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Relevanz und Potentiale von binationalen Web 2.0-Schulpartnerschaften (eTwinning) in Bezug auf Vernetzung und Aktivierung von transkulturellen Lernprozessen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 41 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen
2.1 eTwinning
2.2 Web 2.0
2.3 Interkulturelles Lemen

3 Bildungspolitische Geschichte und Verlauf des Web 2.0-Projektes

4 Vorteile, Benefits und Effekte von Web 2.0 Schulpartnerschaften
4.1 Forderung interkulturellen Austauschs mit niedrigschwelligem Zugang
4.2 Forderung der Subjektorientierung/Individualisierung
4.3 Forderung von Interaktivitat und Kollaboration
4.4 Forderung digitaler Kompetenzen
4.5 Geringe Kosten
4.6 Forderung der Fremdsprachenkenntnisse

5 Herausforderungen, Schwierigkeiten und Grenzen von Web 2.0 Schulpartner- schaften
5.1 Padagogisch-didaktischeGrenzen
5.2 Technische Grenzen
5.3 Diversitat und Heterogenitat Lernender
5.4 Diversitat und Heterogenitat Lehrender
5.5 Weitere Grenzen

6 FazitundAusblick

Literatur

1 Einleitung

Wir bewegen uns in einer sich beschleunigt verandernden bildungs- und sozialpo- litischen Landschaft. Auch im Nationalstaat mussen wir uns zunehmend internati­onal dahingehend orientieren. Die neuen Informations- und Kommunikations- technologien tangieren fast alle Aspekte des Lebens in einem sehr viel unmittel- bareren Sinne als dies bei der ersten und auch der zweiten industriellen Revolution geschehen ist (Jansen 2011, S. llff; Salwiczek & Volpers 2004; Hagel & Brown 2008).

Die technische Revolution transformiert dadurch und uber multiple externe Fakto- ren die gesamte Arbeitswelt und das Leben v. a. der jungen Menschen (Ritzer 2009, S. 290; Mulford 2008; Cobcroft et al. 2006).

Moderne Technologien eroffnen fur verstarkte Individualisierung enorme Mog- lichkeiten. Sie machen Lernende raumlich und zeitlich unabhangiger und erleich- tern konstruktivistisches und soziales Lernen (Schmidt 2005; MaaB & Pietsch 2007; Low 2004).

Auf dem Zukunfts- und Wandlungspotenzial von Schule lastet seit langerer Zeit ein hoher auBerschulischer Erwartungsdruck. Es wird gefordert, dass Schulen starker gesellschaftliche und wirtschaftliche Erfordernisse berucksichtigen mus­sen, um Lernende1 an die (deutschen) Arbeitsmarkte und an international Ent- wicklungen nahtlos anschlussfahig zu machen (Dullien 2010, S. 18f.).

Analysen von Erwerbsbiografien zeigen, dass Bildungsinvestitionen in der Regel fur den Einzelnen mit einem hoheren Einkommen und einem geringeren Arbeits- losigkeitsrisiko verbunden sind (Steiner & Schmitz 2010).

Angesichts der gegenwartigen okonomischen und politischen Krisen der sudeuro- paischen Eurolander wird die Transmission von Wissen und die interkulturelle Kompetenz zu einer besonders bedeutenden gesellschaftlichen Herausforderung (Albers et al. 2011; Alaoutinen & Voracek 2004).

In dieser Hausarbeit werde ich versuchen aufzuzeigen, dass das Programm eT- winning in der Lage ist, transkulturelle Lernprozesse zu aktivieren.

2 Definitionen

Nun werden die drei wichtigsten Begriffe definiert, um deren Verwendung in meiner Hausarbeit zu klaren.

2.1 eTwinning

eTwinning ist ein Programm der Europaischen Union mit Unterstutzung von Schulen ans Netz e.V. . Die Initiative fordert online basierte Schulpartnerschaften und bietet eine einfach zu bedienende Internetplattform, auf der per E-Mail, Chat, Wikis, Blogs, Pod- und Vodcasts, Klassenhomepage und Dateiaustausch ,,Unter- richt“stattfinden kann. Die Plattform wird von Telefon- und Mailtutoren betreut, weiterhin werden Fortbildungen fur Lehrende angeboten (eTwinning 2012a; Pari- gi 2007).

