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Ausgewählte Grenzen und Risiken für die erfolgreiche Durchführung von Mediationsverfahren

Ausarbeitung 2012 22 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zum Verfahren der Mediation
1.1. Zum Verfahrensverständnis
1.2. Fixpunkte des Verfahrens
1.3. Idealtypischer Verfahrensverlauf

2. Ausgewählte Risiken und Grenzen des Verfahrens
2.1. Risiken und Grenzen begründet in der Person des Mediators
2.1.1. Aspekt Persönlichkeit: inner- und interpsychologische Restriktionen
2.1.2. Ausbildungsdefizite
2.1.3. Mangelnde Akzeptanz und Autorität des Mediators im Verfahren
2.1.4. Unvereinbarkeit der Mediation eines Konfliktes mit dem Wertesystem des Mediators
2.2. Risiken und Grenzen begründet durch die Konfliktparteien bzw. durch die Art des Konfliktes
2.2.1. Unterschiedliche Rechtsauffassungen und nichtvereinbare Positionen
2.2.2. Risiken und Grenzen durch negatives Konflikt- und Verhandlungsverhalten
2.2.3. Psychopathologische Störungen
2.2.4. Intellektuelle Überforderung
2.2.5 Eskalationsstufe Feindseligkeit
2.2.6. Grenzen und Risiken durch Mediation mit Repräsentanten

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Zum Verfahren der Mediation

Während in Ländern wie den USA, Österreich oder der Schweiz die Mediation als Verfahren zur konstruktiven Beilegung von Konflikten und Streitigkeiten mittlerweile in der Praxis anerkannt ist und in bestimmten Zusammenhängen bereits gesetzlich verankert wurde1, stößt das Verfahren auch in Deutschland in zunehmendem Maße auf Akzeptanz und hat sich im Verlauf der letzten Jahre zu einem probaten Instrument des professionellen Konfliktmanagements entwickelt.2 Dies wird auch in der Verabschiedung des Gesetzes zur Förderung der Mediation und anderer Verfahren der außergerichtlichen Konfliktbeilegung durch den Deutschen Bundestag am 15.12.2011 deutlich, das wichtige Aspekte wie beispielsweise die allgemeine Verschwiegenheitspflicht für Mediatorinnen und Mediatoren (aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung wird im weiteren Verlauf nur die männliche Sprachform verwendet) oder die Vollstreckbarkeit von getroffenenen Mediationsvereinbarungen grundlegend regelt und einer drohenden Rechts- zersplitterung entgegenwirken soll.3 Mittlerweile bietet die Bildungslandschaft in Deutschland eine Vielzahl von Ausbildungsmöglichkeiten, sei es als Weiterbildung bzw. Zertifikatsstudium oder aber als originärer Studiengang wie beispielsweise an der Europa-Universität VIADRINA in Frankfurt/Oder.4

1.1. Zum Verfahrensverständnis

Unter Mediation ist die Einschaltung einer neutralen und unparteiischen dritten Partei - dem Mediator - innerhalb einer konfliktären Auseinander- setzung zu verstehen. Der Mediator nimmt hierbei eine vermittelnde Stellung ein, der die Parteien bei deren Konfliklösungsversuchen unterstützt, ohne jedoch eigene Entscheidungskompetenz bezüglich der Auseinandersetzung beider Parteien zu besitzen.5 Pruitt und Carnevale benutzen in ihrer De- finition explizit den Verhandlungsbegriff: „In mediation, the negotiation continues but is helped along by the third party.“6 Das Verfahren kann als Handlungsschema zur konstruktiven Beilegung von Konflikten bzw. Problem- lösungen auf verschiedensten sozialen Ebenen verstanden werden7 und greift auf diverse erkenntnistheoretische Ansätze beispiesweise aus den Bereichen Konflikt- und Verhaltensforschung, Psychologie und Psycho- therapie, Systemische Therapie oder Kommunikationswissenschaft zurück.8 Duss-von Werth (2009) spricht in diesem Zusammenhang von der „Trans- disziplinarität“der Mediation.9

1.2. Fixpunkte des Verfahrens

Für Mediationsverfahren sind grundlegende Prinzipien kennzeichnend:

