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Außenpolitische Entscheidungen Deutschlands in Krisensituationen: Afghanistan und Irak

Diplomarbeit 2010 105 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik

Leseprobe

Inhalt

1 . Einleitung

2. Die klassische Rollentheorie
2.1 Die Rollentheorie – Ein konstruktivistischer Ansatz
2.2 Die Entstehung der Rollentheorie
2.3 Die Rollentheorie als Analyseinstrument
2.4 Rollentheoretische Modelle der Außenpolitik
und ihre Prüfkriterien
2.4.1 Das realistische Modell des Machtstaates
2.4.2 Das liberale Modell des Handelsstaates
2.4.3 Das idealistische Modell des Zivilstaates
2.5 Hypothesen zum außenpolitischen Verhalten Deutschlands in Krisensituationen
2.5.1 Deutschland als Machtstaat
2.5.2 Deutschland als Handelsstaat
2.5.3 Deutschland als Zivilstaat

3. Der Afghanistan-Krieg
3.1 Deutschlands Einbindung in und sein Einfluss auf Internationale
Institutionen im Bezug auf den Afghanistan-Krieg
3.2 Deutsche Truppenorganisation/Truppenbindung und militärisches
Verhalten vor und während des Afghanistan-Krieges
3.3 Deutschlands Rolle im Afghanistan-Krieg

4. Der Irak-Krieg
4.1 Deutschlands Einbindung in und sein Einfluss auf Internationale
Institutionen im Bezug auf den Irak-Krieg
4.2 DeutscheTruppenorganisation/Truppenbindung und militärisches
Verhalten vor und während des Irak-Krieges
4.3 Deutschlands Rolle im Irak-Krieg

5. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Morgen des 11. September 2001 schlugen wenige Minuten nacheinander zwei vollbesetzte Passagierflugzeuge in die Türme des New Yorker World Trade Centers ein, explodierten und brachten die „Twin Towers“ zum Einsturz. Eine knappe Stunde nach der ersten Explosion stürzte eine Boeing 757 ins Washingtoner Pentagon, eine vierte Maschine stürzte über Pennsylvania ab. Bereits einen Tag nach den Terroranschlägen in New York und Washington verurteilte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen diese als Angriff auf die Vereinigten Staaten sowie als Bedrohung für den weltweiten Frieden und die internationale Sicherheit. Die transnationalen Rahmenbedingungen veränderten sich durch die Anschläge grundlegend und die in ihrer Folge beginnenden Kriege in Afghanistan und im Irak stellten die Regierenden der Bundesrepublik Deutschland vor schwierige Entscheidungen und das außenpolitische Rollenkonzept Deutschlands auf die Probe.

Beginnend mit den Anschlägen in den USA, sah sich die westliche Welt einer neuen Form des internationalen Terrorismus gegenüber. Nie zuvor war es letzterem gelungen, Amerika und zugleich die gesamte westliche Welt so systematisch zu attackieren, wie mit den Anschlägen auf das World Trade Center. Die Terroristen wollten nicht nur den Hegemon USA, sondern das Herz einer westlichen Zivilisation treffen, die sie mit Inbrunst hassen. Doch weil Amerika in einer Feldschlacht nicht zu besiegen ist, wird der Krieg von den Terroristen „asymmetrisch“ geführt und unterscheidet sich von früheren Kriegen sowohl hinsichtlich der Ziele, als auch bezüglich der Art der Kriegführung und der Finanzierung. Die neuen Kriege haben, im Gegensatz zu den geopolitischen oder ideologischen Motiven früherer Konflikte, eine Politik der – in diesem Fall religiösen - Identität zum Ziel und ihre Strategien machen sich gleichermaßen die Erfahrungen des Guerillakrieges wie des Anti-Guerillakampfes zunutze. Das heißt, es geht nicht mehr darum, Territorium durch bewaffnete Auseinandersetzungen mit dem Gegner zu erobern, sondern die Konfrontation auf dem Schlachtfeld so weit wie möglich zu vermeiden und Territorium durch politische Kontrolle der Bevölkerung zu sichern. Asymmetrische Kriege werden durch eine dezentralisierte Kriegswirtschaft finanziert, die sich in jeglicher Hinsicht von der zentralisierten, allumfassenden und autarken Wirtschaft der zwei Weltkriege unterscheidet. Das Geld kommt nicht mehr von einem Staat, sondern die Kampfeinheiten finanzieren sich selbst durch Plünderungen, den Schwarzmarkt oder Unterstützung von außen.[1]

Die USA und ihre Verbündeten stehen vor der Herausforderung, einen asymmetrischen Krieg führen zu müssen, der nicht allein durch militärische Überlegenheit zu gewinnen ist. Denn die Angreifer entziehen der erdrückenden Militärmacht des Opfers die Zielscheibe, das heißt, sie entwerten dessen konventionelle Waffen dadurch, dass sie sich nicht offen zeigen und der Angegriffene somit nicht weiß, gegen wen er sie richten soll.[2] Diejenigen, die sich diese Art der Kriegsführung zu Eigen gemacht haben, unterscheiden zudem nicht mehr zwischen Kombattanten und Non-Kombattanten, wie auch die jüngsten Anschläge im Dezember 2010 in Stockholm belegen. Die Terroristen wollen den Eindruck erwecken, jederzeit und überall zuschlagen zu können, was Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung schürt.

