Lade Inhalt...

Erfolgreiche Kooperationen zwischen Sportvereinen und Ganztagsschulen

Eine Untersuchung am Beispiel der Kooperationen des Basketballvereins "Basket Dragons Marzahn e.V."

Bachelorarbeit 2011 60 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorstellung des Themas

2 Entwicklung von Ganztagsschulen in Deutschland

3 Sportvereine als auRerschulische Kooperationspartner
3.1 Die Bedeutung von Sportvereinen in der Bildungslandschaft
3.2 Bedenken derVereine gegenuber der Ganztagsschule
3.3 Motive der Sportvereine zur Kooperation

4 Schule alsKooperationspartnerfur Sportvereine
4.1 Motive fur Schulen zur Kooperation mit Sportvereinen
4.2 Kooperationsmodelle „Schule-Verein“
4.2.1 Additive Kooperationsmodelle
4.2.2 Integratives Modell

5 Bedingungen fur eine erfolgreiche Kooperation von Sportvereinen mit Ganztagsschulen
5.1 Vorbereitung derKooperation
5.1.1 Ausgangsbedingungenanalysieren
5.1.2 Formulierung derKooperationsziele
5.1.3 Schaffen von Rahmenbedingungen
5.2 Durchfuhrung der Kooperation
5.2.1 Aufbau einer erfolgreichenKommunikation
5.2.2 Zusammenarbeitund gemeinsameQualifikation
5.2.3 0ffentlichkeitsarbeit
5.3 AuswertungderKooperation
5.3.1 Abgleich der Ziele mitdemErreichten
5.3.2 Reflexion der eigenen Rolle
5.3.3 Kontinuitat gewahrleisten
5.4 Einfluss und Gewichtung der formulierten Gelingensbedingungen

6 Untersuchung der Ganztagsschulkooperationen des Basketballvereins 25 „Basket Dragons Marzahn e.V.“
6.1 Interviewsmit denKooperationspartnern
6.2 Bewertung der Kooperationen

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

9 Internetquellen

10 Anhang

Interviews

1 Vorstellung des Themas

Kein bildungspolitisches Thema wurde in den letzten zehn Jahren so intensiv disku- tiert wie die Einfuhrung der Ganztagsschule. Obwohl die Einfuhrung oft als Reakti- on auf die PISA-Studie von aus dem Jahr 2000 gesehen wird, wurde bereits in den 1970er-Jahren daruber diskutiert (Holtappels & Rollet, 2009, S. 63). Die Befurwor- ter versprechen sich von der Ganztagsschule institutionelles Mittel gegen soziale Ungleichheit und fur die individuelle Forderung von Schulern. Daruber hinaus sollen Kinder mit Migrationshintergrund besser integriert werden. Die Ansatze der Ganz­tagsschule werden von den Fachgremien als besonders reformorientiert charakteri- siert. Sie richten die Schulentwicklung auf ein „Leben und Lernen“ in der Schule aus (Bocker & Laging, 2010, S.9). Mit dem Slogan ,,Ganztagsschulen. Zeit fur mehr“ (BMBF, 2010a) wirbt die Bundesregierung fur einen Schultyp, welcher der Bildung einen groReren Anteil am Alltag der Schuler zusichert. Damit vollzieht sich derzeit im deutschen Bildungssystem eine ,,mentale Wende“ (Schultz, 2011, S. 3) von der Halbtagsbildung zur Ganztagsbildung. Diese Ausweitung des Schultages auf den Nachmittag geht mit einer verringerten Freizeit zu Ungunsten der Familien, der Freunde und des organisierten Sports einher. Da fur Kinder und Jugendliche in Deutschland der organisierte Vereinssport am Nachmittag eine sehr groRe Rolle spielt, kommt es zwischen Schule und Sportverein zu einem Interessenkonflikt. Spannend ist die Frage, wie diese Konflikte in der Praxis gelost werden und ob da- bei sogar wertvolle Synergieeffekte entstehen konnen. Dazu sind naturlich von al­len Beteiligten Voraussetzungen zu schaffen, damit die Zusammenarbeit gelingen kann. Um einen Uberblick uber das Thema zu erhalten, werden in dieser Arbeit die bisherige Entwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland nachgezeichnet und die Kooperationspartner Schule und Verein vorgestellt. Dabei wird die besondere Bedeutung von Sportvereinen fur die Ganztagsbildung dargestellt. AnschlieRend werden die bisherigen Publikationen zu dem Thema „Gelingensbedingungen“ mit- einander verglichen und im Kontext der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschu­len - StEG“ bewertet. Aus diesen Ergebnissen werden eigene Bedingungen fur eine erfolgreiche Kooperation zwischen Ganztagsschulen und Sportvereinen abgeleitet und neuformuliert.

Diese Gelingensbedingungen werden exemplarisch in einer Evaluation der Schul-Kooperationen eines Berliner Basketballvereins angewandt und damit ihre Anwendbarkeit an einem Fallbeispiel uberpruft. Aus diesen Erkenntnissen werden anschlieRend Moglichkeiten aufgezeigt, mit denen Schulen und Sportvereine die Qualitat ihrer Zusammenarbeit erhohen konnen. Diese berucksichtigen sowohl die Zufriedenheit der kooperierenden Akteure als auch eine padagogischen Ausrich- tung, der jede Zusammenarbeit von Schule mit auRerschulischen Kooperations- partnern unterliegen sollte. Das Ziel von Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Sportvereinen muss sein, die Bewegungsintensitat und die Qualitat des Sports im Schulalltag zu erhohen und somit einen Beitrag zur ganzheitlichen Bildung der Ganztagsschule zu schaffen.

