstand und Zielscheibe der Macht“ (Foucault, 1976, 174) soll die Fähigkeiten der „Mensch-Maschine“ steigern. Die Menschen sollen so ökonomisch wie möglich nutzbar gemacht und politisch unterworfen werden. In diesem Sinne sollen sie auf der einen Ebene geschwächt und auf der anderen gestärkt werden. Dies funktioniert über Codes und Signale, welche der Körper durch Institutionen wie Schule, Gefängnis, Familie, wie auch durch die Einbindung aller in den Prozess internalisiert hat. Das bedeutet eine ständige Kontrolle durch ein gesellschaftliches Panopticon (siehe Abbildung 1). Die Individuen lernen in den Institutionen Codes des richtigen Verhaltens und geben diese von Individuum zu Individuum weiter. Durch die Eröffnung von Kontrolleinrichtungen und Überwachungstechnologien kann die Disziplinarmacht ohne Herrschaft wirken. Das Panopticon ist das „Ideal moderner Macht, da sie […] schon präventiv abweichendes Verhalten verhindern kann“ (Biebricher, 2005, 101). Durch die Internalisierung des richtigen Verhaltens durch die Kontrollinstanzen und ihrer Rationalität und ihres Wissens geht die Prüfung in die Individuen über, welche sich selbst und alle anderen unter diesen Kriterien beobachten. Das Wissen, selbst unter Beobachtung zu stehen und andere zu beobachten, führt zu einer Selbstdisziplinierung und Selbstregulierung, welche ein Individuum zum Subjekt macht (vgl. Biebricher, 2005, 101). Biebricher spricht in diesem Fall von einer „aufgezwungenen Subjektivität“ (Biebricher, 2005, 102). Somit sind wir „eingeschlossen in das Räderwerk der panoptischen Maschine, das wir selber in Gang halten - jeder ein Rädchen“ (Foucault, 1976, 279).

[...]


[1] Jede/r der/die einen Organspendeausweis besitzt wird OrganspenderIn bei Hirntod. Falls er/sie keinen besitzt sollen Familie und Freunde nach dem möglichen Willen des Betroffenen entscheiden.

[2] Es werden analysiert: Die BILD als konservative Boulevardzeitung mit der größten LeserInnenschaft (12,5 Mio), die Süddeutsche Zeitung als linksliberale überregionale Tageszeitung mit der zweitgrößten LeserInnenschaft (1,3 Mio), DIE WELT als konservative überregionale Tageszeitung mit der viertgrößten LeserInnenschaft (0,7 Mio) und die tageszeitung als linksalternative überregionale Tageszeitung mit der achtgrößten LeserInnenschaft (0,4 Mio).

[3] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

[4] Die Frage was nicht-diskursive Praktiken sind und ob diese überhaupt existieren, ist ein ungelöster Gegenstand der Diskurstheorie. Im Anschluss an Daniel Wrana und Antje Langer, welche diese Problematik an verschiedenen Gegenständen erprobt haben, geht diese Arbeit in ihren weiteren Ausführung davon aus, dass der Unterscheidung diskursiv und nicht-diskursiv zu viel Bedeutung beigemessen wird, und das Eine ohne das Andere nicht denkbar ist. Praktiken erhalten das Diskursive wie auch das Nicht-diskursive in unterschiedlicher Weise.(vgl. Wranda, Langer, 2007, 61f)

[5] In „Die Ordung des Diskurses“ besitzen Diskurse für Foucault einen Zwangscharakter. Dies bedeutet, dass sie in einer negativen Konzeption verbleiben, welche dem Anspruch einer positiven und produktiven Wirkung noch nicht gerecht wird.

[6] Die Frage nach dem Ende des Lebens wird in unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten von der Wissenschaft verschieden beantwortet. Das Hirntodkriterium wurde 1968 eingeführt. Hirntod bedeutet, dass das gesamte Gehirn unwiderruflich gestorben ist. Der Rest des Organismus kann ausschließlich mithilfe von Apparatemedizin am Leben gehalten werden. Somit funktioniert das Herz-Kreislauf System noch bei Hirntoten. In diesem Zustand ist es Frauen sogar noch möglich ein Baby auszutragen („Erlanger Baby“). Bevor der Hirntod als sicheres Todeskriterium galt, war es der Herztod und Ausfall der Atmung welche den Menschen als Tod definierten. Der Herztod gilt in Deutschland nicht als sicheres Todeskriterium, anders als in den Ländern Österreich, Spanien, Niederlande. In diesen Ländern muss ausschließlich der Herztod festgestellt werden. Beide Konzepte stehen immer mal wieder in der Kritik, sodass gesagt werden kann, dass keine Konzeption des Todes zu hundert Prozent anerkannt wird. Der Hirntod wird von seinen Kritikerinnen als unwiderruflicher Sterbeprozess definiert. Sterben bedeutet allerdings, noch nicht ganz Tod zu sein. Bei dem Herztod kommen viel mehr SpenderInnen in Frage, da sobald Lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt worden sind, der Herztod herbeigeführt werden kann. (vgl. Vilmar, 1997 und Siegmund-Schultze, 2008)

[7] Die Frage nach dem Außerhalb der Macht bleibt bei Foucault unbeantwortet. Es wird nicht unbedingt ein Außerhalb der Macht benötigt, da wir mit Foucaults Macht nicht in Dichotomien denken müssen (von innen und außen, oben und unten). Auch Lemkes Einwand, das Macht und Widerstand „vollkommen determiniert“ (Lemke, 1997, 119) seien, ist unwichtig, da es die unterschiedlichsten Kräfteverhältnisse und Widerstände gibt, welche die Gesellschaft immer wieder aufs Neue nach den jeweiligen rationalen Wahrheiten verändern. Es ist nicht vorherzusehen, welches Kräfteverhältnis wahr wird. Wenn wir Kritik einbringen, wobei Kritik nach Foucault bedeutet „nicht dermaßen regiert zu werden“ (Foucault, 1992, 11), kann mit dieser Kritik der Diskurs verändert werden, denn auch Foucault glaubt an besseres und schlechteres Wissen bzw. bessere und schlechtere Wahrheit, wofür man Widerstand ausübt. Es gibt nicht ein großes Gesamtkonzept der Macht und somit ist dies ein Weg den Widerstand produktiv zu gestalten. Die kritische Bioethik kann somit auch als Widerstandsform gedacht werden und doch ist sie Teil des Diskurses und somit Teil der Macht. Mit der kritischen Bioethik versuchen die Subjekte „nicht dermaßen regiert zu werden“.

[8] Herrschaft ist das Gegenteil von Macht. Es blockiert Machtbeziehungen, indem es das Feld unbeweglich macht. Es existiert keine Freiheit, sondern Zwang. (Lemke, 1997, 304)

Details

Seiten
43
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656328766
ISBN (Buch)
9783656329084
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205242
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Schlagworte
diskurs organspenden lichte gouvernementalitätsstudien eine untersuchung diskurses organmangels foucaults regierungsbegriffs

Autor

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