Diese Gegebenheiten stellten und stellen die Staaten der westlichen Welt vor gewaltige Probleme und sie mussten und müssen sich die Frage stellen, wie ein angemessenes Vorgehen gegen den internationalen Terrorismus aussieht. Auch Deutschland war nach den Anschlägen gezwungen, Stellung zu beziehen und seine außenpolitischen Konzeptionen zu überdenken, die seit der Gründung der Bundesrepublik 1949 einer konstanten, wie Michael Staack argumentiert, handelsstaatlichen Linie folgten. Selbst nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, das für einen tief greifenden Wandel im gesamten internationalen System gesorgt hatte, und der Wiedervereinigung blieben die Deutschen ihrem Rollenverständnis treu, das auf Multilateralismus, Integration und Kooperation beruhte. Als Handelsstaat setze die Bundesrepublik auf supranationale Zusammenarbeit und Autonomieverzicht und versuchte ihren Anteil daran zu leisten, das so genannte Sicherheitsdilemma der Internationalen Politik durch „Erwartungsverlässlichkeit“ zu entschärfen bzw. zu überwinden.[3] Noch bevor die Einheit der beiden deutschen Staaten völkerrechtlich vollzogen war, bemühte sich die damalige Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl um eine Bekräftigung ihrer Rollendefinition, mit dem Ziel, weltweit vorhandene Befürchtungen vor neuen Machtambitionen des größeren deutschen Staates zu entkräften. Der Kanzler und sein Außenminister Hans-Dietrich Genscher betonten, dass Deutschland auch weiterhin Souveränität mit anderen teilen, an der Vertiefung der europäischen Integration festhalten und innerhalb von NATO und UNO seine Partner unterstützen wolle.[4] In der Bundesrepublik war man sich einig, dass veränderten Rahmenbedingungen und wachsenden Herausforderungen am besten mit altbewährten außenpolitischen Instrumenten zu begegnen sei. Die außenpolitische Rolle eines Handelsstaates wurde zwar modifiziert, nicht aber aufgegeben. Lange Zeit gelang es den Deutschen, sich aus internationalen Konflikten herauszuhalten, indem sie ihren Partnern finanzielle, nicht aber militärische, Unterstützung anboten. Gegen dieses Vorgehen regte sich seit Mitte der 1990er Widerstand in der internationalen Gemeinschaft. Im Konzept der so genannten „Scheckbuchdiplomatie“ sahen viele Verbündete ein Zeichen für das mangelnde Engagements Deutschlands und sie verlangten, dass die Bundesrepublik im Rahmen der NATO und UNO ihren Verpflichtungen auch militärisch nachkomme. Heute ist es nahezu undenkbar, dass die Bundesrepublik lediglich finanzielle Hilfen leistet und Deutschland scheint sich dieser neuen Realität mehr und mehr anzupassen. Sandra Pillath kommt in ihrer Arbeit über die Motive und Rollenkonzepte der deutschen Außenpolitik zu dem Schluss, dass sich Deutschland von einer „Kultur der Zurückhaltung“ zu einem selbstbewussten Akteur auf der Weltbühne entwickelt hat, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und im Gegenzug mehr Gestaltungsanspruch zuerkannt bekommen möchte.[5]

Dementsprechend veränderte sich im Lauf der letzten Jahre auch das Aufgabenspektrum der Bundeswehr und ihre Hauptaufgabe ist nicht länger die Landesverteidigung, sondern die Verhütung internationaler Konflikte im Bündnisrahmen.[6] Nachdem in den 1990er Jahren erste kleinere Militäreinsätze im Rahmen der NATO und unter UN-Mandat stattfanden, sorgte das Eingreifen der Bundeswehr im völkerrechtlich umstrittenen Kosovokrieg 1999 erstmals für eine Debatte in der Bevölkerung. Noch heftiger umstritten war die Entsendung deutscher Soldaten nach Afghanistan im Jahr 2001. Eine Zustimmung des Parlaments musste praktisch erzwungen werden, indem Kanzler Gerhard Schröder die Vertrauensfrage stellte, um die eigenen Reihen auf Linie zu bringen. Der damalige Verteidigungsminister Peter Struck brachte mit der Aussage, dass Deutschlands Sicherheit jetzt auch am Hindukusch verteidigt werde, die veränderte sicherheitspolitische Lage zum Ausdruck.[7] Inzwischen befinden sich rund 4.900 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan.[8]

Im Gegensatz dazu hielt sich die deutsche Regierung mit einem militärischen Einsatz im Irak von Anfang an zurück und das, obwohl beide Fälle auf den ersten Blick viele Gemeinsamkeiten haben. Sowohl Afghanistan als auch der Irak gerieten nach dem 11. September 2001 im Rahmen der Terrorismusbekämpfung in den Blickpunkt der Welt und auf die Abschussliste der Amerikaner und ihrer Verbündeten. In beiden Fällen waren die USA die treibende Kraft, die versuchten, Partner für ihren Krieg gegen den internationalen Terrorismus zu finden. In beiden Ländern gab es keine Demokratie und keinen Rechtsstaat. Es waren totalitäre Regime an der Macht, welche mit harter Hand vor allem gegen das eigene Volk regierten. Beide Länder liegen im Nahen Osten und sind eindeutig zu den weniger entwickelten Nationen dieser Welt zu zählen.

Womit lässt sich also die unterschiedliche Verhaltensweise Deutschlands erklären? Warum sind deutsche Soldaten in Afghanistan im Einsatz, nicht aber im Irak? Warum unterstützte die deutsche Regierung ihre Verbündeten im Einsatz gegen Afghanistan ohne zu zögern, sprach sich aber vehement gegen das Einrücken in den Irak aus?

Es soll versucht werden, diese Frage in der vorliegenden Arbeit mit Hilfe der Rollentheorie zu klären, die davon ausgeht, dass Staaten eine bestimmte „Rolle“ erfüllen, anhand derer sich ihr außenpolitisches Verhalten ausrichtet. Die Rollentheorie bietet sich vor allem deshalb zur Außenpolitikanalyse an, weil sie durch die Einbeziehung individueller, gouvernementaler, gesellschaftlicher und systemischer Analyseebenen quasi als Scharnier zwischen der Akteurs- und der Systemebene fungiert. So bringt die Rollentheorie auf der Mikroebene die psychologischen Akteursvariablen der Entscheidungsträger in die Analyse ein, die immer mit Umwelteinflüssen interagieren, wobei manifeste Rollenerwartungen der Umwelt in das Kalkül der Entscheidungsträger mit einfließen. Auf der anderen Seite gelingt es der Rollentheorie, in den Entscheidungsinstanzen Variablen des internationalen Umfeldes zu integrieren. Sie erkennt den Einfluss objektiver Gegebenheiten, wie geographische Lage oder Machtressourcen, auf Akteursentscheidungen und –verhalten an. Das Konzept der außenpolitischen Rolle ist also in der Lage, die jeweiligen Weltbilder, normativen Grundprinzipien und Annahmen über Kausalzusammenhänge außenpolitischer Akteure systematisch miteinander zu verknüpfen und kann dadurch einen Beitrag dazu leisten, zu erklären, warum Akteure ihre Ziele und Interessen so bestimmen, wie sie dies tun. Die außenpolitische Orientierung eines Staates, seine Ziele und die Wahl bestimmter Instrumente und Mittel kann von der Rollentheorie als Ergebnis eines kognitiven Prozesses, als Reflexion der Akteure über ihre Ziel-, Mittel- und Wertpräferenzen gedeutet werden. Man kann Übereinstimmungen und Abweichungen von Akteursverhalten an einem Idealtypus messen, um beispielsweise herauszufinden, ob und in welchem Maße ein Akteur eine bestimmte Außenpolitik verfolgt, die einem zuvor identifizierten Ziel dienlich ist. Genau das soll in dieser Arbeit geschehen.