- Die Konfliktparteien sind grundsätzlich für den Konfliktlösungsprozess selbst verantwortlich, sei es inhaltlich als auch bezüglich der Beziehung und des eigenen Verhaltens gegenüber der anderen Partei.
- Das Mediationsverfahren ist für alle Beteiligten zu jeder Zeit eine freiwillige Möglichkeit zum konstruktiven Umgang mit Konflikten.
- Der Mediator wird alle ihm bekannt werdenden Informationen im Zu-
sammenhang mit dem jeweiligen Konflikt streng vertraulich behandeln.
- Der Mediator nimmt im Konflikt eine allparteiliche Haltung ein und behandelt die Interessen und Bedürfnisse aller Beteiligten als gleichwertig.10 11
- Mediation ist ein ergebnisoffenes Verfahren12

1.3. Idealtypischer Verfahrensverlauf

Zwar spricht Duss-von Werth (2011) davon, dass sich die Erfahrungs- wirklichkeit eines Mediationsprozesses regelmäßig von der Modellrealität unterscheidet und kein zweites Mal wiedererlebt wird13, unabhängig davon jedoch ist eine Einteilung in verschiedene idealtypische Phasen einer Mediation für das Verständnis des Prozesses sinnvoll. In der LIteratur wird vorrangig ein vierstufiges Phasenmodell beschrieben, Kessen/Troja (2009) untergliedern in ihren Ausführungen hingegen in einen sechstufigen Media- tionsprozess.14 An dieser Stelle soll der vierstufige Ablauf kurz vorgestellt werden:

Phase 1: Sicherer Rahmen

gegenseitige Vorstellung, Erläuterung der Grundsätze und des Ablaufes des Verfahrens, Klärung des Rollenverständnisses aller beteiligten Parteien, Besprechung organisatorischer und finanzieller Aspekte, Information über Gesprächsregeln

Phase 2: Darstellung des Konfliktes

Darstellung der Sichtweisen und Gefühlslagen aller Konfliktparteien, Zusammenfassung der dargelegten Informationen, Themenauswahl zur Bearbeitung

Phase 3: Herausarbeitung von Interessen und Bedürfnissen

Erfassung von Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen hinter der Sachebene des Konfliktes, Suche nach Gemeinsamkeiten, Einleitung des gegenseitigen aktiven Zuhörens der Konfliktparteien

Phase 4: kreative Lösungssuche und Vereinbarung

Ideensammlung, -konkretisierung und -verhandlung, Erarbeitung einer Vereinbarung zwischen den Konfliktparteien15

2. Ausgewählte Risiken und Grenzen des Verfahrens

Betrachtet man die von Duss-von Werth (2009) beschriebene Transdis- ziplinarität der Mediation sowie die Vielfalt, Verschiedenartigkeit und oftmals Multidimensionalität von Konflikten verschiedenster Art kann davon aus- gegangen werden, dass eine Fülle von Einflüssen und Gegebenheiten existieren, die die Durchführung eines Mediationsverfahrens negativ beein- flussen bzw. eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung des Konfliktes sogar verhindern können.16 Es ist in der vorliegenden Arbeit nicht möglich, das gesamte Spektrum der Risiken und Grenzen eines Mediations- verfahrens vollumfänglich abzubilden. Der Autor konzentriert sich auf die aus seiner Sicht eindeutigen Beeinflussungsfaktoren und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

