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Rechtsextreme männliche Jugendliche und Soziale Arbeit

Die Möglichkeiten und Grenzen eines akzeptierenden Ansatzes in der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit

Bachelorarbeit 2012 71 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Bachelorarbeit

"Rechtsextreme männliche Jugendliche und Soziale Arbeit – Die Möglichkeiten und Grenzen eines akzeptierenden Ansatzes in der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit"

1. Einleitung

2. Begrifflichkeiten
2.1 Rechtsextremismus.
2.2 Gewalt als bedeutsamer Bestandteil des Rechtsextremismus

3. Die Jugendphase
3.1 Jugend und Delinquenz
3.2 Die Gleichaltrigengruppe als zentraler Bestandteil der Jugendphase
3.3 Jugendkulturen

4. Erklärungsansätze zur Entstehung rechtsextremer Einstellungen und Handlungsweisen
4.1 Die Makroebene – eine gesamtgesellschaftliche Betrachtung
4.2 Familiäre Sozialisation
4.3 Täter- und Opferstudien
4.4 Persönlichkeitsmerkmale
4.5 Geschlechtsspezifische Erklärungen.
4.6 Die Clique als Verstärker
4.7 Stabilität rechtsextremer Einstellungen

5. Die vielfältigen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus
5.1 Parteien, Organisationen, Szenen, Gruppen und Jugendkultur
5.2 Die rechtsextreme Jugendclique als Zielgruppe Sozialer Arbeit

6. Soziale Arbeit – Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit und Rechtsextremismus
6.1 Jugendarbeit
6.2 Jugendsozialarbeit
6.3 Doppeltes Mandat, Akzeptanz und Beziehungsarbeit
6.4 Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit und Rechtsextremismus

7. Die Akzeptierende Jugendarbeit
7.1 Grundsätze und Ziele der Akzeptierenden Jugendarbeit
7.2 Handlungsebenen
7.2.1 Sozialräumliche Entfaltungsmöglichkeiten
7.2.2 Beziehungsarbeit.
7.2.2.1 Beziehungsarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen aus sozialarbeiterischer Perspektive
7.2.2.2 Nähe und Distanz
7.2.3 Akzeptanz existierender Cliquen
7.2.4 Lebensweltorientierung und infrastrukturelle Arbeit.
7.3 Sozialarbeiterische Kompetenzen und notwendige Rahmenbedingungen.
7.4 Anwendungsbereiche - Akzeptierende Jugendarbeit in der Praxis
7.5 Erfolge und ihre Voraussetzungen
7.6 Grenzen und Regeln der Akzeptierenden Jugendarbeit
7.7 Inadäquate Akzeptierende Jugendarbeit und die berechtigte Kritik
7.8 Rechtsextreme Jugendliche – alternative Handlungsmöglichkeiten?
7.9 Weiterentwickelte Konzepte

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

1. Einleitung

„Im Winzerclub (später: "Hugo") galten von Anfang im Rahmen der akzeptierten [sic] Jugendarbeit klare Regeln, sagt Reinhard Schwabe, damals Jugendamtsleiter, heute Teamleiter Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit in der Stadtverwaltung: Kader von Rechtsextremen haben keinen Zutritt, ihnen stehen keine Räume und Reserven zur Verfügung, politisch wird mit ihnen nicht diskutiert, Jugendliche, die Rechte-Szene gefährdet sind, werden integriert. (...) Es ging am Ende nicht so auf wie anfangs gedacht. Die rechts-orientierten Jugendlichen erhielten bald Zutrittsverbot.“ (Döbert, 2011) „Unsere Aufgabe sah ich vor allem darin, den Jugendlichen einen Ort zu geben, wo sie sich ausprobieren konnten. (...) Natürlich besteht die Gefahr, dass junge Leute diesen Ort nicht nur nutzen, sondern ihn auch ausnutzen.“ (Frenzel, 2011a) „Wir haben keine Schuld an dem, was passiert ist, sagt Reinhard Schwabe. Wer glaubt, wir hätten etwas verhindern können, der überschätzt Jugendarbeit. (...) Wären wir nicht gewesen, hätten die Nazis noch mehr Einfluss auf die Jugendlichen gehabt.“ (Frenzel, 2011b)

