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Türkei zwischen Laizismus und Religion

Das Wahlverhalten der türkischen Bevölkerung im Zusammenhang mit der Religion

Bachelorarbeit 2012 35 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1. Allgemeine Einführung über den Einfluss der Religion auf die Politik
1.1. Religion und Politik in seinen Anfängen und ihre Beziehung in der Gegenwart

2. Das Verhältnis der türkischen Politik zur Religion
2.1. Zum Begriff des Islams
2.2. Zum Begriff des Laizismus
2.3. Türkei und der Kemalismus
2.3.1. Entstehungsfehler des Kemalismus
2.4. Laizismusverständnis der Türkischen Republik
2.4.1. Das Präsidium für religiöse Angelegenheiten, Diyanet (Diyanet İşleri Başkanlığı)
2.4.2. Kemalistischer Einfluss heute
2.5. Politisierung des Islams

3. Vorstellung ähnlicher Studien
3.1. „Religion and Voting Behaviour in Great Britain: A Reassessment“ von Laurence A. Kotlerberkowitz
3.2. “Determinants of Support for EU Membership in Turkey: Islamic Attachments, Utilitarian Considerations and National Identity” von Cigdem Kentmen

4. Vorstellung der eigenen Studie
4.1. Hypothesen
4.2. Forschungsgegenstand
Abhängige Variable
Unabhängige Variablen

5. Vorstellung der Ergebnisse und Auswertung Multivariate logistische Regression:

6. Fazit

7. Anhang:

Probleme bei der Bachelorarbeit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Bachelorarbeit soll der Einfluss der Religion auf die Politik in der Türkei untersucht werden. Hierfür wird zunächst eine allgemeine Einführung über den Einfluss von Religion auf die Politik dargestellt werden und der politische Umgang mit diesem in der Gegenwart durch moderne Staaten. Danach soll das türkische Verhältnis zur Religion durch Darstellung des Islam, des türkischen Regierungssystems und seinem politischen Umgang ab der 1960er Jahre herauskristallisiert werden. Anschließend soll im Rahmen dieser Bachelorarbeit eine eigene Studie präsentiert werden, die die religiöse Motivation der türkischen Wähler in der Gegenwart aufzeigen soll. Diese „eigene“ Studie enthält Elemente aus einer Studie zum religiösen Wahlverhalten der Briten.

1. Allgemeine Einführung über den Einfluss der Religion auf die Politik

Die Religion ist die Basis der Entstehungsgeschichte nahezu aller heute existierender Staaten. Sie unterscheidet heute noch die Lebensstile, Verhaltensweisen, Wertvorstellungen und die Einstellung von religiösen und nicht-religiösen Personen. Doch mit der Säkularisierung verlor die Religion in modernen Gesellschaften zunehmend an Bedeutung. Dies ist besonders dann interessant, wenn beobachtet werden kann, dass religiöse Überzeugungen das Handeln von Individuen in sozialen und politischen Gemeinschaften beeinflussen kann.

Das Verhältnis zwischen Politik und Religion ist weit gefächert. Das Ziel der Politik ist die eigene Interessensicherung durch Erwerb und Verteidigung von Macht. Daher stellt sich die Frage, wie sehr die Religion mit dem Ziel der Politik zusammenhängt. Religion kann gesellschaftspolitisch als Integrations- bzw. Identitätsfaktor fungieren oder aber auch eine Diskrepanz zwischen religiösen und nicht-religiösen oder anders religiösen Personen verursachen. Fakt ist, dass in vormodernen Gesellschaftssystemen der Religion eine hohe Legitimationsbedeutung zugeordnet wurde. Ob in modernen Gesellschaften und Demokratien die Religion die Herrschafts- und Gesellschaftssysteme legitimiert oder legitimieren darf, hängt von dem Säkularismusverständnis der jeweiligen Staaten ab. Für die Politik ist ein Zusammenspiel mit der Religion auf zwei Arten möglich: Die Religion kann als Hintergrundfaktor des politischen Handelns dienen oder als Absicherung des eigenen politischen Handelns und Herrschens (Bellah, 1967). Ferner ist es fraglich, ob religiöse Werte für das Individuum und sein politisches Leben bedeutend sind. Dennoch können religiöse Handlungen die Einstellung des Individuums zur Politik prägen. Das Zusammenspiel von Religion und Politik ist abhängig von der Zusammensetzung des Parteiensystems und Verfügbarkeit bestimmter Parteien oder Machtverhältnisse. Eine allgemeingültige Aussage über die Rolle der Religion in der Politik ist nicht möglich. Auch die Demokratiefähigkeit der Staaten mit religiösen Elementen hängt nicht unbedingt davon ab (Karakas, 2007).