2 Entwicklung von Ganztagsschulen in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Schulen nach Form des Ganztagsangebot 2006 (Quelle: KMK, 2008, S. 5)

In der PISA-Studie der OECD wurden im Jahr 2001 erstmals international schuli- sche Leistungsdaten parallel zu den Schuler-, Schul- und Bildungssystemmerkma- len analysiert. Die Veroffentlichung der Ergebnisse wurde in Deutschland sehr stark von den Medien begleitet, sodass die Studie schon vor der Presentation eine enorme Beachtung fand und sogar von einem „PISA-Schock“ gesprochen wird. Von den 32 teilnehmenden Industrienationen landete Deutschland auf dem 22. Platz. (vgl. OECD, 2001). Die Studie offenbarte eklatante Mangel an der Struktur des deutschen Bildungssystems. Alarmierend war die Tatsache, dass in keiner an- deren Industrienation die Bildungschancen so stark von der sozialen Herkunft be- stimmt sind. Insbesondere Schuler mit Migrationshintergrund werden im deutschen Bildungssystem behindert. Das manifestiert sich in einer unterproportionalen Betei- ligung an weiterfuhrenden Bildungsgangen, die zu einem hoheren Schulabschluss fuhren (OECD, 2003, S. 67). Und so setzte nach der Veroffentlichung der Studie eine bildungspolitische Debatte mit der zentralen Forderung einer Ganztagsschule ein, die u.a. eine VergroRerung der sozialen Chancengleichheit und die bessere In­tegration von Kindern mit Migrationshintergrund begunstigen sollte (Holtappels et al., 2009). Im Mai 2003 wurde von der rot-grunen Regierung das „Investitionspro- gramm Zukunft, Bildung und Betreuung“ auf den Weg gebracht. Dieses auf sechs Jahre angelegte Programm sollte mit vier Milliarden Euro den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen un- terstutzen (ebd.). Als Ganztagsschulen werden solche Schu- len verstanden, die den Schulern an mindestens drei Ta- gen der Woche ein ganztagiges Angebot von wenigstens sie- ben Zeitstunden zur Verfugung stellen (KMK, 2008, S. 5).

Die Schulen mussen an den entsprechen- den Tagen ein Mit- tagessen anbieten und ein Konzept nachweisen, welches eine konzeptionelle Ver- zahnung des Vormittagsunterrichts mit dem Nachmittagsprogramm vorsieht. Coelen und Otto (2008, S. 17 ff.) pragten den Begriff der „Ganztagsbildung“ und konstatierten, dass Bildung nicht nur in der Schule stattfinden sollte. Hildebrandt- Stramann (2010, S.48) sieht Bildung ebenfalls in der Verknupfung von Lernorten, „die sich (...) lokal als Bildungslandschaft prasentieren“ . Neben diesen allgemeinen Eigenschaften gibt es in Deutschland vor allem drei idealtypische Formen von Ganztagsschulen (KMK, 2008, S. 5): offene, teilgebundene und vollgebundene Ganztagsschulen. Der Unterschied besteht in der Verpflichtung der Schuler am Ganztagsangebot teilzunehmen. In offenen Ganztagsschulen istdas Angebot fakul- tativ. Arbeitsgemeinschaften und Projekte finden haufig am Nachmittag fur eine ge- ringe Anzahl von Schulern statt. Bei den teilgebundenen Ganztagsschulen haben die Schuler die Wahl zwischen Klassen mit freiwilligem und verpflichtendem Ganz­tagsangebot. In den vollgebunden Ganztagsschulen besteht fur alle Schuler eine Teilnahmepflicht. Bundesweit wurden im Zeitraum von 2003 bis 2009 fast 7.200 Ganztagsschulen eingerichtet (BMBF, 2010b). Somit hat sich in allen drei Schul- formen die Anzahl der Ganztagsschulen verdoppelt bis vervierfacht. Im Jahr 2008 stellten bereits 41,7% aller Schulen im Primar- und Sekundarbereich I ein Ganz­tagsangebot zur Verfugung (BMBF 2010c, S. 3). Der GroRteil davon sind allerdings offene Ganztagsschulen und prasentieren sich nach Schulze-Algie (2010, S. 201) als ,,Ganztagsschule light". Sie werden einer ganztagigen Bildung nicht gerecht, da der Pflichtunterricht aufgrund der Freiwilligkeit zur Teilnahme am Ganztagsangebot bereits am Vormittag stattfinden muss. Es bleibe demnach oft bei einer Halbtags- bildung. Ein Paradigmenwechsel habe in der Praxis offensichtlich nicht stattgefun- den. Aufgrund der SparmaRnahmen der Lander und der geringeren Kosten fur of­fene Ganztagsschulen wird dieser Trend wohl in den nachsten Jahren noch anhal- ten.

3. Sportvereine als aufterschulische Kooperationspartner

Die Zusammenarbeit von Ganztagsschulen mit Sportvereinen stellt die Verzahnung von formaler und non-formaler Bildung im Ganztag dar. Schulen sollen mit Verei- nen konzeptionell eine Bildungslandschaft (Coelen & Otto, 2008, S. 17) ausbauen und ihr Bildungsangebot deutlich erweitern. Die „Ara Nebeneinander von Schule und Verein" ist somit beendet und die „Ara Miteinander" eingelautet (vgl. Muller, 2009, S. 15). Wie aus der Studie zur Entwicklung der Ganztagsschule in Deutsch­land („StEG") ersichtlich wurde, spielen Sportvereine quantitativ bereits die groRte Rolle im Kanon der Kooperationspartner von Ganztagsschulen. Mit einem Anteil von 26% sind Sportvereine die haufigsten Anbieter von non-formaler Bildung im Ganztag. Diese Zahl erscheint einerseits niedrig, wenn man sich die Bedeutung von Bewegung, Sport und Spielen fur die kognitive, sozial-kommunikative und per- sonale Entwicklung vor Augen halt. Andererseits erscheint sie hoch (Naul, 2005, S. 3), in Anbetracht der Vorbehalte vieler Sportvereine gegenuber der Ganztagsschu­le. In diesem Kapitel wird der Kooperationspartner Sportverein mit seiner Bedeu­tung fur die Bildungslandschaft, seinen Befurchtungen und seinen Motiven zur Zu­sammenarbeit mit Ganztagsschulen vorgestellt. Dabei wird herausgestellt, was ein Verein in einer Kooperation leisten kann und was nicht.

