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Die Macht des Fernsehens: Es macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger

Ausarbeitung der medientheoretischen Ansätze von Marshall McLuhan, Neil Postman und Hans Magnus Enzensberger

Seminararbeit 2011 14 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. EinleitunG

1. Das globale Dorf (Marshall McLuhan)

2. Das Nullmedium (Hans Magnus Enzensberger)

3. Die Guckguck-Welt (NEIL Postman)

4. Fazit

Bibliografie

0. Einleitung

Triebe man die Prophezeiungen einiger der bedeutendsten Medienwissenschaftler des 20. Jahrhunderts auf die Spitze, dann müsste sich unsere Gesellschaft inmitten eines globalen Dorfs mittlerweile zu Tode amüsiert haben – und das aufgrund eines Nullmediums. Also eigentlich völlig umsonst.

Die vorliegende Arbeit ist ein kritischer Versuch, die medientheoretischen Ansätze Marshall McLuhans, Neil Postmans und Hans Magnus Enzensbergers, welche die Auswirkungen des Fernsehens auf die menschliche Wahrnehmung zum Thema haben, näher zu beleuchten. Die stets aktuelle Diskussion, ob Fernsehen und Zuschauer sich in einer Art Täter-Opfer-Konstellation befinden, bei der das Fernsehen die manipulierende Macht hat, soll dabei hinterfragt werden. Die bekannte Aussage des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, das Fernsehen mache „die Dummen dümmer und die Klugen klüger“, stellt die bewusst provokant gewählte These der Arbeit dar.

Nachdem im Einzelnen auf die wichtigsten Ansichten der drei genannten Medienwissenschaftler eingegangen wird, folgt im Fazit ein Resümee mit dem Ziel, anhand der zuvor untersuchten Ansichten einen Bezug zu der These herstellen zu können.