2.1. Risiken und Grenzen begründet in der Person des Mediators

2.1.1. Aspekt Persönlichkeit: inner- und interpsychologische Restrikt- ionen

Per se kommt der Fähigkeit des Mediators, vermittelnd und verfahrens- steuernd den Konfliktlösungsprozess begleiten zu können, höchste Priorität zu. Das setzt zum einen fundierte Kenntnisse über die „hard facts“des Mediationsverfahrens und Schnittstellenkompetenz bezüglich der beein- flussenden Wissensgebiete wie z.B. Psychologie, Kommunikation, Rhetorik, Kreativitätsforschung etc. sowie ein gewisses Maß an Feldkompetenz bzw. Grundverständnis hinsichtlich des zu mediierenden Konfliktes voraus. Die Anwendung des „Werkzeugkastens“Mediation lässt sich durchaus erlernen, darüber hinaus jedoch betont beispielsweise Breidenbach (1995) die Bedeutung der Persönlichkeit und des Charisma des Mediators für den Erfolg bzw. Misserfolg des Verfahrens. Einen Anforderungskatalog für die soft skills eines „guten“Mediators und im Umkehrschluss daraus eine „Negativliste“der Eigenschaften erstellen zu wollen, ist an dieser Stelle schwierig. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass persönliche Konflikte bzw. Defizite des Mediators im inner- und intrapsychologischen Bereich wie z.B. die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme bzw. das Ein- fühlungsvermögen in die Befindlichkeiten anderer Personen, Manipulations- und Dominanzverhalten versus Prozessverantwortlichkeit ohne eigene Ent- scheidungskompetenz, die Fähigkeit zur grundsätzlichen Zurücknahme eigener Sichtweisen und Distanzierung vom Konflikt der Medianten, die Wahrung der Allparteilichkeit, Emphatie etc. oder einfach nur das Vermögen, Anderen aufmerksam zuzuhören17, den Verfahrensausgang einer Mediation negativ beeinflussen können. Montada/Kals (2007) führen als wichtiges Element für eine erfolgreiche Mediation die Ausstrahlung von Sicherheit in sozialen Situationen durch den Mediator an, die sich direkt auf die Medianten positiv auswirkt.18 Sicherlich muss nicht jede seelische Störung mit Unsicherheit im sozialen Umfeld einhergehen. Ist dies jedoch der Fall, wird es sich negativ auf das Vertrauensempfinden bei den Medianten und den Erfolg der Mediation auswirken. Mediation als hoch beanspruchendes Verfahren setzt voraus, dass der Mediator belastbar ist und, vor allem aufgrund der Forderung nach Ergebnisoffenheit des Verfahrens, über eine hohe Frustrationstoleranz verfügt. Ohne die Begrifflichkeit „psychische Gesundheit“hier einführen zu wollen: Ist eine Person mehr oder weniger nicht in der Lage, das eigene Leben sozial verantwortungsvoll, selbst bestimmt und für sich selbst befriedigend zu gestalten, Anforderungen zu bewältigen und damit psychisches Wohlbefinden zu erleben19, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch den Anforderungen zur souveränen Leitung eines Mediationsverfahrens nicht umfänglich gerecht werden kann.20

[...]


1 Beispielsweise verpflichtet Artikel III des in Österreich seit dem 1. Juli 2004 geltenden NachbarrechtsÄnderungsgesetz miteinander streitende Parteien in bestimmten Streitpunkten eine außergerichtliche Einigung anzustreben, ehe Klage vor den zuständigen Gerichten eingereicht werden kann. ZivRÄG 2004, Artikel III, Satz 1

2 vgl. z.B. Montada, Karls (2007), S. XI; Klappenbach (2011), S. 21

3 http://gesetzgebung.beck.de/node/1006535

4 http://www.rewi.europa-uni.de/de/studium/Mediation.html

5 vgl. Breidenbach (1995), S. 4

6 Pruitt, Carnevale (1993), S. 165

7 vgl. Fietkau (2000), S.12

8 http://de.wikipedia.org/wiki/Mediation

9 Duss-von Werth (2009), S. 234

10 vgl. Montada, Kals (2007), S. 1

11 vgl. Klappenbach (2011), S. 40

12 vgl. z.B. Schlieffen/Ponschab/Rüssel/Harms (2006), S. 38

13 vgl. Duss-von Werth (2011), S. 35

14 vgl. Kessen/Troja (2009). S. 140ff.

15 vgl. Klappenbach (2011), S. 36

16 Unabhängig vom hier verwendeten Erfolgsbegriff legt Fietkau (2000) ausführlich dar, wie schwierig es ist, den Erfolg eines Mediationsverfahrens überhaupt eindeutig zu bestimmen und spricht in diesem Zusammenhang von mehreren Beurteilungsdimensionen wie Ergebnis, Prozess, Sachergebnisse oder dem subjektiven Urteil der an der Mediation beteiligten Parteien (vgl. Fietkau (2000), S. 23ff.). Webler (1995) definiert “right participation“als übergreifendes Erfolgsmerkmal: Die Etablierung eines fairen und kompetenten Prozesses, in dem Kommunikation nicht-hierarchisch organisiert ist, den beteiligten Parteien ihre jeweilige Autonomie lässt und auf von Vernunft getragenem Argumentieren basiert.
vgl. Webler (1995), zitiert nach Fietkau (2000), S. 28)

17 Haft (2009) vertritt den Standpunkt, dass gerade diese Fähigkeit bei den meisten Menschen unterentwickelt ist. vgl. Haft (2009), S. 105f.

18 Montada, Kals (2007), S. 289

19 http://www.onlineberatung-therapie.de/diplomarbeit/definition-psychische-gesundheit.html

20 Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch nicht, dass eine in allen Aspekten stabile Persönlichkeit per se ein guter Mediator ist. Letztendlich wird sich die Eignung zum Mediator erst in der Praxis zeigen.

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656321880
ISBN (Buch)
9783656328278
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205025
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
Schlagworte
Mediation Konflikt Streit Psychologie

Autor

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