Im November 2011 wurden Reinhard Schwabe und andere Sozialarbeiter Jenas von der Vergangenheit eingeholt. Ihnen bekannte Jugendliche, welche Anfang der 1990er Jahre durch eine rechte Gesinnung sowie entsprechendes Verhalten auffielen und zunächst noch zu dem Adressatenkreis der sich erst entwickelnden Jugendarbeit gehörten und im weiteren Verlauf versuchten im Winzerlaer Jugendclub die Meinungshoheit zu übernehmen und sich in der Thüringer Neonaziszene radikalisierten, wurden als `Nationalsozialistischer Untergrund` (`NSU`) im negativen Sinne deutschlandweit bekannt. In den darauf folgenden Wochen wurden in der Öffentlichkeit viele Fragen bzgl. der Tathintergründe, der Versäumnisse entsprechender Sicherheitsbehörden und der Ursachen dieser Radikalisierung gestellt, sei es durch die Angehörigen der Opfer, in den Medien, durch politische Vertreter oder zivilgesellschaftliche Initiativen. Die Antworten waren nicht wirklich aufschlussreich und es ist zunächst anzuzweifeln, ob die zukünftigen Aufklärungen entscheidende Konsequenzen und Veränderungen mit sich bringen, welche die Sicherheitsorgane für die Problematik Rechtsextremismus sensibilisieren und vor allem ein gesamtgesellschaftliches Klima der couragierten Aufmerksamkeit gegenüber Rassismus, Fremdenhass und Ausgrenzung schaffen. Eine ausschließliche Konzentration auf ein NPD-Verbot, eine Neonazi Datei und den Kern der rechtsextremen Szene, welcher scheinbar losgelöst von der Allgemeinheit agiert, werden dabei der Wirklichkeit nicht gerecht und verdecken die Vielschichtigkeit der Thematik. Auch die oftmals ungenügende Arbeit der Polizei mit verbundener Ignoranz gegenüber dem Rechtsextremismus (Vgl. Erdmenger, 2007), die verharmlosende Haltung der Politik z.B. die zu niedrige Angabe der Todesopfer rechter Gewalt (Vgl. Deutscher Bundestag, 2011) mit einhergehender Kriminalisierung zivilgesellschaftlicher Initiativen gegen Rechts (z.B. `Extremismus-klausel`), die Ausgrenzung und Diskriminierung befördernden sozio-ökonomischen Negativentwicklungen (Vgl. Becker/Wagner/Christ, 2010, S. 138-141) sowie die durch (größtenteils gesellschaftlich anerkannte) Rechtspopulisten und u.a. auch durch undifferenzierte Medienberichterstattung angeheizten Diskussionen über das Asylrecht und die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, führen zu menschlichen Einstellungsmustern, welche in Teilen mit rechtsextremen Charakteristika vergleichbar sind, zumindest aber zu einem Klima, dass Neonazis einen Nährboden bietet. Der Rechtsextremismus sowie seine vielfältigen Einstellungsmuster sind Teil des Alltags und eine gesamtgesellschaftlich relevante Problematik (Vgl. Decker/Weißmann/Kiess/Brähler, 2010, S. 139-149). Die rechtsextreme Szene versucht diesen Umstand für sich zu nutzen, indem sie Sympathisanten aktiviert sowie weitere Themen besetzt und behauptet, die Meinung des Volkes zu vertreten.

Hingegen möchte die Soziale Arbeit auf den Grundlagen der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit, die zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern, Aus-grenzungen abbauen und selbstbestimmtes Leben ermöglichen, wodurch man auch ein verpflichtendes Engagement gegen Rechtsextremismus ableiten kann (Vgl. Leinenbach/Nodes/Stark-Angermeier, 2009, S. 1-2). Das Berufsfeld als Gesamtes betrachtet, stellt einen bedeutenden Teil unserer Gesellschaft dar, welcher in Wechselwirkung zu allen ihr innewohnenden Bereichen steht. Somit muss sich auch die Soziale Arbeit den Fragen nach Ursachen und Verantwortung stellen, welche u.a. nach dem Bekanntwerden der Mordserie des `NSU` in der Öffentlichkeit formuliert wurden. Soziale Arbeit kann aber nicht isoliert betrachtet und als Allheilmittel verstanden werden, sondern muss in den Gesamtkontext von sozialen, politischen sowie ökonomischen Verhältnissen eingeordnet werden. Ebenso wenig lassen sich dem Rechtsextremismus geradlinige Ursachen zuschreiben, die die Soziale Arbeit mit ihrem umfangreichen Methodenkoffer problemlos beheben kann. Unabhängig von der Sensibilität sowie Aufmerksamkeit der Medien und politischen Vertreter, haben die miteinander verknüpften Themen Rechtsextremismus, Diskriminierung, Chancenungleichheit, Gewalt, Demokratie-verdrossenheit und sozio-ökonomische Ungerechtigkeit, eine generelle Aktualität für die Soziale Arbeit. Diese Alltäglichkeit kann man genauso wenig nur auf den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe beziehen, wie man Ausgrenzungen sowie rechtsextremes Gedankengut ausschließlich dem direkten Adressatenkreis Sozialer Arbeit zuschreiben sollte, da diese Problematiken beispielsweise auch in Behörden, bei der Polizei oder unter Sozialarbeitern selbst, existieren können. Dennoch ist unter den vielen Bereichen Sozialer Arbeit die Kinder- und Jugendarbeit von besonders großer Bedeutung wenn es um das Thema Rechtsextremismus geht, da Einstellungsmuster sich vor allem in dieser Lebensphase entwickeln und im höheren Alter weniger wandlungsfähig sind. Zum einen sind dabei präventive Ansätze relevant, welche z.B. die kindliche Entwicklung fördern sollen. Zum anderen geht es um Bereiche der Jugendhilfe, die sich direkt mit Jugendlichen auseinandersetzen, welche Gefahr laufen, intolerante Einstellungsmuster zu manifestieren bzw. in die rechte Szene abzurutschen und um Heranwachsende, die sich bereits an rechtsextremen Jugendgruppen orientieren oder fester Bestandteil eines organisierten neonazistischen Milieus sind. Die Kinder- und Jugendhilfe befindet sich hierbei in einem enormen Spannungsfeld. Die an den Menschenrechten orientierten Ziele sowie Werte Sozialer Arbeit mit der zu gewährleistenden Selbstbestimmung der Klienten, stehen den menschenverachtenden Ansichten rechtsextremer Jugendlicher gegenüber, während gleichzeitig eine ablehnende Haltung sowie Sanktionierungen statt Akzeptanz und auf der anderen Seite von der Jugendhilfe, als scheinbares Universalmittel, maximale Erfolge im Kampf gegen Neonazismus gefordert werden. Hinzu kommen die unterschiedlichen persönlichen Hintergründe und Empfindungen der Sozialarbeiter. Somit können die Grenzen Sozialer Arbeit schnell verschwimmen bzw. sind sie den Praktikern nicht bewusst, was gerade beim Ansatz der Akzeptierenden Jugendarbeit gefährlich werden kann.

