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Erziehung zur (Un-)Mündigkeit. Wird die deutsche Nachkriegsgesellschaft wirklich zur Mündigkeit erzogen oder ist der Mensch weiterhin bestimmten staatlichen Mechanismen ausgesetzt, die dem Menschen seine Bildung vorschreibt/entzieht?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 6 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erziehung zur Mündigkeit
2.1. Bildungssystem in Deutschland
2.2.Frühkindliche Erziehung zur Mündigkeit
2.3. Der Weg zur Mündigkeit

3. Theorie der Halbbildung

4. Fazit

1. Einleitung

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen."1

Mit diesem kurzen Bezug zu Kants Definition von Aufklärung, beginnt Adorno seine Ausführungen zur Beschreibung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Mündig ist also derjenige, der sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen vermag. Kants Definition von Aufklärung impliziert einen Entwicklungsprozess, aus der Selbstständigkeit, Autonomie, Freiheit und Mündigkeit resultiert. Adorno betont diese Definition Kants für das Leben in einer Demokratie. Eine Demokratie ermöglicht moderne Lebensformen, in der die Freiheit aller Bürger gewährleistet wird. Adornos zentrale These, dass eine demokratische Gesellschaft nur aus mündigen Menschen bestehen kann, setzt jedoch voraus, dass es eine Wirklichkeit gibt, in der mündige Menschen leben.2 Mündigkeit ist demzufolge eine Voraussetzung für Demokratie und Aufklärung ist der Weg dahin.

Doch wird die deutsche Nachkriegsgesellschaft zur Mündigkeit wirklich erzogen oder ist der Mensch weiterhin bestimmten staatlichen Mechanismen ausgesetzt, die dem Menschen seine Bildung vorschreibt bzw. entzieht? Um diese Fragen geht es in dem Radiogespräch zwischen dem Erziehungswissenschaftler, Hellmut Becker, und Theodor W. Adorno aus dem Jahre 1969.

Eine Ergänzung zur Basisliteratur stellt der Text „Theorie der Halbbildung“ von Adorno dar, der sich stark an den marxistischen Theorien orientiert. Karl Marx ist dafür bekannt geworden, dass er die Funktionsweisen der kapitalistischen Gesellschaft in seinen Werken analysiert und die Ausbeutung des Bürgertums an der Arbeiterklasse kritisiert. Basierend auf der Theorie zur Befreiung der Arbeiterklasse von Karl Marx, entwirft Adorno seine Kritik an der sozialisierten Halbbildung der Gesellschaft.

2. Erziehung zur Mündigkeit

2.1. Bildungssystem in Deutschland

Empirische Untersuchungen ergaben, dass „Begabung nicht im Menschen vorgebildet ist“3, sondern durch lernmotivierende Lehrstrategien eine individuelle Begabung aus jedem Menschen entfaltbar sei. Adorno`s Gesprächspartner, Hellmut Becker, verweist auf das dreigliedrige Bildungssystem in Deutschland hin, das keine Voraussetzung für eine Erziehung zur Mündigkeit schafft, da die Einteilung der Hochbegabten für die Gymnasien, die Mittelbegabten für die Realschulen und die „offenbar kaum Begabten“4 in Hauptschulen die freie und individuelle Entfaltung der Schüler beeinträchtige. Adorno weitet Beckers Kritik an dem überkommenen Bildungssystem aus, in dem er die universitären Lehren in den Mittelpunkt der bildungstheoretischen Kritik zieht. Die Universität bilde einen „übermächtigen Kontrollmechanismus“5, der den Menschen „ungedeckte Gedanken zu denken“6 abgewöhne.

Eine Umstrukturierung bzw. Reformierung des Bildungssystems ist daher eine Notwendigkeit, damit mündige Bürger in einer demokratischen Gesellschaft auf ihrer eigenen Willensbildung handlungsfähig agieren können.