3.1 Die Bedeutung von Sportvereinen in der Bildungslandschaft

In einer lokalen Bildungslandschaft werden aus Sportvereinen und Schulen Bil- dungspartner. Die Erkenntnis, dass sich Bildung nicht nur auf den Standort Schule beschranken darf, nimmt die Vereine in die Verantwortung und eroffnet ihnen gleichzeitig Moglichkeiten. Laut der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG, 2010, S. 29) arbeiten 85,1% aller Ganztagsgrundschulen und 70,5% aller Ganztagsschulen im Sekundarbereich I mit Sportvereinen zusammen. Mit einem Anteil von 26% stellen Sportvereine das groRte Kontingent aller auRerschulischen Kooperationspartner. Von Sportvereinen organisierte Angebote konnen durch ihren auffordernden und partizipatorischen Charakter einen wichtigen Bildungsbeitrag leisten (DOSB, 2009, S. 42). Kinder erlernen durch Sport vor allem sozialen Um- gang miteinander und gegenseitigen Respekt und Anerkennung. Die Deutsche Sportjugend (2005) misst der Forderung der psychosozialen Ressourcen durch Sport eine wichtige Bedeutung bei. Vorrangig sind dort Selbstwirksamkeit, ein Selbstkonzept, Gruppenzusammenhalt und soziale Kompetenzen zu nennen (ebd). Demnach beinhaltet Sport einen hohen Bildungsgehalt und kann die Personlich- keitsbildung positiv beeinflussen. Daruber hinaus kann Sport auch zu einem ge- sunderen Lebensstil motivieren. Die schlechte, korperliche Fitness der deutschen Kinder und Jugendlichen wurde schon des Ofteren in zahlreichen Publikationen thematisiert (vgl. Bos, 1998, S.70, vgl. Kapustin, 1993, S.11). Hier gibt es verschie- dene Sichtweisen, die Laging (vgl. 2009, S.8 f.) zusammenfasst. Allgemein wird ein Lebenswandel der Kinder und Jugendlichen ausgemacht, welcher eine Verminde- rung der ,,klassischen Bewegungsanlasse“ zur Folge hat. Uber diese Argumentati­on gelangt man leicht zum Gesundheitsaspekt, da eine zunehmende Fettleibigkeit konstatiert wird, deren Ursache in erhohtem Medienkonsum, falscher Ernahrung und Bewegungsmangel zu liegen scheint. Laut dem Bundesministerium fur Bildung und Forschung (2010b) zeichnet sich Ganztagsschule durch mehr ,,Zeit fur mehr“ aus. Es bietet sich also die Chance, den ,,[aktiven Lebensstil] mit einer taglichen Bewegungszeit (...) zu fordern“ (Naul, 2005, S.5). Der Bewegung muss in der Ganztagsbildung eine besondere Bedeutung beigemessen werden, da sie in vielfal- tiger Weise eine Schlusselfunktion fur die gesamte Lernfahigkeit innehat. Sportver­eine sind dafur die kompetenten Partner, da sie gesellschaftlich etablierte Organi- sationen sind, deren Ubungsleiter regelmaRigen Aus- und FortbildungsmaRnahmen unterliegen und somit uber ein hohes Qualifikationsniveau verfugen (LSB Nieder- sachsen, 2010, S. 7). Uber Sportvereine konnen neben den traditionellen Sportar- ten auch Trendsportarten (vgl. Schwier, 1998, S. 13) und der Gesundheitssport ab- gedeckt werden. Diese Bereiche sind durch allgemein ausgebildete Sportlehrer al- lein nurschwerzu bedienen.