Diese Bachelor Arbeit im Studiengang Soziale Arbeit, der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena greift die genannte Problematik auf und widmet sich dem Thema „Rechtsextreme männliche Jugendliche und Soziale Arbeit – Die Möglichkeiten und Grenzen eines akzeptierenden Ansatzes in der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit“.

Zu der vielseitigen Problematik des Rechtsextremismus habe ich schon einen sehr langen persönlichen Bezug, der für mich als weltoffener und tolerant denkender Jugendlicher mit der als intensiv erlebten „Blütezeit“ der Jenaer Neonaziszene um das Jahr 2000 herum begann und über ein stetiges Interesse an der Thematik, zu einem inzwischen seit über vier Jahren andauernden ehrenamtlichen Engagement in einem Verein führte, der durch Bildungs-, Projekt- und Öffentlichkeitsarbeit vielfältigen Diskriminierungsformen und neonazistischen Bestrebungen entgegen wirken möchte. Durch letztgenannte Erfahrungen konnte ich auch Einblicke in die öffentlich geförderten sowie zivilgesellschaftlichen Strukturen des Engagements gegen Rechtsextremismus bekommen. Diese sind nicht immer direkt innerhalb der Sozialen Arbeit verwurzelt und vertreten dementsprechend abweichende Auffassungen und Prinzipien, gerade was den diskussionswürdigen Gegenstand der Akzeptanz betrifft. Diese stellt für mich im Allgemeinen eine wichtige Grundlage Sozialer Arbeit dar, geht es doch darum, die Klienten mit ihrer ganzen Persönlichkeit zu respektieren, um eine gemeinsame professionelle Beziehungsbasis schaffen zu können. Jedoch stoße ich bei rechtsextremen Jugendlichen aufgrund des geschilderten persönlichen Hintergrundes bzgl. des Aspekts der Akzeptanz schnell an meine Grenzen. Während meines berufspraktischen Semesters bei `Streetwork Lobeda` konnte ich bereits einige Erfahrungen mit rechten Jugendlichen sammeln, die mich zwar nicht in einen handlungsunfähigen Zustand versetzt haben, aber die Bedeutung der Thematik für meine anvisierte berufliche Zukunft und die Soziale Arbeit im Allgemeinen deutlich werden ließen.

Im Folgenden möchte ich die Thesen sowie die angrenzenden Fragestellungen darlegen, welche Grundlage dieser Arbeit sind:

1. Das im Begriff der Akzeptierenden Jugendarbeit enthaltene und besonders relevante Merkmal der `Akzeptanz`, stellt gleichzeitig ein entscheidendes und zu berücksichtigendes Arbeitsprinzip der Sozialen Arbeit dar.

Wofür steht dieser Begriff der `Akzeptanz` und lässt er sich mit identischer Bedeutung für die Soziale Arbeit allgemein sowie die Akzeptierende Jugendarbeit im Speziellen anwenden?

2. Obwohl die Grundsätze der Akzeptierenden Jugendarbeit auch zu den Leitlinien der Sozialen Arbeit/ Jugendhilfe zählen, ist ein spezialisierter Ansatz in der Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen notwendig.

Wie lauten diese Grundsätze und sind sie miteinander vergleichbar? Wie lässt sich ein spezialisierter Arbeitsansatz in der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Jugendlichen begründen?

3. Sozialarbeiter, die rechtsextreme Jugendliche zu ihrer Zielgruppe zählen und einen Akzeptierenden Ansatz praktizieren, benötigen eine klar definierte Arbeitsgrundlage und entsprechendes Fach- und Handlungswissen, um ihrem Auftrag und den Ansprüchen gerecht zu werden und nicht zum Spielball von Neonazis zu werden. Daraus ergeben sich eindeutige Regeln und Grenzen der Akzeptierenden Jugendarbeit.

Wie lassen sich die notwendigen Arbeitsgrundlagen definieren und woher stammen sie? Wodurch zeichnet sich das spezialisierte Fach- bzw. Handlungswissen aus?

Gibt es allgemein gültige sowie fallspezifische Regeln innerhalb der Akzeptierenden Jugendarbeit? Wie lassen sich entsprechende Grenzen definieren?

4. Die der Akzeptierenden Jugendarbeit entgegen gebrachte Kritik ist oftmals berechtigt. Sie dient aber gleichzeitig der Entwicklung entsprechender Richtlinien sowie der Herausbildung neuer Konzepte und der Festlegung von Grenzen des Arbeitsansatzes, da sie den Rechtfertigungsdruck und somit die Qualität der sozialarbeiterischen Reflexion sowie Tätigkeit erhöht.

Welche Kritikpunkte werden der Akzeptierenden Jugendarbeit entgegengebracht und warum sind diese teilweise legitim? Wie wird auf diese seitens der betroffenen Sozialarbeiter geantwortet? Gibt es einen Entwicklungsverlauf von Richtlinien bzw. Grenzen der Akzeptierenden Jugendarbeit?

5. Der Akzeptierende Ansatz ist sehr voraussetzungsvoll, kann aber eine wirkungsreiche sozialpädagogische Antwort auf rechtsextreme Jugendliche und die Frage sein, was mit ihnen nach dem häufig geforderten gesellschaftlichen Ausschluss passieren soll. Denn auch nach einer Ablehnung durch sämtliche gesellschaftliche Instanzen, einschließlich der Jugendhilfe, sind sie weiterhin präsent und in ihrer rechtsextremen Ideologie unter Umständen noch gefestigter.

Welche besonderen Herausforderungen müssen bewältigt werden, um eine erfolgreiche Akzeptierende Jugendarbeit zu praktizieren? Wie lassen sich Chancen sowie Erfolge des Arbeitsansatzes beschreiben? Warum kann Ausschluss und Isolation von rechtsextremen Jugendlichen nicht als Allheilmittel dienen?

