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Film und Literaturverfilmung im Literaturunterricht in der Schule. Umerto Ecos und Jean-Jacques Annauds "Der Name der Rose" im Lehrwerk "Facetten"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 28 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Film und Literaturverfilmung
1.1. Film als Text im „erweiterten Textbegriff“
1.2. Stellung des Films in Literaturwissenschaft und Schule
1.3. Überlegungen zu einer Filmdidaktik in der Schule
1.4. Überlegungen zur Literaturverfilmung

2. Das Verhältnis zwischen dem Buch Der Name der Rose und seiner Adaption
2.1. Transformationsprozesse von Erzähl- und Darstellungsweisen
2.2. Darstellung des Raums
2.3. Zur Behandlung des Themas Literaturverfilmung im Lehrwerk Facetten
2.3.1. Gliederung und Struktur des Kapitels
2.3.2 Analyse der Buch- und Filmauszüge und Überlegungen zu deren Auswahl
2.3.3. Möglichkeiten und Grenzen der Behandlung mithilfe des Lehrwerks

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Arbeit reagiert auf die in der deutschdidaktischen Literatur verstärkt gestellte Forderung nach einer Behandlung des Films im Deutschunterricht. Sie wird dabei so vorgehen, dass sie das Medium Film zunächst in die Perspektive eines erweiterten Textbegriffes rückt und von da aus die Diskussion um Literaturverfilmungen intensiv fokussiert. Das Verhältnis zwischen Literatur und Film soll dann am Beispiel des Buches Der Name der Rose von Umberto Eco und des gleichnamigen Filmes von Jean-Jacques Annaud reflektiert werden. Dabei soll vor allem evident werden, welche Verfahren und Techniken die Medien Literatur und Film in Anschlag bringen, um die ihnen eigenen Darstellungsweisen geltend machen zu können. In diesem Zusammenhang sollen auch sich aus der Transformation vom einen ins andere Medium ergebende Probleme begrifflich geschärft werden.

Darauf Bezug nehmend wird dann das Kapitel Literaturverfilmung aus dem Lehrwerk Facetten in den Blick genommen, das das Verhältnis zwischen Literatur und Film am Beispiel von Der Name der Rose thematisiert. In diesem Zuge wird dann auch zu klären sein, warum das Lehrwerk gerade diese Text- und Filmausschnitte wählt und keine anderen, und diesbezüglich: ob gerade diese Ausschnitte womöglich besonders prädestiniert sind, mediumsspezifische Darstellungsweisen zu veranschaulichen.

Die Analyse des Buches und des Filmes, bzw. der Buch-Film-Vergleich wird sich daher insbesondere auf die im Lehrwerk präsentierten Ausschnitte konzentrieren.

Was die Arbeit nicht leisten soll, ist eine vollständige Analyse der beiden Werke. Vielmehr versucht sie anhand von Beispielen zu zeigen, wie Literatur und Film erzähltechnisch mit ihren Erzählgegenständen umgehen.

1. Film und Literaturverfilmung

1.1. Film als Text im „erweiterten Textbegriff“

„Im Zentrum des Faches Deutsch steht die Arbeit mit dem Text. Er ist als gestalteter Gegenstand zu verstehen und zu erschließen. Dabei ist er als Mittel individueller und künstlerischer Äußerung und als Mittel der Kommunikation zu untersuchen.“1 Einschlägig für den Gegenstand Film und Literaturverfilmung ist diese Feststellung deshalb, weil eben nicht nur der schriftliche Text textkonstitutiv ist, sondern von einem „erweiterten Textbegriff“ auszugehen ist, der „literarische und pragmatische Textsorten und -formen, Texte sprachlicher, visueller und digitaler Art ebenso erfasst wie lineare und nicht lineare Texte.“2 Somit ist auch der Film als eigenständiges, ästhetisches Medium Text; und zwar ein in erster Linie visueller Text. Filme sind damit auf der Grundlage dieses Textverständnisses schon von vornherein Gegenstand des Deutschunterrichts. Wie gezeigt wird, ist diese Prämisse im Schulalltag des Deutschunterrichts nicht annähernd so selbstverständlich wie im Rahmenlehrplan Deutsch.

