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Finanzkompetenz fördern. Eine Lernwerkstatt für Schülerinnen und Schüler ohne Berufsausbildungsverhältnis

Examensarbeit 2012 104 Seiten

Didaktik - BWL, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung und Vorgehensweise
1.2. Legitimation des Konzeptes
1.3. Lehrerfunktionen

2. Finanzkompetenz
2.1. Begriffsdefinition
2.2. Finanzkompetenz bei Jugendlichen
2.3. Der Finanzführerschein

3. Entwicklung und Durchführung des Konzeptes zur Förderung der Finanzkompetenz
3.1. Beschreibung der Lerngruppe
3.2. Sonstige Rahmenbedingungen
3.3. Didaktische Entscheidungen im Rahmen des Konzeptes
3.3.1. Zielsetzung des Konzeptes
3.3.2. Entscheidung für die Methode Lernwerkstatt
3.3.2.1. Theoretische Grundlagen der Methode
3.3.2.2. Gründe für den Einsatz der Lernwerkstatt
3.3.3. Fachlich/methodische Schwerpunkte der einzelnen Werkstattangebote
3.3.4. Verlaufsplanung
3.4. Durchführung des Konzeptes

4. Evaluation des Konzeptes
4.1. Gegenstand und Grundlage der Evaluation
4.2. Evaluation der Ziele
4.3. Evaluation mit Hilfe der Schüler
4.4. Evaluation hinsichtlich der allgemeinen Verwertbarkeit des Konzeptes durch die Schule

5. Resümee und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wie lernst du am besten? (Angaben in Schülerzahl)

Abbildung 2: Bestandene Prüfungen vor und nach Konzeptdurchführung (Angaben in Schülerzahl)

Abbildung 3: Durchschnittliche Fehlerpunktzahl vor und nach Konzeptdurchführung (Angaben in Fehlerpunkten)

Abbildung 4: Was hat dir besonders gut gefallen? (Angaben in Prozent)

Abbildung 5: Was hat dir nicht gefallen? (Angaben in Prozent)

1. Einleitung

1.1. Problemstellung und Vorgehensweise

„Zum Wohle unserer Kinder aber auch zur Sicherung des sozialen Friedens in unserem Land rufe ich Länderregierungen, die Wirtschaft und die sozialen Dienste auf, vorhandene Kräfte und Initiativen zu bündeln und eine effektive Zusammenarbeit anzustreben, um das Überschuldungsrisiko zu minimieren “.[1]

(Aufruf von Renate Schmidt zur Schuldenprävention als Unterrichtsinhalt)Die Zahlen sind alarmierend. Wie in den Medien immer häufiger berichtet, aber auch in wissenschaftlichen Studien wiederholt bestätigt, geraten Kinder und Jugendliche in Deutschland immer häufiger in die Verschuldung bzw. Überschuldung. Obwohl ihnen immer mehr Geld zur Verfügung steht, können laut SchuldnerAtlas 2009 rund 128.000 junge Menschen ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen.[2] In der Altersgruppe der 13 bis 17-Jährigen sind 6%, in der der 18 bis 20-Jährigen 13% und in der der 21 bis 24-Jährigen bereits 16% überschuldet.[3]

Eine Befragung der Klasse JA 12 ergab ein noch dramatischeres Bild.[4] So gaben 26% der Schüler[5] an, dass sie schon einmal Probleme hatten ihre Schulden zurückzuzahlen.

Ferner wurde in der durchgeführten Erhebung vom 12. Januar 2012 danach gefragt, wie die Schüler ihr Wissen über Finanzen ganz allgemein einschätzen. Hier gaben sich 48% der Schüler die Note ausreichend bzw. mangelhaft. Dieser erste Eindruck wurde durch einen Übungstest, welcher die Finanzkompetenz überprüft, weiter verstärkt.[6] So konnten lediglich 13% der Klasse diesen Test bestehen.[7]

Diese Zahlen zeigen eins: Immer mehr Jugendliche haben Probleme mit ihren Finanzen. Zwar haben viele den Wunsch endlich auf eigenen Beinen zu stehen, unabhängig zu sein und dem Trend zu folgen, dass dazu aber mehr gehört als eine eigene Wohnung oder seine Handyrechnung selbst zu bezahlen, wird oft nicht bedacht. Ein Überblick über die eigenen Finanzen, die entstehenden Lebenskosten und den Umgang mit Geld fehlt.