Ziel ist es, den Lehrenden flexible, informelle Schulkollaborationen zu ermogli- chen, die entsprechend den Vorgaben des europaischen Austauschprogramm COMENIUS2 3 4 ohne grofieren burokratischen Aufwand moglich sind (Torok- Lakatos & Dorner 2012; Gilleran 2006; Wenning 2010, S. 72ff).

2.2 Web 2.0

Web 2.0 kann folgendermafien umschrieben werden:

“The social use of the Web which allows individuals to collaborate, encour­aging them to become active participants and/or producers in knowledge creation and to share information online. (...) At the heart of Web 2.0 is a culture of sharing, interaction, active content creation and continual com­munication with the online environment.” (Gould 2010, zit. nach Web 2.0 ERC 2010)

Gapski & Grafier (2007) und McLoughlin & Lee (2007) pointieren die Grenzver- schiebungen durch Web 2.0 im Vergleich zu Web 1.0 durch vier Merkmale:

1. Veranderung der Informationsarbeit von rezipierend zu produzierend, dabei

a) Er- und Bearbeitung der Informationen nicht mehr nur von Einzelnen, sondern eher kollaborativ
b) Produktion von Inhalten nicht nur von Menschen, sondern auch von Ma- schinen wie Netzwerken oder Software-Applikationen

2. Verschwimmen der Grenze zwischen lokal und entgrenzt im Netz
3. Wandel der Inhalte von rein privater Nutzung zu eher offentlichem Zugang
4. Entwicklung von einer aufsuchenden zu einer eher abwehrenden Informati- onsstrategie, um den Informationsuberfluss zu verarbeiten

Die ersten drei Merkmale sind Grundlagen und Moglichkeiten, Web 2.0- Schulpartnerschaften wie eTwinning zu entwickeln.

2.3 Interkulturelles Lernen

Unter interkulturellem Lernen wird ein Lernvorgang verstanden, welcher padago- gische, politische und soziale Zielvorstellungen impliziert, die auf das Zusam- menleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft Einfluss nehmen sollen, wodurch dem Begriff eine normative Bedeutung zukommt. Mit interkultu­rellem Lernen sollen die Mitglieder der Majoritat und der zugewanderten Minori- taten lernen, moglichst friedlich und ohne gegenseitige Diskriminierung und Ab- lehnung zusammenzuleben (Fischer 1999; Nestvogel 2002).

3 Bildungspolitische Geschichte und Verlauf des Web 2.0-Projektes

Der Wandel der europaischen Lander von Industrie- zu Informations- und Wis- sensgesellschaften hat dazu gefuhrt, dass die EU-Organe, die sich mit dem Be- reich Bildungspolitik jahrzehntelang nur wenig befasst haben, inzwischen bedeu- tende Aktivitaten entfalten (Wissmann 2011).

Die Europaische Union hat im Jahre 1996 im so genannten Delors-Bericht im Report an die UNESCO - und im -whitepaper von 1993 (Ross 1995, S. 240) - das lebenslange Lernen als wichtigsten Bestandteil der zukunftigen BildungsmaB- nahmen postuliert. Zugleich wird in diesen Berichten die Erziehung fur die globa- lisierte und multikulturelle Welt hervorgehoben (Delors 1996, S. 24 f. + 31f.; Keiner & Jansen 2012, S. 40ff.; Singh 1996; Stavenhagen 1996).

Spatestens seit der Lissabon-Strategie (2000) und dem Nachfolgeprogramm Europa 2020 ist der hohe Stellenwert der Bildungspolitik fur die europaische Wettbewerbsfahigkeit evident geworden (Wissmann 2011; European Commission 2010; Manfredini 2007; Panvini 2007). Die Lissabon Strategie, deren Hauptziel es war, Europa in “the most competitive and dynamic knowledge-based economy in the world’ (European Parliament 2000) zu verwandeln, hat zu zahlreichen Initia- tiven im Bildungsbereich gefuhrt (Europaparlament 2000).

Aktuell entwickelt sich innerhalb der Grenzen der Europaischen Union ein institu- tioneller Rahmen fur eine effektive europaische Mehrebenenpolitik, welche den Nationalstaat nicht obsolet macht, sondern Ausdruck seiner neuen Funktion als Koordinator in einem vielschichtigen Netzwerk von Verhandlungsbeziehungen ist (Dittgen 2009, S. 168f.).