1.2. Stellung des Films in Literaturwissenschaft und Schule

„Sie kennen doch sicher den Witz von den beiden Ziegen, die die Rollen eines Films auffressen, der nach dem Bestseller gedreht worden ist, worauf die eine Ziege zur anderen sagt: ´Mir war das Buch lieber´.“3 So vertraut diese Perspektive auf das Verhältnis zwischen Literatur und Film daher kommen mag, so explizit verweist sie auch auf die Unkonstruktivität dieser Denkweise, die den Film zuvorderst als „Mangelware“ bewertet. Sie misst den Film an der Literatur und verkennt damit a priori seine medienspezifischen Darstellungsleistungen als visuelles Medium. In der Literaturwissenschaft hat sich diese Einstellung gegenüber der filmischen Erzählkunst zu verändern begonnen. Zwar können noch „Vorbehalte gegenüber einer Film- und Kinokultur“ konstatiert werden, jedoch „entwickelt sich zunehmend ein breiteres wie auch gleichzeitig intensiveres Interesse der Literaturwissenschaft an filmischen Darstellungstechniken.“4 Während bislang vor allem Literaturverfilmungen oder Filme allein Gegenstand literaturwissenschaftlichen Bemühens gewesen sind, eröffnen sich seit einiger Zeit neue, sehr gehaltvolle Perspektiven. So zeichnet sich die Tendenz ab, „filmische und schriftliche Erzählprozesse unabhängig von Titelgleichheit gemeinsam zu untersuchen und die Differenzen und Parallelen zwischen diesen beiden Künsten für vergleichende Analyseverfahren und neue Lektüre- bzw. Seherfahrungen zu nutzen.“5 Diese Methodik bietet den Vorteil, sich noch weiter von Vergleichen zwischen Vorlage und Verfilmung zu entfernen um wirklich den Blick frei zu machen auf die darstellungstypischen Leistungen zweier gänzlich differenter Erzählweisen.

Diesen Status hat der Film in der Schule noch lange nicht erreicht. So konstatiert Wolfgang Schörkhuber, dass der Film in der Deutschdidaktik „defensiv aufgenommen“6 wurde. Peter Christoph Kern moniert, dass es keine Filmdidaktik für den Deutschunterricht gebe7 und Staiger/Pfeiffer stellen fest:

„Die Schule hat den Film bisher weitgehend nur als Unterrichtshilfe in Sachfächern nutzbar gemacht, ihn aber nicht als eigenständiges ästhetisches Medium ernst genommen. Eine Filmdidaktik existiert nicht – sie ist nur in Ansätzen sichtbar. Dieses Defizit bezeichnet zum gegenwärtigen Zeitpunkt die eklatanteste Lücke der Fachdidaktiken.“8

Will die Fachdidaktik ihre eigene Prämisse ernst nehmen, nämlich als zentrale Aufgabe des Deutschunterrichts die Behandlung von Texten zu sehen und den Film als visuellen Text auch zu akzeptieren, dann muss sie eine Filmdidaktik generieren, die den Film nicht als „Verlustgeschichte“9 diskutiert, sondern als ein eigenständiges Medium, das sich im 20. Jahrhundert zu einem zentralen Medium etabliert hat und zum alltäglichen Konsumgegenstand von Kindern und Jugendlichen geworden ist.