Basierend auf den von Volker Rittberger übernommenen idealtypischen Rollenkonzepten des Macht-, Handels- und Zivilstaates, soll die Frage beantwortet werden, welches außenpolitische Rollenverhalten Deutschland bezüglich des Afghanistan- und welches bezüglich des Irak-Kriegs einnimmt. Die von Rittberger übernommenen Rollenkonzepte dienen als Schablone, um mit ihrer Hilfe das Verhalten Deutschlands zu untersuchen. Das außenpolitische Verhalten wird also an den Anforderungen gemessen, die sich aus dem Idealtypus ergeben. Mit Hilfe der Rollentheorie soll erklärt werden, warum Deutschland sich in Afghanistan, nicht aber im Irak militärisch beteiligt. Sind die Entscheidungen der Regierenden auf ein konsistentes Rollenbild zurück zu führen, das heißt, nimmt die Bundesrepublik in beiden Fällen die gleiche Rolle ein und die beiden Fälle sind doch weniger ähnlich, als auf den ersten Blick zu vermuten? Oder änderte sich das deutsche Rollenverständnis zwischen 2001 und 2003 und die Bundesrepublik entschied sich aufgrund ihrer gewandelten Rolle dafür, sich nicht am Irak-Krieg zu beteiligen.

Um diese Frage analytisch zu erschließen, erfolgt unter Punkt zwei zunächst eine Darstellung des theoretischen Fundaments der Rollentheorie, deren Grundlage der Konstruktivismus ist. Neben der Entwicklung und Entstehensweise der Theorie muss also herausgestellt werden, welche theoretischen Grundvoraussetzungen die konstruktivistische Denkschule in den Internationalen Beziehungen für ihre Analyse einschließt. Anschließend werden die aus der Rollentheorie abgeleiteten Rollenkonzepte vorgestellt und näher beleuchtet. Hierzu findet zuerst eine Analyse der allgemeinen rollentheoretischen Grundannahmen statt, um dann die Ziele, Prinzipien und Instrumente der jeweiligen Konzepte, basierend auf den Annahmen von Volker Rittberger, herauszuarbeiten. Daraus lassen sich dann Hypothesen für das Verhalten Deutschlands in außenpolitischen Krisensituationen ableiten, die anhand von zwei Fallstudien (Afghanistan und Irak) empirisch getestet werden (Punkt 3 und 4). Zum Abschluss erfolgt ein resümierendes Fazit, das versucht die Frage nach der deutschen Rollenkonzeption zu beantworten.

2. Die klassische Rollentheorie

Bis heute fristet die Rollentheorie in der Politikwissenschaft eher ein Nischendasein, wohingegen in der Soziologie oder Sozialpsychologie rollentheoretisch angeleitete Untersuchungen längst Standard sind und ihr Nutzen allgemein anerkannt ist. In den Internationalen Beziehungen konkurriert sie mit einer Vielzahl von Analyseansätzen und im Bereich der Außenpolitikanalyse gewinnt die Rollentheorie lediglich in Ausnahmefällen an Gewicht, was unter anderem daran liegen mag, dass das Konzept bisher nicht eindeutig entweder der rationalistischen oder der reflexiven Theorieperspektive zugeordnet werden konnte.[9]

Im Laufe der 1920er Jahre tauchte das Rollenkonzept erstmals in den Sozialwissenschaften auf, doch es dauerte einige Zeit, bis die ersten Politikwissenschaftler den Nutzen für ihr eigenes Fach erkannten. Auch wenn sich nur wenige mit der Theorie auseinandersetzen, erfährt sie doch nach und nach Anerkennung. So schreibt Peter Gaupp in den 1980er Jahren:

„Für die Politische Wissenschaft liegt der besondere Wert der Rollentheorie darin, dass sie die Analyse von Aussenpolitik und internationalen Beziehungen, also die Akteur- und die Systemebene, gewissermaßen unter einen einzigen konzeptionellen Hut bringt und der widersprüchlichen Realität […] gerecht zu werden vermag. Auch als politologisches Instrument ist die Rollentheorie […] geeignet […] zur Analyse der Beziehung zwischen zwei Akteuren oder innerhalb eines internationalen Systems zum Vergleich der Interaktion verschiedener Akteurpaare oder Systeme.“[10]

Bis heute gibt es keine einheitliche Rollendefinition:

„For instance, role analysts differ on whether ‘role’ should include only the norms applicable to a position or also non-normative expectation and conceptions.”[11]

Staaten haben in der Regel mehrere Rollen verinnerlicht, die ihre Beziehungen in verschiedenen Kontexten widerspiegeln und unter Umständen widersprüchliches Verhalten beinhalten können, ohne dass dadurch die Existenz eines übergeordneten Rollenkonzeptes in Frage gestellt wird. Rollenkonzept ist also definiert als ein komplexes Rollenbündel, das über eine Vielzahl von Situationsrollen umgesetzt wird. Das Rollenverhalten spiegelt das tatsächliche Verhalten eines staatlichen Rolleninhabers in konkreten Situationen außenpolitsicher Interaktion wider.[12]

2.1 Die Rollentheorie – Ein konstruktivistischer Ansatz

Die Rollentheorie lässt sich im Rahmen der konstruktivistischen, reflexiv-interpretativen Ansätze einordnen, d.h. sie geht von sozialen, regelgeleiteten Akteuren aus, die in ein Netz von Normen und Werten eingebunden sind und ihre Interessen situativ und endogen definieren. Auf der System-Ebene unterstellen reflexive Ansätze Handlungsbeschränkungen durch selbst auferlegte Normen und Regeln sowie Erwartungs- und Verhaltensstabilisierung durch Institutionen. Interessen werden situativ definiert und sind grundsätzlich wandelbar. Ein Wandel in der Präferenzordnung kann sich längerfristig durch einen Wandel im Rollenkonzept und kurzfristig durch situativ wechselnde Rollen ausdrücken. Die Rollentheorie betrachtet das Akteursverhalten vornehmlich aus der Innenperspektive und ist somit ein akteursbezogener Ansatz.[13] Das heißt, sie sucht vor allem nach Erklärungsmustern für individuelles, abweichendes Akteursverhalten unter ähnlichen Voraussetzungen und Umweltbedingungen. Die Suche nach Einflussfaktoren auf Handlungs- und Entscheidungsdifferenzen führt, wie bei konstruktivistischen Ansätzen üblich, zu kognitiven Variablen wie Weltbildern, Zielsetzungen, Selbst- und Fremdperzeption.[14] Stephen G. Walker schlägt als Variablen, die das außenpolitische Handeln von Staaten beeinflussen, „Rollenerwartung“, „Rollenanreiz“ und „Rollenanforderung“ vor:

„Variations in the conduct of foreign policy are a function of what roles theorists would call the process of ‚role location’. In the social psychology literature the concept of role location is an inference process regarding which role is appropriate in a particular situation. [...] Such inferences are determined by the actor from his repertoire of roles, which he has acquired from previous experience in similar situations. [...] Role cues, demands, and expectations influence role perfomance or behavior.”[15]

Naomi Bailin Wish nimmt seinen Ansatz auf, verfeinert die Klassifizierung jedoch noch weiter und nimmt zudem empirische Analysen vor. Sie untersucht anhand von Artikeln, Reden und ähnlichem die Rollenauffassung von 29 politischen Führern aus 17 verschiedenen Ländern. Die von ihr verwendeten Variablen sind (1) International Participation, (2) Hostility, (3) Independence of Action sowie (4) Resource Commitment.