3.2 Bedenken der Vereine gegenuber der Ganztagsschule

Der neue Sportentwicklungsbericht des DOSB (2010) offenbart, dass bereits 27% aller Sportvereine in irgendeiner Form mit einer Schule kooperieren. Doch lediglich 7% arbeiten in Kooperation mit einer Ganztagsschule. Das spricht dafur, dass es unter den Vereinsvertretern durchaus Vorbehalte gegenuber diesem Schultyp gibt. Viele Vereine sehen die Ganztagsschule als Konkurrenten um die Kinder, die fur sie die grundlegende Ressource ihrer Nachwuchsarbeit bilden. In Anbetracht der zeitlichen Ausdehnung der Schule ist dies verstandlich, da auch die Sportangebote der Vereine in der Regel am Nachmittag stattfinden. Dabei konkurrieren Ganztags- schulen und Vereine in vielerlei Hinsicht: Die Kinder konnten in der Schule bereits an Bewegungs-, Sport- und Spielangeboten teilnehmen und danach kein Interesse mehr an einem zusatzlichen Training in einer Sportart haben. Daruber hinaus be- steht eine finanzielle Problematic weil die Kosten der Betreuung im Ganztag oft- mals auch uber Elternbeitrage abgedeckt werden. Fur sie wurde eine Mitgliedschaft im Verein somit eine Doppelbelastung darstellen. Eine der groRten Befurchtungen fur Sportvereine ist also eine negative Mitgliederentwicklung aufgrund der langen Verweilzeit der Kinder in der Schule (Naul et al., 2010, S .143). Die Ausdehnung der Ganztagschule hat aber auch direkte Auswirkungen auf die Kapazitaten der kommunalen Sportstatten, auf die Sportvereine unmittelbar angewiesen sind. Viele Trainingszeiten stehen nicht mehr zur Verfugung, weil die Ganztagsschulen sie zum Teil bis in den spaten Nachmittagsbereich in Anspruch nehmen. Vereine, die nicht als Kooperationspartner von Schulen agieren, erhalten somit teilweise erst gegen 18 Uhr Zugang zu den Sportstatten (vgl. DOSB, 2009a, S.27). Es gestaltet sich daher vor allem im Mannschaftssport schwierig, talentierte Kinder aus ver- schiedenen Schulen zu einem gemeinsamen Training zusammenzuziehen. Schul- mannschaften konnten demnach in Zukunft gegenuber Vereinsmannschaften an Bedeutung gewinnen. Ein derartiges Sportfordermodell gibt es bereits in Frank- reich, einem Land, dessen traditionelle Schulform die Ganztagsschule ist. Dort or- ganisieren die Verbande ,,Union Sportive de l’Enseignement du Premier Degre“ (USEP) und ,,Union Nationale du Sport Scolaire“ (UNSS) das Wettkampfwesen fur Grund- und Oberschulen (vgl. Treutlein & Piggeasou 1997b, S. 213 f., zitiert nach Seven, 2006, S.193). Sportvereine ubernehmen in diesem Konzept lediglich den Breiten- und den Gesundheitssport. Eine weitere Sorge der Sportvereine betrifft die Heterogenitat der Zielgruppen in der Schule. Ubungsleiter verfugen zwar uber eine hohe fachliche Kompetenz, sehen sich in der Schule aber mit der padagogischen Herausforderung von unterschiedlich motivierten und begabten Schulern konfron- tiert (DOSB, 2009b, S.27). Hierbei ist aber zu sagen, dass in vielen Landessport- bunden bereits Ausbildungen fur Ubungsleiter in der Ganztagsbetreuung angebo- ten werden, um dieser Problematik beizukommen (vgl. LSB Berlin, 2010). Ein weit- aus groReres Problem stellt fur kleine Vereine die Bereitstellung eines Ubungslei- ters im fruhen Nachmittagsbereich dar (DOSB, 2009b, S.27). Ehrenamtliche Trai­ner sind in dieser Zeit in der Regel selbst berufstatig. Viele Vereine sehen die Ge- fahr, dass hauptamtliche Ubungsleiter direkt mit den Schulen Kooperationsvertrage abschlieRen und damit dem Verein verloren gehen konnten. Diese Bedenken konn- ten aber von einer Essener Pilotstudie widerlegt werden. Sowohl Ubungsleiter als auch die Mitglieder bleiben im Verein (Naul et al., 2010, S.143 f.). Daruber hinaus konnten mit Ganztagsschulen kooperierende Vereine sogar einen Mitgliederzu- wachs verzeichnen, wahrend Vereine ohne Schulkooperation einen Ruckgang be- klagen.