Als ein zentraler Grund für dieses Defizit kann vor allem gelten, dass sich der „Deutschunterricht als Erfüllungsgehilfe einer Schriftkultur“10 sieht. Das ist deshalb prekär, weil so Schrift von vornherein über andere Medien wie Bilder etc. gestellt wird und damit ein gerade für den Medienbereich „fragwürdiges Konzept von Hochkultur“ tradiert wird, das „den (medienerfahrenen!) Schüler als unwissend versteht“11. Gleichzeitig wird damit auch denjenigen kulturkritischen Stimmen Recht gesprochen, die den Einwand erheben, Film in der Schule verstärke den ohnehin übertriebenen Medienkonsum Jugendlicher. Diese Kritik ist deshalb argumentativ nicht stabil, weil nicht das Filmsehen an sich problematisch ist, sondern gerade der „unkritische Konsum von Filmen, der durch ´elaboriertes Sehen´ und durch kritisches Wissen“12 überwunden werden kann. Dies entspräche auch der didaktischen Maxime, dass „Bewusstmachung der erste und wichtigste Schritt zur Kompetenzförderung“13 sei, weil „kritisches Wissen über die Machart“ die „Gefahr des bloßen Konsums und der latenten Manipulation“14 verhindere. Auch und gerade weil Kinder und Jugendliche auf ein Erfahrungsspektrum im Umgang mit Medien im Allgemeinen und Filmen im Besonderen zurückgreifen können, ist der Deutschunterricht angetan, dieses Potential pädagogisch nutzbar zu machen.

1.3. Überlegungen zu einer Filmdidaktik in der Schule

Grundlagen für eine Filmdidaktik können hier nicht beschrieben werden. Gleichwohl ist es wichtig, grundsätzliche Prämissen für einen Filmunterricht abzuklopfen, um später auch die Behandlung des Buches und der Verfilmung von Der Name der Rose kritisch diskutieren zu können. In der Literatur ist diesbezüglich ein methodischer Zweischritt fest zu machen, der in verschiedenen Formulierungen aufzufinden ist und den ich am Beispiel der Überlegungen von Wolfgang Fehr plastisch machen möchte. Fehr perspektiviert zwei Aspekte einer Entwicklung der Didaktik des Films im Deutschunterricht. Zunächst einmal wird man einsehen müssen, dass genuin literaturwissenschaftliche Methoden nicht mehr alleine hinreichen, um dem Gegenstand Film gerecht zu werden. Deshalb:

1) Entwicklung einer angemessenen Begrifflichkeit zur Untersuchung filmischer Darstellungsweisen15.

Zum Zweiten wird es dann nötig sein, oben angesprochenes kritisches Wissen zu vermitteln, um eine

2) kritische Mediendidaktik16

zu eruieren, die den Schüler in die Position eines mündigen, selbstbestimmten Filmsehenden bringt.

Dieser methodische Zweischritt ermöglicht sowohl Einsichten in die Machart des Films durch eine Filmanalyse als auch den kritischen Umgang mit dem Produkt Film durch eine kritische Mediendidaktik.

Wie Wolfgang Gast feststellt, ist bis dato jedoch noch die weit verbreitete schulische Analysepraxis in Form einer kontrastiven Analyse als methodischem Zugriff zu erkennen.17 Wo liegen die Unterschiede zwischen literarischem Werk und seiner Verfilmung? Gegen diese Fragestellung wäre zunächst nichts einzuwenden, bliebe sie in der Diskussion nicht häufig auf der inhaltlichen Ebene. Auf dieser Basis wäre bezüglich der Verfilmung eine „negative Bilanz durch Vorurteil und Methode bereits vorprogrammiert, das Urteil über das Medium gesprochen und den Schülern zumindest implizit vermittelt.“18 Als Ursprung dieser Didaktik des Films kann Heft 3/1958 der Zeitschrift Der Deutschunterricht gelten. In dieser Ausgabe wurden didaktische Überlegungen zum Umgang mit Medien mit der Frage betitelt: „Welchen Raum können Filmerziehung und Hörspielarbeit im Deutschunterricht der Gymnasien beanspruchen?“19 Implizit steckt in dieser Frage auch die Angst vor Bedrohung und Verdrängung durch neue Medien, die nach wie vor der zeitgenössischen Sichtweise entsprechen. Auf der Grundlage einer hierarchischen Höherstellung der Literatur soll sich nach der Behandlung des Films im Vergleich mit der literarischen Vorlage herausstellen, dass Literatur „in bezug auf künstlerischen Wert, Echtheit, Unmittelbarkeit und Lebenswahrheit weit über den Film“20 zu stellen sei.