Das derzeitige EU-Programm fur lebenslanges Lernen umfasst die vier sektoriel- len Programme Comenius, Erasmus5, Leonardo da Vinci6, Grundtvig7 und den Bologna-Prozess8. In diesem Prozess wurden hinleitende Schulprogramme ange- passt und weiterentwickelt (Diekmann 2011). Die deutsche Bildungslandschaft ist u. a. durch diese europaische Politik stark in Bewegung geraten (Busemeyer 2009).

Das Thema „Identitat“ist in der Geschichte der europaischen Integration und bei der Betonung der Bildungspolitik seit dem Vertrag von Maastricht in 1992 evi­dent. Die Identifikation der Burger/innen mit der EU erwies sich als schwankend, nicht sehr belastbar und seit den 1990er Jahren zuruckgehend. Trotzdem konnten die EU-Parlamente etliche Beschlusse, Programme und Vertrage in Bezug auf (Bildungs-) Ziele und Werte der Union durchsetzen (Mandry 2009, S. 108f.; Thie­le 1999, S. 152ff.; Seeler 2008, S. 72; Busch & Hirschel 2011; Hornlein 2000).

Die Europaische Kommission hat beispielsweise in 2004 initiiert, dass die Schaf- fung von nicht formalen Schulpartnerschaften von allgemein- und berufsbilden- den Schulen der Gemeinschaft gefordert werden sollte. Das bereits seit 1995 be- stehende COMENIUS-Programm zur Forderung der Zusammenarbeit von Schu­len aller Schulstufen und Schulformen innerhalb der EU wurde mit und durch eTwinning beschritten (Gilleran 2007).

eTwinning wurde als Erweiterung des COMENIUS-Programms zur Forderung der Kooperation von Schulen aller Schulstufen und Schulformen innerhalb der EU eingefuhrt. Die Initiative des Jahres 2004 sollte das seit 1995 bestehende Pro- gramm konkret in der Schaffung von nicht formalen Schulpartnerschaften an all- gemeinbildenden und berufsbildenden Schulen implementieren (Gilleran 2007). Ebenfalls 1995 wurde das Lingua Programm zur Forderung von Mehrsprachigkeit in das bestehende Sokrates Programm implementiert, um der Europaischen Be- volkerung die Verschiedenartigkeit der Sprachen und Kulturen bewusster zu ma- chen und fur das Erlernen der Sprachen zu werben (Silva 2011). In diesem Zu- sammenhang kann die Initiative ,,Education for all“der UNESCO gesehen wer- den, welche das Ziel verfolgt, bisherige Hurden zur regionalen, kulturellen und genderspezifischen Bildung zu uberwinden (Mundy 2010; UNESCO 2006; UNESCO 2010, S. 27).

Das eTwinning-Programm reprasentiert eine Gelegenheit, interkulturelles Lernen mit Uberschreitung der geografischen Distanzen durch die Integration von Web 2.0-Technologien im Klassenraum zu ermoglichen (Silva 2011). Durch multikul- turelles Lernen in der Schule werden die Herausforderungen von kultureller und sprachlicher Diversitat thematisiert und der Umgang fur die zukunftigen multikul- turellen Arbeitsformen bereits eingeubt (Sarrafzadeh & Williamson 2012; Banks et al. 2007).

4 Vorteile, Benefits und Effekte von Web 2.0 Schulpartnerschaften

In diesem Kapitel werden die wichtigsten Vorteile von Web 2.0- Schulpartnerschaften dargestellt.

eTwinning ist sowohl national als auch international moglich. Gerade im interna- tionalen Rahmen kann durch Web 2.0-Schulpartnerschaften die politische Idee des lebenslangen Lernens der EU aus dem Jahre 2005 gefordert werden. Nach dieser politischen Zielsetzung sollen acht Schlusselkompetenzen9 als Ziele der europaischen Erziehung angestrebt werden (EU Commission 2003; GD Bildung und Kultur 2007; KOMM 2008, S. 5ff.; Belisle 2008).