Für die Politikwissenschaft grundlegende Arbeiten im Bereich der Rollentheorie sind außerdem Kalevi J. Holstis Studien über Rollenkonzepte. Hier nimmt die Beziehung zwischen nationaler Rollenkonzeption und Partizipation im internationalen System einen zentralen Teil seiner Studien ein, wobei er seine Hypothese nicht empirisch testet.[16] Dies holt Wish nach. Sie misst die „International Participation“ eines Landes anhand der durchschnittlichen Zahl externer Ereignisse, mit denen sich die jeweilige Regierung im Ablauf eines Monats beschäftigte. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Partizipation am internationalen System und der Rollendefinition gibt. Politische Führer, die ihren Ländern großen Einfluss zusprachen, partizipierten stärker und übten öfters territoriale Rollen aus (vgl. Holsti´s „regional protector, world policeman, etc. unter 2.2). Im Bezug auf die „Feindseeligkeit“ eines Landes gegenüber anderen zeigt Wish auf, dass diese seltener gegeben ist, wenn die politischen Entscheidungsträger Wert auf „low“ statt auf „high“ politics legen. Wish’s Untersuchungen bestätigen damit auch die Hypothese von Morse: „[…] decision makers who are more concerned with low policies, such as wealth and welfare of their citizens,will exhibit less hostile behavior than decision makers who are more often concerned with high policies; that is, ‚territory and/or … those associated with security and the continued existence of the state’.“[17] Auch bei der Variable “Independence of action” ist eine Unterscheidung zwischen “low” und “high” politics notwendig und sinnvoll. Die Staaten, deren politische Führer sich vor allem auf „low politics“ konzentrieren, sind weniger unabhängig und zeigen ein eher gemeinschaftliches Verhalten, im Gegensatz zu der meist unilateralen Vorgehensweise der auf „high politics“ fokussierten Länder. Bezüglich der Variable „Resource Commitment“ stell Wish fest, dass vor allem die Länder mit ökonomischer Ausrichtung nicht nur verbal, sondern auch tatsächlich von ihren Ressourcen Gebrauch machen.

Alle konstruktivistischen Prägungen, und somit auch die Rollentheorie (wie Wish in ihrer Studie zeigt), beruhen also auf der Annahme, dass soziale Faktoren (Kultur, Identität, Werte, Kommunikation) bei der Analyse der internationalen Beziehungen mindestens den gleichen Stellenwert haben wie die so genannten „high politics“ (Sicherheit, Wirtschaft, etc.).[18] Besonders wichtig ist dabei die Interaktion zwischen den Staaten, da sie zur Identitäts- und Interessenbildung beiträgt, wobei es vor allem auf die erste Begegnung der Staaten ankommt:

„The first social act creates expectations on both sides about each other´s future behavior [...] baded on this tentative knowledge, ego makes a new gesture, again signifying the basis on which it will respond to alter, and again alter responds, adding to the pool of knowledge each has about the other, and so on over time.”[19]

Im Konstruktivismus wird das internationale System demnach als ein komplexes Gefüge von Interpretation, Interaktion und Interdependenz zwischen Struktur und Akteur gesehen, indem sich jeder Akteur in einer permanenten Lernsituation befindet und indem auch die Struktur aus den Interaktionen der Akteure „lernt“.[20]

2.2 Die Entstehung der Rollentheorie

Wie bereits unter Punkt 2 ausgeführt wurde, stammt die Rollentheorie ursprünglich aus der Soziologie. Dort wird sie seit langem angewendet, um Verhalten im Rahmen sozialer Beziehungen erklären zu können. Einer der ersten, der sich mit diesem Analyseansatz auseinandergesetzt und ihn auf politikwissenschaftliche Felder angewandt hat ist Johan Galtung, der versuchte, aus der Kleingruppensoziologie Hypothesen für das Verhalten von Staaten (bzw. deren Repräsentanten) abzuleiten.

David Wilkinson gelangte 1969 zu der Ansicht, dass es in der Weltpolitik eine Reihe von typischen staatlichen Rollen gibt, die sich folgendermaßen definieren:

„A state´s world role is its general line of policy defined with regard to its status and to its involvement in conflicts.”[21]

Er stößt bei seinen Forschungen auf drei unterschiedliche so genannte „state roles“, wobei er davon ausgeht, dass jeder Staat nur jeweils eine Rolle im internationalen System ausfüllen kann. Zum einen definiert er die militant-expansiven oder reaktiv-defensiven „first parties roles“ (exorting revolution, exporting ideals and reforms, acquisition of capabilities, extension of influence, etc.), zum anderen die Alliierten-Rollen, d.h. “second parties roles” (independent ally, perfect ally, etc.). Zudem identifiziert er noch “third parties roles” von Staaten, die umständehalber oder bewusst nicht aktiv an den großen Konflikten teilnehmen.[22]

Nach diesen ersten Versuchen, die Rollentheorie auch auf die Politikwissenschaft anzuwenden, war die weitere Erforschungsphase vor allem von Kalevi J. Holsti (1970) und Naomi Bailin Wish (1980) geprägt. Auch Stephen G. Walker setzte sich im Sinne von Holsti und Wish mit der Rollentheorie auseinander. In dieser Zeit konnten vor allem die grundlegenden Probleme der Definition und Beschreibung von Rollen gelöst und eine Antwort auf die Frage was Rollen eigentlich sind, gegeben werden. In einer zweiten Entwicklungsphase gelang es Margaret Hermann sowie Eric Singer und Valerie Hudson, Vereinfachungsstrategien zu entwerfen, welche halfen zu analysieren, wie und unter welchen Bedingungen verschiedene Rollen entstehen. In einem dritten Schritt entwarf Charles Hermann unter Einbezug der Forschungsergebnisse seiner Vorgänger ein komplexes Modell der Rollenverortung.

Eine „starke“ Rollentheorie, so Stephen G. Walker, muss im Wesentlichen vier Fragen beantworten können: (1) Was ist eine Rolle, (2) Wie entstehen Rollen, (3) Unter welchen Bedingungen entstehen verschiedene Rollen und (4) warum sind diese Bedingungen relevant?[23] Nachdem diese vier Fragen inzwischen mehr oder weniger beantwortet werden konnten, bleibt bis heute unklar, warum Rollen überhaupt entstehen und ausgeführt werden.[24] Im Anschluss an diesen kurzen schematischen Überblick über die Entwicklung der Rollentheorie soll nun ausführlicher auf die einzelne Konzepte, Ideen und Studien eingegangen werden.

