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Das Glück des Philosophen in Aristoteles' Nikomachischer Ethik

Zwischenprüfungsarbeit 2003 24 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Nikomachische Ethik

III. Formale Bestimmung der eudaimonia
III.1. Die eudaimonia als Endziel und oberstes Gut
III.2. Die eudaimonia als Tätigkeit der Seele gemäß der ihr wesenhaften Tüchtigkeit
III.3. Das Problem der äußeren Güter

IV. Inhaltliche Bestimmung der eudaimonia
IV.1. Das Glück des Tüchtigen – die politische Lebensform
IV.2. Das Glück des Philosophen – die theoretische Lebensform
IV.3. Vergleich und Bewertung der Lebensformen

V. Diskussion und Kritik

I. Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist der Aristotelische Glücksbegriff in der Nikomachischen Ethik – untersucht unter der Fragestellung, warum das Glück des Philosophen das größtmögliche menschliche Glück ist. Als Primärquelle dient eine Übersetzung des Werks von F. Dirlmeier, aber in Anbetracht der Verwirrung, die unterschiedliche Übersetzungen auslösen können, stütze ich mich zudem auf die von U. Wolf in ihrem Buch „Aristoteles’ ‚Nikomachische Ethik’“ zusammengestellte Konkordanz der Übersetzungsäquivalente. Außerdem findet sich ein Verzeichnis der von mir verwendeten griechischen Begriffe im Anhang.

Zur Einleitung wird ein kurzer Überblick über die Nikomachische Ethik gegeben, gefolgt wird von einer Untersuchung des formalen Glücksbegriffs des Aristoteles. Im Hauptteil der Arbeit, der der inhaltlichen Bestimmung des Glücks gewidmet ist, wird die philosophische Lebensform als die glücklichste menschenmögliche herausgearbeitet und gemäß der Aristotelischen Darstellung von der zweitbesten Lebensform, der politischen, abgegrenzt. Den Abschluss bilden eine Diskussion und Kritik der untersuchten Argumentation.

II. Die Nikomachische Ethik

Ethische Probleme behandelt Aristoteles in folgenden Schriften zur praktischen Philosophie: in der ‚Nikomachischen Ethik’ (künftig mit NE abgekürzt), der ‚Eudemischen Ethik’ (EE) und der ‚Magna Moralia’ (MM; deren Echtheit allerdings umstritten ist). Die erstgenannten beiden Werke besitzen einen gemeinsamen Mittelteil, es decken sich die Bücher V-VII der NE mit den Büchern IV-VI der EE, und es ist noch immer nicht geklärt, zu welcher Ethik diese Bücher ursprünglich gehörten. Die Nikomachische Ethik ist die älteste wissenschaftliche Ethik Europas (~2300 Jahre alt) und eine der wirkungsreichsten Schriften der Philosophiegeschichte; in ihr offenbart sich die Aristotelische Moralphilosophie in ihrer reifsten Form. Untrennbar von der Ethik schließt sich die Rechts- und Staatsphilosophie in der ‚Politik’ an, zu der Aristoteles direkt aus der NE überleitet.

In der Nikomachischen Ethik bedient sich Aristoteles einer beschreibend-erklärenden Wissenschaft, er will keine Normen oder Vorschriften aufstellen, sondern sucht eher nach den Kriterien, nach denen Handlungen moralisch beurteilt werden. Er behandelt eine Vielzahl verschiedener philosophischer Fragestellungen, die eigentlich jede für sich genommen ausreichend Material böte, um selbständig in einem Buch ausgearbeitet zu werden. Aristoteles ordnet in seinem Werk die ethischen Grundanschauungen des griechischen Erbes und entwickelt diese weiter.

Den Gegenstand der NE bildet die menschliche Praxis als ein auf freiwilliger Entscheidung beruhendes Handeln, genauer gesagt ist sie die Lehre vom guten Leben und guten Handeln. Das Werk geht von der Beobachtung aus, dass jedes Wesen nach einem ihm eigentümlichen Gut strebt, in welchem es seine Vollendung erlangen kann; das Gut des Menschen ist „ein Tätigsein der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit“[1], nämlich der Vernunft. In ihrer Betätigung findet der Mensch die eudaimonia (Glück, Glückseligkeit), sein oberstes Gut und das Endziel seines Strebens, das von äußeren Umständen größtenteils unabhängig ist. Um das spezifisch Gute der menschlichen Seele genauer zu beleuchten, werden die ethischen und die dianoëtischen Tugenden getrennt behandelt. Letztere, die Vorzüge des Verstandes, verortet Aristoteles in der reinen Ausübung der Vernunft, welche er weiter in theoretische und praktische Vernunft unterteilt. Die zum Bereich der praktischen Vernunft gehörende Tüchtigkeit der Klugheit ist die unter den intellektuellen Tugenden für das ethische Handeln entscheidende. Die Vorzüge des Charakters, also die ethischen Tugenden, begegnen dem Menschen als Tradition in der Ordnung von Gesellschaft und Staat; ein bedeutender Teil der Formung des Charakters besteht somit in der Einübung der in der Polis bestehenden Werte, denn sittliche Haltung entsteht nicht schon aus der Einsicht, sondern erst durch Praxis. Nach Aristoteles erreicht der Mensch die sittliche Haltung also durch das Zusammenspiel der ethischen Tugenden einerseits, die das Ziel des guten Lebens und Handelns vorgeben, und der Klugheit andererseits, die die richtigen Mittel und Wege dahin bestimmt. Typisch für die Aristotelische Ethik ist die Darstellung der Charaktertugenden als die Mitte zwischen falschen Extremen, wohingegen es bei den Verstandestugenden kein schädliches Extrem gibt, sondern sie sind umso wertvoller, je höher ihr Grad ist. Besondere Beachtung finden in der NE die Gerechtigkeit und die Freundschaft, beide für die Gemeinschaft unentbehrliche Tüchtigkeiten; auch an dieser Gewichtung wird die enge Verbindung zwischen Ethik und Politik des Aristoteles erkennbar.

