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Opium (Papaver somniferum) im Mogulreich

Zwischen Medizin und Genussmittel

Essay 2012 14 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

1. Einleitung

a) Der „Drogenbegriff“

Um auf das Thema „Opium (Papaver somniferum) im Mogulreich“ einzugehen, sollten einleitend einige Begriffe, Grundlagen und Hintergründe erläutert werden. So ist es zu allererst sinnvoll, die Definition des Begriffs Droge als solche darzulegen.

Des Weiteren wird auf Opium im speziellen eingegangen und seine Gewinnung, Wirkweise, pharmakologische Anwendung, sowie seine Auswirkung auf den Organismus kurz erläutert.

Ursprünglich bezeichnete der pharmakologische Begriff Droge zu allererst einen pflanzlichen oder tierischen Stoff. Eine weitere Einteilung des Begriffs ist zum einen die Arzneidroge, zum anderen die Rauschdroge. Als Arzneidroge versteht man getrocknete Arzneipflanzen oder deren Teile, wie Wurzeln, Samen oder auch ätherische Öle. Die Zubereitung dieser Pflanzen oder Pflanzenteile (oder Auszüge ihrer Wirkstoffe) dienen hier als Heilmittel.

Aus dem angelsächsischen Sprachraum etablierte sich in der neueren Zeit das Wort „Droge“ („ drug “) als eine Begrifflichkeit für Rauschmittel (Rauschdrogen) und Suchtgifte generell, welche mitunter auch zu Abhängigkeiten führen können.[1] Der Begriff Droge durchlebte also eine semantische Verschiebung, welche beachtet werden muss, „da man keinesfalls „Arzneimittel“ mit „Drogen“ gleichsetzen darf.“[2]

Dennoch muss beachtet werden, dass bestimmte Stoffe, deren Wirkung im ursprünglichen Sinne zu medizinischen Zwecken genutzt wurde bzw. noch immer wird, also Arzneidrogen darstellen, sehr wohl auch zum Zwecke der Rauschdroge oder als Gift benutzt werden können. Die Definition, ob es sich um ein Heilmittel, eine Rauschdroge oder ein Gift handelt, ist also eine fließende und wird bestimmt durch den Verwendungszweck, den Konsumenten bzw. Patienten, das Verwendungsumfeld und vor allem oft durch die Dosis.

Theophrastus Paracelsus definierte die Toxizität von Stoffen folgendermaßen: Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.

b) Heilmittel und Rauschdroge Opium: Ein Kurzüberblick

Da sich dieses Essay mit dem Thema des Gebrauchs von Opium befasst, möchte ich im Folgenden einige einleitende Fakten zu diesem Stoff erläutern, auch um anhand dieses Beispiels noch einmal den „Drogenbegriff“ aufzugreifen.

Bislang ist der Wissenschaft eine Anzahl von circa 700 Mohnarten („Papaveraceae“) bekannt, wobei der Gehalt an Opiumalkaloiden nur bei wenigen Arten erwähnenswert und somit von pharmakologischer Bedeutung ist. Papaver somniferum L.[3], der Schlafmohn, ist die Mohnart, die am häufigsten Erwähnung findet und deren Gehalt an Alkaloiden zur Opiumproduktion am lohnenswertesten scheint.

Nach wie vor strittig ist die Frage, woher die Urform des Mohns stammt, und aus welcher dieser Formen sich später der Papaver somniferum entwickelte. Die meisten Wissenschaftler beheimaten die Urform des medizinisch-pharmakologisch bedeutsamen Mohns im östlichen Mittelmeerraum, von wo aus er seine weitere Verbreitung fand.

Das Zentrum der antiken Mohnkultur siedelt Matthias Seefelder in der griechischen Stadt Mekone an, welche sich westlich von Korinth befand. Er beschreibt weiter, dass die Mohnpflanze wohl von hier ausgehend ihre Verbreitung fand und stützt diese Annahme anhand der philologischen Entwicklung der Bezeichnung „Mohn“: Der ursprüngliche Name der Pflanze war lt. Seefelder „Mekon“, wandelte sich auf seinem Weg Richtung Norden und Nordwesten zum Beispiel zu „Mak“ im Russischen, über „Magen / Mogen“ im Altsüddeutschen zu „Mohn“ im Hochdeutschen und „Valmoghe“ im Altschwedischen.[4]

Als sprachliche Entstehung des Wortes „Opium“ (griechisch: ỏπόϛ / Saft) beschreibt Seefelder ferner, es sei wohl die kleinasiatische Stadt Afion als Ursprung zu seiner Namensgebung zu sehen, da hier bis heute der Mohnanbau von erheblicher Bedeutung sei.