1.1. Religion und Politik in seinen Anfängen und ihre Beziehung in der Gegenwart

Der Ursprung des Zusammenspiels zwischen Religion und Politik ist historisch zurückführbar. Die Religion galt zunächst als Legitimationsgrundlage für Herrschaftssysteme, wie zum Beispiel das Gottesgnadentum des Absolutismus oder die Scharia des Koran. Die Religion diente zur Absicherung der politischen Herrschaft, deshalb wurden öffentlich religiöse Rituale durchgeführt, wie etwa Krönungen neuer Könige. So sollte der Herrschaftsanspruch der von Gott „Auserwählten“ sichtbar gemacht werden. Mit der Aufklärung verlor die Kirche in westlichen Ländern immer mehr seinen Legitimationsanspruch und die politische Herrschaft musste neue Wege finden, ihre Legitimation zu erhalten. In der islamisch geprägten Welt kam die Welle der europäischen Aufklärung nur spärlich an, dort legitimiert in Ländern wie Saudi-Arabien noch heute die Religion die Herrschaft.1

In modernen Gesellschaften wurde nach und nach die Trennung von Religion und Politik mit der Aufklärung bevorzugt. Besonders Demokratien griffen auf nicht-religiöse Legitima tionsformen zurück. Eine solche Trennung von Religion und Staat wird für gewöhnlich schriftlich und dauerhaft, zum Beispiel in Verfassungen, fixiert. Die Religion wird so in das Privatleben verdrängt und durch die Einführung der Religionsfreiheit geschützt. Die Religionsfreiheit führt allerdings auch zum politischen Pluralismus, da jede religiöse Organisation die gleichen zivilen Rechte genießt. Dementsprechend haben demokratische politische Systeme einen Hang zur größtmöglichen Zulassung von religiösem Pluralismus. So steht der Gedanke über die Freiheit des Individuums im Einklang mit dem demokratischen Denken und die Haltung religiöser Vormachtstellungen, die die Gesellschaften und Herrschaftssysteme zuvor kulturell prägten, werden zunehmend untergraben. Diese Maßnahme wird von einem charakteristischen Denkbild abgeleitet, das den Einfluss der Religion auf die Politik in modernen Gesellschaften als etwas „Unnatürliches“ bezeichnet und darauf abzielt, diesen Einfluss möglichst gering zu halten (Habermas, 2009). Durch dieses Gedankenbild wird der Einfluss der Religion auf politische Systeme unterdrückt und zuvor religiös begründete Entscheidungen werden als irrational und undemokratisch entwertet. Die Distanzierung von Religion und Politik ist fester Bestandteil moderner Demokratien, besonders in christlichen Staaten, die primär von einer Trennung von Kirche und Staat sprechen. Jedoch kommen vermehrt auch nicht-christliche Staaten zu dem Wunsch, den Einfluss religiöser Würdenträger auf die Wahlen der Regierung zu minimieren. Diese Haltung führt aber nicht gezwungenermaßen zur absoluten Trennung von Religion und Staat. Zwischen den europäischen Staaten variiert das Mitspracherecht der Kirchen bei politischen Belangen sehr stark. Ein gutes Beispiel hierfür findet sich in der Gestaltung der neuen Verfassung der Europäischen Union. Darin sind sich die Mitgliedstaaten uneinig, ob ein Bezug zur Religion hergestellt werden sollte (Belafi, 2007). In modernen Gesellschaften spricht man von zweierlei Einflussfaktoren: Ein Faktor ist die Idee der Entwicklung einer religionübergreifenden „Zivilreligion“ (Bellah, 1967). Dieser Faktor soll die Integration religiöser Elemente in die politische Kultur eines Staates begünstigen, um, durch die daraus resultierenden religiösen Moralvorstellungen der politischen Gemeinschaft, Einfluss auf das politische System zu üben. Der zweite Faktor soll durch die Trennung von Religion und Staat und durch das Einführen der Religionsfreiheit den öffentlichen Diskurs der Religionskultur beeinflussen (Casanova, 1994) (Putnam, 2000). Letzterer wird als positive Entwicklung gesehen, da die Religion frei in seinem Rahmen agieren kann, ohne Einfluss auf die Politik zu nehmen. Problematisch wird es aber, wenn die öffentlichen Diskurse über die religiös bedingte Moralvorstellungen und Weltanschauungen hervorrufen, die wiederum politisch „benutzt“ werden können. (Pippa Norris, 2004). Eine enge Verbindung zwischen Religion und Politik führt unbedeutend, ob es sich um islamische Länder handelt (Voeglin, 2007) oder politische Ideologien mit „(christlich-) religiösen Techniken“ entwickelt werden (Faber, 1997), zu einer Stagnation von Modernisierungs- und Demokratisierungsprozessen (Huntington, 1996).