eTwinning ist im allgemeinbildenden Bereich der europaischen Schulen eine be­reits etablierte und bewahrte Praxis. Aktuell (2012) sind bereits 167000 Mitglie- der aus 94000 Schulen registriert. Es gibt 5500 aktive und 17800 abgeschlossene Projekte. Uber 23.000 Schulen aus 32 europaischen Landern sind in 23 Sprachen aktiv involviert (eTwinning 2012b; eTwinning 2010, S. 6f.; BMBF 2010, S. 5ff.). eTwinning kann als ein Impuls zum Paradigmenwechsel in der Methodik und zugleich als ein informelles Weiterbildungsprogramm fur Lehrende wirken. Die Lehrenden konnen motiviert werden, neue Methoden und Techniken im Unter- richt anzuwenden und als Folge eine erhohte Berufszufriedenheit zu erlangen (To- rok-Lakatos & Dorner 2012; Web 2.0 ERC 2010, S. 3ff.).

4.1 Forderung des interkulturellen Austauschs mit niedrigschwelligem Zu- gang

Web 2.0 Lernen kann das interkulturelle Lernen unter der Voraussetzung fordern, dass es schrittweise weiterentwickelt wird und nicht auf ein Einzelprojekt be- grenzt ist (Bauerova 2004; Shapiro et al. 2011).

Wenn Lernende und Lehrende auf die Unterschiede zwischen den Partnerlandern systematisch und konzeptionell vorbereitet werden, kann ein Web 2.0- Schulprojekt als Katalysator der Entwicklung interkultureller Kompetenzen wir- ken und eine Basis fur langerfristige Schulpartnerschaften bereiten (Torok- Lakatos & Dorner 2012).

Wichtig fur die Forderung des interkulturellen Austausches sind gute Grund- kenntnisse der Austauschsprache Englisch. Oft sind die Sprachkenntnisse und die Kommunikationskompetenz Lernender jedoch sehr unterschiedlich (Wastiau 2011; Gras-Marti et al. 2009).

Digitale Lernwelten ermoglichen sowohl die Erweiterung der traditionellen Kurs- formen als auch der raumlichen Formen sozial vernetzten, informellen und digita- len Lernens (Meister & Kamin 2010).

4.2 Forderung der Subjektorientierung/Individualisierung

Um das Lernpotenzial der Neuen Medien ausnutzen zu konnen, mussen Lernende eine hohe digitale Kompetenz vorweisen. Zudem mussen die Neuen Medien per­manent verfugbar sein (Jansen 2011, S. 33; Jennings 2012; Wittmann 2007).

Web 2.0-Schulpartnerschaften konnen somit vielfaltige Kompetenzen und Kultur- techniken fordern:

- Kompetenzen im Umgang mit Web2.0
- Lese- und Schreibkompetenz, insbesondere die Fahigkeit, eigene Emotionen zu verschriftlichen
- Reflexivitat der eigenen kulturellen Besonderheiten, der beruflichen Sozialisa- tion, der beruflichen Rahmenbedingungen (Krankenhauser, Sozial- und Ge- sundheitswesen) und der eigenen Ausbildung mit Ressourcen und Weiterent- wicklungspotenzialen
- Sensibilitat fur kulturspezifische Wahmehmung von Themen

Daruber hinaus ermoglichen Web 2.0-Schulpartnerschaften informelle Kooperati- onen von Schulen, Lehrenden und auch Eltern. Sehr wichtig ist die Moglichkeit, Peer-Learning zu erfahren, bei dem das Teilen von Ressourcen und Ideen Grund- lage ist und welches die Gemeinschaftsbildung fordert (eTwinning 2012a, S. 12). Durch die didaktische Gestaltung haben Lernende die Option, Lernmaterial und Lernmethoden auszuwahlen, die ihrem Lernstand, Lerntyp und Lerntempo ent- sprechen. Weiterhin gibt es die Moglichkeit, von uberall, wo sich ein Gerat mit Internetzugang befindet, zu studieren und zu interagieren. Dies setzt jedoch Selbstdisziplin und Verantwortung fur das eigene Lernen voraus und fordert diese Kompetenzen zugleich (Radu et al. 2011).

Wenn sich Lehrende den Herausforderungen von Web 2.0-Medien stellen und sich entsprechend weiterqualifizieren, dann konnen diese gemeinsam bei den Ler- nenden Schlusselqualifikationen wie Fremdsprachenkenntnisse, digitale Kompe­tenzen und interkulturelle und soziale Kompetenzen fordern (Vuorikari et al. 2012; Williams & Chinn 2009; Klein et al. 2009).