1970 veröffentlichte Kalevi J. Holsti eine Studie, in der er Statements und Reden von politischen Führern aus 71 unterschiedlichen Ländern analysiert und daraus Rollenkonzepte ableitet. Gleich zu Beginn seiner Forschungen stößt er auf ein großes Problem. Während die Definition von Rollen in den Sozialwissenschaften meist schon klar vorgegeben ist (jeder hat beispielsweise ein klar definiertes Bild von einem Anwalt oder einem Militärführer und weiß, was er von dieser Rolle erwartet), ist außenpolitisches Verhalten nicht so ohne Weiteres einer klaren sozialen Position zuzuordnen. Es ist quasi unmöglich, einem komplexen Staat, der mannigfache Beziehungen in alle Welt unterhält, nur eine Rolle zuzuschreiben.

Holsti kommt zu dem Schluss, dass ein Staat also mindestens eine, in der Regel aber mehrere Rollen ausfüllt und grenzt sich hiermit klar von der Meinung Wilkinsons ab, der jedem Land nur genau ein Rollenkonzept zuordnen will. In seiner Studie kommt Holsti zu dem Ergebnis, dass sich jeder der von ihm untersuchten 71 Staaten im Durchschnitt mit 4,6 Rollenkonzeptionen identifiziert.[25] Holsti will herausfinden, wie es zur Entstehung solch nationaler Rollen kommt, muss dabei jedoch feststellen, dass sich die Gewichtung und Interdependenz von Variablen wie sozioökonomischen Bedürfnissen, öffentlicher Meinung oder Systemstruktur nicht immer spezifizieren und klar herausarbeiten lässt. Immerhin ist relativ gut ersichtlich, wann Rollen von innen heraus entstehen und wann sie von außen beeinflusst sind. Hier verweist Holsti auf die Unterscheidung zwischen „role performance“ und „role prescription“:

„The term role (or role performance) refers to behavior (decisions and actions) and can be kept analytically distinct from role prescriptions, which are the norms and expectations cultures, societies, institutions, or groups attach to particular positions. The foundations of human behavior, according to role theory, are both the position and the norms and expectations the alter projects on the position. Role theory thus emphasizes the interaction between the role prescription of the alter and the role performan ce of the occupant of a position (ego).”[26]

Diese Differenzierung ist wichtig, da die Rollentheorie davon ausgeht, dass die transnationalen Strukturen von informellen Prinzipien, Normen, Regeln und Entscheidungs-Findungs-Prozessen geprägt sind, welche das Verhalten der Staaten in der vorgegebenen „Arena“ der internationalen Beziehung regulieren und formen. Eine Rolle spiegelt demnach sowohl die informellen Prinzipien, Regeln, Normen und Prozeduren wieder, die sich ein Akteur selbst zuschreibt (ego-part), als auch die, die ihm von anderen zugeschrieben werden (alter-part):

„Role expectations are a conglomerate of the actor´s own (ego´s) role conceptions as well as those of other actors (alter´s). Unless alter´s role conceptions constitute highly authorative and very specific prescriptions, there is seldom a one-to-one correspondence between ego´s and alter´s role conceptions.”[27]

Holsti gehört zu den Wissenschaftlern, die der Eigendefinition der Rolle, also dem ego-part, eine größere Bedeutung zumessen als dem alter-part:

“[…] there are reasons […] for assuming that the role perfomance (decisions and actions) of governments may be explained primarily by reference to the policymaker´s own conceptions of their nation´s role in a region or in the international system as a whole.”[28]

Dabei veranlasst gerade die Tatsache, dass Souveränität in den Internationalen Beziehungen einen solch hohen Stellenwert hat, Holsti zu der Annahme, dass außenpolitische Entscheidungen und Vorgehensweisen (also die role perfomance) in erster Linie inländisch geprägt und auf nationale Wünsche und Bedürfnisse zugeschnitten sind. Verglichen mit den informellen Regeln und Normen des internationalen Systems, geschlossenen Verträgen und möglichen Sanktionen, sind die nationalen Interessen von weitaus größerer Bedeutung. Sollte es zu einem Konflikt von letzteren mit den Erwartungen und dem von außen angenommenen Rollenbild kommen, würden sich interne Belange auf jeden Fall durchsetzen. Auch wenn Holsti der von Außenstehenden (alter) entwickelten Rollenkonzeption durchaus Relevanz zugesteht, gilt sein Hauptinteresse dennoch der Frage, wie ein Staat seine eigene Rolle konzipiert und aus welchen Quellen sich die Eigendefinition ableitetet:

„We will assume that role performance results from […] policymakers’ conceptions of their nation´s orientations and tasks in the international system or in subordinate regional systems. [...] define national role performance as the general foreign policy behavior of governments. It includes patterns of attitudes, decisions, responses, functions, and commitments toward other states. From the observer´s point of view, these patterns or typical decisisons can be called national roles. A national role conception includes the policymaker´s own definitions of the general kinds of decisions, commitments, rules, and actions suitable to their state, and of the functions, if any, their state should perform on a continuing basis in the international system or in subordinate regional systems. It is their ‘image’ of the appropriate orientations of functions of their state toward, or in, the external environment.”[29]

Holsti nimmt an, dass außenpolitische Einstellungen, Entscheidungen und Handlungsweisen mit den nationalen Rollenkonzepten der heimischen Politikgestalter übereinstimmen. Letztere übernehmen sozusagen die Funktion eines „guardians“ für eine oder mehrere nationale Rollenvorstellungen und je mehr sich ihr Selbstbild des eigenen Landes durchsetzt, desto weniger sind sie bereit politische Alternativen einzugehen oder idiosynkratische Variablen Einfluss nehmen zu lassen. In der bereits erwähnten Studie untersucht Holsti also die Statements und Reden von politischen Führern aus 71 Ländern und leitet daraus die folgenden 17 Rollenkonzepte ab:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 : Rollenkonzepte nach Holsti[30]

Die Hauptthesen von Holsti lassen sich wie folgt zusammenfassen: (1) Außenpolitische Entscheidungsträger besitzen nationale Rollenkonzepte, an denen sich ihr Verhalten orientiert; (2) Der ego-part nationaler Rollenkonzepte beeinflusst dabei die manifeste Außenpolitik eines Staates mehr als die Rollenerwartungen anderer Akteure des systemischen Umfeldes; (3) Quellen nationaler Rollenkonzepte sind eine komplexe Mischung aus geographischen, machtpolitischen, historischen und sozioökonomischen Charakteristika, sowie aus Systemstrukturen und idiosynkratischen Merkmalen außenpolitischer Eliten; (4) Als Konsequenz nationaler Rollenkonzepte ergeben sich Beschränkungen für das außenpolitische Verhalten einzelner Staaten. Gleichzeitig beeinflussen Rollenkonzepte Stabilität und Wandel des internationalen Systems, d.h. sie sind strukturbildend.[31]