Es wäre – so Seefelder – allerdings bis heute nicht klar, ob die Städte „Afion oder Afyon“ und „Mekone“ dem Produkt bzw. der Pflanze ihre Namen verliehen, ober umgekehrt.[5]

Da ich im Laufe der folgenden Kapitel ausführlicher auf die medizingeschichtliche Entwicklung der Mohnart Papaver somniferum bzw. Opium eingehen werde, möchte ich in dieser Einleitung zuvor noch die Inhaltsstoffe dieser Pflanze, sowie deren pharmakologische und toxische Wirkung auf den Organismus kurz erläutern.

Papaver somniferum beinhaltet circa 40 verschiedene Alkaloide, welche auch als (exogene,) chemische Noxen bezeichnet werden. Diese werden in zwei Bereiche eingeteilt: Auf der einen Seite die Alkaloide der Morphinanreihe (Morphin, Codein, Thebain etc.), auf der anderen Seite die Benzyltetrahydroisochinolinalkaloide (Papaverin, Noscapin u.a.), wobei die hier in Klammern Genannten die Hauptalkaloide sind und unterschiedliche Wirkungen auf den Organismus bzw. das Zentralnervensystem nehmen.[6]

Zur Gewinnung des Rohopiums werden die noch unreifen Kapseln (circa 14 Tage nachdem die Blütenblätter abgefallen sind) entweder diagonal oder vertikal eingeritzt. Die Schnitte dürfen allerdings nicht zu tief ausgeführt werden, da der Milchsaft sonst nicht nach außen aus dem Mohnkopf herausquellen, sondern ins Innere abfließen würde. Dies würde zum Verderben der Fruchtkapsel führen. Nachdem der Milchsaft an der Kapsel erhärtet ist, wird dieser abgeschabt und zu Kuchen gepresst. (Vgl. Abb. a) bis d) im Anhang; S.11.)

Die Menge an Trockenmasse beträgt pro Mohnkapsel zwischen 20mg und 50mg.

2. Dioskurides, Maimonides und Avicenna über den Gebrauch und Nutzen des Opiums.

Bereits im 1. Jh. nach Chr. führte der griechische Arzt und Pharmakologe Pedanios Dioskurides (Πεδάνιος Διοσκουρίδης) in seinem fünfbändigen Werk „Über die Heilmittel“ (Περὶ ὕλης ἰατρικῆς bzw. lat. De materia medica) die medizinischen Eigenschaften und Anwendungsbereiche einiger pharmakologisch relevanter Mohnarten, sowie die des Opiums auf. So beschreibt er im IV. Buch (Cap. 64-67) die Papaver-Sorten Mekon Rhoias (Περὶ[7] Mἡκωvoς ῥoιᾶς), Mekon (Gartenmohn / Περὶ Mἡκωvoς ἡμέρoυ), Mekon Keratitis (Hornmohn / Περὶ Mἡκωvoς κερατίτιδoς) und Mekon Aphrodes (Περὶ Mἡκωvoς ὰφρὡδoυς), sowie in Cap. 165 den Schaummohn (Peplos / Περὶ Πέπλoυ) und im II. Buch, Cap. 165 den Wilden Lattich (Περὶ ὰγρίας Θρίδακoς), dem er eine mohn- bzw. opiumähnliche Wirkung beimisst.

Er schreibt hierzu: „Der Wilde Lattich [welchen die Propheten Titansblut, Zoroaster Pherumbros, die Römer Lactuca silvatica nennen] gleicht dem Gartenlattich, […]. Im Ganzen ist er in seiner Wirkung dem Mohn ähnlich, weshalb auch Einige seinen Saft unter das Opium mischen.“[8] (Wilder Lattich scheint dem heutigen Giftlattich L. virosa zu entsprechen.)

Bezüglich des von Dioskurides genannten Schaummohns (Peplos) fügt Berendes jedoch an, dass die meisten Autoren hier von einer anderen Pflanze ausgehen, als von Dioskurides aufgeführt. Die Pflanze Euphorbia retusa L. sei hier wahrscheinlicher. Er bemerkt ferner: „Es ist das tertium genus Papaveris des Plinius XX 209, welches auch Mekon (bei den Hippokratikern) oder Paralion heisst.“ (Berendes 1970, S.462.)