Da ich eine Tätigkeit im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe anstrebe und rechtsextreme Tendenzen ihre Aktualität auch künftig behalten werden, soll diese Bachelor Arbeit vor allem zur intensiven theoretischen Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Akzeptierenden Jugendarbeit sowie zur eingehenden Reflexion genutzt werden.

Zunächst möchte ich einige für diese Arbeit bedeutsame Begriffe näher erläutern und im Anschluss die Jugendphase umfangreich beleuchten. Bevor eine detaillierte Darstellung der rechtsextremen Erscheinungsformen und insbesondere eine Betrachtung der rechten Jugendkultur erfolgt, sollen verschiedene Erklärungsansätze zur Entstehung rechtsextremer Einstellungen und Handlungsweisen unter Jugendlichen ausführlich dargelegt werden. Nachfolgend werden die Jugendarbeit sowie Jugendsozialarbeit als Bereiche der Sozialen Arbeit vorgestellt und Bedeutsamkeiten für den Ansatz der Akzeptierenden Jugendarbeit hervorgehoben. Im Hauptteil der Arbeit sollen zunächst die Grundsätze sowie Ziele, die Handlungsebenen und die erforderlichen sozialarbeiterischen Kompetenzen wie auch Rahmenbedingungen der Akzeptierenden Jugendarbeit beschrieben werden. Im Anschluss erfolgt eine beispielhafte Veranschaulichung der Anwendungsbereiche. Weiterführend soll auf die Erfolge und ihre Bedingungen, die Grenzen sowie Regeln, die Gefahren und berechtigten Kritikpunkte sowie auf den fachlichen auf die Akzeptierende Jugendarbeit bezogenen Diskurs eingegangen werden. Meine Ausführungen werde ich letztendlich mit den Erkenntnissen und einem Fazit abschließen.

Dabei greife ich ausschließlich auf entsprechende Fachliteratur zum Thema zurück, welche aber auch aussagekräftige Praxisbezüge bereit hält, die in meine Betrachtungen mit einfließen sollen. Um eine bessere Lesbarkeit zu garantieren, wird in der gesamten Arbeit ausschließlich die männliche Schreibweise verwendet. Die weibliche Form ist damit jedoch ebenfalls enthalten, so dass die Vorgehensweise keine Diskriminierung darstellt.

2. Begrifflichkeiten

In diesem Kapitel sollen verschiedene Begrifflichkeiten erläutert werden, die im weiteren Verlauf der Arbeit bedeutsam sind. Vor allem geht es dabei um die verwendete aber auch vielfach diskutierte Bezeichnung Rechtsextremismus sowie die diese Ideologie prägenden Elemente, welche am Rande erläutert werden sollen. Im Anschluss folgt eine kurze Ausführung zum gewichtigen Begriff der Gewalt. Die Termini Jugendkultur, rechte Jugendkultur bzw. Jugendclique, Jugendarbeit sowie Jugendsozialarbeit und Akzeptierende Jugendarbeit werden in den entsprechenden Kapiteln näher beschrieben.

2.1 Rechtsextremismus

Zu dem Begriff Rechtsextremismus gibt es verschiedenste Bedeutungsauffassungen und dementsprechend kontroverse Debatten. Im Sinne staatlicher vor allem durch den Verfassungsschutz repräsentierter Argumentationen, geht es bei Extremismus um aggressive sowie kämpferische Bestrebungen, die sich gegen die freiheitlich rechtsstaatliche Verfassung (u.a. Menschenrechte, Gewaltenteilung, Volkssouveränität, Mehrparteienprinzip, Unabhängigkeit der Gerichte) wenden und sich jenseits der Demokratischen Mitte befinden. Der Rechtsextremismus wird dabei vor allem durch Nationalismus, Rassismus, Autoritarismus und der Ablehnung menschlicher Fundamental-gleichheit charakterisiert. Da häufig rechts- und linksextremistische Intentionen gleichgesetzt werden und der Rechtsextremismus damit zwangsläufig verharmlost wird, ist der extremismustheoretische Rechtsextremismusbegriff aus meiner Sicht zu kritisieren. Hinzu kommt, dass die Definition einer `Demokratischen Mitte` viele Fragen, z.B. den Umgang mit diskriminierenden Tendenzen aus unserem gesellschaftlichen Zentrum heraus offen lässt und sehr willkürlich festgelegt erscheint (Vgl. Jaschke, 2001, S. 24-25; Oepke, 2005, S. 30-31). Trotzdem möchte ich im Zuge meiner Ausführungen den Begriff Rechtsextremismus verwenden, welcher sich dabei auf sozial- bzw. politik-wissenschaftliche Erkenntnisse beruft. Demnach setzt sich Rechtsextremismus aus Einstellungen (Antipluralismus[1], Ethnozentrismus[2], Autoritarismus[3], Kollektivismus[4], Nationalismus[5], Rassismus[6], Antisemitismus[7], Fremden- und Ausländerfeindlichkeit[8], Sozialdarwinismus[9], Eugenik[10], Ideologie der Ungleichheit[11], Pronazismus[12], männliche Dominanzkultur[13] etc.) sowie Verhaltensweisen (Wahlverhalten, Gewalt, Mitgliedschaften, Protestformen, Verfassen von Schriften etc.) zusammen, wobei hierbei nicht zwangsläufig alle Elemente vorhanden sein müssen, diese aber in Beziehung zueinander stehen. Rechtsextreme Einstellungsmuster gelten meist als Voraussetzung für entsprechendes Verhalten, wobei nicht jeder automatisch politisch aktiv oder gewalttätig wird und gerade Jugendliche eine rechtsextreme Überzeugung teilweise erst durch konkrete Aktionen entwickeln. Letztgenannte Handlungsweisen stehen meist im Fokus der Öffentlichkeit, während die Einstellungsebene fatalerweise vernachlässigt wird. Mit dieser Beschreibung von Rechtsextremismus als politische Ideologie können verschiedenste Erscheinungen dargestellt werden, welche quer durch die Gesellschaft mit ihren Mitgliedern und Institutionen verlaufen und deutlich machen, dass Rechtsextremismus kein jugend-spezifisches Phänomen darstellt (Vgl. Jaschke, 2001, S. 26-30; Oepke, 2005, S. 30-31; Borrmann, 2006, S. 42-50; Grumpke, 2007, S. 22-24). Außerdem stellt der Rechtsextremismus kein deutsches Phänomen dar, sondern ist europa- bzw. weltweit präsent. (Vgl. Zick/Küpper/Hövermann, 2011)

