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Masse und Massenbewegung

Eine soziale und revolutionäre Macht

Seminararbeit 2011 18 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung:

1. Die Masse – Definition und Eingrenzung
1.1 Masse – Aus Individuen wird Masse
1.2 Masse – Entstehungsbedingungen
1.2.1 Alternative Wertideen
1.2.2 Masse in Latenz

2. Masse als soziale Macht
2.1 Motivationale Konzepte
2.2 Durchschnittlichkeit
2.2.1 Existenzielle Begründung

3.0 Fazit

Literaturverzeichnis:

Einleitung:

Die Geschichte der Menschheit ist oberflächlich betrachtet zuallererst eine der Akkumulation und Agglomeration. Durch die Natur gerade gut für unser Überleben ausgestattet, sind wir seit Jahrtausenden damit beschäftigt uns auszubreiten und uns zu vermehren. Veränderungen sind dabei wie wir durch Darwin wissen nur durch Abweichungen vom Normalzustand möglich. Die letzten zwei Jahrhunderte haben gezeigt, wie so eine Abweichung die Grundfesten der Geschichte erschüttern kann – gemeint sind Abweichungen in Form von Revolutionen.

Revolutionen, als gewaltsamer Umsturz der bisherigen Verhältnisse[1], werden oft getragen von bunt gemischten, aber in ihrem Vorhaben homogenen Bevökerungsgruppen, die an einem Ort wie zufällig zusammenkommen. Diese 'Aufläufe' von Menschen entzünden ein Lauffeuer, und vom eigentlichen Ursprungsherd des Aufstandes wird quer durch das Land ein Feuer entfacht, welches die Kraft inne hat, bestehende Verhältnisse ins Wanken zu bringen und zu verändern.

Im Prozess der Akkumulation haben diese Aufstände eine grundlegende Veränderung erfahren. Allein durch die Vervielfachung der Quantität konnten die Aufstände ein Merkmal dazugewinnen: Sie wurden getragen und vorangetrieben von Massen von Menschen.

Diese Menschenmassen bestimmen das Bild und den Verlauf der Geschichte[2]. Dass dies nicht allein auf den 'natürlichen' Prozess der Agglomeration zurückzuführen ist, nicht allein damit zu tun hat, dass mehr Menschen auf weniger Lebensraum zusammenleben müssen, probiert diese Hausarbeit herauszuarbeiten. Die Masse wird deswegen, so wie sie auf den Bildflächen der Geschichte auftritt, zuerst in den Blick genommen, um einige wesentliche Charakteristika der Massenbildung aufzuzeigen. In diesem Abschnitt kommen Autoren wie Freud und Le Bon zu Wort, für die die Masse unter psychologischen Gesichtspunkten interessant war.

Doch erst die Einbettung des Phänomens der Entstehung von Masse in einen gesellschaftlichen Kontext ermöglicht es Revolutionen als Massenphänomen nachvollziehbar zu machen. Der aktuelle Massenakt verliert so an seiner 'Zufälligkeit'[3], indem Entstehungskriterien dargestellt werden, die die enge Verbindung von Masse zu Revolution und Veränderung offenbar machen.

Neben dieser Präsentation von psychologischen und soziologischen Gesichtspunkten will die Hausarbeit versuchen durch Anleihen der philosophischen, phänomenologischen Tradition einen existenziellen Begründungsversuch für das Phänomen Entstehung von Masse und Massenbewegung zu liefern. Motiviert wird dieser Versuch durch die Fragestellung, warum Individuen ihre Individualität aufgeben wollen. Durch die Setzung des Hilfsverbs "wollen" soll Existenzialität ausgedrückt werden. Versucht wird das Phänomen Masse nicht durch "externe" Faktoren zu begründen (Massen-Psychologie, Soziologie), sondern durch interne, d.h. existenzielle.

1. Die Masse – Definition und Eingrenzung

Einzelne Individuen treffen sich auf Plätzen, in Sälen und wurden dazu durch Flyer aufgerufen. Sie sind an diesem Ort versammelt mit dem Wissen, dass protestiert werden soll. Sie wissen außerdem gegen was oder im Idealfall gegen wen protestiert werden soll. Sie sind erschienen, weil sie ein Gefühl der Enttäuschung in sich tragen. Sie sind enttäuscht vom gesellschaftlichen System und von der Diskrepanz zwischen gesellschaftlichem "Wert- und Gestaltstatus"[4]. Wird in diesen Fällen aus den einzelnen Individuen durch ein 'Mobilisator' oder 'Agitator' eine homogene Masse, dessen Hauptgedanke die Verbesserung des Systems darstellt und die sich durch diesen Gedanken zur Überschreitung der Gesetze und zur Verwendung von Gewalt legitimiert sieht, sprechen Soziologen wie Eugen Buß von der "Masse im engeren Sinn"[5].