Neben Holsti hat sich vor allem auch die Wissenschaftlerin Naomi Bailin Wish immer wieder mit der Rollentheorie und deren Anwendung auf die Politik befasst. Sie geht davon aus, dass Rollenkonzeptionen genutzt werden können, um außenpolitisches Verhalten zu erklären oder sogar vorherzusagen. Nach ihrem Modell der nationalen Rollenkonzeption ist das außenpolitische Verhalten eines Staates das Produkt aus nationalen Möglichkeiten (Ressourcen im weitesten Sinne) und den nationalen Motivationen (Zielsetzungen) der Entscheidungsträger, die sich in den Rollenkonzepten widerspiegeln:

„[…] a nation´s foreign policy behavior is […] a product of ist national capabilities or attributes and […] its decision makers’ national motivations are expressed as national role conceptions.”[32]

Nationale Attribute, so Wish, beeinflussen außenpolitisches Verhalten direkt, über die Ressource die zur Verfügung stehen, sowie indirekt, weil die Entscheidungsträger die vorhandenen nationalen Attribute in ihr Rollenkonzept mit einbeziehen. Wie auch Holsti macht sie vor allem sozioökonomische Charakteristika wie territoriale Größe und Lage, Grad der ökonomischen Entwicklung und das Vorhandensein einer demokratischen Orientierung für die unterschiedlichen Konzepte in der Staatenwelt verantwortlich:

„[…] decision makers from large nations, in contrast to small ones, have a greater felt need to influence international affairs on a wider range of issues. Therefore, they will more often perceive their nations in roles which involve conflict or differences with other nations. Although their roles will involve competition, however, they will express less of a desire for international system change. They will more often express territorial roles such as ‘policemen of the world’ and want to maintain their own security as well as the international status quo. Thus, size will be positively related to change and the proportion of territorial issues. Size will be negatively related to change and the proportion of domestic or individualistic role orientations.”[33]

Das gleiche gilt auch für die ökonomische Entwicklung eines Landes. Je höher diese ist, desto mehr wird das Rollenbild von den oben aufgeführten Eigenschaften geprägt sein. Entscheidungsträger aus politisch offenen und demokratischen Ländern, werden eher dazu neigen, Rollen anzunehmen, die mit politischen und diplomatischen Themen sowie universellen Werten zusammenhängen:

„Decision makers from more open political systems will realize that the private sector will be interested in various kinds of international transactions such as trade, financial investment, and tourism. Thus, these decision makers will express greater proportions of roles concerned with political and diplomatic, and/or economic issues as well as roles concerned with universal values. They will also more often express cooperatively oriented roles and less often express roles concerned with ideology and territory. The power of the private sector in the open system will decrease these kinds of conflict-laden role expressions.”[34]

Nach Wish lassen sich unterschiedliche nationale Rollenkonzepte also auf Unterschiede der nationalen Attribute zurückführen. Wie bei Holsti wird auch bei Wish der Begriff der Rollenkonzeption völlig unabhängig von den Erwartungen der Interaktionspartner oder internationalen Normen gebildet, d.h. der ego-part dominiert.

Charles Hermann (1987) sowie David Singer und Valerie Hudson entwickelten Strategien, um die Rollentheorie zu vereinfachen. Sie versuchten herauszufinden, wie Rollen entstehen und unter welchen Bedingungen sie eingenommen werden. Margaret Hermann begann damit, die Forschungsergebnisse seiner Vorgänger zusammenzufassen und die gefundenen Antworten in ein komplexes Rollenmodell einzuordnen.[35] Nach Hermann haben sechs Variablen Einfluss auf das Handeln von Regierungen: (1) Nationalismus, (2) Glaube an die eigene Fähigkeit, Ereignisse zu kontrollieren, (3) Streben nach Macht, (4) Streben nach Zugehörigkeit, (5) Konzeptionelle Komplexität und (6) Misstrauen gegenüber anderen. Interpretiert werden diese Merkmale der Umwelt von den politischen Führern, deren Ansichten und Motive dann Einfluss auf die außenpolitischen Inhalte haben. Angelehnt an die Studien von Wish und Holsti unterscheidet Hermann sechs Rollenorientierungen: (1) expansionist (will seine Kontrolle über Territorium, Personen, Ressourcen, etc. ausweiten), (2) active-intependent (will an der Gemeinschaft teilhaben, ohne in Abhängigkeit zu geraten), (3) influential (will Einfluss auf die Außenpolitik anderer Länder haben und Führungsrolle in regionalen und internationalen Beziehungen übernehmen), (4) mediator-integrator (will zwischen anderen Ländern vermitteln), (5) opportunist (zieht Vorteil aus aktuellen Umständen) und (6)

developmental (Wachstum und Entwicklung der eigenen Nation durch nützliche Beziehungen zu anderen Ländern).[36]

Intensiv hat sich außerdem Stephen G. Walker mit der Rollentheorie auseinandergesetzt. Er entwickelte eine außenpolitische Theorie, welche eine innerstaatliche Perspektive einnimmt und auch die Rollentheorie impliziert. Er bezieht sich in manchen Punkten auf Kenneth Waltz, wenn es zum Beispiel darum geht, dass das internationale System ein anarchisches ist und es darum das primäre Ziel der Staaten ist, zu überleben und zu gedeihen (vgl. Waltz: „Balance-of-power politics prevail wherever […] the order [is] anarchic and […] it [is] postulated by units wishing to survive“).[37] Andererseits grenzt er sich auch klar vom Vater des Neorealismus ab, indem er sagt, dass staatliche Außenpolitik die Anfrage eines Staates um Schutz oder Unterstützung nationaler Politiken ist:

„The crucial theoretical relationship between domestic policy and foreign policy is that a state´s foreign policy is either (a) a request addressed to another state for assistance in the protection or achievement of national security, or (b) a response by one state to another state´s request for assistance in the area of national security.”[38]

So lassen sich beispielsweise auch der Kalte Krieg und die Entspannungspolitik nach dem 2. Weltkrieg mit seinen Thesen erklären. Die Initiative ergriff, so Walker, jeweils der Staat mit den größten innerstaatlichen Problemen, indem er sich um Hilfe von außen bemühte. Nach dem 2. Weltkrieg stellte beispielsweise die Sowjetunion fest, dass die größte innenpolitische Herausforderung darin besteht, sich von den Schäden des Krieges zu regenerieren und sich gleichzeitig vor etwaigen neuen Angriffen der Deutschen zu schützen. Nach Walker´s Theorie sah Stalin die Lösung für diese Probleme in der Teilung Deutschlands und der Verbreitung des Kommunismus in den osteuropäischen Staaten.