3.3 Motive der Sportvereine zur Kooperation

Das Konzept der Ganztagsschule misst der Bewegung und dem Sporttreiben der Schuler eine groRe Bedeutung bei. Die Bereicherung des Bildungsangebots durch Sportvereine als Kompetenzpartner der Schulen ist unstrittig. Doch nicht nur die Schulen profitieren von den Kooperationen. Auch den Sportvereinen bieten sich Moglichkeiten, die ihnen sonst verwehrt blieben. Schulz-Algie (vgl. 2010, S. 206) fuhrt nach einer Befragung von 47 Sportvereinen in Hessen, die an einer Koopera­tion mitwirken, die Mitgliedergewinnung als das oberste Ziel der Sportvereine (43 Nennungen) in Kooperationen an. Am zweithaufigsten zielten die Sportangebote auf eine Prasentation der Sportart bzw. eine Werbung fur den Verein ab (29). Auf dem dritten Platz rangiert mit 19 Nennungen die Sichtung von Talenten fur den Sportverein. Eine andere Umfrage des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen (2004, S. 6) kommt zu ahnlichen Ergebnissen. Jedoch liegt dort die Talentsichtung (62,5%) vor der Mitgliedergewinnung (59,6%). Auch hier liegt die Vorstellung des Vereins auf dem dritten Platz (59,1%). Die Sportvereine sehen also durchaus einen Nutzen in einer Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen. Diese stellten den Kontakt zu einer groReren Zielgruppe her und bieten die Moglichkeit, in einer fur die Kinder gewohnten Umgebung aktiv um Mitglieder zu werben. Neben gezielten Talentsichtungen konnen die Vereine zusatzlich Breitensportangebote fur Kinder und Jugendliche schaffen (LSB Niedersachsen, 2010, S. 9). Dadurch konnen sie auch dem Problem der begrenzten Raumkapazitaten begegnen. Sportvereine mit einer Kooperation konnen bereits am Nachmittag, vereinzelt auch am Vormittag, Zugang zu den kommunalen Sportstatten erhalten. Wenn sich Vereine, die Mann- schaftssportarten betreiben, auf einen Trainingsbetrieb in der Schulzeit - und nicht danach - einrichten, konnen sie sogar Hallenzeiten erschlieRen, die vor der Einfuh- rung der Ganztagsschule undenkbar gewesen waren. Ein Paradebeispiel stellt der Basketball-Bundesligist ALBA Berlin mit seinem Programm ,,ALBA macht Schule“ dar, an dem in Berlin und Brandenburg uber 1.000 Schuler in Arbeitsgemeinschaf- ten und zusatzlichen Sportstunden teilnehmen (vgl. ALBA, 2010). Durch den gro- Ren Zuspruch der Kinder und der Schulen, konnte sogar eine eigene Grundschulli- ga initiiert werden. Selbstverstandlich haben nur die wenigsten Sportvereine eine solch professionelle Reputation und die personellen Ressourcen eines Bundesligis- ten. Doch mit einer gemeinsamen Offentlichkeitsarbeit in der lokalen Presse, kon- nen sich auch kleine Vereine fur ihre „Beteiligung an einer gesamtgesellschaftli- chen Aufgabe“ (LSB Niedersachsen, 2010, S. 9) offentliche Anerkennung sichern. Neben dem Imagegewinn sollte auch nicht die ErschlieRung finanzieller Mittel un- terschatzt werden. In der Kooperationspartnerbefragung von 2007 im Rahmen der StEG-Studie (vgl. Arnoldt, 2010, S. 99) wurde deutlich, dass rund die Halfte aller Sportvereine Ehrenamtliche in den Ganztagsschulen einsetzt. Lediglich 35% der von Sportvereinen eingesetzten Ubungsleiter verfugen uber eine hauptamtliche Anstellung. Dies ist mit Abstand der niedrigste Wert unter den Kooperationspart- nern. Hier liegt fur die Vereine ein enormes Entwicklungspotenzial, da Kooperatio- nen von Sportvereinen mit Ganztagsschulen sowohl durch die Forderprogramme der Landessportbunde (Fessler, 1997) als auch uber Kooperations- bzw. Honorar- vertrage mit den Schulen finanziert werden konnen (LSB Rheinland-Pfalz, 2009, S.9 f.). Damit bietet sich auch die Moglichkeit, zusatzliche Ubungsleiter zu finden und ihren Einsatz in anderen Trainingsgruppen und im Verwaltungsbereich uber die Kooperationen zu refinanzieren (LSB Niedersachsen, 2010, S. 16 f.). Allerdings deuten die Ergebnisse von Schulz-Algie (2010, S. 206) darauf hin, dass die Koope­rationen aus Sicht der Vereine hauptsachlich auf Mitgliederwerbung abzielen. Die weiteren Chancen einer Zusammenarbeit werden zwar ebenfalls als Motive identifi- ziert, sind aber deutlich unterreprasentiert im Vergleich zu den Moglichkeiten, die sich den Vereinen bieten.

4 Schulen als Kooperationspartner fur Sportvereine

In Kapitel 3 wurde bereits die Bedeutung von Sportvereinen fur das Modell der Ganztagsschule erlautert. Die ,,Offnung der Schule“ (Laging, 2007, S. 54) ist aller­dings keineswegs ein Selbstlaufer. Da es fur eine Kooperation immer mindestens zwei Partner geben muss, die sich bewusst fur eine Kooperation entscheiden, sind auch die Motive der Schule fur eine Zusammenarbeit von groRer Bedeutung. Nur wenn beide Kooperationspartner zumindest einen Teil ihrer Ziele erreichen, kann von einer erfolgreichen Kooperation gesprochen werden. Daher ist auch eine Ana­lyse des Kooperationspartners Schule zur Ermittlung von Gelingensbedingungen unabdingbar.

4.1 Motive fur Schulen zur Kooperation mit Sportvereinen

Es gibt durchaus einen beachtlichen Teil von Ganztagsschulen, die ihre Bewe- gungsangebote ganzlich ohne Kooperationspartner veranstalten (vgl. Laging, 2010, S.84). In diesen Schulen werden die Bewegungs- und Sportangebote hauptsach­lich vom schuleigenen Personal und von Eltern betreut. Dass knapp zwei Drittel al­ler Ganztagsschulen aber Kooperationen mit Sportvereinen unterhalten, lasst den Schluss zu, dass es auch fur die Schulen Vorteile in der Zusammenarbeit mit Sportvereinen gibt. In der Befragung von Kooperationspartnern (Schulz-Algie, 2010, S. 206), welche im Kapitel 3.3 bereits Aufschluss uber die Motive der Sport- vereine gab, kommen bei den Schulleitern erwartungsgemaR andere Zielvorstel- lungen zum Ausdruck. Die meisten Befragten nannten die Bewegungsforderung und die Vermittlung der „Freude an der Bewegung“ als ihr Ziel. Dieses Motiv stimmt auch mit Lagings (2007, S. 54) Uberlegungen zur Notwendigkeit von Kooperatio- nen der Ganztagsschulen mit Sportvereinen uberein. Die Schulen mochten den Schulalltag mit Hilfe der auRerschulischen Partner ,,bewegungsaktiv gestalten“ (ebd). Der Punkt, der als zweithaufigster genannt wird, ist der Wunsch nach Be- treuung der Schuler und nach Bereitstellung von Sportangeboten. Dabei profitiert die Schule neben den fachspezifischen Qualifikationen der Ubungsleiter auch von dem ehrenamtlichen Charakter der Sportvereine. Generell konnen auRerschulische Kooperationen den Schuletat finanziell stark entlasten, da die ganztagige Bildung und Betreuung nicht von angestellten Lehrern gewahrleistet werden muss. ,,Lehrer- stunden [konnen] nach einem bestimmten Rechenschlussel kapitalisiert werden“ (LSB Niedersachsen, 2010, S.16), sodass den Schulen Geld fur Kooperationen zur Verfugung steht. Bezogen auf Sportvereine profitieren die Schulen sogar dahinge- hend, dass ihr Schuletat gar nicht erst in Anspruch genommen wird. In den Ergeb- nissen der StEG-Studie aus dem Jahr 2007 (Arnoldt, 2010, S. 99) bildeten die Ubungsleiter unter den hauptamtlich Angestellten der auRerschulischen Kooperati- onspartner mit 34,9% die kleinste Gruppe. Knapp die Halfte aller Ubungsleiter ist sogar ehrenamtlich tatig. Sollte der Verein dennoch auf eine Finanzierung ange- wiesen sein, lasst sich dieser Bedarf zum groRen Teil uber das Forderprogramm ,,Kooperation von Schule und Verein“ abdecken, welches in jedem Bundesland in unterschiedlicher Auspragung existiert (Fessler, 1997). Damit durften Sportvereine bei der Planung eines bewegten Ganztagsangebotes begehrte Kooperationspart- ner sein. Erst an dritter Stelle nennen die Schulleiter den Wunsch, dass ihre Schu­ler eine bestimmte Sportart kennenlernen. Damit kreuzen sich in Schulze-Algies (2010, S. 206) Schulleiterbefragung die Interessen der Kooperationspartner zum ersten Mal. Quantitativ untergeordnet sind dem die Ziele zur Integration, der Forde- rung derSozialkompetenz und derTalentforderung (ebd.).

