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Wählte Heinrich Brüning mit seiner Deflationspolitik den falschen Weg?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 17 Seiten

VWL - Geschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I) Der umstrittene Reichskanzler Heinrich Brüning

II) Brünings Deflationspolitik als Reaktion auf die Wirtschaftskrise
2.1 Ziele seiner Wirtschaftspolitik
2.2 Maßnahmen seiner Wirtschaftspolitik
2.2.1 Kürzung der Löhne und Gehälter
2.2.2 Preissenkung
2.2.3 Reparationspolitik
2.2.4 Ausgleich des Staatshaushalts
2.2.5 Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
2.3 Überblick über wirtschaftspolitische Alternativen

III) Auswirkungen von Brünings Deflationspolitik
3.1 Ende der Reparationszahlungen
3.2 Steigerung des sozialen Elends und Verschärfung der Wirtschaftskrise
3.3 Aushöhlung des Parlamentarismus und politische Radikalisierung

IV) Brünings Deflationspolitik – eine wirtschaftspolitische Fehlentscheidung

V) Literaturverzeichnis

VI) Anhang

I) DER UMSTRITTENE REICHSKANZLER HEINRICH BRÜNING

Mit der Ernennung zum Reichskanzler am 30. März 1930 durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg übernahm Heinrich Brüning kein einfaches Amt. Als 1929 in Amerika am „Schwarzen Freitag“ die Aktienkurse dramatisch fielen, „setzte ein wirtschaftlicher Niedergang ein, wie ihn die Welt im Industriealter bis dahin nicht erlebt hatte“[1]. Letztendlich traf die Weltwirtschaftskrise, nach den USA, das Deutsche Reich auf Grund seiner großen Abhängigkeit von ausländischen Krediten am stärksten. So wurden schon im Winter 1929/30 mehr als drei Millionen Arbeitslose verzeichnet, die Banken bekamen Liquiditätsprobleme und zwischen 1928 und 1931 verdoppelte sich die Zahl der jährlichen Konkurse. Desweiteren traf Brüning auf einen kompromisslosen Reichstag, der sich insbesondere bezüglich der dringenden Lösung der Arbeitslosenversicherungsfinanzierung nicht einigen konnte.[2]

Die auf diese schwere Ausgangssituation folgende „Ära Brüning gehört zu den umstrittensten Abschnitten in der Geschichte der Weimarer Republik“[3]. Insbesondere besteht eine Kontroverse bezüglich der Verantwortung, die Brüning für das Scheitern der Weimarer Republik und den damit verbundenen Aufstieg der NSDAP hat. War er mit seiner demokratischen Diktatur der erste Kanzler im Auflösungsprozess der Weimarer Republik (vgl. Karl Dietrich Bracher) oder ist Brüning der Kanzler, der versucht hat den funktionsuntüchtigen demokratischen Parteienstaat zu retten und „hundert Meter vor dem Ziel“ entlassen wurde (vgl. Werner Conze).[4]

Eine weitere speziellere Kontroverse geht aus der Verantwortungsfrage hervor und betrifft seine Deflationspolitik. Heinrich Brünings starres Festhalten an einer prozyklischen Wirtschaftspolitik und sein Ignorieren von Alternativen wird von manchen Wissenschaftlern stark kritisiert. Man wirft ihm vor die Wirtschaftskrise und das soziale Elend in Deutschland dadurch verstärkt zu haben.[5]

Aus diesem Grund wird im Folgenden geklärt, ob Reichskanzler Brüning mit seiner Deflationspolitik den falschen Weg wählte. Hierfür werden zunächst die Ziele und Maßnahmen der Deflationspolitik erläutert sowie ein Überblick über die damaligen wirtschaftspolitischen Alternativen gegeben. Anschließend werden die Auswirkungen seiner Politik dargestellt und in einem abschließenden Resümee wird seine Entscheidung für eine Deflationspolitik bewertet.

