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Bildungsungleichheiten in Deutschland

Inwiefern beeinflusst soziale Benachteiligung den Bildungserfolg?

Forschungsarbeit 2012 45 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINFÜHRUNG

1. KAPITEL: SOZIALE BENACHTEILIGUNG
1.1 Begriffsbestimmungen
1.2 Einflussfaktoren
1.2.1 Finanzieller Status
1.2.2 Ethnische Herkunft
1.2.3 Bildung
1.3 Zahlen, Daten, Fakten

2. KAPITEL: BILDUNG
2.1 Begriffsbestimmungen
2.2 Schulbildung
2.3 Bildungsreformen

3. KAPITEL: BILDUNGSUNGLEICHHEITEN - DIE ZUSAMMENHÄNGE SOZIALER BENACHTEILIGUNG UND SCHULBILDUNG
3.1 Allgemeine Überlegungen
3.2 Empirische Ergebnisse

4. KAPITEL: PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONSMASSNAHMEN

SCHLUSSBETRACHTUNG

Literaturverzeichnis

EINFÜHRUNG

"Früher hat Gott die kleinen Leute an den Platz gestellt, auf dem auch ihre Kinder dienend bleiben sollten, statt in die Universitäten davon zu laufen. Heute sind es die Gene, mit denen die Kinder an ihren Plätzen in der Bildungshierarchie festgezurrt werden: für nicht oder schlecht deutsch sprechende Migranten- und Unterschichtenkinder die Hauptschule, für die Kinder der kleinbürgerlichen Arbeiter- und Angestelltenmilieus die Realschule, für die der normalen akademischen Mittelschicht das Gymnasium und für die der gehobenen Mittelschicht und der Oberschicht die Privatschule.“ (Preisendörfer, 2008, S. 6)

Dieses einleitende Zitat des deutschen Schriftstellers Bruno Preisendörfer greift ein häufig diskutiertes und vor allem durch die internationalen Schulleistungsstudien PISA und IGLU wieder stark in den Fokus der Öffentlichkeit gerücktes Thema auf: die Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem.

Zwar hat laut des deutschen Kinder- und Jugendhilfegesetzes, Artikel 1, Absatz 1 „jeder junge Mensch […] ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit" (Fischer et al., 2007, S. 27) - allerdings gestaltet sich die Verwirklichung dieses rechtlichen Grundsatzes in der Praxis von jeher sehr schwierig, weshalb die Ungleichheiten der Bildungschancen auch in einem der wirtschaftsstärksten Länder unserer Zeit - Deutschland - eine immer wiederkehrende Herausforderung für Pädagogik, Wissenschaft und Politik darstellen. In keinem anderen Land der Welt korreliert die soziale Herkunft so stark mit dem Bildungserfolg.

Die folgende Arbeit widmet sich diesem zentralen Thema des 21. Jahrhunderts unter der Fragestellung „Inwiefern beeinflusst soziale Benachteiligung den Bildungserfolg?“. Gegliedert in fünf Kapitel, soll es gelingen, dieser Frage nach und nach auf den Grund zu gehen. Das erste Kapitel thematisiert den Lebensumstand der „sozialen Benachteiligung“ (Begriffsbestimmungen; Einflussfaktoren; Zahlen, Daten, Fakten), bevor das zweite Kapitel sich mit dem Begriff „Bildung“ näher auseinandersetzt (Begriffsbestimmungen, Schulbildung, Bildungsreformen). Im Anschluss rücken in Form des dritten Kapitels die Zusammenhänge zwischen sozialer Benachteiligung und Schulbildung in den Mittelpunkt, die zunächst allgemein und im Anschluss empirisch untersucht und belegt werden. Mögliche Präventions- und Interventionsmaßnahmen, die Bildungsbenachteiligungen aufgreifen und zu minimieren versuchen, bilden vor einer Schlussbetrachtung das vierte Kapitel.

