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Der Utilitarismus – Ein universelles Naturprinzip?

Eine eigenartige Interpretation des Nützlichkeitsprinzips

Studienarbeit 2010 23 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Der Utilitarismus - Eine rein akademische Ethik?
1.2 Archäologie am Utilitätsprinzip - Ziele der Untersuchung

2 Utilitarismus als natürliches Prinzip
2.1 Historische Entwicklung des Utilitarismus
2.1.1 Die Zeit vor der Ausformulierung des Utilitarismus
2.1.2 BENTHAM und das Nützlichkeitsprinzip
2.1.3 »Was gerecht ist, ist nützlich!« - JOHN STUART MILL und die Weiterentwicklung des Utilitarismus
2.2 Methodische Probleme einer Begriffstransformation
2.3 Der Blick über den Tellerrand - Utilitarismus als ein Naturprinzip
2.3.1 Das Prinzip der Nützlichkeit im Stoffwechsel von Zellen
2.3.2 Wider die Natur - Krebs als ein egoistischer Selbstzerstörer
2.3.3 Einer für alle - Kooperation, Altruismus und Symbiose im Tierreich
2.4 Hedonismus im Gehirn?

3 Abschlussbetrachtung: Utilitarismus - nützlich oder nützt nichts?

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Der Utilitarismus - Eine rein akademische Ethik?

»Was sollen wir tun?« »Wie sollen wir leben?« - das sind die Fragen, die uns, bewusst oder unbewusst, tagtäglich beschäftigen, uns in unserem Handeln vorantreiben. Doch auf welche Handlungsregeln sollen wir uns nun beziehen? Wie können wir uns im Leben rechtfertigen? Diese Problematiken sind Gegenstand der praktischen Philosophie, genauer gesagt: der Ethik oder Moralphilosophie.

Als Gegenposition zur KANTschen deontologischen Ethik, die sich auf eine gegebene Pflicht und ihren intrinsischen Wert beruft, ist die Theorie des so genannten ›Utilitaris- mus‹ heute ebenso fester Bestandteil der theologischen, philosophischen und soziologi- schen Ausbildung an der Universität und sogar in der Oberstufe. Ein Hauptziel ist dabei immer eine umfangreiche kritische Auseinandersetzung mit der klassischen Lehre vom »größten Glück der größten Zahl«1, welche von JEREMY BENTHAM und JOHN STUART MILL ursprünglich formuliert wurde. So heißt es in der einschlägigen Literatur oft, dass der Utilitarismus heute von niemandem ernsthaft mehr vertreten werden kann.2 Dabei darf eigentlich von dem Utilitarismus gar keine Rede sein, denn eine homogene Theorie gab es zu keiner Zeit! Wer sich als ›Utilitarist‹ bezeichnet, muss aber per definitionem einige Grundsätze anerkennen, egal ob er Handlungs-, Regel- oder Präferenzutilitarist ist. Als erstes zählt die Grundfrage: »Was ist moralisch richtig, und wie kann man es rational - wissenschaftlich - begründen?« Die Pro-Kontra-Argumentation für eine Handlung ist dabei völlig unabhängig von politischen oder religiösen Dogmen. Subjek- tive Interferenzen sollen von vornherein ausgeschlossen werden. Vier Teilkriterien cha- rakterisieren diese Ethik näher: Das Konsequenzenprinzip beurteilt eine Aktion aus- schließlich nach ihren Folgen. Diese sollen von Nutzen sein und werden durch das Utilitätsprinzip begründet. Lust und Glück sollen anhand eines hedonistischen Grund- satzes vermehrt oder zumindest nicht verringert werden. Da diese Ethik für alle gilt, ist sie universalistisch. Man kann die Leitgedanken auch auf einen Nenner bringen: Dieje- nige Handlung bzw. Handlungsregel ist moralisch richtig, deren Folgen für das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind.

Der Utilitarismus scheint gerade aufgrund der heftigen Debatten, die er auszulösen ver- mag, zu einem opus inutile zu verkommen, mit dem lediglich gewiefte Philosophen ihr Geld verdienen können. Dabei begegnet uns die Nutzenidee im wahren Leben in vielen anderen Situationen: Die klassische Nationalökonomie nach ADAM SMITH wurde durch die Ideen MILLs weiterentwickelt, sodass wir heute in der Volkswirtschaftslehre die Wohlfahrtsökonomie und die Sozialwahltheorie unterscheiden können. Sie liefern ein abstraktes Instrumentarium zur Messung des wirtschaftlichen und sozialen Wohlstandes einer Bevölkerung. Der ›Wohlfahrtsstaat‹ ist also auf utilitaristische Prinzipien ange- wiesen, wenn er die Existenzsicherung seiner einzelnen Bürger mithilfe von Fürsorge- leistungen erreichen will.3 Mit der Optimierungsfunktion aus der Wirtschaft wird die bestmögliche Folge kalkuliert.