Aus seiner Theorie leitete Walker zunächst drei außenpolitische Rollen ab: (1) den „consumer“, dessen Ziel es ist, ökonomische, militärische oder anders geartete Hilfe von anderen Staaten zu bekommen; (2) den „producer“, der anderen Ländern vor allem seine Hilfe anbietet; (3) den „belligerent“, der Hilfegesuche ablehnt, aber vehement Hilfe von anderen einfordert. Aus Walkers Verflechtungsthese[39] ergeben sich dann zwei weitere Rollenbilder: (4) der „facilitator“, der nach Hilfe fragt, oder seine Unterstützung anbietet und (5) der „provocateur“ der dadurch ins Hintertreffen gerät, dass andere Staaten sich zusammenschließen und er dadurch Nachteile erfährt.[40]

Nach Stephen G. Walker hängen Wahl und Manifestation einer Rolle von „cues“[41] (Aktionen der Partner in einer Situation), „demands“ (weiteren Situationsgegebenheiten) und der individuellen Konzeption von Rollenerwartungen durch den Akteur ab.[42] Wie Sampson und Walker in ihren Untersuchungen über den Einfluss kultureller Normen auf das außenpolitische Rollenkonzept herausfanden, beinhalten Rollenkonzepte Ziele und Handlungsweisen, die als Begrenzung möglicher Außenpolitik fungieren, indem sie normative und prozedurale Beschränkungen der akzeptablen und erstrebenswerten außenpolitischen Ziele und Mittel vorgeben. Daraus wird ersichtlich, dass die Rahmenfunktion nationaler Rollenkonzepte von besonderer Bedeutung ist. Sampson und Walker versuchen auch zu zeigen, dass der Stil, in dem innerhalb eines Staates miteinander umgegangen wird, auch in den Außenbeziehungen eines Staates zur Anwendung kommt:

„Mit anderen Worten, ein Staat verhält sich anderen Staaten oder Akteuren des internationalen Systems gegenüber ähnlich, wie sich nationale Entscheidungsträger untereinander verhalten.“[43]

Nach James N. Rosenau, sind Rollen eingebettet in umfassende Schemata, die er als „role scenarios“ oder „action scripts“ bezeichnet.[44] Dabei hat jeder Rolleninhaber ein Verständnis sowohl dafür, was von ihm und seiner Rolle erwartet wird, als auch Erwartungen darüber, wie die anderen im internationalen System sich verhalten. Solche „role scenarios“ beeinflussen die Art und Weise wie Entscheidungen getroffen werden und sind zudem die Basis, auf der die Öffentlichkeit am globalen Leben partizipieren kann, denn die politischen Eliten müssen die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass das von ihnen gewählte „action script“ die beste von allen vorhandenen Alternativen ist. Dabei sind „role scenarios“ komplexe Gebilde, die in keiner Weise standardisiert sind, sondern sich durch das voneinander Lernen der in ihnen wirkenden Akteure ständig weiter entwickeln. Bildlich gesprochen kann man die „role scenarios“ als eine Landkarte sehen, die den Akteuren des internationalen Systems vorliegt, und die immer wieder verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten zulässt:

„Viewed from the perspective of any of the role occupants, the issue maps and their trails of light lie at the core of their activities and either [...] serve to guide the pursuit of their goals in the context of what is feasible or [...] highlight the obstacles that hinder the realization of their values.”[45]

Fest steht, dass je länger jemand eine Rolle innehat, desto besser ausgearbeitet ist sein “role scenario” und desto besser kann er auch einschätzen, was von den anderen Akteuren im internationalen System zu erwarten ist.

Einige Autoren, wie beispielsweise Christer Jönsson haben besonders den Einfluss der Fremdzuschreibung auf das Rollenverhalten hervorgehoben (“alter-part”), d.h. die Rolle wird davon bestimmt, was Außenstehende vom Rolleninhaber erwarten. Dem gegenüber steht der „ego-part“, d.h. die Eigendefinition des Rolleninhabers, dem besonders Wissenschaftler wie Holsti, Wish und Walker eine große Bedeutung zugemessen haben:

[...]


[1] Kaldor, Mary, 1999: Neue und alte Kriege. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 23-27.

[2] Joffe, Josef, 2001: Die Zielscheibe: Unsere Zivilisation, in: DIE ZEIT (Nr. 38), 13.09.2001, abgerufen unter http://www.zeit.de/2001/38/200138_s_1_leiter_usa.xml (29.11.2010).

[3] Staack, Michael, 2000: Handelsstaat Deutschland: Deutsche Außenpolitik in einem neuen internationalen System. Paderborn [u.a.]: Ferdinand Schöningh.

[4] Staack, Micael, 2000: Handelsstaat Deutschland: Deutsche Außenpolitik in einem neuen internationalen System. Paderborn [u.a.]: Ferdinand Schöningh, 462f.

[5] Pillath, Sandra, 2008: Motive und Rollenkonzepte deutscher Außenpolitik – Die Auslandseinsätze der Bundeswehr im Kongo und Libanon, in: Studien zur Internationalen Politik. Heft 1/2 (2008). Hamburg, 82.

[6] Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.), 1994: Weißbuch 1994 zur Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und zur Lage und Zukunft der Bundeswehr. Bonn.

[7] Wagener, Martin, 2004: Auf dem Weg zu einer „normalen Macht“? Die Entsendung deutscher Streitkräfte in der Ära Schröder, in: Trier Arbeitspapiere zur Internationalen Politik. Nr. 8 (Februar 2004), 14.

[8] Bundesministerium der Verteidigung: Stärke der deutschen Einsatzkontingente: http://www.bundeswehr.de/portal/a/bwde/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLd443DgoESYGZASH6kTCxoJRUfW99X4_83FT9AP2C3IhyR0dFRQCopHXc/delta/base64xml/L3dJdyEvd0ZNQUFzQUMvNElVRS82X0NfNDJE [Stand 4.November 2010].

[9] Günther, Andreas, 2008: Kleinstaatenforschung und Rollentheorie in den Internationalen Beziehungen. Heterogen, mehrdimensional: Kongenial?, in: Alexander Brand/Stefan Robel (Hrsg.): Internationale Beziehungen. Aktuelle Forschungsfelder , Wissensorganisation und Berufsorientierung. Dresden: TUDpress, 101.