2.2 Gewalt als bedeutsamer Bestandteil des Rechtsextremismus

Gewalt ist ein zentraler Aspekt des Rechtsextremismus und dabei sehr vielseitig in den Erscheinungsformen. Es gibt psychische Gewalt in Form von Diskriminierungen (Sprachgewalt, Abwertung durch Gestik und Mimik) und Gewalt gegen Sachen (z.B. Vandalismus, antisemitische Graffiti, der Brandanschlag auf die leere Döner-Bude), was aber auch immer eine psychische Gewaltausübung gegenüber den Betroffenen mit sich bringt. Dies geschieht auch bei der Anwendung physischer Gewalt (Körperverletzung, Mord) oder auftretender struktureller Gewalt (z.B. Benachteiligungen von Menschen mit Migrationshintergrund, Asylgesetzgebung, Abbau demokratischer Regelungsformen). Nicht zuletzt sei die gegen sich selbst gerichtete Gewalt genannt wie z.B. exzessiver Alkohol- bzw. Drogenkonsum (Vgl. Struck, 2007, S. 17-20). Während physische Gewalt und Gewalt gegen Sachen ein vorwiegend jugendspezifisches (und männliches) Problem darstellen, liefern die größtenteils durch die Erwachsenenwelt getragene strukturelle wie auch psychische Gewalt mit einhergehenden Einstellungsmustern den entsprechenden Nährboden. Gewaltakzeptanz steht aber auch für die Ablehnung rationaler Diskurse und für die Wertschätzung autoritärer Umgangsformen. Entsprechende Gewaltformen können geduldet, gebilligt, akzeptiert, eingefordert oder selbst ausgeübt werden (Vgl. Borrmann, 2006, S. 43 u. S. 50). Rechte Gewalt richtet sich vor allem gegen vermeintliche Ausländer (Migranten), Menschen mit dunklerer Hautfarbe, Gläubige (insbesondere Juden und Muslime), Bevölkerungsgruppen wie die Roma, Homo- oder Transsexuelle, Obdachlose, politische Gegner, Mitglieder anderer Jugendkulturen und Behinderte. Besonders erschreckend ist, dass sich nach skandalösen Gewalttaten ähnliche Ereignisse häuften, so dass eine animierende Wirkung statt erhoffter Solidarität und Courage erkennbar ist (Vgl. Möller, 1996, S. 18).

3. Die Jugendphase

Die Jugend, als sich von der Kindheit sowie Erwachsenenwelt abgrenzende Lebensphase, hat in den letzten Jahrzehnten eine immense zeitliche Ausdehnung vollzogen und damit an Bedeutung gewonnen. Aus psychologischer Sicht müssen das Herausbilden von intellektueller wie auch sozialer Kompetenz, einer inneren Vorstellung von Geschlechtszugehörigkeit sowie sexueller Orientierung, eines eigenständigen Konsumentenbewusstseins (bezogen auf Waren, Medien, Freizeit, Geld), eines Werte- und Normensystems wie auch einer ethisch-politischen Überzeugung, als Entwicklungs-aufgaben des Jugendalters vollzogen werden, mit dem Ziel der Erlangung von Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, individueller Persönlichkeitsstruktur und entsprechender Kontinuität. Mit diesem Prozess verbunden sind markante Orientierungs- und Selbstwertkrisen (Vgl. Hurrelmann, 2010, S. 26-31). Aus soziologischer Perspektive „(...) wird der Übergang vom Status Kind in den Status Jugend als schrittweise Erweiterung der Handlungsspielräume erkennbar, die eine Vergrößerung der Rollenvielfalt mit sich bringt. Mit dem Übergang in das Jugendalter erfolgt die Integration des jungen Gesellschaftsmitgliedes in ein zunehmend komplexer werdendes Netz von sozialen Erwartungen und Verpflichtungen, die mit der Herausbildung entsprechender Kompetenzen zur Teilnahme an den sozialen Interaktionsprozessen einhergeht.“ (Hurrelmann, 2010, S. 32) Weiterführend lässt sich die Persönlichkeitsentwicklung als Zusammenspiel von genetischer Ausstattung und Umwelteinflüssen verstehen. Dieser als Sozialisation bezeichnete Prozess, ist in der Jugendphase durchdringend wie auch anstrengend, da die die jugendliche Person betreffenden physischen (z.B. Erlangung der Geschlechtsreife), psychischen (z.B. Motive, Gefühle) und sozialen (z.B. schulische Anforderungen, Peergroup als Lebensmittelpunkt) Neuordnungen immens sind (Vgl. ebd., S. 32-34).