Da die Grenzen der Themenkomplexe in der NE nicht immer mit den Grenzen der Bücher zusammenfallen, sei hier noch eine inhaltliche Gliederung zur Übersicht eingebracht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III. Formale Bestimmung der eudaimonia

Im ersten Buch der Nikomachischen Ethik begibt sich Aristoteles auf die Suche nach einem bzw. dem „’Gut’ als ‚das Ziel, zu dem alles strebt’“[2] und „das der Mensch durch sein Handeln erreichen kann“[3], um von der sittlichen Praxis ausgehend das Wesen eines solchen Gutes zu ermitteln. An U. Wolf angelehnt[4] lässt sich eine Textanalyse der relevanten Passagen folgendermaßen gliedern:

III.1. Die eudaimonia als Endziel und oberstes Gut (I,1-5)

Zum Thema dieses Unterkapitels finden sich bei Aristoteles drei Hauptthesen, nämlich: a) alles Tun strebt ein Gut an, b) wenn menschliches Wollen und Handeln nicht sinnlos sein sollen, muss es ein Endziel des Strebens, ein oberstes Gut, geben und c) dieses oberste Gut ist die eudaimonia, das gute Leben und gute Handeln[5].

a) Gleich mit den ersten beiden Sätzen der Nikomachischen Ethik ist der Leser ohne lange Einleitung mitten im Thema:

Jedes praktische Können und jede wissenschaftliche Untersuchung, ebenso alles Handeln und Wählen strebt nach einem Gut, wie allgemein angenommen wird. Daher die richtige Bestimmung von „Gut“ als „das Ziel, zu dem alles strebt“.[6]

Die Begriffe des praktischen Könnens, der wissenschaftlichen Untersuchung, des Handelns und Wählens repräsentieren hierbei den Gesamtbereich menschlicher Tätigkeit. Anzumerken ist, dass Aristoteles das Wort „Gut“ nicht im moralischen Sinn gebraucht, sondern ganz wertneutral als Ziel eines Strebens. Es folgt sogleich eine Klassifikation von Zielen: es gibt einerseits handlungsinterne, andererseits externe, über die reine Tätigkeit hinausgehende Ziele, wobei letztere, die ein Werk zustande bringen, wertvoller sind als die ersteren. Außerdem sind Ziele unterschiedlichen Künsten zugeordnet, und ihre weitere Klassifikation entspricht der Rangordnung der Künste. Der vermeintliche Fehlschluss von Satz eins auf zwei, den man Aristoteles unterstellen könnte, nämlich dass schon hier von einem Gut als Ziel alles Strebens die Rede ist, erledigt sich also durch das Weiterlesen; man erkennt: gemeint ist das jeweilige Ziel jedes Strebens, das je ein Gut für dieses Streben ist.

b) Die Rangordnung von Zielen wird nun vervollständigt durch die Einführung des um seiner selbst willen angestrebten obersten Gutes als Spitze der Hierarchie, als Endziel alles menschlichen Strebens. Dies ergibt sich aus dem ersten Satz insofern, dass Streben zielgerichtet ist und eine endlose Aufeinanderfolge von Zielen dieses Streben letztendlich sinnlos machen und aufheben würde. Als Bereich des obersten Gutes gibt Aristoteles die Staatskunst an, die er als die höchste und die Ziele aller anderen Künste umfassende Kunst einstuft, deren Ziel sowohl für das Gemeinwesen als auch für den einzelnen Menschen das oberste Gut ist.

[...]


[1] Aristoteles: Nikomachische Ethik, übersetzt und hrsg. von F. Dirlmeier, Stuttgart 2003, 1098a.

[2] Ebd. 1094a.

[3] Ebd. 1097a.

[4] Vgl. Wolf, U.: Aristoteles’ „Nikomachische Ethik“, Darmstadt 2002, S.24.

[5] Vgl. Ebd. S.24.

[6] Aristoteles: Nikomachische Ethik, 1094a.

Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638243377
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20473
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Philosophisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Glück Philosophen Aristoteles Nikomachischer Ethik

Autor

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