1. KAPITEL: SOZIALE BENACHTEILIGUNG

"Armut in einem der reichsten Länder der Welt - das klingt paradox, entspricht aber der Situation in der Bundesrepublik: Die verarmten Bevölkerungsgruppen stellen neben den Ausländern die zweitwichtigste Randschicht in der Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland dar." (Geissler, 2002b, S. 246)

1.1 Begriffsbestimmungen

In obigem Zitat spricht Reiner Geisler bereits zwei Bevölkerungsgruppen an, die in Deutschland häufig von sozialer Benachteiligung betroffen sind, nämlich verarmte Menschen und solche mit einem Migrationshintergrund.

Der Begriff „soziale Benachteiligung” wurde im Rahmen der Sozialisationsforschung der 1970er Jahre zur Beschreibung von schlechten Schulleistungen trotz durchschnittlicher Intelligenz aufgrund von ungünstigeren Milieu- und Sozialisationsbedingungen eingeführt (vgl. Hafeneger, 2007, S. 843). Heutzutage bezieht sich soziale Benachteiligung auf verschiedenste Bevölkerungsgruppen und unterschiedliche Problemlagen. Wirft man einen Blick auf unser Grundgesetz, so besagt Artikel 3, Absatz 3 Folgendes:

"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden." (Deutscher Bundestag, 1949, Artikel 3, Absatz 3)

Entgegen dieses Gleichheitsgrundsatzes des Grundgesetzes hat soziale Benachteiligung ihren festen Platz im heutigen System. Sie entsteht im Kontext der gegebenen, gesellschaftlichen Situation und den damit verbundenen, individuellen Möglichkeiten. Sozial benachteiligte Personen können häufig nicht vollständig an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben und die Chancen, bestimmte Ziele zu erreichen, werden von verschiedenen Faktoren stark gemindert (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), 2011, S. 297).

Als spezielle Merkmale zur Bestimmung von sozialer Benachteiligung bei Kindern und Jugendlichen gelten zum Beispiel folgende:

- eine eingeschränkte Teilhabe am kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Leben
- negativ beeinflusste Bildungsmöglichkeiten durch ein problematisches soziales Umfeld
- durch finanzielle Schwierigkeiten geprägte, instabile Familienverhältnisse und demzufolge ein erschwerter Zugang zu gleichen Lebenschancen und Bildungsmöglichkeiten
- eine Stigmatisierung durch die Mitmenschen (vgl. Butterwegge, 2003, S. 235)

Soziale Benachteiligung kann demnach als Zusammenspiel diverser Faktoren betrachtet werden, welche das Leben der betroffenen Personen in den verschiedensten Bereichen nachhaltig negativ beeinflussen. Dieses Zusammenspiel soll im Folgenden näher untersucht werden.

1.2 Einflussfaktoren

Wie im Rahmen der „Begriffsbestimmungen“ beschrieben, ist soziale Benachteiligung als ein Geflecht sich wechselseitig beeinflussender Faktoren zu verstehen, die die jeweiligen Lebenssituationen der Betroffenen bestimmen. In der öffentlichen Diskussion werden besonders die Faktoren „finanzieller Status“, „ethnische Herkunft“ und „Bildung“ immer wieder vernommen, weshalb diese als Einflussfaktoren auf soziale Benachteiligung im weiteren Verlauf dieser Arbeit etwas näher beleuchtet werden sollen. Allerdings ist zu betonen, dass sich nicht in jedem Fall automatisch von sozialen Defiziten auf soziale Benachteiligung schließen lässt, da es den Betroffenen unter Umständen auch gelingen könnte, ihre soziale Situation zu verändern bzw. zu verbessern (vgl. Heimlich, 1989, S. 52ff.).

1.2.1 Finanzieller Status

„Armut und Niedrigeinkommen ist nicht mehr das Schicksal einer kleinen randständigen und sozialpolitisch vernachlässigten Gruppe, sondern das Armutsrisiko gehört heute zur Lebenswirklichkeit einer großen Zahl von Normalfamilien.” (Hurrelmann/Klocke, 2001, S. 11)

In diesem Zitat spricht Klaus Hurrelmann eine materielle Chancenungleichheit - im Sinne eines niedrigen finanziellen Status - an, die für betroffene Kinder und Jugendliche häufig von Geburt an besteht, da sie auf die materielle Ausstattung ihres Elternhauses angewiesen sind, die maßgeblich mit über ihre Zukunft entscheidet (vgl. Butterwegge, 2005, S. 11).