Genau bei dieser Problematik setzt das von mir entwickelte „Konzept zur Förderung der Finanzkompetenz durch den Einsatz einer Lernwerkstatt“ an, das sich in meinem Fall an die Klasse JA 12 des Bildungsgangs „Klassen für Schülerinnen und Schüler ohne Berufsausbildungsverhältnis“ (KSoB) richtet, dem eben beschriebenen Trend entgegenwirken soll und dabei das Ziel einer Förderung der Finanzkompetenz der Schüler verfolgt.

Innerhalb dreier Unterrichtstage á fünf Stunden setzen die Jugendlichen sich in einer Lernwerkstatt mit Themen wie Schuldenfallen, Dispokredite, Versicherungen, Handy, eigene Wohnung, Girokonto, Führerschein und Auto sowie Einkaufen im Internet individuell und somit ihrem eigenen Lerntempo entsprechend auseinander, um den sogenannten Finanzführerschein des Verein Schuldnerhilfe Essen (VSE)[8], zu erwerben. Der frei gewählte Arbeitsrahmen in Form einer Lernwerkstatt soll methodisch vielfältig gestaltet werden und erfahrungsorientiertes Lernen sowie die Förderung der Selbständigkeit ermöglichen.

Am Ende der drei Tage legen die Schüler eine Prüfung ab, die der tatsächlichen Führerscheinprüfung vom Aufbau ähnelt. Alle Lernenden, die die Finanzführerscheinprüfung bestehen, erhalten eine Urkunde, den sogenannten Finanzführerschein, der alltagstaugliches Finanzwissen und somit Finanzkompetenz bescheinigt. Diese Prüfung dient folglich als Basis zur Überprüfung der Förderung der Finanzkompetenz.

Um das Konzept abzurunden, haben die Jugendlichen außerdem die Möglichkeit einem Schuldnerberater, der die Klasse an einem Vormittag besucht, offen gebliebene Fragen zu stellen und ihr Wissen so zu vervollständigen.

Die vorliegende Arbeit beschreibt das umrissene Konzept. Dabei soll nach erfolgter Einleitung zunächst der Begriff Finanzkompetenz geklärt werden. Im Folgenden werden die Planung sowie die Durchführung des Vorhabens beschrieben. Ein abschließende Reflexion sowie ein Ausblick bilden den Abschluss der Ausführungen.

Die entwickelte und beschriebene Konzeption soll ebenfalls als Leitfaden für interessierte Kollegen dienen.

1.2. Legitimation des Konzeptes

Das vorliegende Konzept findet seine Legitimation im Schulgesetz für das Land Nordrhein-Westfahlen. Unter Paragraph 2 „Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule“ heißt es, dass die Lernenden zu eigenverantwortlichem und selbständigem Handeln erzogen werden sollen, um u. a. befähigt zu werden am „sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen und ihr eigenes Leben zu gestalten.“[9] Hierunter ist auch eine umfassende Finanzkompetenz von Jugendlichen zu subsumieren.

Unter Paragraph 1 „Recht auf Bildung, Erziehung und individuelle Förderung“ Abs. 1 heißt es weiterhin, dass jeder junge Mensch ein Recht auf individuelle Förderung hat, was durch das Arbeiten in der Lernwerkstatt, in der jeder Schüler sich individuell, seinem eigenen Lerntempo entsprechend, die Lerninhalte aneignet, gegeben ist.[10]

Auch die Richtlinien und Lehrpläne für KSoB legitimieren das Vorhaben der Arbeit. Demnach sollen die Jugendlichen so gefördert werden, dass sie „schrittweise in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Bereichen ihre Selbständigkeit erreichen können und wollen“.[11] Ferner wird der Umgang mit Geld als übergreifendes Ziel für den Unterricht genannt.[12] Diese Forderungen werden auch im Schulprogramm des Berufskollegs . (…..)[13] formuliert und somit in diesem Konzept berücksichtigt.[14]