Die didaktische Nutzung des Films als Medium, das Literatur versteht und den Schülern nahe bringen kann, macht seine Lage nicht besser. Unter diesen Umständen kann der Film auch als „Literaturtransporteur“21 gelten, der in der Schule ein „Schattendasein“ führt und allenfalls „als Lückenfüller oder als Beigabe zum Literaturunterricht (im Sinne von Literaturverfilmungen) eingesetzt“22 wird. Eine Grundvoraussetzung für diese Stellung des Films ist auch die Diskussion über audiovisuelle Medien überhaupt: diese verhinderten die Eigenaktivität und Fantasietätigkeit des Rezipienten und degradierten ihn zum passiven Zuschauer; das Buchlesen mache natürlich genau das Gegenteil.23 Für die Fachdidaktik wird es nicht reichen, diese Stellung des Films zu monieren, ohne dabei auf wissenschaftliche Ergebnisse referieren zu können. Es muss nachgewiesen sein, dass beim Sehen andere Wahrnehmungsmuster und Fantasietätigkeiten aktiv sind. „Nicht die inkomplette Personenzeichnung im Roman zum Beispiel, die der Leser im Kopf selbst ergänzen muß, sondern die Montage zweier Einstellungen, die Komposition von Sequenzen werden vom Zuschauer mit Sinn versehen, in ihrer Bedeutung entschlüsselt.“24 Offensichtlich ist, dass der Grad gedanklicher Aktivität von der Qualität des Films abhängt. Offensichtlich ist aber gleichermaßen, dass das für die Literatur genau so gilt. Eine Filmdidaktik wird angehalten sein, nicht nur die medienspezifischen Darstellungsleistungen von Literatur und Film herauszuarbeiten, sie wird sich auch der Aufgabe stellen müssen, wie unterschiedliche Erzählmuster unterschiedliche Wahrnehmungsmuster herausfordern.

Zum Schluss dieser Überlegungen zur Didaktik des Films möchte ich den Vorschlag von Peter Christoph Kern zur Behandlung von Literaturverfilmungen im Deutschunterricht vorstellen, der auch für die spätere Diskussion des Lehrwerks Facetten herangezogen werden soll.

Kern bemerkt, dass angesichts der Verschiedenheit beider Textarten ein Vergleich nur unter ganz bestimmten Zielen Sinn mache, zu denen nicht die Abwertung des Films gehöre.25

a. Die kommerzielle Rezeptionssteuerung könnte durch Aufweis der Generalisierungen komplexer Problemfelder, der Vereinfachung oder Auslassung von Handlungssträngen, der Stilisierung zu Erzählmustern, der Stereotypisierung von Personen und des Einsatzes von textfremden Mitteln (Starbesetzung, pittoreske Landschaften usw.) aufgedeckt werden. […] Das Verfahren würde nicht nur die verschiedenen Mittel alternativer Medien, sondern auch deren kommerzielle bzw. ästhetische Einbettung zum Thema haben.

b. Sinnvoller erscheint allerdings ein weniger analytisches Verfahren: Der Originaltext wird auf sein bildästhetisches Potential hin befragt und dann erst mit der Verfilmung verglichen. Das bedeutet den Transfer einer Sprach- in eine Bildnarration. Warum wurde aus dem Schriftsteller Aschenbach der Komponist Mahler-Aschenbach (Tod in Venedig)? Wie kann man Kleists komplexe Innenlebenszenarien samt Engelssysmbolik (Marquiese von O.) bebildern? Warum ist die labyrinthische Bibliothek im Namen der Rose (Buch) unfilmisch, und wie löst Annaud das Problem filmisch? Wie stellt man die Fantasiewelt von Die unendliche Geschichte dar?