Durch ihre Enttäuschung zum Einsatz von Gewalt motiviert, wird mit der Überzeugung und dem Gedanken auf Besserung eine Revolution in Gang gesetzt.

Soziologen sprechen von der "Masse im engeren Sinn" in Hinblick auf die Studentenproteste am Ende der 60er Jahre. Jedoch nicht bei Ausschreitungen bei sportlichen Veranstaltungen oder bei Events, wie dem Papstbesuch in Deutschland, wo auch eine hohe Zahl an Menschen an einem Ort versammelt war und die Menschen ähnlich enthusiasmiert waren. Es fehlt bei den Hooligans der Gedanke an Besserung der Verhältnisse und bei den Zuschauern und Teilnehmern der Messe: der das Gesetz übertretene Gewaltausbruch.

Im weiteren Verlauf wird der Begriff 'Masse' in diesem Sinn gebraucht werden. Zunächst soll es um den 'aktuellen Massenakt' gehen: die in Erscheinung tretende und zur Tat schreitende Masse. Der Begriff selber wird im Laufe der Arbeit erweitert werden müssen. Doch schon in der Definition mitgeklungen ist der starke Bezug auf erhoffte und ins Auge gefasste Veränderung und macht so aus einem psychischen Phänomen ein gesellschaftliches.

1.1 Masse – Aus Individuen wird Masse

Kein anderer Aspekt ließ den Begriff 'Masse' für Autoren aller Denkrichtungen derart negativ erscheinen[6] als der Umstand, dass eigenständig denkende Individuen innerhalb der Masse zu einem unkalkulierbaren und zur Gewalt bereiten Etwas verschmelzen:

"Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. [...] Viele wissen nicht, was geschehen ist, sie haben auf Fragen nichts zu sagen, doch haben sie es eilig, dort zu sein, wo die meisten sind ... [...] In der Entladung werden die Trennungen abgeworfen und alle fühlen sich gleich. In dieser Dichte, da kaum Platz zwischen ihnen ist, ist einer dem anderen so nahe wie sich selbst. Ungeheuer ist die Erleichterung darüber. Um dieses glücklichen Augenblickes willen, da keiner mehr, keiner besser ist als der andere, werden die Menschen zur Masse."[7]

Le Bon vermutete, dass der Einzelne seine Macht als Angehöriger der Masse derart vervielfacht sieht, dass er sich in die Lage versetzt fühlt, Dinge zu tun, Trieben zu frönen, die er sich auf sich allein gestellt nicht trauen würde[8]. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die durch die Masse gewonnene Anonymität und der damit verbundene Schutz vor Strafe[9] .

Was Le Bon die Übertragung, Ansteckung (contagion mentale) von Gefühlen und Überzeugungen nannte, scheint auf den Einzelen so eine starke Macht auszuüben, dass er seines eigenen Willens beraubt wird. Wenn er Masse wird, verliert er Entscheidungsgewalt; wird mitgezogen ohne zu wissen wie ihm geschieht: "Als einzelner war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar". Das Individuum wird in der Masse zum "Sklaven der empfangenen Anregungen"[10].

Was die Masse tut, ist unkalkulierbar. Sie ist unberechenbar und zu keiner Reflektion fähig[11]. Für Außenstehende mag der Anblick einer in Bewegung gesetzten Masse furchteinflößend sein. Für die, die sich im Sog befinden, die mitgespült und mitgerissen werden von der riesigen Welle von Menschen, ist es ein Gefühl von Macht.

[...]


[1] Vgl.: Philosophisches Wörterbuch, "Revolution", S. 618.

[2] Vgl.: Ortega y Gasset, Aufstand der Massen, S. 5.

[3] Vgl.: Eugen Buß, Soziologie der Masse, S. 32.

[4] Vgl., Ebd.: S. 28.

[5] Vgl., Ebd.: S. 13.

[6] Vgl.: Sloterdijk, Die Verachtung der Massen, S. 10. Siehe auch: Philosophisches Wörterbuch, "Masse", S. 461 und "Vermassung" S. 754-755. Theodor Geiger, Die Masse und ihre Aktion, S. 38: Masse als Verfallserscheinung.

[7] Vgl.: Elias Canetti: Masse und Macht, S. 16-17. Zitiert nach Sloterdijk, Die Verachtung der Massen, S. 12-15.

[8] Vgl.: Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, S. 137.

[9] Vgl.: Le Bon, Psychologie der Massen, S. 17.

[10] Vgl., Ebd.: S. 17-19.

[11] Vgl.: Ortega y Gasset, Aufstand der Massen, S. 5.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656313601
ISBN (Buch)
9783656314493
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205174
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
masse massenbewegung eine macht
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Titel: Masse und Massenbewegung