Man unterscheidet im Allgemeinen zwischen "relativer" und "absoluter" Armut. Unter „relativer Armut“ versteht man eine Unterversorgung der Angehörigen niedriger sozialer Schichten mit verschiedenen Ressourcen (materieller und immaterieller Art), die im Verhältnis zum Wohlstand der Gesamtbevölkerung betrachtet wird. Man geht im Gegensatz zur "absoluten Armut", die in den sogenannten Entwicklungsländern vorherrscht, davon aus, dass für bestimmte Grundbedürfnisse wie Kleidung, Nahrung und Wohnung gesorgt ist, aber dennoch zu wenig Mittel vorhanden sind, um auf einem Standard zu leben, der in der Gesellschaft als unterste Grenze des Akzeptablen gilt (vgl. Hurrelmann/Klocke, 2001, S. 11ff.).

Sind Kinder von Armut betroffen, so bildet die Einkommensarmut ihrer Eltern zwar zunächst einmal den Ausgangspunkt, allerdings bringt diese häufig auch Unterversorgung der Kinder in anderen Bereichen mit sich, zum Beispiel:

- für ein alltägliches Leben erforderliche Mittel werden unterschritten
- sie sind gesundheitlichen Beeinträchtigungen ausgesetzt
- im Rahmen ihrer intellektuellen und kulturellen Entwicklung mangelt es ihnen an Bildungsmöglichkeiten (vgl. Becher, 2005, S. 20ff.)

Allerdings gilt es, die Bezeichnung „armutsgefährdet“ oder gar „arm“ nicht zu verallgemeinern. Vielmehr gibt es verschiedene Ausprägungen von Armut oder prekärem Wohlstand, weshalb betroffene Familien individuelle Unterstützung benötigen (vgl. Meier-Gräwe, 2008, S. 37).

1.2.2 Ethnische Herkunft

Von jeher verließen Menschen ihre Heimatländer und Lebensräume, um anderorts Arbeit zu finden, Hungersnot zu entgehen, religiöser oder politischer Verfolgung zu entkommen oder schlichtweg ein neues Leben zu beginnen. Migration ist ein fester Bestandteil europäischer Geschichte (vgl. Holzbreche r, 2004, S. 48).

Vor diesem Hintergrund ist natürlich auch die Welt, in der Kinder und Jugendliche in Deutschland heute aufwachsen, von kultureller Vielfalt geprägt. Mit dem Migrationsstatus sind häufig Ausbildungsunterschiede und Chancenungleichheiten verbunden. Allerdings sind diese nicht immer auf unterschiedliche nationale, kulturelle oder religiöse Traditionen zurückzuführen, sondern vielmehr auf mit dem Migrationsstatus verbundene sozioökonomische Ungleichheiten, da Migranten häufig den unteren Schichten angehören (vgl. Hopf, 2010, S. 19).

Dennoch ist speziell unter Zuwanderern aus der Türkei und aus Russland das Gefühl stark verbreitet, in Deutschland nicht anerkannt und akzeptiert zu sein. Etwa ein Viertel der türkischstämmigen Menschen in Deutschland fühlt sich hier sogar fremd (vgl. Bertelsmann Stiftung, 2009, S. 4). In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass mit der Migration für die Betroffenen eine Konfrontation mit einem neuen und vor allem fremden Umfeld einhergeht, weshalb die Bedeutung familiärer Kontakte verstärkt wird. Die Familienmitglieder orientieren sich häufig sehr stark aneinander, was die Kontaktaufnahme zu Mitbürgerinnen und Mitbürgern und das Erlernen der deutschen Sprache - die Grundvoraussetzung einer gelingenden Integration - häufig erschwert (vgl. Bundesministerium für Familie, S. 11ff.). Rund ein Drittel der Kinder mit einem Migrationshintergrund gibt im Rahmen der World Vision Kinderstudie 2010 sogar an, sich zu Hause überwiegend über die Muttersprache der Eltern zu verständigen (vgl. Andresen/Hurrelmann, 2010, S. 18).