4.2 Kooperationsmodelle „Schule - Verein"

Nach Laging (2010b, S.3) haben wir in Deutschland hauptsachlich drei idealtypi- sche Formen der Ganztagsschule: die gebundene, die teilgebundene und die offe- ne Ganztagsschule. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihren Schulern an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztagiges Bildungsangebot unterbreiten mussen (KMK, 2008, S. 5). Sie unterscheiden sich allerdings in der Freiwilligkeit, diese Bil- dungschancen auch wahrzunehmen. Wahrend in der gebundenen Ganztagsschule die Teilnahme an der Ganztagsbildung obligatorisch ist, betrifft dies an der teilge- bundenen Ganztagsschule nur einen Teil der Schulerschaft. Sie bzw. die Erzie- hungsberechtigten mussen entscheiden, ob und wann sie an dem Ganztagsange- bot teilnehmen. Die offene Ganztagsschule bietet im Nachmittagsbereich fakultati- ve Angebote an. Daher ist sowohl die teilweise gebundene als auch die offene Ganztagsschule aus bildungspolitischer Sicht inkonsequent. Durch den freiwilligen Charakter der Teilnahme an der Ganztagsbildung muss der Pflichtunterricht bereits am Vormittag abgedeckt werden. Dadurch ist es in diesen Formen der Ganztags­schule den Sportvereinen nicht moglich, auch im Vormittagsbereich Sportangebote zur Verfugung zu stellen. Fur die Kooperationen ergeben sich daraus notwendiger- weise Konsequenzen. PruR (2010, S. 33, zitiert nach Hildebrandt-Stramann, 2010, S.42) stellt zwei grundlegende Moglichkeiten zur Umsetzung von Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Vereinen vor. Er unterscheidet in additive und in­tegrative Realisierungsmoglichkeiten. Diese werden von Laging (vgl. 2010, S. 75 ff.) aufgegriffen und noch differenzierter in additiv-duale, additiv-komplementare und inklusive Kooperationsmodelle unterteilt.

4.2.1 Additive Kooperationsmodelle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: additive-duales Modell (Quelle: Schulze-Algie, 2009, S. 12)

Additive Kooperationsmo­delle zwischen Ganztags­schulen und auRerschuli- schen Partnern sehen, wie der Name schon vermuten lasst, eine Addition der Ganztagsbildung vor. Sie kommen hauptsachlich in offenen Ganztagsschulen vor. Furdie Rhythmisierung des Schultages bedeuten additive Kooperationen ein ,,Nacheinander von unterricht- lichem Vormittag und auRerschulischen Nachmittag“ (Laging, 2010, S.78). Bei der Stellung der Kooperationspartner zueinander ist eher ein ,,Nebeneinander von Schule und auRerunterrichtlichen Einrichtungen“ (Hildebrandt-Stramann, 2010, S. 43) als ein Miteinander zu konstatieren. Die additiven Kooperationsmodelle werden, entsprechend der Beziehung der Schule zum Kooperationspartner, von Laging (2010, S.78) noch weiter in additiv-duale und additiv-komplementare Modelle un- terschieden. Bei der additiv-dualen Kooperation konnen Sportvereine die inhaltliche Gestaltung des Sportangebots selbstandig und vollig autonom bestimmen (ebd.). Es kommt zwischen der Schule und dem Verein lediglich zur Kommunikation, wenn es um die Rahmenbedingungen, wie z.B. die Hallenzeiten und die Schlusseluber- gabe, geht. In der additiv-dualen Form der Zusammenarbeit agieren die Bewe- gungsangebote der Vereine eher als Freizeitbeschaftigung. Die in Punkt 3.3 und 4.1 dargelegten unterschiedlichen Zielsetzungen der Kooperationspartner fur eine Zusammenarbeit legen die Vermutung nahe, dass es bei dieser Form zu keiner konzeptionellen Vernetzung kommt. Die Sportangebote werden den Schulern oft- mals in Sportarbeitsgemeinschaften unterbreitet. Diese Form der Zusammenarbeit wird in allen Bundeslandern schon lange durch die Landes- kooperationsprogramme (Fess- ler, 1997, S. 25) gefordert. Laging (2010, S.79) schreibt dazu, dass bei diesen Forderprogrammen die ,,Vereinsperspektive domi- niert“ . Auch in der Rahmenver- einbarung fur Berlin zwischen der Senatsverwaltung fur Schule, Be- rufsbildung und Forschung (SenSBF, 1993, S.1) und dem Landessportbund wird hauptsachlich die Bedeutung von Kooperationen zwischen Schule und Verein fur die Mitgliederentwicklung von Sportvereinen betont. Holtap- pels (2005, S. 21 f.) halt die additiv-duale Kooperationsform fur ,,pragmatisch und verstandlich, jedoch scheinen konzeptionell-padagogische Uberlegungen eher zu- ruckzutreten“ .