Letztlich gibt die didaktische Jahresplanung des . im Fachbereich BWL vor, dass die Bearbeitung von Themen wie „Kontoeröffnung, Überweisung, Onlinebanking, Rechts- und Geschäftsfähigkeit, Besitz und Eigentum“ in diesem Bildungsgang erforderlich ist. Innerhalb des Themas „Der informierte und bewusste Verbraucher“ werden explizit Themen wie „die erste eigene Wohnung, das erste eigene Auto, Handy und Girokonto“ genannt.[15]

Um das Konzept schließlich durch die Schule selbst legitimieren zu lassen, erfolgte im Rahmen der Bildungsgangkonferenz eine entsprechende Vorstellung, wobei eine einstimmige Zustimmung hinsichtlich der Durchführung erreicht wurde.[16]

Neben diesen rechtlichen Legitimationsgründen erfährt das Konzept eine weitere Legitimation durch meine persönliche unterrichtliche Praxis. Immer wieder kommen Schüler mit unterschiedlichsten Fragen aus dem Bereich Finanzen auf mich zu. Seien es Fragen zu Handyverträgen, Versicherungen, der ersten eigenen Wohnung oder ganz einfach Fragen zu Girokonten und wie man hier Überweisungen tätigt. Auch in der JA 12 wurden während des ersten Halbjahres solche Fragen an mich herangetragen. So kam ein Schüler, kurz vor seinem Auszug aus dem Elternhaus, nach einer Stunde mit einem Mietvertrag zu mir, um mich zu fragen, was man hier alles beachten müsse. Ein anderer Schüler spielte mit dem Gedanken einen Führerschein zu erwerben, hatte jedoch hinsichtlich der anfallenden Kosten keinen Überblick.

Diese Erfahrungen führten bei mir zu der Idee, all diese Fragen aufzugreifen und die Schüler in ihrer Finanzkompetenz zu fördern. Dass hier ein Bedarf besteht zeigen nicht nur die Zahlen aus dem Kapitel 1.1. In meiner Schülerbefragung vom 12. Januar 2012 gaben 87% der Schüler an interessiert bzw. stark interessiert am Thema Finanzen zu sein, 78% jedoch sich noch nie mit der Thematik intensiv auseinandergesetzt zu haben. 91% der Schüler gaben dabei an, an einer Weiterbildung in diesem Bereich interessiert zu sein. Diese Ergebnisse bestärkten mich bei meinem Vorhaben ein Konzept zur Förderung der Finanzkompetenz zu entwickeln.

1.3. Lehrerfunktionen

Die Lehrperson hat bei dem vorliegenden Konzept vielfältige Aufgaben, die den so genannten Kompetenzen und Standards der Lehrerfunktionen zufallen.[17] Die für diese Arbeit zentralen Funktionen werden im Folgenden gemäß der Rahmenvorgabe für den Vorbereitungsdienst angesprochen und die zugehörigen Kompetenzen und Standards erläutert.

Die Lehrerfunktion „ Unterrichten“ beinhaltet gemäß der Rahmenvorgabe grundlegende Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Methoden adressatengerecht zu vermitteln. Darunter subsumiert werden aber auch alle didaktischen Vorüberlegungen, die im Hinblick auf die Vermittlung der zuvor genannten Aspekte notwendig erscheinen. Im Rahmen des Konzeptes wurde die Lehrerfunktion „Unterrichten“ durch die Überlegungen und Entscheidungen hinsichtlich der geplanten Konzeptplanung und hier besonders im Rahmen der Methodenwahl umgesetzt. Die in meinem Konzept ausgewählten Methoden und Aufgabenstellungen sind didaktisch und methodisch so differenziert, dass individuelles Lernen möglich ist. Durch die selbständige Arbeit in einer Lernwerkstatt oder das eigenständige Erarbeiten von Aufgabenstellungen mit Hilfe von Tippkarten und anderen Hilfsmaterialien ist ein Erfolg bei den Jugendlichen sicher gestellt. Ebenfalls wird an einzelnen Angeboten auch der sachgerechte Umgang mit neuen Medien wie Film (siehe Einstiegstag) und PC (Angebot 6) angeboten.[18]