II) BRÜNINGS DEFLATIONSPOLITIK ALS REAKTION AUF DIE WIRTSCHAFTSKRISE

2.1 Ziele seiner Wirtschaftspolitik

Bei der Darstellung von Brünings Wirtschafts- und Finanzpolitik kann man zwischen Grundlinien und einer übergreifenden Gesamtzielsetzung unterscheiden. Zu den Grundlinien seiner Deflationspolitik zählte zum einen die Anpassung der binnenwirtschaftlichen Lohn- und Preisstruktur an das Weltniveau, um so die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Deutschen Reiches zu sichern und zu erweitern. Desweiteren wollte Brüning durch Kürzungen der Personal- und Sachausgaben des Fiskus, sowie durch eine Anhebung der Steuerlast den Reichshaushalt grundlegend sanieren. Die letzte Grundlinie seiner Politik sollte durch eine finanzielle und wettbewerbsfähige Entlastung für betroffene Agrarbetriebe zur Rettung der deutschen Landwirtschaft beitragen.[6]

Den Grundlinien blieb Brüning während seiner Regierungszeit treu, im Gegensatz dazu kam es bei der übergreifenden Gesamtzielsetzung zu einem Kurswechsel. Bei seinem Amtsantritt im März 1930 „vertrat Brüning den Standpunkt, daß eine Sanierung des Reichsetats, als Konsequenz der aus dem Young-Plan erwachsenden Verpflichtungen, unaufschiebbar wäre und erhob die Neuordnung der Reichsfinanzen in den […] Rang des höchsten wirtschafts- und finanzpolitischen Zieles“[7]. Doch nach den dramatischen Septemberwahlen 1930 wurde die Reparationsrevision, die sich im Wahlkampf als Agitation von rechts- und linksextremen Parteien darstellte, zum obersten Ziel. Auf der einen Seite wollte man so den rechts- und linksextremen Parteien den Wind aus den Segeln nehmen, auf der anderen Seite sah man die Reparationszahlungen auch als eine Hauptursache der wirtschaftlichen Probleme an. Das Ziel bestand nun darin, durch striktes Einhalten der Auflagen aus dem Young-Plan, welche unter anderem einen ausgeglichenen Staatshaushalt beinhalteten, den Gläubigerstaaten zu zeigen, dass Deutschland nicht in der Lage sei seine Schuld zu begleichen und dies letztendlich zu einer Beendigung der Reparationsleistungen führe.[8]

2.2 Maßnahmen seiner Wirtschaftspolitik

2.2.1 Kürzung der Löhne und Gehälter

Die erste Kürzung, welche eine sechsprozentige Kürzung der Minister- und Beamtengehälter darstellte, erfolgte in der Form des „Notopfers der Beamten“ am 26. Juni 1930. Diese Kürzung blieb jedoch nicht die Einzige: Angestellte im Reichsdienst und Beamte mussten zwischen dem 26. Juni 1930 und dem 8. Dezember 1931 eine Kürzung der Bezüge von insgesamt 23% bis 26% hinnehmen. Diese drastischen Gehaltssenkungen waren laut Brüning nötig um das Ziel eines ausgeglichenen Reichshaushaltes zu erreichen.[9]

Nach der Abwertung des britischen Pfundes 1931 betonte Brüning erneut die Bedeutung einer Lohn- und damit verbundenen Produktionskostensenkung, um somit den deutschen Exportüberschuss zu sichern. Desweiteren beabsichtigte er mit sinkenden Löhnen die „Anpassung der Preise an die fortschreitende Selbstkostensenkung“[10] um dadurch die Unternehmensrentabilität wieder zu erhöhen. Durch eine Notverordnung am 8. Dezember 1931 wurden letztendlich die Löhne und Gehälter der Privatwirtschaft um durchschnittlich 10% bis 15% gesenkt, was dem Stand des Jahres 1927 entsprach.[11]

2.2.2 Preissenkung

Die Senkung des binnenländischen Preiseniveaus, das auf Grund der wirtschaftlichen Situation ohnehin schon niedrig war, war Brüning besonders wichtig. Es sollte eine „möglichst rasche Unterschreitung der Weltmarktpreise [erreicht werden], um den internationalen Absatz deutscher Produkte anzukurbeln“[12] und somit über einen Exportüberschuss die Devisenaufbringung für die Reparationszahlungen zu sichern.