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: additive-komplementares Modell (Quelle: Schulze-Alaie. 2009. S. 131

Ein weiteres additives Modell ist die Kooperation von Ganztagsschulen mit Sportvereinen, in der Sport als komplementarer Teil der Jugendbildung gesehen wird (vgl. Laging, 2010, S. 80). Daher heiRt dieses Konzept auch additiv- komplementares Kooperationsmodell. Der Nordrheinwestfalische Landessportbund (LSB Nordrhein-Westfalen, 2004, S. 12) verortet die Funktion dieses Modells vor al- lem in den padagogischen Handlungsfeldern ,,Bewegungsbildung“ , ,,Gesundheits- bildung“ , „Mitwirkung und Mitbestimmung“ und sieht eine konzeptionelle Verknup- fung der Ganztagsbildung an den offenen Ganztagsschulen vor. Sportvereine sind in diesem Modell mehr Partner der Schule als Anbieter von Sportangeboten. Ihre Rolle lasst bereits eine konzeptionelle Mitgestaltung des schulischen Sports zu.

4.2.2 Intearatives Modell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: intearatives Modell (Quelle: Schulze-Alaie, 2009, S. 14)

Wie bereits in den vorherigen Kapiteln dargelegt wurde, blicken Ganztagsschulen und Sportvereine aus sehr verschiedenen Perspektiven auf eine mogliche Kooperation. Begrundet liegt das in dem Nutzen, den sich die Kooperationspartner von der Zusammenarbeit versprechen. Beim integrativen Modell sind aber beide Seiten gefordert, auf das gemeinsame Ziel ,,Bewegung, Spiel und Sport als Bildungsbeitrag im Ganztag“ (Laging, 2010, S. 80) hinzuarbeiten. Das Konzept geht weit uber das Nebeneinander von Schule und Verein hinaus. Es stellt vielmehr eine bewegte Schule ins Zentrum des Interesses (vgl. Laging, 2009). Daher fungie- ren die Sportvereine auch nicht als Anbieter von Sportangeboten, sondern als Ex- perten, die in Zusammenarbeit mit der Schule den gesamten Schulalltag bewegt mitgestalten. Die Organisation dieser bewegten Schule erfolgt in ,,padagogischen Arbeitsbundnissen" (Laging, 2010, S.60), die auf ein gemeinsames Bildungsziel ausgerichtet sein mussen. Sie sollten aus Lehrern, der Schulleitung und den Ver- einsvertretern bestehen, da fur dieses Kooperationsmodell ein hohes MaR an Ko- operation zwischen allen Beteiligten erforderlich ist. Die Zusammenarbeit muss pro- fessionsubergreifend stattfinden, um von den vielseitigen Kompetenzen der Mitwir- kenden zu profitieren. Ein ausgepragtes Rollenverstandnis aller Akteure ist somit die Grundvoraussetzung. Auf eine bewegte Ganztagsschule bezogen, heiRt das, dass Sportlehrer gemeinsam mit Ubungsleitern konzeptionell Moglichkeiten entwi- ckeln, neben dem Sportunterricht auch die non-formellen und informellen Bewe- gungsgelegenheiten zu schaffen und diese in der Praxis miteinander umsetzen. Das Inklusionskonzept bietet den Sportvereinen somit die Moglichkeit, die Bewe- gungskultur an den Ganztagsschulen entscheidend mitzubestimmen und geht so­mit weit uber den Betreuungscharakter der additiven Kooperationskonzepte hin- aus.

5 Bedingungen fur eine erfolgreiche Kooperation von Sportvereinen mit Ganztagsschulen

Viele Vereine konnen sich trotz ihrer Vorbehalte gegenuber der Ganztagsschule ei­ne Kooperation mit der selbigen vorstellen. Da die Ausgangsbedingungen zwischen der Institution Schule und der Selbstverwaltung Sportverein aber so grundlegend verschieden sind, wird oft der Wunsch nach verlasslichen Kriterien zur Gestaltung einer erfolgreichen Kooperation geauRert (vgl. Schulze-Algie et al., 2009, S. 26 ff.). In Anbetracht der vielfaltigen Konstellationsmoglichkeiten, in denen die unter- schiedlichen Schultypen auf vollkommen unterschiedlich organisierte Sportvereine treffen konnen, gestaltet es sich schwierig, einheitliche Gelingensbedingungen zu formulieren. Nichtsdestotrotz haben sich viele Autoren zu diesem Thema geauRert (vgl. Schulze-Algie, 2009, Arnoldt, 2007, DOSB, 2009) und aus verschiedenen Per- spektiven Bedingungen fur erfolgreiche Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Vereinen abgeleitet. Vorab ist aber zu klaren, worin der Erfolg einer Kooperati­on uberhaupt begrundet liegen kann. Dieser Frage liegt die Annahme zugrunde, dass eine gelungene Kooperation zwischen Schule und Verein durch beiderseitige Zufriedenheit, eine gleichberechtigte Partnerschaft und Kontinuitat gekennzeichnet ist (vgl. Arnoldt, 2007, S. 132 f.). In diesem Kapitel werden Gelingensbedingungen herausgearbeitet, uber die bei den fuhrenden Autoren weitestgehend Einigkeit be- steht. Diese werden der chronologischen Entwicklung einer idealtypischen Koope­ration zugeordnet. AnschlieRend wird im Kontext der ,,Studie zur Entwicklung der Ganztagsschule in Deutschland" eine Gewichtung vorgenommen. Dabei soll und die Frage geklart werden, wer oder was eine Kooperation tatsachlich erfolgreich macht.