c. Aufwändig, aber sehr fruchtbar ist der Vergleich unterschiedlicher Verfilmungen (2-mal Nora, 3-mal Effi Briest, 2-mal Buddenbrooks, 3-mal Wahlverwandtschaften, 2-mal Das doppelte Lottchen usw.)26

Für die spätere Lehrwerkanalyse werden vor allem die Zielstellungen a. und b. einschlägig sein.

1.4. Überlegungen zur Literaturverfilmung

Eine Literaturverfilmung ist zunächst und vor allem Film. Diskussionen über Literaturverfilmungen muten oft an, als wäre die Verfilmung weniger Film als andere Filme, die nicht auf eine literarische Vorlage referieren. Eines muss die Prämisse für eine konstruktive Filmwissenschaft- und Didaktik aber sein: egal, aus was der Film entsteht, ob aus Literatur, aus einem Drehbuch, aus einer Biografie, aus Ideen von Menschen, oder auch ganz spontan – ohne jede Vorüberlegung. Film bleibt Film und zeichnet sich vor allem dadurch aus, gänzlich anders zu funktionieren als Schrift, bildende Kunst oder auditives oder virtuelles Medium. Das Kino ist im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, natürlich auch bis heute, nur kam später das Fernsehen dazu, das Medium, in dem sich Film verwirklicht. Kino leitet sich vom griechischen Wort kinesis, Bewegung, ab. Das, was das den Film „von allen anderen Fiktionsformen unterscheidet, ist die Konstituierung des Raums durch den bewegten Körper.“27 Während die Literatur die Welt durch Schrift beschreiben kann, kann sie der Film in allererster Linie zeigen – und zwar in ihrer physischen Realität, in ihrer Äußerlichkeit, ihrer Körperlichkeit. Elisabeth K. Paefgen hat die Welt des Films als die „Welt des Sichtbaren“ beschrieben, die „den Blick auf ein Außen“28 ermöglicht. Wie die Bewegung, sei die Außenperspektive für den Film konstitutiv; ohne das ´Außen´ zu kennen, ließe sich ein ´Inneres´ filmisch nicht vermitteln.29 Dies ist einer der grundlegenden Unterschiede zwischen Literatur und Film. Während die Literatur durch Beschreibungen einen fiktiven Vorstellungsraum aufspannen kann, den sich der Rezipient selber denkt, so zeigt der Film diesen Raum direkt, in all seiner physischen Beschaffenheit, ohne beschreibende Umwege. Gefühle einer Figur können durch den auktorialen Erzähler beschreibend und allwissend erfasst werden. Der Filmemacher kann, Gefühle der Figur kennend, diese nur über das Außen der Figur, ihre Mimik, ihre Gestik, zeigend vermitteln. In diesem Sinne kommt Film noch unmittelbarer daher als Literatur. Diese Beobachtung bezüglich des Literatur-Film-Verhältnisses hat auch die Semiotik gemacht, die, den Abstand zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem in beiden Medien analysierend, zu einem gehaltvollen Ergebnis gekommen ist. Während das Wort ein Objekt vor allem arbiträr beschreibt, sind im Film […] Signifikant und Signifikat fast identisch […]. Das Bild eines Buches ist viel näher am Buch als das Wort ´Buch´. Es ist wahr, daß wir im Baby-Alter oder in der frühen Kindheit lernen müssen, daß das Bild eines Buches als Buch interpretiert werden muß, aber das ist sehr viel leichter, als die Buchstaben oder Laute des Wortes ´Buch´ als das zu interpretieren, was es bezeichnet. Ein Bild hat eine direkte Beziehung zu dem, was es bezeichnet, ein Wort hat das nur selten.30