1. Das globale Dorf (Marshall McLuhan)

„You push a button - and the world’s yours.” Bereits 1960 sieht McLuhan das Aufkommen der elektronischen Medien – allen voran des Fernsehens - als grundlegenden Schritt in Richtung Globalisierung. Durch nur einen Knopfdruck ist der Mensch in der Lage, eine Verbindung zum Rest der Welt herzustellen und diese dann beinahe mit all seinen Sinnen wahrnehmen: „These new media have made our world into a single unit. The world is now like a continually sounding tribal drum, where everybody gets the message all the time. A princess gets married in England and - boom boom boom! - we all hear about it; an earthquake in North Africa; a Hollywood star gets drunk - away go the drums again” (McLuhan 1960). Mit der Metapher der tribal drums spielt McLuhan auf das Leben der Menschen in archaischen Kulturen an. In einer Zeit vor der Erfindung des Alphabets waren die Menschen noch auf die direkte Kommunikation durch Stimme und Ohr angewiesen. Sie lebten im Kollektiv der Dorfgemeinschaft zusammen und waren es gewohnt, dass Ereignisse flüchtigen Charakter hatten – sie konnte ja nicht festgehalten werden, weder durch Schrift noch durch audiovisuelle Aufnahmen. Die Gutenberg Galaxis [1] (McLuhan 1962) jedoch erlaubte auf einmal jedem, ohne Vermittlung eines anderen, Informationen aufzunehmen und selbstständig zu denken. Somit bewirkte die Einführung der Schrift nahezu unerschöpfliche Möglichkeiten, sich selbst, seinen Gedanken und Erfahrungen individuellen Ausdruck zu verleihen. Diese Entwicklung hin „zu einer totalen Dominanz des Auges“ führte, so McLuhan, letzten Endes dazu, dass die orale Stammesorganisation „aus ihrem sinnlichen Ausgleich gerissen wurde“ (1969). Von nun an erklärten Bücher den Menschen die Welt und beeinflussten sie in ihrem gesamten Handeln: „It’s all we used to have. There were no film projectors, no TV sets or radios. We got all our information from this…. We lived, loved, and died, as the saying goes, by the book” (McLuhan 1960). Allerdings gibt McLuhan auch zu bedenken, dass sich durch die starke Ausprägung des visuellen Sinnes beim Lesen eine individuelle Isolierung des Menschen herausgebildet hatte. Die Wissensaneignung geschah nicht mehr auf öffentlicher, sondern auf privater Ebene, jeder war für sich selbst verantwortlich (McLuhan 2011: Ixii). Als neue radikale Veränderung für die menschliche Wahrnehmung beschreibt McLuhan nun die Erfindung der elektronischen Medien. Die Macht des Fernsehens, eine ganze Bevölkerung gleichzeitig und mit all ihren Sinnen in ein und dasselbe Ereignis einzubinden, führte ihm nach dazu, dass sich der „isolierte Intellekt“ des Buchzeitalters auflöste und die Menschen wieder ein Kollektiv bildeten (2001: 336ff.). Die früheren Buschtrommeln der oralen Kulturen wurden im elektronischen Zeitalter durch das TV-Programm ersetzt (2001: 5ff.). Die neuartige Zerstreuung des Ichs, das Wachsen einer weltweit vernetzten Gemeinschaft, die Aufgabe der Individualität zugunsten einer kollektiven Identität - McLuhan prägt für dieses Phänomen die Metapher global village: „“Time” has ceased, 'space' has vanished. We now live in a global village... a simultaneous happening” (1967: 63). Als Konsequenz daraus, dass die Menschen in der elektronischen Informationswelt extrem viel voneinander erfahren, ergibt sich, dass Minderheiten nun nicht mehr abgesondert oder ignoriert werden können. An dieser Stelle entsteht die Forderung nach sozialem und politischem Engagement des Einzelnen. McLuhan schreibt daher jedem Mitglied des Kollektivs Teilhabe und Verantwortlichkeit am Leben der anderen zu (2001: 5). Für McLuhan gibt es eine starke Verbindung zwischen den jeweiligen Sinnen, die ein Medium ihm zufolge anspricht und dem Verhalten, was daraus für den Menschen resultiert. Das Buch beispielsweise ist McLuhan nach ein sogenanntes heißes Medium, also eines, das dem Betrachter viele Daten und Einzelheiten anbietet, wodurch eine große Informationsmenge zur Verfügung gestellt wird. Es fokussiert sich auf einen Sinn und fordert wenig Beteiligung des Rezipienten (2001: 348). Das Fernsehen gilt McLuhans Definition nach dagegen als ein kaltes Medium. Die Detailarmut zeigt sich schon in der niedrigen Auflösung des Bildschirms. McLuhan vergleicht das Fernsehbild mit einer Mosaikform, die kontinuierlich verlangt, dass die Lücken im Punktenetz durch angestrengte Beteiligung der Sinne geschlossen werden (2001: 342f.). Der Zuschauer wird demnach zu einer Mitarbeit und dem Einsatz seiner Sinne gezwungen, um das ihm gebotene Bild zu dechiffrieren. Detailreiche, heiße Medien führen McLuhans Theorie nach also eher zu Spezialisierung und Isolation, detailarme, kalte Medien dagegen zu Partizipation und Einbindung. Dies kann sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene verstanden werden und überträgt sich McLuhan nach auf die gesamte Gesellschaft. Den beschriebenen Einflüssen auf die Wahrnehmung kann sich, so McLuhan, kaum einer bewusst entziehen, unabhängig davon, um was für ein Medium es sich handelt: „For any medium has the power of imposing its own assumption on the unwary. Prediction and control consist in avoiding this subliminal state of Narcissus trance (2001: 16). Wie in narkotisierte Trance versetzt scheint der Mensch auf die Darbietung des Fernsehens zu reagieren. Wichtig zum Verständnis dieser Aussage ist McLuhans Theorie von den Extensions of man (1964). Folglich ist jegliches Medium eine Art Erweiterung menschlicher Sinne und Organe. So wie das Rad für ihn eine Erweiterung des Fußes darstellt, erweitert das Buch das menschliche Auge und das Fernsehen schließlich das zentrale Nervensystem (2001: 345ff.). Die Erweiterung ergibt sich, so McLuhan, aus seiner „Autoamputation”, die der Körper dann vornimmt, “when the perceptual power cannot locate or avoid the cause of irritation“ (2001: 46). Die Metapher der extensions of man führt er so weit, als dass das Nervensystem die Amputation eines Körperteils nur durch Taubheit oder Blockierung der Wahrnehmung ertragen kann (2001: 47). Der Fernsehzuschauer ist, McLuhan zufolge, somit einer ständigen und widerstandslosen Gewichtsverlagerung der Sinnesorganisation ausgesetzt (2001: 46ff.). Sich über die immense Macht der elektronischen Medien bewusst zu werden, zu verstehen, was mit einem geschieht, sobald man den Fernsehapparat anschaltet, sieht McLuhan als besondere Leistung an: „But the greatest aid to this end is simply in knowing that the spell can occur immediately upon contact, as in the first bars of a melody“ (2001: 46). Seiner Meinung nach ist jedoch der der einzige Mensch, der der Technik ungestraft begegnen kann, „the serious artist“. Ihm traut er zu, Veränderungen in der Sinneswahrnehmung zu erkennen, weil er in seinem Fachgebiet selbst tagtäglich damit beschäftigt ist, Wahrnehmungen bewusst zu beeinflussen und zu verändern (2001: 19).

[...]


[1] 1962 von McLuhan eingeführter Begriff für eine Welt, die grundlegend vom Buch als Leitmedium geprägt ist

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656307167
ISBN (Buch)
9783656308331
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204702
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
Schlagworte
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Autor

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