Hierzu appellierte Brüning zunächst an die deutschen Unternehmer, ihre Preise für das Wohl des Deutschen Reiches zu senken. Als sein Appell jedoch erfolglos blieb setzte Brüning die Preise für Markenartikel und Güter kartellierter Branchen über die Notverordnungen vom 26. Juli 1930 und 8. Dezember 1931 um insgesamt 20% herab. Desweiteren wurden neue Preisbindungen und kartellähnliche Absprachen verboten, da man davon ausging, dass durch Monopolbindungen oder Kartelle die Preise in der Krise künstlich hochgehalten werden und dadurch die Krisenbereinigung hemmen. Eine zehnprozentige Senkung des Höchstpreises der Kali- und Kohlewirtschaft wurde desweiteren durchgesetzt.

Um Einfluss auf die allgemeine Marktpreisbildung zu nehmen, wurde Dr. Carl Goerdeler zum Reichskommissar für die Preisüberwachung ernannt. Er sollte die Überteuerung von lebenswichtigen Gütern verhindern und wurde dazu ermächtigt Preissenkungen vorzuschreiben und gegebenenfalls uneinsichtige Betriebe schließen zu dürfen. Das Reichskommissariat stellte einen großen Eingriff in die liberale Marktwirtschaft dar.[13]

2.2.3 Reparationspolitik

Der am 7. Juni 1929 unterzeichnete Young-Plan verpflichtete Deutschland innerhalb von 59 Jahren Reparationen im Wert von 116 Mrd. RM an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges zu zahlen. Diese Transferzahlungen hatten jedoch nicht die gleiche Wirkung wie andere Ausgaben des Reiches, da für sie keine Gegenleistung erbracht wurde. Die Zahlungen wirkten als „Kapitalentzug mit depressiv-deflationärer Wirkung“[14] und behinderten die deutsche Wirtschaft dadurch sehr. Angesichts der sich zunehmend verschärfenden Wirtschaftskrise und der „Erdrutschwahl“ im September 1930 (siehe 2.1) musste dieses Problem gelöst werden und die Revision des Young-Planes oder gar die Beseitigung der Reparationszahlungen wurde zum obersten Ziel von Brünings Wirtschaftspolitik.

Hierfür ergriff Brüning die in 2.2.1 und 2.2.2 beschriebenen Maßnahmen um ein Preisgefälle zwischen In- und Ausland zu schaffen und somit den deutschen Export und die damit verbundene Devisenbeschaffung zu fördern. Zugleich führte dies zu einem Rückgang der deutschen Importe und somit auch zu wirtschaftlichen Einbußen für die Gläubigerstaaten, wodurch diese ebenfalls negative Effekte durch die Reparationszahlungen erfuhren. Brüning zog die lohn- und preispolitische Gangart einer Finanzierung der Reparationszahlungen durch Kredite vor, zumal er auf Grund der Auflagen des Young-Planes auf einen ausgeglichenen Staatshaushalt achten sollte und es Teil seines Planes war. „Würde sich die Reichsregierung […] bemühen, den Young-Plan buchstabengetreu zu erfüllen und dabei ohne eigenes Verschulden zahlungsunfähig werden“[15], so könnte dies zu einer Aufhebung der Reparationsschuld führen. Seine Reparationspolitik führte er bis zum Ende strikt durch.[16]

2.2.4 Ausgleich des Staatshaushalts

Schon vor der Weltwirtschaftskrise waren die Kommunen-, Länder- und Reichshaushalte nicht mehr ausgeglichen. Insbesondere die stätig ansteigenden Ausgaben für die verschiedenen Formen der Arbeitslosenversorgung trugen hierzu einen großen Teil bei. Durch die Weltwirtschaftskrise wurden die Defizite weiter verstärkt und so stieg die Reichsverschuldung zwischen den Jahren 1928 und 1930 um 35,3 % an, die kommunale Verschuldung sogar um 57,2%.

[...]