2.2.Frühkindliche Erziehung zur Mündigkeit

Eine Erziehung zur Unmündigkeit zeige sich nach Adorno zudem in der pädagogischen Literatur. Anstelle von Autonomie und Mündigkeit dominieren in der pädagogischen Fachwissenschaft die Begriffe Autorität und Bindung, ausgerechnet die Begriffe, die einer freien und mündigen Gesellschaft entgegenwirken.7 Adornos Kritik richtet sich jedoch nicht grundlegend an dem Begriff der Autorität. Bei der geistig-emotionalen Entwicklung während der kindlichen Erziehungsphase ist eine autoritäre Bindung des Kindes an seinen Erzieher notwendig. Die Entwicklung zur Mündigkeit ist an einem genetischen Moment gekoppelt.8 In dem Sozialisationsprozess der frühen Kindheitsphase benötigen Kinder eine Identifikation mit einer Autoritätsperson. Diese entspricht oft der Vaterfigur. Im Laufe dieses Sozialisationsprozesses muss der Zögling für seine eigene Entwicklung erkennen, dass die autoritäre Identitätsfigur seinem eigenem Ich- Ideal nicht dauerhaft entsprechen kann und es zu einer Abkopplung von der frühkindlichen Autorität kommen muss. Dieser Abkopplungsprozess hat für die spätere Persönlichkeitsentwicklung des Zöglings eine immense Bedeutung, da der Heranwachsende erst nach diesem Moment für seine eigene Identitätsentwicklung bereit ist.

Becker versucht Adorno`s psychologische Überlegung, die sich stark an Freuds Psychoanalyse anlehnt, in die pädagogische Praxis zurückzuführen. Der Mensch benötigt für seine eigene autonome Entwicklung Autorität, darf jedoch nicht krampfhaft an ihr festhalten und in einer Fremdleitung und Abhängigkeit verharren. Dies heißt aber auch, „dass es keine sinnvolle Schule ohne Lehrer geben kann, dass andererseits der Lehrer sich darüber klar sein muss, dass seine Hauptaufgabe darin besteht, sich überflüssig zu machen.“9

2.3. Der Weg zur Mündigkeit

Becker spricht sich für ein bildungspolitisches Programm aus, das sich dem überholten Bildungssystem entgegensetzt. Eine Schulreform soll die Bildung von einem festen Kanon auflösen und durch ein vielfältiges Stoffangebot ersetzen. Desweiteren sollen Schüler bzw. Schülergruppen die Möglichkeit erhalten an der Gestaltung des Lehrplans und an der Auswahl des Stoffplans mitwirken zu können. Ziel dieses Verfahrens ist, dass die Schüler erfahren sollen, dass die Folgen ihrer Entscheidungen in den Unterrichtsprozess einfließen und ihn bestimmen können. Auf diese Weise würden die Schüler feststellen, dass der Unterricht und die ihnen zu vermittelnder Unterrichtsstoff keine vorweggenommene Entscheidung Anderer ist. Solch eine Schulreform würde den Schülern die Chance geben, ihre eigene Schullaufbahn selbst zu bestimmen.10

Becker fordert ein differenziertes Schulwesen, in dem die breite der Angebote entsprechende Lernmotivation erzeugt und in der nicht die Auslese nach falschen Begabungskriterien erfolgt, sondern eine „Förderung unter Überwindung entsprechender sozialer Hindernisse durch kompensatorische Erziehung“11.

Für Adorno verbleiben Beckers Reformvorschläge jedoch hauptsächlich im bildungspolitischen Rahmen. Die geäußerten Kritiken sind jedoch umfassender, haben einen gesellschaftspolitischen Ausmaß eingenommen. Reformen und Korrekturen sind für Adorno nicht ausreichend, er setzt sich zu einem Gegenentwurf der heutigen Gesellschaft ein, da man Mündigkeit, so wie Kant sie formuliert, in unserem heutigen Leben nicht voraussetzen kann.12 Adorno sagt und hier definiert er Erziehung zur Mündigkeit sozusagen, „dass also die einzige wirkliche Konkretisierung der Mündigkeit darin besteht, dass die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinwirken, dass die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand ist.“13 Adorno fordert, dass das Bewusstsein der Heranwachsenden vor Manipulationen durch die Kulturindustrie und staatlichen Institutionen immunisiert wird. Die Hoffnung auf Mündigkeit erscheint schon deshalb gering, weil jeder „ernsthafte Versuch, sie zur Mündigkeit zu bewegen […] unbeschreiblichen Widerständen ausgesetzt ist“.14

3. Theorie der Halbbildung

1959 spricht Adorno von einer Bildungskrise, die mit Hilfe der Pädagogik oder Bildungssoziologie nicht zu bewältigen ist. Der Verfall von Bildung macht sich sogar in der Schicht der Gebildeten bemerkbar. Diese Bildungskrise ist durch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen zustande gekommen.15 Für Adorno hat sich Bildung zur sozialisierten Halbbildung entwickelt. Diese Halbbildung geht nach Adorno nicht dem Bildungsbegriff voraus, sondern folgt aus ihr heraus. Der Kultur – und Bildungsbegriff sind als Komplementärbegriff zu verstehen. In der kapitalistischen Gesellschaft verschieben sich die Begriffe „Kultur und Bildung“ zu Kulturindustrie und Halbbildung.16 Bildung bezeichnet die Formung des Selbstbewusstseins und Halbbildung ist die Verformung des Bewusstseins.