Untersuchungen zur Haushaltsgröße in Migrantenfamilien ergaben, dass Migranten häufig Vier-Personen-Haushalte führen, wohingegen in deutschen Familien meist nur drei Personen anzutreffen sind (vgl. Haug, 2005, S. 235). Wohngegenden, in denen viele Migranten ansässig geworden sind (überwiegend Kernstädte der Ballungsgebiete), werden vermehrt zu sogenannten „sozialen Brennpunkten“ - anregungsarme Wohnumgebungen, die den Kontakt zur Mehrheit der Gesellschaft und damit die Integration erschweren, da das ethnisch-homogene Umfeld eine Möglichkeit des Rückzugs und der Sicherheit bietet und aus diesem Grund von den Betroffenen häufig nur selten verlassen wird (vgl. Boos- Nünning/Karakasoglu, 2005, S. 75).

1.2.3 Bildung

Der Anteil der Eltern ohne abgeschlossene Berufsausbildung ist in Deutschland seit Mitte der 80er Jahre konstant gestiegen. Häufig können sie aufgrund mangelnder schulischer und beruflicher Bildung die verschiedensten Alltagsanforderungen nicht meistern, was resultierend die Entwicklungschancen ihrer Kinder (Alltagskompetenzen, kognitive und sozial-emotionale Kompetenzen) erheblich einschränkt (vgl. Meier-Gräwe, 2008, S. 30).

Speziell das alltägliche Freizeitverhalten in den Familien beeinflusst die späteren Bildungsbilanzen der Kinder sehr stark. Kinder aus bildungsbenachteiligten Elternhäusern zeigen häufig sehr unproduktive Arten der Freizeitgestaltung, unter anderem eine sehr ausgeprägte Medienorientierung. Diese sorgt dafür, dass die Sinne der Kinder nur sehr einseitig angeregt werden und sie sich nur wenig anderen Impulsen aussetzen, die sie angemessen fördern, weshalb kaum Transferleistungen abgerufen werden (vgl. Hurrelmann, 2010, S. 14). Kinder aus der unteren Schicht bestätigen zum Beispiel zu 28%, regelmäßig mehr als zwei Stunden pro Tag fernzusehen (vgl. Andresen/Hurrelmann, 2010, S. 24). Stark mediengeprägte Kinder können sich häufig nicht gut konzentrieren und benötigen schnelle Impulse. Die Kompetenz, mit Buchstaben und Texten umzugehen, ist nur bedingt ausgeprägt (vgl. Hurrelmann, 2010, S. 15).

Die Eltern solcher Kinder sind sich oftmals nicht bewusst darüber, wie der Prozess des Lernens im Gehirn überhaupt vonstatten geht und sind deshalb nicht dazu in der Lage, ihre Kinder altersgemäß zu unterstützen bzw. zu fördern. Der Lernprozess vollzieht sich in den Nervenzellen (Neuronen) insbesondere über die Verstärkung der Synapsen, die als Kontaktstellen der Neuronen arbeiten. Durch ihren Gebrauch oder auch Nichtgebrauch verändern sich die Synapsen. Mit zunehmender Häufigkeit der Stimulation durch verschiedenste Reize werden Synapsen stärker. Das menschliche Gehirn ist also sozusagen in erster Linie das Resultat seiner Benutzung - eine Tatsache, die sich viele Eltern benachteiligter Kinder zu selten vor Augen führen (vgl. Spitzer, 2003, S. 76).

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Details

Seiten
45
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656311836
ISBN (Buch)
9783656319443
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204954
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,0
Schlagworte
bildungsungleichheiten deutschland inwiefern benachteiligung bildungserfolg

Autor

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Titel: Bildungsungleichheiten in Deutschland