[1] Gerold Ambrosius: Von Kriegswirtschaft zu Kriegswirtschaft. In: Michael North (Hrsg.), Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Ein Jahrtausend im Überblick; München 2000, Verlag C.H. Beck; S. 316

[2] vgl. Reinhard Sturm: Zerstörung der Demokratie 1930-1933. Internetseite: http://www.bpb.de/publikationen/EZLPWP,9,0,Zerst%F6rung_der_Demokratie_19301933.html, aufgerufen am 16.08.2011

Rolf Walter: Wirtschaftsgeschichte. Vom Merkantilismus bis zur Gegenwart; Köln/Weimar/Wien 1998, Böhlau Verlag, S. 165

[3] Ursula Büttner: Weimar – die überforderte Republik. 1918-1933. In: Wolfgang Benz (Hrsg.), Gebhardt.Handbuch der Deutschen Geschichte; Stuttgart 2010, Klett-Cotta Verlag, S. 666

[4] vgl. Ursula Büttner: Weimar – die überforderte Republik. 1918-1933, S. 665 ff

Peer Oliver Volkmann: Heinrich Brüning (1885-1970). Nationalist ohne Heimat. Eine Teilbiographie; Düsseldorf 2007, Droste Verlag, S. 110 ff

[5] vgl. Ursula Büttner: Weimar – die überforderte Republik. 1918-1933, S. 667 f

James Harold: Gab es eine Alternative zur Wirtschaftspolitik Brünings? In: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; 70. Band, Wiesbaden 1983, S. 523

[6] vgl. Ursula Büttner: Weimar – die überforderte Republik. 1918-1933, S. 632f

Guido Golla: Zielvorstellungen und Auswirkungen der Brüningschen Sparmaßnahmen; Köln 1994, Botermann & Botermann Verlag, S. 19 f

[7] Guido Golla: Zielvorstellungen und Auswirkungen der Brüningschen Sparmaßnahmen, S. 21

[8] vgl. Guido Golla: Zielvorstellungen und Auswirkungen der Brüningschen Sparmaßnahmen, S. 21

Gottfried Plumpe: Wirtschaftspolitik in der Weltwirtschaftskrise; In: Geschichte&Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft; 11. Jahrgang; Göttingen 1985, Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, S. 339f

[9] vgl. Guido Golla: Zielvorstellungen und Auswirkungen der Brüningschen Sparmaßnahmen, S. 27f

Astrid Luise Mannes: Heinrich Brüning. Leben-Wirken-Schicksal; München 1999, Olzog Verlag; S. 76-81

[10] Heinrich Brüning am 5. Dezember 1930 im Reichstag, In: Verhandlungen des Reichstages; 1931, Band 444, S. 308

[11] vgl. Jan Block: Die Wirtschaftspolitik in der Weltwirtschaftskrise 1929-1932 im Urteil der Nationalsozialisten. Frankfurt am Main 1997; Peter Lang Verlag, S. 75

Guido Golla: Zielvorstellungen und Auswirkungen der Brüningschen Sparmaßnahmen, S. 27-32

[12] Guido Golla: Zielvorstellungen und Auswirkungen der Brüningschen Sparmaßnahmen, S. 33

[13] vgl. Guido Golla: Zielvorstellungen und Auswirkungen der Brüningschen Sparmaßnahmen, S. 32-36

Astrid Luise Mannes: Heinrich Brüning. Leben-Wirken-Schicksal; S. 87

[14] Guido Golla: Zielvorstellungen und Auswirkungen der Brüningschen Sparmaßnahmen, S. 37

[15] Fritz Blaich: Schwarzer Freitag. Inflation und Wirtschaftskrise. München 1985; Dt. Taschenbuch-Verlag, S. 96

[16] vgl. Jan Block: Die Wirtschaftspolitik in der Weltwirtschaftskrise 1929-1932 im Urteil der Nationalsozialisten, S. 79-82

Guido Golla: Zielvorstellungen und Auswirkungen der Brüningschen Sparmaßnahmen, S. 36-42

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656317418
ISBN (Buch)
9783656319429
Dateigröße
787 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204894
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Geschichts- und Gesellschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Heinrich Brüning Deflationspolitik Wirtschaftspolitik in der Weimarer Republik

Autor

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