»Gemeinnutz geht vor Eigennutz!«4 schreit die Rechte Szene - eine Parole, deren Vokabular vom Nationalsozialismus übernommen wurde. Die Intention vom gemeinsamen Nutzen ist hier eng mit der Entindividualisierung des Menschen verbunden und ebnet zugleich den Weg in die Diktatur.

Die Katastrophenmedizin beruft sich beim Massenunfall ebenso auf utilitaristische Wer- te, denn die Verteilung der knappen Ressourcen unterliegt einem strengen Stratifikati- onsverfahren. Diese so genannte medizinische ›Triage‹ ist Diskussionsgegenstand der Allokationsethik.5

Nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center wurden immer wieder Stimmen laut, die dafür plädierten, dass man bei einem solchen Ausnahmefall das Recht zum Flugzeugabschuss gehabt hätte. So wurde auch in Deutschland ein Luftsicherungsgesetz6 erarbeitet, welches jedoch nicht mit der Menschwürde und dem Recht auf Leben vereinbar war und deshalb widerrufen wurde.

Selbst die heutige Bioethik kommt ohne BENTHAM und MILL nicht aus. So kann man fragen, ob eine Stammzellentnahme aus Embryonen für potenziell Kranke gerechtfertigt ist. Wer diese Option bejaht, muss wohl in Kauf nehmen, dass man ihn für einen Anhänger des Nützlichkeitsprinzips hält. Der Universalismusgedanke, den bereits BENTHAM über den Menschen hinaus ausgeweitet hat, erhielt Einzug in die heutige Tierethik. So postuliert PETER SINGER, dass die Zugehörigkeit zu einer Spezies keine moralische Relevanz für die Berücksichtigung der Interessen besitzt.7

Die Umsiedlung ganzer Dörfer zwischen Düren und Köln aufgrund von Braunkohle- vorkommen ist ein weiteres Beispiel für die Anwendung des greatest happiness principle, und selbst unsere Intuition scheint eine utilitaristische Sozialpragmatik inne zu haben, denn es ist wie selbstverständlich, dass der Arbeitsgeber teamfähige Leute braucht.

Der Utilitarismus ist keine Philosophie aus dem Elfenbeinturm, sondern er begegnet uns in diversen Formen Tag für Tag. Deshalb ist eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser teleologischen Ethik angebracht, um diejenigen Strukturen zu beleuchten, die sich als ein allgemeines Naturprinzip darstellen könnten.

1.2 Archäologie am Utilitätsprinzip - Ziele der Untersuchung

Wenn wir heute vom ›Utilitarismus‹ reden, so geschieht dies ausschließlich im Bereich der praktischen Philosophie oder der Ethik. So gut wie alle Abhandlungen und Analy- sen engen das Nutzenprinzip derart ein, dass es sich uns als eine rein anthropozentrische Lehre darstellen muss. Doch diese Annahme ist eher unfruchtbar für das Fortkommen der Utilitarismusdebatte und der Philosophie überhaupt. Woher kommt diese Eitelkeit? Ist es die Angst vor der Nachbarwissenschaft? Ist es philosophisches Brauchtum oder Zwang?

Die vorliegende Schrift möchte den Utilitarismusbegriff erstmals über die Grenzen der bloß rein menschlichen Existenz ausweiten und untersuchen, inwiefern sich - insbeson- dere BENTHAMs und MILLs - Utilitarismus als ein in der Natur verborgenes »universel- les Prinzip« interpretieren lässt. Der Besinnungsaufsatz geht dabei in erster Linie vom Originaltext ›Utilitarianism‹ aus und transferiert die wichtigsten Thesen auf die heutigen Naturwissenschaften. »Wurde der Utilitarismus erfunden oder entdeckt?« - dies soll dabei eine Leitfrage sein.

Diese Methodik ist somit auch eine Provokation der Leser, denn wir wollen an dieser Stelle nicht vergessen, dass Naturwissenschaft und Philosophie eine gemeinsame Geschichte haben. Seit der Renaissance und der Aufklärung kam es zur fortwährenden Trennung zwischen beiden Disziplinen,8 die heute in einer Sprachbarriere gipfelt. Ein Streben nach ganzheitlicher Erleuchtung wird zur Seifenblase.