[10] Gaupp, Peter, 1983: Staaten als Rollenträger – Die Rollentheorie als Analyse-Instrument von Aussenpolitik und internationalen Beziehungen, in: Daniel Frei, Ulrich Klöti (Hrsg.): Zürcher Beiträge zur Politischen Wissenschaft. Band 6. Liebefeld/Bern: Verlag Huber Frauenfeld, 161f.

[11] Jönsson, Christer/Westerlund, Ulf, 1982: Role Theory in Foreign Policy Analysis, in: Christer Jönsson (Hrsg.): Cognitive Dynamics and International Politics. London, 124.

[12] Kirste, Knut/Maull, Hanns W., 1996: Zivilmacht und Rollentheorie, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 3.Jg. (1996) Heft 2, 290.

[13] Kirste, Knut/Maull, Hanns W., 1996: Zivilmacht und Rollentheorie, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 3.Jg. (1996) Heft 2, 290.

[14] Günther, Andreas, 2008: Kleinstaatenforschung und Rollentheorie in den Internationalen Beziehungen. Heterogen, mehrdimensional: Kongenial?, in: Alexander Brand/Stefan Robel (Hrsg.): Internationale Beziehungen. Aktuelle Forschungsfelder , Wissensorganisation und Berufsorientierung. Dresden: TUDpress, 112.

[15] Wisch, Naomi Bailin, 1980: Foreign Policy Makers and Their National Role Conceptios, in: International Studies Quarterly. Vol. 24. No. 4 (Dec., 1980), 534.

[16] Holsti, Kalevi J., 1987: National Role Conceptions in the Study of Foreign Policy, in: Stephen G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 4-43.

[17] Wisch, Naomi Bailin, 1980: Foreign Policy Makers and Their National Role Conceptios, in: International Studies Quarterly. Vol. 24. No. 4 (Dec., 1980), 545.

[18] Tritsch, Dirk, 2007: Die EU als Zivilmacht. Frankfurt am Main, 16.

[19] Wendt, Alexander, 1992: Anarchy is what states make of it: the social construction of power politics, in: International Organization 46:2, 405.

[20] Tritsch, Dirk, 2007: Die EU als Zivilmacht. Frankfurt am Main, 23.

[21] Gaupp, Peter, 1983: Staaten als Rollenträger – Die Rollentheorie als Analyse-Instrument von Aussenpolitik und internationalen Beziehungen, in: Daniel Frei, Ulrich Klöti (Hrsg.): Zürcher Beiträge zur Politischen Wissenschaft. Band 6. Liebefeld/Bern: Verlag Hubert Frauenfeld, 87.

[22] Ebd., 87.

[23] Walker, Stephen G., 1987: Role Theory and the Origins of Foreign Policy, in: Charles F. Hermann/Charles W. Kegley/James N. Rosenau (Hrsg.): New Directions in the Study of Foreign Policy. Boston: ALLEN&UNWIN, 273.

[24] Walker, Stephen G., 1987: Role Theory and the Origins of Foreign Policy, in: Charles F. Hermann/Charles W. Kegley/James N. Rosenau (Hrsg.): New Directions in the Study of Foreign Policy. Boston: ALLEN&UNWIN, 279f.

[25] Holsti, Kalevi J., 1970: National Role Conception in the Study of Foreign Policy, , in: Stephan G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 28.

[26] Holsti, Kalevi J., 1970: National Role Conception in the Study of Foreign Policy, , in: Stephan G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 7.

[27] Jönsson, Christer/Westerlund, Ulf, 1982: Role Theory in Foreign Policy Analysis, in: Christer Jönsson (Hrsg.): Cognitive Dynamics and International Politics. London, 125.

[28] Holsti, Kalevi J., 1970: National Role Conception in the Study of Foreign Policy, , in: Stephan G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 8.

[29] Holsti, Kalevi J., 1970: National Role Conception in the Study of Foreign Policy, in: Stephan G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 12.

[30] Holsti, Kalevi J., 1970: National Role Conception in the Study of Foreign Policy, in: Stehpan G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press.

[31] Kirste, Knut/Maull, Hanns W., 1996: Zivilmacht und Rollentheorie, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 3. Jg. (1996) Heft 2, 291f.

[32] Wish, Naomi Bailin, 1987: National Attributes as Sources of National Role Conceptions: A Capability-Motivation Modell, in: Stephan G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 95.

[33] Ebd., 97.

[34] Wish, Naomi Bailin, 1987: National Attributes as Sources of National Role Conceptions: A Capability-Motivation Modell, in: Stephan G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 99.

[35] Walker, Stephan G., 1987: Role Theory and the Origins of Foreign Policy, in: Charles F. Hermann, Charles W. Kegley Jr., James N. Rosenau (Hrsg.): New Directions in the Study of Foreign Policy, 279.

[36] Hermann, Margaret G., 1987: Foreign Policy Orientations and the Quality of Foreign Policy Decisions, in: Stephen G.Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press.

[37] Walker, Stephen G., 1987: Role Theory and the International System: A Postscript to Waltz´s Theory of International Politics?, in: Stephen G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 73.

[38] Ebd.,73.

[39] “The linkage proposition. In order to pursue or maintain domestic policy goals, a state ay act to establish, maintian, or disrupt a shared set of expectation or the allocation of values among other states.”

[40] Walker, Stephen G., 1987: Role Theory and the International System: A Postscript to Waltz´s Theory of International Politics?, in: Stephen G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 78.

[41] The actor must be able to locate himself accurately in the existing role structure. In addition to his own and other´s role conceptions, an actor´s role selction and maintenance is also infuenced by cues arising from behaviour of other actors in his environment. The accuracy with which an actor notes such cues and draws conclusions concerning the role of others bears directly upon the accuracy whith which he locates himself in the reciprocal or complemantary role.

[42] Gaupp, Peter, 1983: Staaten als Rollenträger – Die Rollentheorie als Analyse-Instrument von Aussenpolitik und internationalen Beziehungen, in: Daniel Frei, Ulrich Klöti (Hrsg.): Zürcher Beiträge zur Politischen Wissenschaft. Band 6. Liebefeld/Bern: Verlag Huber Frauenfeld, 89.

[43] Kirste, Knut/Maull, Hanns W., 1996: Zivilmacht und Rollentheorie, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 3. Jg. (1996) Heft 2, 292.

[44] Rosenau, James N., 1987: Roles and Role Scenarios in Foreign Policy, in: Stephen G. Walker (Hrsg.): Role Theory and Foreign Policy Analysis. Durham: Duke University Press, 51.

[45] Ebd., 56.

Details

Seiten
105
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656330363
Dateigröße
789 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205056
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,3
Schlagworte
außenpolitische entscheidungen deutschlands krisensituationen afghanistan irak

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Titel: Außenpolitische Entscheidungen Deutschlands in Krisensituationen: Afghanistan und Irak