In einer umfassenden Analyse zur Beteiligung Lernender in eTwinning wurde konstatiert, dass die Vergleichsmoglichkeit mit anderen als ein heuristisches Tool zugute kommt, wenn sie dazu motiviert und angeregt werden, sich in direkter Weise mit ihren eTwinning Partnerlernende auszutauschen. Durch die auf Infor­mations- und Kommunikationstechnologien (IKT) basierenden padagogischen Aktivitaten ist der gewonnen Mehrwert fur das Lernen von Fremdsprachen garan- tiert (CSS 2011,S. 9).

4.3 Forderung von Interaktivitat und Kollaboration

Die Technologie ist so einfach bedienbar geworden, dass alle Lernende in der Lage sein konnen, sich digital Informationen zu verschaffen und dieses Wissen fur Projekte zu verwenden (Radu et al. 2011). Abhangig von den verwendeten und umgesetzten Methoden ist die Forderung sozialer Kompetenzen moglich. Unter Verwendung von aufgabenbasierter, Lerner zentrierter und kooperativer Methoden und Techniken konnen Lernende bei guter Begleitung intensiv gefor- dert werden (Torok-Lakatos & Dorner 2012; Brown & Adler 2008).

Das Material wird beim Web2.0 eher von den Benutzem als von den Produzenten generiert, so dass die Menschen, welche im Web 2.0 aktiv sind, als Prosumer10 bezeichnet werden, da sie sowohl Material produzieren als auch konsumieren (Ritzer 2009, S. 290; Cote & Pybus 2007).

Die Weiterentwicklung von eTwinning zu einer komplexen sozialen Netzwerk- plattform kann durch das Teilen von gemeinsamen Beziehungen, Werten und Interessen die Entwicklung von sozialem Verhalten fordern (Popescu et al. 2010). Hilfreich und beliebt sind zum Beispiel Mafinahmen wie die im Jahre 2008 ge- schaffene Lernendenecke in Twinspace (Wastiau et al. 2011).

Gerade bei Web 2.0 konnen innovative und kollaborative Lernformen wie peer to peer learning, kollaboratives Storytelling oder das Erstellen und Verwenden von Vod- und Podcasts eine besondere und emotional positive Rolle spielen. Diese sozialen Interaktionen sind Trigger far lebenslanges Lernen, weil sie das eigene Verhalten und Handeln reflektieren und somit Erfahrungen vertiefen (Rosell- Aguilar 2007; Alexander & Levine 2008; Panvini 2007; Grotti 2008).

Das Lernen durch Erfahrung als alteste Form des Lernens erfolgt durch Verglei- che der Effekte mit den Intentionen und den darauf folgenden Entscheidungen, das Verhalten bei Erfolg zu bewahren oder bei Misserfolg zu verandern. Web 2.0 Lernen kann bei guter didaktischer Gestaltung genau diese Praferenzen und Be- durfnisse Lernender berucksichtigen (Sie et al. 2012).

Eine 2011 durchgefuhrte internationale Analyse (24 Fallstudien aus 17 Landern) zur Beteiligung Lernender in eTwinning konnte diesbezuglich zeigen, dass die Projekte einen ausgepragt projektbasierten Ansatz mit explorativer Methodik nut- zen. So zeigten Lernende eine hohe Motivation, arbeiten intensiver an dem Lern- stoff, entwickeln ein ausgepragtes Verantwortungsgefuhl bezuglich der Projekt- aufgaben und einen ausgepragten Sinn fur Solidaritat. Projektorientiertes Web 2.0-Lernen verbessert zudem Entscheidungsfindungen, anfangliche Planungspro- zesse und Partizipationsprozesse Lernender (Wastiau 2011, S. 4ff.).

Insbesondere uber das Narrative im sozialen Austausch von Erfahrungen und Meinungen konnen Lernende fur sie subjektiv bedeutendes Wissen (re- )konstruieren und im Kontext uber den Reflexionsprozess kognitiv vernetzen (Pachler & Daly 2009; Wurffel 2008).