3.1 Jugend und Delinquenz

Die lückenhafte Zusammenführung von Individuation[14] und Integration[15] kann problematische Züge (soziale bzw. gesundheitliche Entwicklungsstörungen) annehmen, gerade wenn die personalen (Intelligenz, Temperament) oder sozial-ökonomischen Ressourcen zur Unterstützung (Familie, Freunde, Schule, Wohnumfeld, finanzielle Ausstattung, Kultur- und Bildungsangebote) nur geringfügig vorhanden sind oder ganz fehlen (Vgl. ebd., S. 63-70). Dies geschieht in Form von nach innen (z.B. Rückzug und Depression) beziehungsweise außen (z.B. Gewalt) gerichtetem oder ausweichendem (z.B. Drogenkonsum) Problemverhalten. Besonders die beiden letztgenannten Varianten spielen bei rechtsextremen Jugendlichen eine Rolle. Feindseligkeit gegenüber anderen Menschen, Gewalthandlungen, politischer Protest und antisoziales Verhalten sind dabei nach außen gerichtet, während exzessiver Alkoholkonsum ausweichendes Handeln darstellt. Dieses Auftreten wird meist als sozial abweichend (Delinquenz) bezeichnet, da diese Handlungsweisen gesellschaftlich unerwünscht oder gar strafbar sind (Vgl. ebd., S. 157-163). In die Jugendphase fällt auch die Entwicklung einer politisch-ethischen Identität. Unzureichende personale (z.B. emotionale Instabilität, mangelhafte Ich-Stärke, Verschlossenheit, fehlende Spontanität), familiäre (z.B. eine autoritär-aggressive, von geringer Emotionalität geprägte und Erprobungsmöglichkeiten ausschließende Erziehung) und soziale (z.B. Zugehörigkeit zu einer delinquenten Jugendgruppe mit verbundener Perspektivenübernahme und psychisch-physischen Gesundheitsgefährdungen, Partizipation ausschließende und stark leistungsorientierte Bildungseinrichtungen) Ressourcen erschweren dabei die Herausbildung eines demokratisch denkenden und toleranten Subjekts. Wobei diese genannten Einflussgrößen entscheidend von politischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen geprägt werden (Vgl. Oepke, 2005, S. 65-76). Detaillierte Erklärungen zur Entwicklung rechtsextremer Einstellungs- und Verhaltensmuster unter Jugendlichen folgen im vierten Kapitel dieser Arbeit.

3.2 Die Gleichaltrigengruppe als zentraler Bestandteil der Jugendphase

Die Gleichaltrigengruppe, die Clique, der Freundeskreis oder die Peergroup sind Bezeichnungen für eine Soziale Gruppe innerhalb der Jugendphase, welche durch zeitliche Kontinuität, eine Rollen- und Aufgabenverteilung, spezifische Normen sowie Umgangsformen, (spannungsreiche) Gruppendynamiken und besondere Identifikations- sowie Zusammengehörigkeitsobjekte charakterisiert wird (Vgl. Langfeldt/Nothdurft, 2007, S. 181-190). Die Peergroup ist auf das soziale Milieu und den Bildungsgrad bezogen vergleichsweise homogen (Vgl. ebd., S. 107) und bietet Vertrauensbeziehungen, sich von der Umwelt abgrenzende gemeinschaftliche Sinnbezüge, die Gelegenheit zur Erprobung von Handlungsfertigkeiten und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung sowie des sozial-emotionalen Erlebens abseits der Erwachsenenwelt. Die Gleichaltrigengruppe kann aber auch für Stigmatisierungen, Aggressionen und die Vermittlung sozial abweichender Verhaltensweisen stehen. Üblicherweise gibt es eine gleichrangige Doppelorientierung an den Sozialisationsinstanzen Familie und Gleichaltrigengruppe. Eine konfliktreiche Beziehung zu den Eltern (z.B. unterschiedliche Ansichten, Kontrolle, Aggression, Gewalt) führt zum Jugendzentrismus, dem demonstrativen Boykott der Eltern- und Erwachsenenwelt bei gleichzeitiger intensiver Bindung an die Peergroup mit verbundener erhöhter Gefahr der Delinquenz (Vgl. Hurrelmann, 2010, S. 126-131). „Die intensive gemeinsame Zeit, die Heranwachsende heute miteinander verbringen, führt häufig zu einer Jugendkultur mit gemeinsamen Werten.“ (ebd., S. 129) Hierauf möchte ich im folgenden Abschnitt näher eingehen.

3.3 Jugendkulturen

Jugendkulturen zeichnen sich durch spezifische Werte, Prinzipien, Umgangsformen, Lebensweisen, Ästhetiken und Gesellschaftsvorstellungen aus, die sich von anderen eingrenzbaren (jugendlichen) Lebensstilen unterscheiden (sollen) und unter Umständen einen deutlichen Gegenpol zur (vorwiegend von Erwachsenen geprägten) Gesamtkultur[16] darstellen, unter der man das Geflecht aus gesellschaftlichen Institutionen sowie Ordnungssystemen, allgemeingültigen Normen, anerkannten Verhaltensmustern, Traditionen, Bildungsgütern, Bedürfnissen und Kommunikationsformen versteht. Sprach man zu Beginn der 1960er Jahre noch von der (einen) Jugendkultur, so gibt es inzwischen eine Vielzahl an Jugendkulturen, welche sich durch Modifikation, die Übernahme von Elementen, den globalen Austausch, neue Medien, die Vermischung von Stilen und die Lockerung der Verbindlichkeit, als Teil einer bestimmten Jugendkultur gleichzeitig Mitglied eines charakteristischen Sozialmilieus zu sein, entwickeln konnten. Diese Jugendkulturen erfüllen zum einen Selbstwert und Identität stabilisierende Zwecke, insbesondere für benachteiligte wie auch politisch-kulturell engagierte Jugendliche und dienen zum anderen dem gemeinsamen, möglicherweise mit Delinquenz verbundenen Erobern und Gestalten, von für die Jugendlichen bedeutsamen Freiräumen (Vgl. Farin, 2001, S. 18-21; Hurrelmann, 2010, S. 132-133). Außerdem ermöglichen sie Momente der genuss- sowie konsumorientierten Freizeitgestaltung und der nach außen gerichteten Präsentation von Persönlichkeit mit verbundener sozialer Verortung wie auch intensive Kontakte zu Gleichaltrigen und Orientierungssicherheit (Vgl. Borrmann, 2006, S. 50-51). Auf die Besonderheiten der rechten Jugendkultur möchte ich im fünften Kapitel eingehen.