5.1 Vorbereitung der Kooperation

Aufgrund der verschiedenen Zielsetzungen von Schulen und Vereinen, konnen be- reits zu Beginn der Zusammenarbeit Schwierigkeiten auftreten. Diese Differenzen konnen aber uberwunden werden, wenn eine Kooperation sorgsam vorbereitet wird. Bereits dabei sind einige der wichtigsten Bedingungen zu erfullen, um die Ko­operation erfolgreich zu gestalten.

5.1.1 Ausgangsbedingungen analysieren

Bei den Voruberlegungen ist es sowohl fur die Schule als auch fur den Sportverein wichtig zu wissen, um wen es sich bei dem Kooperationspartner handelt. Fur den Verein gilt es vorab herauszufinden, welche Form der Ganztagsschule auf den ge- wunschten Kooperationspartner zutrifft und welche Ressourcen verfugbar sind. Da- raus ergibt sich in der Regel auch, welches Kooperationsmodell sinnvoll ist. Um ein „zielgruppengerechtes Angebot“ (Schulze-Algie, 2010, S. 204) gewahrleisten zu konnen, muss sich der Verein entscheiden, ob er die Kooperation mit einer Grund- oder Oberschule anstrebt. Die Schule mochte sich offnen und ihre Bildungsangebo- te mithilfe auRerschulischer Kooperationspartner zu einer Jokalen Bildungsland- schaft“(Hildebrandt-Stramann, 2010, S. 48) ausbauen. Daraus ergeben sich zum einen die Forderung nach einem Bildungsanspruch des Kooperationspartners, und zum anderen eine fuRlaufige Nahe des Vereins zur Schule. Wichtig ist fur den Ver­ein, dass die Schulkooperation auch vom gesamten Verein mitgetragen wird. Unter Umstanden bedeutet die Kooperation mit einer Schule fur den Verein einen hohen Kostenaufwand. Ganz sicher kostet sie aber Einsatzwillen und die Bereitschaft zu kooperieren. Aus diesem Grund empfiehlt die Sportjugend Niedersachsen (S.3) diese Idee zur Kooperation in den Vorstand und die Vereinsgremien zu kommuni- zieren.

5.1.2 Formulierung der Kooperationsziele

Der Erfolg und die Kontinuitat einer Kooperation hangen im hohen MaR von der Zu- friedenheit der handelnden Akteure ab. Deshalb ist es unabdingbar, offen uber die Ziele aller an der Kooperation beteiligten Parteien zu sprechen. Im besten Fall kon­nen durch solche Absprachen ,,Win-Win-Situationen“ erreicht und Enttauschungen vermieden werden (Schulze-Algie, 2010, S. 205). Gerade bei Sportvereinen, in de- nen hauptsachlich Ehrenamtliche arbeiten, sollte darauf geachtet werden, dass Frust uber unerfullte Erwartungen eine weitere erfolgreiche Zusammenarbeit un- moglich macht. Daher sollten Ziele so klar wie moglich formuliert werden. Die Schu­len mochten ihr Bewegungsangebot erweitern und sich durch die Kooperation mit Sportvereinen profilieren, wahrend die Vereine in der Regel das Ziel verfolgen, Mitglieder zu gewinnen (ebd.). Je nach Form der Ganztagsschule sind hier allerdings auch Anpassungen und Kompromisse gefordert. Zu stark sind die Gegensatze, die Vereinsarbeit und Schulbetrieb voneinander unterscheiden. Wenn ein Sportverein im Wirkungsgefuge einer Bildungslandschaft agieren mochte, muss er an sich den Anspruch stellen, auch selbst einen Bildungsbeitrag zu leisten (Hildebrandt- Stramann, 2010, S. 48). Diese Forderung geht uber eine bloRe Nachmittagsbetreu- ung oder Talentsichtung hinaus und ist nicht ohne Weiteres von jedem Verein si- cherzustellen. Ein zentraler Punkt der Kooperationsvorbereitung ist also nicht nur, die Ziele schriftlich in einer Kooperationsvereinbarung festzuhalten, sondern ge- meinsam ein padagogisches Konzeptzu entwickeln (DOSB, 2009, S. 19). Dies soll- te ein standiger Prozess sein, der in enger Zusammenarbeit zwischen den Sport- lehrern und den mitwirkenden Vereinsvertretern geschieht (LSB Berlin, 2010, S.3). Wenn zum Erreichen der padagogischen Kooperationsziele noch Teilziele wie die Qualifikation von Ubungsleitern notwendig ist, sollten auch diese in den Vertrag eingearbeitet werden. Fur die offenen Ganztagsschulen in Berlin empfiehlt die Se- natsverwaltung fur Bildung, Wissenschaft und Jugend, schon wahrend der Vorbe- reitung Handlungsfelder aufzuzeigen, in denen auch professionsubergreifend gear- beitet werden konnte (vgl. SenBWJ, 2009, S.51). Diese Zusammenarbeit wurde ei­ne Abkehr von der strikten und tradierten Unterteilung in Vor- und Nachmittag be- deuten und nach Ansicht der Senatsverwaltung sogar eine Entlastung fur die Ak- teure bedeuten.

[...]

Details

Seiten
60
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656317760
ISBN (Buch)
9783656319368
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205182
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Schlagworte
Kooperation Ganztagsschule Sportverein Gelingensbedingungen

Autor

Zurück

Titel: Erfolgreiche Kooperationen zwischen Sportvereinen und Ganztagsschulen