Die aktuelle Web 2.0-Lernforschung verdeutlicht, dass durch Kollaboration effek- tiveres Lernen ermoglicht wird. Lernende mussen in ihrer schulischen Sozialisati- on motiviert werden, mehr kollaborativ zu arbeiten. Web 2.0-Tools bieten sich fur dieses Lernen quasi an (Wheeler et al. 2008; Chatti et al. 2007).

[...]


1 Zur besseren Lesbarkeit werden in der vorliegenden Arbeit die Begriffe Lehrende und Lernende verwendet. Dies entspricht der internationalen Vereinheitlichung.

2 eTwinning: e fur elektronisch, Twin fur Zwillinge, hier: Partnerschaft

3 Schulen ans Netz ist eine Initiative des Bundesministeriums fur Bildung und Technologie und der Deutschen Telekom AG (eTwinning 2012a).

4 Comenius soll die transnationale Zusammenarbeit zwischen Schulen unterstutzen und damit einen Beitrag zur Qualifi- zierung des Schulpersonals, der Forderung von Fremdsprachenkenntnissen und des interkulturellen Bewusstseins leisten, wobei es sich ebenso als Forderer des Lernens in multikulturellem Umfeld, der Lernmoglichkeiten Benachtei- ligter sowie von Aktionen gegen Ausgrenzung fur Lernende, Lehrende und Schulbehorden, Elterninitiativen und Nicht-Regierungs-Organisationen definiert (Becker 2001, S. 290). Das offizielle Programm ist nachzulesen unter http://ec.europa.eu/education/lifelong-learning-programme/comenius en.htm (Stand: 25.08.2012).

5 Das Erasmus-Programm wurde in 1997 gestartet und hat bisher uber 2,5 Millionen Studierende einen Aufenthalt an einer auslandischen Hochschule ermoglicht, damit diese ihre Fremdsprachen, ihre Anpassungsfahigkeit und Fuh- rungskompetenzen verbessern konnen (Kalpidis 2012).

6 Das Programm Leonardo da Vinci finanziert praxisorientierte Projekte im Bereich der beruflichen Bildung. Die Span- ne reicht von Initiativen, die Einzelpersonen berufliche Aus- und Weiterbildung im Ausland ermoglichen bis hin zu umfangreichen Kooperationsbemuhungen (Europaische Union 2012; Arens 2010; Furst 1999, S. 103f.).

7 Das Grundtvig-Programm konzentriert sich auf die Lehr- und Lernbedurfnisse von Lernenden in der Erwachsenenbil- dung, von Teilnehmern und Teilnehmerinnen alternativer Bildungsangebote sowie auf die Einrichtungen, die diese Leistungen erbringen. Es soll zur Entwicklung des Bereichs Erwachsenenbildung beitragen und mehr Menschen er­moglichen, Lernerfahrungen zu sammeln und vor allem in anderen europaischen Landern (siehe: http://ec.eu.ropa.eu/education/lifelong-learning-programme/grundtvig de.htm; Stand: 13.08.2012).

8 Der Bologna-Prozess, der 1999 eingeleitet wurde und inzwischen 45 Staaten umfasst, ist darauf angelegt, einen Europaischen Hochschulraum zu schaffen (Thiele 2000, S. 152ff). Umfassende Informationen zum Bologna-Prozess sind nachzulesen unter http://ec.europa.eu/education/higher-education/doc1290 en.htm (Stand: 24.08.2012).

9 Die acht Schlusselkompetenzen sind: Fahigkeit zur Kommunikation in der Muttersprache und in Fremdsprachen, Mathematik- und Basiskompetenzen in Wissenschaft und Technologie, digitale und sozial-zivile Kompetenzen, Ler­nen lernen, Eigeninitiative und Unternehmergeist, kulturelle Bewusstheit und Kenntnisse (EU Commission 2003).

10 Prosumers: Wortneuschopfung aus producers und consumers.

Details

Seiten
41
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656315124
ISBN (Buch)
9783656318392
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205108
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Internationalisierung von Bildungsprozessen
Note
1,7
Schlagworte
relevanz potentiale bezug vernetzung aktivierung lernprozessen

Autor

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Titel: Relevanz und Potentiale von  binationalen Web 2.0-Schulpartnerschaften  (eTwinning)  in Bezug auf Vernetzung und Aktivierung  von transkulturellen Lernprozessen