Dennoch spielt die Religion eine bedeutende Rolle auch in modernen Gesellschaften. So stellt sich die Frage, inwiefern die Politik religiöse Konflikte verursacht oder bereits vorhandene Konflikte in einem Staat verschärft. Schmidt behauptet, die „Religion (sei) per se keine Konfliktursache […] (aber) bewirkt die Politisierung und Instrumentalisierung von Religion in Konflikten häufig eine Eskalation der Gewalt“(Schmidt, 2003). Auch für das Individuum können religiöse Wertevorstellungen, die konkret vorgegeben sein können, eine Bedeutung haben. Selbst in den als säkular eingestuften modernen westlichen Gesellschaften kann man nicht von einer absoluten Trennung von Religion und Politik sprechen. Zwar nimmt der religiöse (kirchliche) Einfluss zunehmend ab, jedoch ist dieser heute noch präsent (Bizuel, 2009).

2. Das Verhältnis der türkischen Politik zur Religion

Um das Verhältnis der türkischen Politik zum Islam zu verstehen, ist es im Rahmen dieser Bachelorarbeit sinnvoll, den Begriff des Islams und des Laizismus zu erklären und die ethische Vielfalt der Türkei vorzustellen. Die Art und Weise der Gründung der türkischen Republik prägt heute noch die Gesellschaft, daher sollte sie kurz veranschaulicht werden. Daraus ergibt sich auch die Problematik des politischen Einflusses islamischer Parteien und ihrer WählerInnen.

2.1. Zum Begriff des Islams

Die Anhänger des Islams sind Muslime - „der sich Ergebende“ . Fast alle Türken (über 90%) bekennen sich zum Islam, daher ist die türkische Gesellschaft muslimisch dominiert. Der Begriff „islamisch“ ist eine Umschreibung der Gesellschaft und hat eine eher soziokulturelle und rituelle Dimension. Die Menschen sollen also nach den Werten des Korans handeln und ihren religiösen Pflichten nachkommen. Die türkische Gesellschaft ist zwar islamisch, aber ein Staat ist kein islamischer Staat, wenn seine Verfassung ihn nicht beherbergt. In der Türkei herrscht weder das islamische Recht (Scharia) noch Teile davon, daher ist die Türkei ein säkularer Staat mit einer islamisch geprägten Gesellschaft.