4. Erklärungsansätze zur Entstehung rechtsextremer Einstellungen und Handlungsweisen

Die Ansätze zur Erläuterung der Herausbildung von Rechtsextremismus sind sehr vielseitig und sollen in diesem Kapitel komprimiert dargestellt werden. Dabei ist es bedeutsam diese Erklärungen nicht isoliert zu betrachten und etwa den einen Auslöser rechtsextremer Einstellungen auszumachen, sondern die Befunde in entsprechende Zusammenhänge zu setzen. Zunächst ist hervorzuheben, dass rechtsextreme Einstellungen kein jugendspezifisches Phänomen darstellen, sondern entsprechende Elemente in der Bevölkerung weit verbreitet sind. Die `Mitte-Studien` der Friedrich Ebert Stiftung haben dies erneut verdeutlicht. Im Anhang befinden sich zwei entsprechende Tabellen (Abb. 1, Abb. 2), die die erschreckende Präsenz rechtsextremer Einstellungsmerkmale veranschaulichen.

4.1 Die Makroebene – eine gesamtgesellschaftliche Betrachtung

Nach Heitmeyer ist die Begründung für eine gesteigerte Intensität rechtsextremer Orientierungen in der erhöhten Komplexität sozial-politischer Zusammenhänge, in der Auflösung traditioneller Bindungen und in der gesellschaftlichen Modernisierung mit ihrer Optionsvielfalt zu finden. Gerade junge Menschen, welche in dieser Lebensphase eine selbstbestimmte Identität ausbilden möchten, machen vermehrt in der Individualisierung begründete Erfahrungen der Ausgrenzung, Einsamkeit, Konkurrenz, Orientierungslosigkeit sowie Handlungsunsicherheit und suchen deshalb nach Halt gebenden, eingrenzenden sowie Überlegenheit suggerierenden Kategorien (z.B. Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit), einfachen Lösungen und Gewissheiten (z.B. Symbole, Rituale, Hierarchien, Gruppenzugehörigkeit, Gewalt als legitime Handlungsform). Hier bietet der Rechtsextremismus eindeutige Anknüpfungspunkte (Vgl. Oepke, 2005, S. 118-120). Außerdem haben ökonomisch-politische Krisen mit verbundener subjektiv wahrgenommener Bedrohung einen nachweislich entscheidenden Einfluss auf die Entstehung von Formen ´gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit` wie Fremden-feindlichkeit und Antisemitismus. Es wird nach Schuldigen gesucht, die man vor allem in gesellschaftlichen Randgruppen sieht (Vgl. Becker/Wagner/Christ, 2010, S. 138-141). Da der deutsche Wiedervereinigungsprozess einen besonders radikalen sowie temporeichen Umbruch darstellt (Vgl. Oepke, 2005, S. 127), ließe sich unter anderem dadurch die verschärfte Ausbreitung des Rechtsextremismus in den 1990er Jahren in den Neuen Bundesländern erklären[17], wobei auch die Lebensumstände in der DDR mit den spezifischen Sozialisationsbedingungen, die autoritäre Staatsausrichtung, die konsequente Leugnung vorhandener Fremdenfeindlichkeit sowie rechtsextremer Szenestrukturen, die Antisemitismus fördernde Haltung im Nahost-Konflikt und der Widerspruch von ausgeübter Abschottungspolitik[18] sowie gleichzeitig gepredigter friedlicher Weltoffenheit, eine bedeutende Rolle spielen (Vgl. Hopf/Silzer/Wernich, 1999, S. 116-117; Espenhorst, 2006, S. 44-47). Der Ansatz von Heitmeyer wird teilweise als zu abstrakt kritisiert, da er individuelle Verarbeitungsweisen nicht erklären kann und auch empirische Befunde zeigen, dass nur ein geringer Anteil der Jugendlichen, die entsprechende Desintegrations-erfahrungen gemacht haben, zu rechtsextremen Gewalttätern werden. Dennoch sprechen viele empirische Erkenntnisse dafür, dass Jugendliche, die ihre Umwelt als ungeordnet, unsicher, ungerecht und bedrohlich wahrnehmen, häufiger zu rechtsextremen Einstellungs- und Handlungsweisen neigen. Neben dem Einfluss eines niedrigen Bildungsgrades[19], scheint die subjektive Wahrnehmung von drohendem sozialen Abstieg, im Gegensatz zu realer Arbeitslosigkeit, geringfügigem Einkommen und Armut besonders förderlich für rechtsextreme Orientierungen zu sein (Vgl. Oepke, 2005, S. 124-126). Weiterführend können rechtsextreme Erscheinungsformen „(...) durch individuell und politisch nicht oder schlecht verarbeitete Fremdheitserlebnisse, die Relativierung kultureller Standards, die Veränderung von Lebensgewohnheiten sowie sich ausbreitende Konkurrenzsituationen durch Immigration, die ihrerseits entweder ethnisch-kulturelle Divergenzen konflikt-geladen zu Tage treten lassen oder die Ethnisierung vorhandener sozialer Konfliktlinien (z.B. von Verteilungskonflikten) generieren“ (Möller, 1996, S. 28) entstehen. Diese beschriebenen Konflikte sind vor allem in Großstädten, in den sozialen Unterschichten und unter Heranwachsenden präsent (Vgl. Jaschke, 2001, S. 92). Außerdem tragen die Leugnung problematischer Tendenzen, die Abkehr von partizipativ-demokratischen Prozessen, die ungerechte Verteilung von Ressourcen, eine reaktionäre Ordnungspolitik und wachsender Rechtspopulismus auf der gesellschaftspolitischen Ebene zur Förderung des Rechtsextremismus bei (Vgl. Möller, 1996, S. 35).