Mittels der verschiedenen Themengebiete innerhalb der Werkstatt sollen die Schüler dazu befähigt werden, eigene Erfahrungen zu machen und diese auf außerschulische Situationen zu übertragen. Sie sollen durch den Umgang mit den Inhalten in der Lage sein Handlungskompetenz zu zeigen, um entscheiden zu können, was sie für ihre Persönlichkeitsentwicklung nutzen und welche Werte für ihr eigenes Leben wichtig sind. Dies kann nur funktionieren, wenn die Lehrperson Regeln mit ihnen verfasst, die z. B. auf Toleranz im Umgang miteinander abzielen. Diese beschriebenen Kompetenzen, vorgegeben in der Rahmenvorgabe unter dem Punkt „ Erziehen “, muss die Lehrperson vermitteln können.[19]

Im Bereich „ Diagnostizieren und Fördern “ zeigt mein Konzept durch die durchgeführte Befragung bzw. Diagnostik der Schüler möglichen Förderbedarf auf. Weitere Schwächen und Schwierigkeiten wurden durch Gespräche mit Kollegen der Fächer BWL, Wirtschaft und Politik erfragt. Aus allen erhaltenen Informationen muss die Lehrperson dann individuelle Fördermaßnahmen entwickeln und in das bestehende Konzept einfließen lassen. Dies geschieht in meinem Konzept u. a. durch ein sogenanntes Helfersystem. Hier können Begabte, die sich in einem Bereich der Werkstatt besonders gut auskennen, gefördert werden (siehe Kap.3.3.3). Extraaufgaben bzw. Wahlaufgaben in der Werkstattarbeit ermöglichen ebenfalls eine Begabtenförderung. Auch eine Förderung der schwächeren Schüler wird realisiert. So stehen diesen sowohl ein Tippordner als auch ein Lösungsordner zur Verfügung mit Hilfe derer sie ihre Schwierigkeiten begleichen und ihre Lösungsmöglichkeiten kontrollieren können.

Die Lehrperson muss die Arbeit während der ganzen Zeit in der Werkstatt reflektieren und nach Abschluss vor allem evaluieren.[20] Die daraus gezogenen Informationen müssen genutzt werden um das Konzept zu verbessern bzw. zu optimieren. Auch die Kooperation mit Kollegen sowie außerschulischen Einrichtungen muss durch evaluierende Gespräche und Erarbeitungen weiterentwickelt werden.[21] Die Konzeption hat somit kein endgültiges Ergebnis – es ist vielmehr ein stetig weiterzuentwickelndes Vorhaben, das durch neue Ansätze, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und durch den Einfluss eigener beruflicher Weiterentwicklung geprägt ist. Durch die Innovation und Erstellung meines Konzeptes sind somit auch die Funktionen „ Evaluieren, Innovieren und Kooperieren “ implementiert.[22]

Innerhalb der Lernwerkstatt nimmt der Lehrer eine besondere Rolle im Unterrichtsgeschehen ein. Neben dem Vorbereiten der Angebote und der Gestaltung einer motivierenden Lernumgebung, besteht seine Rolle nun nicht mehr im normalen Unterrichten, so wie es die Schüler aus ihrem gewöhnlichen Unterricht gewohnt sind. Er ist vielmehr als Lernberater und Beobachter tätig. Der Lehrer sollte dabei als Berater sensibel sein und die Jugendlichen ermutigen nicht gleich bei jedem kleinen Problem zu ihm zu kommen, sondern erst einmal selbst nachzudenken und sich gegenseitig zu unterstützen. In der Lernwerkstatt muss der Lehrer die Balance finden seinen Schülern selbständiges Arbeiten zu ermöglichen, ohne dass diese sich allein gelassen fühlen. Die Lehrerfunktion „ Beraten “ wird folglich ebenfalls berücksichtigt.