2 Utilitarismus als natürliches Prinzip

2.1 Historische Entwicklung des Utilitarismus

2.1.1 Die Zeit vor der Ausformulierung des Utilitarismus

Aufzeichnungen aus dem alten China von 480-380 v. Chr. verweisen auf die Existenz eines Philosophen namens MOZI. Seine Synthese von Nutzen und Moral ging in die Lehre des Mohismus über: »Jetzt habe ich gezeigt, daß die Universalität den größten Nutzen für das Reich mit sich bringt.«9

Das hedonistische Prinzip hat seine Spuren im alten Griechenland. ARISTIPP VON KYRENE (ca. 435-355 v. Chr.) und EPIKUR VON SAMOS (341-270 v. Chr.) vertraten eine Lehre, welche das Erlangen von Glückseligkeit, auch durch sinnliche Freuden, zum Ziel menschlichen Strebens erhob: »Ich aber rufe zu fortdauernden Lustempfindungen auf und nicht zu sinnlosen und nichtssagenden Tugenden, [...].«10 Man muss hier aber eher von einem Egoismus als von einem Universalismus sprechen. Das Wort ›Lust‹ bedeute- te im antiken Verständnis auch ›Schmerzfreiheit‹ und ›Ruhe‹ (ataraxia), war in seiner Semantik also umfangreicher als unser traditionelles Verständnis vermuten lässt.

ARISTOTELES (384-322 v. Chr.) rückte das Glück (eudaimonia) als das oberste Ziel ei- nes guten, wohlgeratenen Lebens ins Zentrum seiner Theorie von der Tüchtigkeit. Alle Menschen seien von diesem Verlangen getrieben. Somit ist das Glück nach seinem Ver- ständnis das Endziel, welches wir nur um seiner selbst willen, und nicht etwa um etwas anderes zu erreichen, verfolgen. Der Mensch als zoon politikon könne aber nur in einer Gemeinschaft, mit Freunden, wahrhaft glücklich werden. ARISTOTELES’ Theorien sind ihrem Wesen nach pragmatisch, da mit ihnen die Ansicht vertreten wird, das Glück ha- be notwendigerweise Handlungscharakter.11 Dies ist insofern ein interessanter Gedanke, weil der Utilitarismus die gleichen Begrifflichkeiten für sich nutzt, indem behauptet wird, dass das Glück der Gemeinschaft das Handlungsmotiv überhaupt sei.

Die christliche Religion vertritt den Universalismusgedanken mit der Idee von der Nächstenliebe, die ihre Wurzeln eigentlich in der Tora, also dem ersten Teil des Tanach der hebräischen Bibel hat: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin JHWH.«12 Eine theologische Interpretation könnte darauf verweisen, dass man das »Glück« der Mitmenschen ebenso befördern soll wie das eigene. Die Gläubigen sehen in Jesus, der am Kreuz für seine Gemeinde starb, einen Erlöser und Heilsbringer. Christen lehnen aber den Hedonismus ab; Lust wird als Sünde gedeutet.

[...]


1 Diese prägnante Kurzformel für den Utilitarismus hat Bentham von Helvétius übernommen.

2 Vgl. Pfister 2007, S. 178-82.

3 Vgl. Deibert 1992, S. 242.

4 Diese Maxime stammt vom französischen Staatstheoretiker Montesquieu und wurde in seinem Hauptwerk ›Vom Geist der Gesetze‹ gefordert.

5 Die Allokationsethik beschäftigt sich mit der Verteilung von Dingen, die Mangelwaren sind.

6 Dieses Gesetz vom 11.01.2005 sollte den Flugzeugabschuss erlauben, »wenn nach den Umständen da- von auszugehen ist, dass das Luftfahrzeug gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll und sie [die Maßnahme] das einzige Mittel zur Abwehr dieser gegenwärtigen Gefahr ist.« (§ 14 Absatz 3 des LuftSiG)

7 Vgl. Singer 2008, S. 82ff.

8 Vgl. Kunzmann et al. 2003, S. 93.

9 Schmidt-Glintzer 1975, S. 148.

10 Kraus 1980, S. 53.

11 Vgl. Pfister, S. 38.

12 3. Mose [Lev.] 19, 18.

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Titel: Der Utilitarismus – Ein universelles Naturprinzip?