[...]


[1] Aggressiver Ausschluss von unterschiedlichen Meinungen, Minderheiten, gesellschaftlicher Vielfalt und ergebnisoffenen Diskursen.

[2] Ethnozentrismus steht für die Aufwertung der eigenen und gleichzeitigen Abwertung einer anderen Gruppe oder Nation.

[3] Der starke Staat steht über allem und vertritt ein antipluralistisches Prinzip.

[4] Bedingungslose Fügsamkeit des Individuums gegenüber der Gemeinschaft und dem Staat.

[5] Abwertende oder gar hasserfüllte Einstellung gegenüber Staaten sowie Völkern mit verbundener Ausgrenzung von bestimmten Menschen und Gruppen, bei gleichzeitiger Vollkommenheit der eigenen Nation.

[6] Der Anspruch auf gleiche Rechte für alle Menschen , wird aufgrund von unterstellter ethnischer Ungleichheit ausgeschlossen. Daran anschließend ergeben sich verschiedene Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung.

[7] Steht für die verallgemeinerte Ausgrenzung, Diskriminierung sowie Verfolgung von Juden und die Ablehnung des Judentums.

[8] Distanzierung und Ausgrenzung von Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe, Herkunft (Nationalität, Kulturkreis) oder Religion, gemessen an einer vermeintlichen (und nicht nachweisbaren) Homogenität eines Volkes. Bei Ausländern findet häufig eine Kategorisierung nach Nützlichkeit bzw. Unbrauchbarkeit statt.

[9] Gesamtgesellschaftliche Ausrichtung nach einem `Recht des Stärkeren` Prinzip, welches auf natürlichen Hierarchien beruht.

[10] Differenzierung zwischen minderwertigem und brauchbarem Leben, die bis zur Ermordung `unwerten` Lebens führt.

[11] Steht für die Überzeugung der Ungleichwertigkeit von Menschen.

[12] Befürwortung und Verharmlosung des Nationalsozialismus mit verbundenem Geschichtsrevisionismus.

[13] Frauen nehmen ausschließlich eine passive Rolle innerhalb der Gesellschaft ein, während Männlichkeit für Kameradschaft, Herrschaft, Durchsetzungsvermögen und Aggressivität steht.

[14] „(...) Prozess des Aufbaus einer individuellen Persönlichkeitsstruktur mit unverwechselbaren kognitiven, motivationalen, sprachlichen, moralischen und sozialen Merkmalen und Kompetenzen (...).“ (Hurrelmann, 2010, S. 67)

[15] „(...) Anpassung an die gesellschaftlichen Werte, Normen, Verhaltensstandards und Anforderungen und die Platzierung in der ökonomischen Chancenstruktur.“ (ebd., S. 67)

[16] Aufgrund der Einflüsse von Individualisierung und Pluralisierung ist diese nicht einfach zu beschreiben, jedoch ergeben sich durch die Spezifika bestimmter Jugendkulturen weiterhin deutliche Abgrenzungsmomente.

[17] Aktuelle zu allgemein gefasste Ost-West Vergleiche sind nicht angebracht, da es sich vor allem um regionale Unterschiede hinsichtlich Sozialstruktur, ökonomischer Stärke, politischer Landschaft, kulturellem Angebot und demografischen Aspekten handelt, die sich entsprechend auf die Entwicklung von Rechtsextremismus auswirken. (Vgl. Quent, 2012, S. 41-42)

[18] Zum einen ist hiermit der Umgang mit Gastarbeitern sowie Studenten aus befreundeten Ländern gemeint und zum anderen die Rolle der DDR in der Weltgeschichte.

[19] Dafür sprechen Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass die Anfälligkeit für rechtsextreme Einstellungen als Gymnasiast am geringsten sowie als Hauptschüler am höchsten ist. „Hinter dem Schultyp als „soziale Adresse“ verbirgt sich natürlich eine ganze Menge. Teils spiegelt die besuchte Schule per Selektion die Zugehörigkeit zu sozialen Schichten und damit die Bildung sowie die finanzielle und berufliche Situation der Eltern. Teils geht der Schultyp mit Variationen in der zu Hause erfahrenen Erziehung einher. Er steht in gewissem Maß für Intelligenzunterschiede. Es gibt genuine schulbasierte Effekte. Und schließlich ist auch an Unterschiede in den Lebens- und Zukunftschancen zu denken.“ (Noack, 1999, S. 158-159)

Details

Seiten
71
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656323105
ISBN (Buch)
9783656324461
Dateigröße
864 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205118
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena – Sozialwesen
Note
2,0
Schlagworte
rechtsextreme jugendliche soziale arbeit möglichkeiten grenzen ansatzes jugendarbeit jugendsozialarbeit

Autor

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Titel: Rechtsextreme männliche Jugendliche und Soziale Arbeit