Bei Euphorbia retusa L. handelt es sich um ein Wolfsmilchgewächs (Euphorbiaceae). Diese sind aufgrund ihrer zum Teil starken Toxizität pharmakologisch interessant.

Ein besonders großes Augenmerk legt Dioskurides auf die oben genannten Mohnsorten (Mekon) bzw. den medizinischen Gebrauch und Nutzen des Opiums, sowie seine Prüfung auf Reinheit. Er gibt vor allem drei Arten an, die er als Gartenmohn (oder auch Thylakitis) und Mekon Rhoias (oder auch Pithits) benennt. Die dritte von ihm erwähnte Sorte lässt er namenlos, bemerkt jedoch, dass diese „wilder und arzneilich wichtiger“ sei.[9] Berendes fügt hierzu Folgendes an:

„Papaver somniferum L. (Papaveraceae), Schlafmohn, Gebräuchlicher Mohn. […] Will man die dritte als besondere Art, betrachten, so könnte es P. hybridum L., Saatmohn, sein, welcher mit P. Argemone auf Saatfeldern häufig vorkommt und auch grosse Aehnlichkeit mit ihm hat, doch sind die Kapseln mehr verkehrt-eiförmig, rundlich und borstig.[10] - Plinius XX 202 unterscheidet gleichfalls drei Arten Mohn, nämlich Papaver sativum mit mehr runden Köpfchen, P. silvestre mit kleinen und rundlichen Köpfchen, aber viel wirksamer, und in der Mitte zwischen beiden P. Rhoeas.“[11]

Dioskurides lässt gerade aber dem „Gartenmohn“ (Mekon / Mἡκωvoς ἡμέρoυ) eine besondere Bedeutung zukommen. Daher könnte es sich hier meiner Meinung nach um die (später) als Papaver somniferum L. genannte Art handeln, da diese – wie oben gesagt – besonders reich an Opiumalkaloiden ist, die zum einen pharmakologisch besonders relevant sind, und zum anderen Berendes in oben zitierter Anmerkung vom „Gebräuchlichen Mohn“ spricht.

[...]


[1] Vgl. Hunnius – Pharmazeutisches Wörterbuch. 8. Auflage; Berlin / New York 1998. S. 439.

[2] Ebd. S. 439.

[3] Anmerkung: „L.“ ist das botanische Autorenkürzel und steht für den Namen des Botanikers Carl Nilsson Linnæus (bzw. Carl

von Linné), der die Pflanze erstmals klassifizierte.

[4] Vgl. Seefelder, Matthias: Opium – Eine Kulturgeschichte – Antike • Arabien • China • Wirkungsweise • Chemie und Drogen

heute. 3. Auflage; Hamburg 1996. S.18.

[5] Ebd. S.19.

[6] Vgl. Hunnius – Pharmazeutisches Wörterbuch. 8. Auflage; S.1003. / Vlg. auch Tab.1 und Tab.2, sowie Abb.1 im Anhang S.11.

[7] Περὶ = griechische Vorsilbe „über“: Die hier mit Περὶ eingeleiteten Pflanzenarten beziehen sich auf die Kapitel des Dioskurides.

[8] Berendes, J.: Des Pedanios Dioskurides Arzneimittellehre in fünf Büchern. Stuttgart 1970, S.227.

[9] Vlg. Ebd. S.397 f.

[10] Anmerkung: Berendes benennt die von Dioskurides als „Gartenmohn“ bezeichnete Art als „Papaver somniferum“. Mir scheint

dies allerdings eine Schlussfolgerung des Autoren selbst zu sein. In der Tat ist P. somniferum aus pharmakologischer Sicht

interessanter, jedoch gibt Dioskurides weder einen konkreten Pflanzennamen für „Gartenmohn“ an, noch für die von ihm

aufgeführte „dritte, wildere Art“, die Berendes als P. hybridum benennt. Ähnliche Schlussfolgerungen auch zu finden unter:

http://www.pharmawiki.ch/materiamedica/index.php?page=Buch_IV#65. Gartenmohn. (Stand: 28.09.2012)

[11] Berendes, J.: Des Pedanios Dioskurides Arzneimittellehre in fünf Büchern. Stuttgart 1970, S.399.

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656311843
ISBN (Buch)
9783656314387
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204953
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Seminar für Orientalistik und Islamwissenschaft
Schlagworte
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