Wenn diese Unterscheidung zugrunde gelegt wird, dann wird die Frage nach der Qualität der Verfilmung viel weniger virulent und interessant als die Frage nach medienspezifischen Darstellungsweisen. Wie es James Monaco pointiert formuliert hat, ist also das „Großartige an der Literatur […], daß man sich Vorstellungsbilder machen kann; das Großartige am Film ist, daß man es nicht kann.“31

Sprachsysteme mögen sich viel besser für eine Auseinandersetzung mit der nichtkonkreten Welt der Ideen und Abstraktionen eignen, aber sie sind nicht annähernd in der Lage, genaue Informationen über physische Realitäten weiterzugeben.32

Vor diesem Hintergrund ist es wenig zielführend, die Literaturverfilmung als „Verlustgeschichte“ zu diskutieren. Natürlich ist sie die Lektüre, Interpretation und Verarbeitung anderer Menschen, nämlich des Regisseurs, der Schauspieler, des Cutters usw. Jedoch geht dann verloren, was die „Bearbeitung als Reflexionsleistung und Übersetzungsleistung in ein anderes Medium“33 mit sich bringt. Schon der Begriff Ver filmung suggeriert eine Ver unstaltung des literarischen Werkes, von dem nur noch ein künstlerisch minderwertiges Produkt übrig bleibe. Treffender erscheint mir der Begriff der Adaption (lat. adaptare = anpassen), der die Umarbeitung eines literarischen (meist epischen) Werkes von einer Gattung in eine andere meint. Hier wird nämlich Reflexionsleistung über Medienspezifik mitbedacht, weil der Film nicht ein Hinüberretten der Story in ein anderes Medium ist, sondern das Erzählen der Story mit anderen erzähltechnischen Mitteln. Das Aufgreifen bereits vorhandener literarischer oder in anderer künstlerischer Form gestalteter Stoffe, Handlungen, Motive ist ja keine dilettantische Mimesis, sondern „stellt eine Grundform kultureller Überlieferung und Traditionsbildung dar.“34 Schon Lessing interessierte sich bei der Übernahme von Stoffen aus einer Kunstform in eine andere für die Frage, wie sich die spezifischen Gestaltungsweisen der verschiedenen Künste voneinander abgrenzen lassen. Künstlerische Qualität sei dabei das entscheidende bei der Frage nach der Wertigkeit von Vorlage und Bearbeitung.35 Daraus ließe sich die folgenreiche Konsequenz schließen, dass nicht nach der Güte der Bearbeitung gefragt werden sollte, sondern allein nach der künstlerischen Qualität der mediumsspezifischen Gestaltungsweise beider Medien. Nicht also die Frage: „Wie gut hat der Film das literarische Werk umgesetzt?“ will gestellt sein (sie darf es natürlich), sondern vielmehr die Frage: „Wie geht der Film mit diesem Stoff, diesem Thema auf seine eigene Art und Weise um und welche Verfahren und Techniken setzt er dabei ein?“ Diese Methodik wäre in einer Filmdidaktik weitaus gewinnbringender und in der Diskussion fruchtbarer. Hitchcocks Ziegen, denen das Buch besser geschmeckt hat als die Filmrolle, wären dann auch überwunden.

[...]


1 Berliner Rahmenlehrplan für die gymnasiale Oberstufe. Deutsch: http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/schulorganisation/lehrplaene/sek2_deutsch.pdf?start&ts=1245159490&file=sek2_deutsch.pdf (entnommen am 18.7.2010)

2 Ebd.

3 Francois Truffaut: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? München 1979, S. 118.

4 Elisabeth K. Paefgen: Wahlverwandte. Filmische und literarische Erzählungen im Dialog. Berlin 2009, S. 8.

5 Paefgen: Wahlverwandte, S. 8.

6 Wolfgang Schörkhuber: Film im Deutschunterricht – Literaturtransporteur, Filmanalyse oder was? In: Film im Deutschunterricht - Literaturtransporteur, Filmanalyse oder was? In: ide. Informationen zur Deutschdidaktik, Heft 4/2003, S. 8 – 16, S. 8.