Der Begriff Islamismus bzw. islamistisch ist ideologisch geprägt. Demnach wird die politische Herrschaft durch die „Allgemeingültigkeit des Koran“ legitimiert. In diesem Fall ist der Islam eine öffentliche Verfassung, die die Politik unterordnet, gemäß dem Leistpruch „Der Islam ist Religion und Staat“ (al-islam diu wa daula) (Mattes, 2007). Das islamische Recht hat Einfluss auf das gesamte öffentliche Leben, wie etwa auf die Gesellschaft, Kultur, Bildung und Wirtschaft. Auch heute noch ist es Ziel der Islamisten einen islamischen Staat zu schaffen. Im deutschen Sprachgebrauch muss man daher zwischen islamistisch und islamisch zu unterscheiden lernen. Nur so ist es möglich die relativ liberale islamische Politik in Ländern wie Marokko, Tunesien oder Jordanien mit Saudi Arabien, Suda oder Afghanistan mit dem Taliban Regime zu unterscheiden. Auch muss die Art und Weise der Machterlangung durch Islamisten differenziert betrachtet werden. Sie kann sowohl demokratisch (wie z.B, in Marokko oder Jordanien) oder militärisch (wie z. B. in Ägypten, Afghanistan, Pakistan) erlangt werden. In der türkischen Bevölkerung leben schätzungsweise 10% Islamisten. Aber auch Islam ist nicht gleich Islam. So kann unterschieden werden zwischen Sunniten, die Schiiten2 und die Aleviten3. Die Türkei ist nicht nur in seiner ethnischen Bevölkerung heterogen, sondern auch in seiner religiösen. Der Großteil der Muslime in der Türkei ist mit etwa 80.85% sunnitisch und mit 15-20% alevitisch. Die alevitische Gemeinde ist ethnisch geteilt in 75% Türken und 25% Kurden, dies ist allerdings nur eine ungefähre Einteilung, da in der Bevölkerungsstatistik der Türkei nicht zwischen den verschiedenen Formen des Islams unterschieden wird (Tan, 1999) (Karakas, 2007). Dennoch kann festgestellt werden, dass die Sunniten weltweit mit 85% aller Muslime die Mehrheit darstellen. Lediglich im Iran, Irak, Bahrain, Aserbaidschan, Jemen, Oman und Libanon stellen sie eine Minderheit dar. Dort sind die Muslime überwiegend schiitisch.

