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Möglichkeiten einer transdisziplinaren Arbeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften in der Geschlechterforschung

Essay 2010 8 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das biologische Geschlecht

3. "Doing Gender Konzept“

4. Möglichkeiten einer transdisziplinaren Arbeit

1. Einleitung

Mann oder Frau? Was ist Caster Semenya? Ist es wichtig was Caster Semenya ist? Sie ist ein Mensch und definiert sich selbst als Frau. Caster Semenya muss, um in der Sportwelt anerkannt zu werden, von der Wissenschaft geschlechtlich bestimmt werden. Bei der Leichtathletik Weltmeisterschaft 2009 in Berlin gewann Caster Semenya beim 800m Lauf die Goldmedaille, welche ihr nur anerkannt werden sollte, wenn ein Geschlechtstest Caster Semenya genetisch als Frau definiert. Caster Semenya wurde der Titel zwar anerkannt, allerdings herrscht bis zur endgültigen Klärung des Geschlechts ein Startverbot. In der Sportwelt herrscht Gender Trouble[1], da keine unserer gesellschaftlich anerkannten Schemata und Differenzierungskategorien von männlich und weiblich bei Semenya übereinstimmen. Geschlecht ist in unserer Gesellschaft omnipräsent.

Was ist Geschlecht? Wie werden die Geschlechter definiert? Auf welche Bereiche unserer vergeschlechtlichten Identität (gender) wirkt sich Geschlecht (sex) aus?[2]

Diese Fragen werden von naturwissenschaftlichen Theorien anders beantwortet als von philosophisch-feministischen.

Doch auch innerdisziplinär herrscht kein Konsens bei der Beantwortung dieser Fragen. Ursache hierfür sind verschiedene Zugänge zu einer vermeintlich richtigen Erkenntnis[3], was Geschlecht ist und wie Geschlecht sein kann.

Der erste Teil dieser Arbeit analysiert die Unterscheidungsmöglichkeiten der biologischen Geschlechter (sex) auf Grundlage der bio-medizinischen Forschung. Mit Hilfe des „Doing Gender Konzepts“, welches auf West und Zimmerman[4] zurückzuführen ist, soll der kulturelle

Produktionsprozess von Geschlecht (sex und gender) offengelegt werden.

Der Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Frage inwieweit diese zwei Arten von Zugängen zur Wissenschaftlichkeit sich ergänzen und zusammenarbeiten können. Ist es möglich, dass sich die Forschungsergebnisse der jeweils anderen Quelle von Erkenntnis einer kritischen Prüfung unterziehen? Wo liegen die Möglichkeiten eines solchen Gesprächs?

2. Das biologische Geschlecht

Im klassischen Stufenmodell der 50er Jahre, welches bis heute das bekannteste in der Bio-Medizin ist, werden zwei Kategorien von biologischem Geschlecht (sex- vom lateinischen secare; schneiden, trennen)[5] ausdifferenziert; bezeichnet werden sie mit männlich und weiblich. Die Unterscheidung der Geschlechter erfolgt auf der Grundlage der Körper. Doch wo genau werden Geschlechtszuschreibungen und Differenzen in der Biologie vorgenommen und wie begründet? Es existieren 4 Ebenen für die Differenzierung der Geschlechter. Die Trennung des chromosomalen Geschlechts erfolgt auf Grundlage der Zellen des Körpers, welche bei weiblichen Individuen zwei X Chromosomen und bei männlichen ein X und ein Y Chromosom vorweisen. Dieser Unterschied stellt die vermeintlich primäre Geschlechterdifferenz. Darauf aufbauend kommt es zu einer Ausprägung des gonadalen Geschlechts bei Männern in Form von Hoden, Nebenhoden und Samenleiter und bei Frauen in Form von Eierstöcken und Eileiter. In den männlichen und weiblichen Gonaden werden sogenannte Geschlechtshormone[6] (Androgene und Östrogene) produziert, welche auf die Entwicklung der männlichen und weiblichen Körper (Anatomie und Physiologie) vor der Geburt und während der Pubertät Einfluss nehmen und das hormonelle Geschlecht definieren. Auf dieser Ebene wird in den Naturwissenschaften das geschlechtsspezifische Verhalten untersucht und erklärt (z.B. Testosteron als Ursache für Aggressivität). Des Weiteren entwickelt sich das morphologische Geschlecht durch die Differenzierung in innere (männliche: Samenleiter, Samenbläschen, Prostata/ weibliche: Eileiter, Uterus, Vagina) und äußere (männliche: Hodensack, Penis/ weibliche: Klitoris, große und kleine Schamlippen) Geschlechtsorgane.[7]