7 Peter Christoph Kern: Film. In: Klaus-Michael Bogdal und Hermann Korte (Hrsg.): Grundzüge der Literaturdidaktik. München 2006, S. 217-229, S. 217.

8 Michael Staiger, Joachim Pfeiffer: Zur Situation der Filmdidaktik. In: Der Deutschunterricht. Filmdidaktik. Heft 3/2008, S. 2.

9 Martina Sölkner: Über die Literaturverfilmung und ihren künstlerischen Wert. In: Stefan Neuhaus (Hrsg.): Literatur im Film. Beispiele einer Medienbeziehung. Würzburg 2008, S. 49 – 63, S. 47.

10 Kern: Film, S. 217.

11 Schörkhuber: Film im Deutschunterricht, S. 9.

12 Staiger/Pfeiffer: Zur Situation der Filmdidaktik, S. 3.

13 Kern: Film, S. 220.

14 Ebd.

15 Vgl. Wolfgang Fehr: Grundprobleme der Filmanalyse im Deutschunterricht. In: Der Deutschunterricht. Heft 3, 1997, S. 86-92, S. 86.

16 Vgl. ebd.

17 Wolfgang Gast: Lesen oder Zuschauen? In: W.G. (Hrsg.): Literaturverfilmung. Bamberg 1993, S. 10.

18 Gast: Lesen oder Zuschauen?, S. 10.

19 Robert Ulshöfer: Welchen Raum können Filmerziehung und Hörspielarbeit im Deutschunterricht der Gymnasien beanspruchen? In: Der Deutschunterricht Heft 3, 1958, S. 8-13, S. 8.

20 Ebd., S. 13.

21 Karl Foldenauer: Medien, Sprache und Literatur im Deutschunterricht. Braunschweig 1980, S. 9.

22 Michael Staiger, Joachim Pfeiffer: Zur Situation der Filmdidaktik. In: Der Deutschunterricht. Filmdidaktik. Heft 3/2008, S. 3.

23 Gast: Lesen oder Zuschauen?, S. 10.

24 Gast: Lesen oder Zuschauen?, S. 11.

25 Vgl. Kern: Film, S. 226.

26 Vgl. Kern: Film, S. 226.

27 Kern: Film, S. 222.

28 Elisabeth K. Paefgen: Literatur und Film im Dialog – neue Perspektiven für die Literaturdidaktik. In: Der Deutschunterricht. Filmdidaktik. Heft 3, 2008, S. 33-42, S. 33.

29 Ebd., S. 33.

30 James Monaco: Film verstehen. Kunst, Technik, Geschichte und Theorie des Films und der Medien. Mit einer Einführung in Multimedia. Hamburg 2007, S. 158.

Einen direkten Bezug zum Signifikat haben z.B. onomatopoetische Wörter.

31 Monaco: Film verstehen, S. 160.

32 Ebd., S. 162.

33 Sölkner: Über Literaturverfilmungen und ihren künstlerischen Wert, S. 47.

34 W. Gast, K. Hickethier, B. Vollmers: Literaturverfilmungen als ein Kulturphänomen. In: Wolfgang Gast (Hrsg.): Literaturverfilmung. Bamberg 1993, S. 12-20, S. 12.

35 Ebd.

Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668717015
ISBN (Buch)
9783668717022
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205101
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
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Autor

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Titel: Film und Literaturverfilmung im Literaturunterricht in der Schule. Umerto Ecos und Jean-Jacques Annauds "Der Name der Rose" im Lehrwerk "Facetten"