Ein halbgebildeter Mensch hat sich dasselbe Wissen angeeignet wie ein gebildeter Mensch. Er gebraucht dieses Wissen jedoch in verdinglichter Form, d.h. in kapitalistischen Gesellschaften erscheinen gesellschaftliche Verhältnisse in Form von Dingen. Alles und jedes wird zur Ware. Menschen und ihre Beziehungen zu einander werden auch zur Ware, vor allem in Form ihrer Arbeitskraft.17 Adorno wirft dem Halbgebildeten vor, den Menschen nicht in ihrer Lebendigkeit wahrzunehmen, sondern ihn als Humankapital zu deklassieren. Das Phänomen der zunehmenden Verbreitung von Halbbildung in der modernen Gesellschaft begreift Adorno in seiner Analyse als „Allgegenwart des entfremdeten Geistes“.18

4. Fazit

Wurde die deutsche Nachkriegsgeneration zur Mündigkeit erzogen oder wird sie weiterhin von staatlichen Kontrollmechanismen in ihrem Denken beeinflusst? Um diese Ausgangsfrage ging es zu Beginn dieser kurzen schriftlichen Ausarbeitung über Theodor W. Adornos zur Erziehung zur Mündigkeit. Meines Erachtens haben die Lehren Adornos den Prozess zur Umerziehung einer überkommenen, autoritären und traditionsbewussten Nachkriegsgeneration in Gang gesetzt. Doch der Prozess der Mündigwerdung ist, wie Kant es formuliert hat, ein dynamischer Prozess, der sogar noch im 21. Jahrhundert andauert. Bildungspolitik und Bildungsinhalte werden weiterhin von staatlichen Einrichtungen und pädagogischen Institutionen vorgegeben. Schulen und Universitäten stehen heute mitten in einem Reformhagel, um den internationalen Bildungswettbewerb gerecht zu werden. Die Einführung der angloamerikanischen Studienabschlüss, Leistungspunkte, Evaluationen, all das geschieht im Namen internationaler Vergleichbarkeit und damit Deutschland wieder den Anschluss an die universitäre Weltgemeinschaft findet. Der Markt diktiert, welches Wissen wirklich relevant. Wenn heute von Bildung gesprochen wird, geht es um eine Instrumentalisierung von Menschen zu kapitalistischen Zwecken. Bildung wird nicht nur materiell zur Handelsware, sondern das Denken und Fühlen der Schüler und Studenten werden auf Effizienz, Konkurrenz und ein unhinterfragtes Mitschwimmen als flexibler, kompetenter und natürlich kreativer Arbeitsnehmer in globalisierten Konzernen zugerichtet.

Solange Bildungsinhalte durch bestimmte Kanäle an den Menschen weitergetragen werden, kann Bildung nicht der Schlüssel für eine freie und mündige Gesellschaft sein. Eine Vermarktung von Bildung als Ware hat ihren existentiellen Charakter aus der Zeit der Aufklärung und des Humanismus verloren. Eine “scheinmündige“ Gesellschaft, so wie sie heute existiert, kann einer auf dem Prinzip der Freiheit beruhenden Demokratie nicht gerecht werden. Ich möchte meine Ausführungen mit den Worten Adornos beenden, da diese meines Erachtens die Frage, ob unsere Gesellschaft zur Mündigkeit oder Unmündigkeit erzogen wird, treffend beantworten:„[K]ein Mensch [kann] in der heutigen Gesellschaft, wirklich nach seiner eigenen Bestimmung existieren“19.

[...]


1 Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung?, zitiert durch: Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit –Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, S.133.

2 Adorno, Theodor W.:a.a.O., S. 133.

3 Ebd.: S. 134.

4 Ebd.: S. 133.

5 Ebd.: S. 134.

6 Ebd.: S. 134.

7 Ebd.: S. 136.

8 Ebd.: S. 140.

9 Ebd.: S. 140.

10 Ebd.: S. 144.

11 Ebd.: S. 147.

12 Ebd.: S. 145.

13 Ebd.: S. 145.

14 Ebd.: S. 145.

15 Adorno, Theodor W.: Theorie der Halbbildung. (1959) In: ders.: Gesammelte Schriften Band 8. Soziologische Schriften I, S. 93.

16 Adorno, Theodor W.: a.a.O., S. 96.

17 Ebd.: S. 98.

18 Ebd.: S. 93.

19 Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit, S. 144.

Details

Seiten
6
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668717046
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204716
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Bildungswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Adorno Mündigkeit Unmündigeit Bildungspolitik

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