Im ´Normalfall´ stimmen alle 4 Ebenen überein.

Doch es gibt ´Zwischenräume´, welche das Bild der Zweigeschlechtlichkeit erschüttern. Als eine Möglichkeit ist hier auf der Ebene des morphologischen Geschlechts der Intersex (Pseudohermaphroditismus marculinus, Pseudohermaphroditismus feminismus, echte Hermaphroditen) zu nennen, bei welchen die äußeren Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig definierbar[8] (Mikropenis, vergrößerte Klitoris) bzw. bipolare innere Merkmale (Hoden und Eierstöcke) vorhanden sind.

Eine weitere Möglichkeit sind hormonelle Differenzen zwischen den Geschlechtern. Diese äußern sich zum Beispiel in Form von Gynäkomastie (Brüste bei Männern) und Hirsutismus (starke Behaarung bei Frauen im Gesicht, auf der Brust, am Stamm und an den Oberschenkeln).

Hier spielt die Natur mit der vermeintlich natürlich und genau definierten Zweigeschlechtlichkeit der Geschlechter. Von der Bio-Medizin werden in diesen natürlichen Variationen Begrifflichkeiten wie „Syndrom“, „disorder“, „Störung“ und ähnliches verwendet, um Individuen mit diesen körperlichen Merkmalen durch subjektive Bewertung und kulturelle Festsetzung der biologischen Phänomene in das System der Zweigeschlechtlichkeit einzugliedern.[9] Durch diese Eingliederung und doch nicht hundertprozentige Übereinstimmung mit einer der beiden Kategorien kommt es auf symbolischen Wege zu Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen, welche bei den Individuen zu psychischen Störungen führen können, da diese Menschen sich anormal fühlen und diese Gefühle von der Gesellschaft geschürt werden.

[...]


[1] In Anlehnung an den Originaltitel des Werkes von Judith Butler „Das Unbehagen der Geschlechter“.

[2] sex (biologisches Geschlecht), gender (soziales Geschlecht)

[3] Vgl. Bauer; Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung; 2006; S. 247ff.

[4] Vgl. West, Zimmerman, Doing Gender; 1987; S. 125-151.

[5] Vgl. Haeberle; 2003; http://www2.hu-berlin.de/sexology/ECD1/index1.htm .

[6] Die Bezeichnung Geschlechtshormone ist verwirrend gewählt, da die jeweiligen Hormone nicht geschlechtsspezifisch vorzufinden sind, sondern bei allen Menschen im Körper existieren.

[7] vgl. Schmitz; Geschlechtergrenzen. Geschlechtsentwicklung, Intersex und Transsex im Spannungsfeld zwischen biologischer Determination und kultureller Konstruktion; 2006; S.36. und Haeberle; 1978; http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/die_entwicklung_der_geschlecht.html .

[8] Im Sinne von weiblich oder männlich.

[9] Vgl. Schmitz; Geschlechtergrenzen. Geschlechtsentwicklung, Intersex und Transsex im Spannungsfeld zwischen biologischer Determination und kultureller Konstruktion; 2006; S. 42.

Details

Seiten
8
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656315865
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205240
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
möglichkeiten arbeit geistes- naturwissenschaften geschlechterforschung

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