2.2. Zum Begriff des Laizismus

Um den Begriff des Laizismus zu verstehen, muss man auf den Unterschied zum Säkularismus hinweisen. Da die Türkei das einzige laizistische Land mit einer islamischen Gesellschaft ist, bietet es sich an Vergleiche mit Europa zu ziehen. Begriffe wie Laizismus und Säkularismus lösen verschiedene Assoziationen aus. Das westliche Säkularisierungsverständnis orientierte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Max Webers Religionssoziologie. So war die Trennlinie zwischen Fortschritt und Reaktion vergleichbar mit Aufklärung und christlicher Moral. Die Säkularisierung wurde als ein Modernisierungsprozess gesehen, der sich auf Staat und Gesellschaft erstreckte und diese neu formte. Heute wird und sollte er differenzierter betrachtet werden. José Casanova unterscheidet zwischen drei Aspekten der Säkularisierung: Die Ablösung und Emanzipation weltlicher Bereiche von religiösen Einrichtungen und Normen, dem Niedergang religiöser Überzeugungen und Verhaltensformen und der Abdrängung der Religion in die Privatsphäre (Casanova, 1992). Heute ist Säkularismus in vielen modernen Staaten als ein fester Bestandteil festgelegt, allerdings unterscheiden sich die Staaten in ihrer Strenge bei der Trennung zwischen Staat und Religion. Es gibt verschiedene Systeme und Modelle, wobei kein System oder Modell demokratischer sein muss als das andere. In Deutschland etwa erleben wir ein Konkordatssystem. Das bedeutet, dass in der Bundesrepublik Deutschland staatliche Finanzämter im Auftrag der Kirche Kirchensteuern erheben dürfen und das christliche Feiertage gesetzlich geschützt sind. Außerdem ist der Religionsunterricht ein fester Bestandteil deutschen Schulen und in vielen katholisch geprägten Teilen Deutschlands, wie in etwa einem Großteil Bayerns, hängen Kruzifixe in Schulen und Gerichtshöfen. Zudem sind auch religiöse Parteien wie etwa CDU/CSU legitim. In den Niederlanden herrscht das Versäulungsmodell. Katholiken, Protestanten und andere religiöse Gruppen, auch muslimische, bilden je eine Säule der Gesellschaft. In diesen Säulen dürfen sie eigene Institutionen unterhalten, darunter Parteien, Vereine und Einrichtungen im Gesundheits-, Bildungs- und Medienwesen. Das Verständnis von Säkularismus in Großbritannien ist wieder eine gänzlich andere. Seit dem 16. Jahrhundert hat nicht der Papst den Vorsitz in der anglikanischen Staatskirche, sondern das britische Staatsoberhaupt:derzeit Queen Elizabeth II. Somit stehen der Staatskirche gewisse Privilegien zu, die Bischöfe etwa unterstehen dem britischen Oberhaus. Sie werden vom Premierminister und Staatsoberhaupt gemeinsam ernannt (Karakas, 2007).

Diese Beispiele beweisen, dass eine im Sinne des Laizismus strikte Trennung von Religion und Staat nicht notwendig ist, um eine funktionierende Demokratie zu erreichen. Die drei genannten Länder sind einer säkularen Rechtsordnung untergeordnet, sind allerdings nicht laizistisch. Die einzigen laizistischen Staaten in Europas sind Portugal und Frankreich. Sie interpretieren den Laizismus als Sicherung der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Dennoch stellt sich hier die Frage, in wiefern christliche geprägte Länder, wie die genannten Beispiele mit islamisch geprägten Ländern, wie etwa der Türkei,vergleichbar sind, die eine ganz andere religiöse Kultur pflegen. José Casanova beschreibt die Säkularisierung in Europa vielmehr als eine „Entkirchlichung“ und religiöse Individualisierung. So behauptet Casanova, dass „die Europäer selbst in den am stärksten säkularisierten Ländern zu großen Teilen immer noch [sich] als „christlich“ “bezeichnen, obwohl sie ihre religiöse Kultur weniger öffentlich ausleben (Casanova, 2004).

2.3. Türkei und der Kemalismus

Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches gründete Mustafa Kemal Atatürk 1923 die türkische Republik mit damals revolutionären Grundsätzen, den Alti Ok (Sechs Pfeile), wie sie heute genannt werden. Diese sind der Republikanismus (cumhuriyet ç ilik), der besagt, dass die Türkei eine republikanische Staatsform hat und keine andere. Der Populismus (halk çı l ı k) der ein Konzept zur klassenübergreifenden Kooperation vorgibt. Der Laizismus (laiklik), dieser beinhaltet die Enthaltung religiöser Würdenträger in staatlich-politische Belange (dazu mehr in: Der Begriff des Laizismus). Der erste Schritt hierzu war die Kontrolle des religiösen Apparats und der Verbot aller religiösen Parteien. Der vierte Pfeil ist der Revolutionismus/ Reformismus (devrimcilik). Durch ihn soll garantiert werden, dass die türkische Republik die Modernisierung auch Jahrzehnte später immer vorantreiben muss und die türkische Gesellschaft weiter umgestalten soll. Der Nationalismus (milliyet ç ilik) bestimmt, dass ein jeder in der Türkei Lebender unabhängig von seiner Religion oder Herkunft ein Türke ist, sofern er/sie dies möchte. Dies findet sich in dem Ausdruck „Ne mutlu türküm diyene“ (zu deutsch: Froh sei derjenige, der sagt: Ich bin ein Türke). Der Nationalismus lehnt den Turanismus und den Panislamismus ab. Diese Ideologien verfolgen eine gesellschaftliche Rassentrennung oder eine Trennung nach Religion. Der letzte Pfeil ist der Etatismus (devlet ç ilik). Dieser legitimierte das Eingreifen des Staates in die Wirtschaft wie ein Unternehmer. Der Grund hierfür waren die fehlende Infrastruktur und mangelnde Industrialisierung zu Beginn der türkischen Republik, daher war der Staat dort unternehmerisch tätig, wo privatwirtschaftliches Engagement fehlte. Durch den Etatismus wurde zwischen 1933 und 1938 der fünfjährige Industrieplan realisiert.

Diese sechs Grundpfeiler sind heute Teil der Ideologie des Kemalismus. Doch der Kemalismus machte Fehler in der Realisierung seiner Pläne, die heute noch die Gesellschaft der Türkei prägen (M. Heper, 1993) (Zürcher, 2004). Die Durchsetzung dieser sechs Pfeile der jungen Republik wurde durch ihre einzige Partei CHP (Cumhurriyet Halk Partisi) bis 1946 unterstützt (Taniyici, 2003). Die Modernisierung, besonders die Säkularisierung des Landes war die höchste Priorität der jungen türkischen Republik. Der Einfluss des Islams auf die Politik, die Wirtschaft oder die Bildung wurde hierbei als die größte Gefahr angesehen und sollte eliminiert werden, da sie als der Feind der Modernisierung angesehen wurde (Mellon, 2006). Die Kemalisten lehnten es ab ein neues Osmanisches Reich zu gründen, in der die Religion erneut die Macht innehatte. So wurden religiöse Begehren in der Politik ausdrücklich abgelehnt, dennoch lehnten die Kemalisten ihre islamische Herkunft und die islamische Tradition nicht ab (Çolak, 2003). Mit dem Säkularisierungsprozess begann auch der Konflikt der Religion in der Türkei. Auch heute noch sieht sich Atatürks Partei CHP als Beschützer des Staates neben anderen kemalistischen Eliten und „verteidigt“ die Türkei vor „den Gefahren des Islam“ (Dursun, 2006).

[...]


1 Saudi-Arabien hat die Regeln der Shariah in seiner Verfassung verankert (siehe: Article 8 in http://www.mideastinfo.com/documents/Saudi_Arabia_Basic_Law.htm Letzter Zugriff: 31.08.2012)

2 Der größte Unterschied zu den Sunniten ist, dass der Kalif (der oberste Führer) der Schiiten ein rechtmäßiger Nachfolger des Propheten Mohammed oder seines Schwiegersohnes Ali sein muss, während die Sunniten den Kalif selbst wählen

3 Aleviten sind innerhalb der mystischen Bruderschaft der persischen Safawiden im 13. Jh. in Ostanatolien entstanden. Das Alevitentum ist eine autonome Glaubensgemeinschaft, die in ihrer Entwicklung christliche und gnostische Elemente adoptiert hat, die stärksten Unterschiede zu Sunniten und Schiiten sind: Sie befolgen nicht die fünf Säulen des Islam, sie beten nicht in Moscheen, sondern in eigenen Gemeindehäusern (Cemevi), keine Trennung zwischen Mann und Frau, keine Verschleierung der Frau.

Details

Seiten
35
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656317715
ISBN (Buch)
9783656318651
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205198
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,7
Schlagworte
Türkei wahlverhalten laizismus religion politik erdogan akp kemalismus atatürk islam

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Titel: Türkei zwischen Laizismus und Religion