2. Finanzkompetenz

2.1. Begriffsdefinition

Schlägt man den Begriff „Finanzen“ im Fremdwörterbuch nach, handelt es sich demnach um staatliches Geldwesen, den Staatshaushalt oder um privates Vermögen bzw. private Vermögensverhältnisse.[23]

Der Begriff der Kompetenz wird im Fremdwörterbuch als Fähigkeit bzw. Vermögen beschrieben. Er leitet sich vom lateinischen Begriff „Competentia“ = Zusammentreffen ab.[24] Dehnbostel definiert Kompetenz dabei wie folgt: „Kompetenzen umfassen Fähigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten, Einstellungen und Werte, deren Erwerb, Entwicklung und Verwendung sich auf die gesamte Lebenszeit eines Menschen bezieht.“[25] Weinberg versteht unter Kompetenz: „Für die Beschreibung dessen, was ein Mensch wirklich kann und weiß, hat sich der Begriff der Kompetenz eingebürgert. Unter Kompetenz werden alle Fähigkeiten, Wissensbestände und Denkmethoden verstanden, die ein Mensch in seinem Leben erwirbt. Damit impliziert der Begriff auch ein individuelles Vermögen, Befähigung und Potenzial.“[26]

Es könnten zahlreiche weitere Definitionen aufgeführt werden, da die wissenschaftliche Literatur von einer einheitlichen Definition weit entfernt ist. Bei allen Begriffsbestimmungen wird jedoch eines deutlich: Kompetent zu sein bedeutet nicht allein ein bestimmtes Wissen zu haben, sondern eben auch dieses Wissen im alltäglichen Leben anwenden zu können. Der Begriff Kompetenz verfolgt damit einen ganzheitlichen Anspruch, bei dem im Mittelpunkt der Betrachtung die umfassende berufliche Handlungsfähigkeit einer Person, die sich zusammensetzt aus einem Bündel einfacher Kompetenzen, Methodenkompetenzen, sozialen Kompetenzen und persönlichen Kompetenzen, steht. Diese werden aufgrund von Auseinandersetzungen mit Anforderungen und Herausforderungen innerhalb und außerhalb von allgemeiner Erwerbsarbeit fortentwickelt. Kompetenz kann demnach als übergeordneter Begriff zur Beschreibung der Summe aller Wissensbestände und Fähigkeiten einer Person beschrieben werden.

Von der Kompetenz abzugrenzen sind die Qualifikationen, die lediglich Anforderungen darstellen. Sie sind somit im Gegensatz zur Kompetenz tätigkeitsbezogene Kenntnisse und Fertigkeiten und stellen eher ein Verwertungswissen dar.[27]

Fügt man nun Finanzen und Kompetenz zueinander, erhält man die Finanzkompetenz, die die Fähigkeit, erlerntes Wissen im Umgang mit finanziellen Mitteln und Dienstleistungen anzuwenden, beschreibt. Der kompetente Umgang mit Geld ist dabei als eine Schlüsselqualifikation und die Grundlage für ein verantwortungsvolles Leben zu verstehen.[28]

Voraussetzung für Finanzkompetenz ist die finanzielle Allgemeinbildung. Dazu gehört das Verständnis der Funktionen von Geld, das Geldmanagement, der Umgang mit Lebensrisiken, der Vermögensaufbau und die Altersvorsorge sowie das Verleihen und Anlegen von Geld. Grundlegend hierfür ist ein handlungsorientierter lebenspraktischer Zugang.[29] Dabei spielt die Selbständigkeit eine zentrale Rolle, da nur so das Wissen zum Thema Finanzen an unterschiedliche Rahmensituationen angepasst werden kann und im Ergebnis Finanzkompetenz realisiert wird.

2.2. Finanzkompetenz bei Jugendlichen

„Jugendliche in der Schuldenfalle. Am Anfang steht das teure Handy.“

Stuttgarter Zeitung vom 23.02.2012 „Immer mehr Jugendliche ächzen unter Last der Schulden.“

Der Westen vom 19.03.2012 Diese Schlagzeilen sind nur einzelne Beispiele für die in letzter Zeit immer häufiger auftauchenden Medienberichte über das Problem der Verschuldung von Jugendlichen.

Hauptverursacher für Schulden im Jugendalter ist das Handy. Im Schuldenkompass der Schufa wird beschrieben, dass immer mehr junge Erwachsene im Alter von 18-24 Jahren Zahlungsprobleme gegenüber der Telekommunikationsbranche aufweisen.[30] Mittlerweile sind Handys internetfähig. So werden Jugendliche leicht verführt Spiele, Klingeltöne oder ähnliches herunterzuladen. Bilder (teure MMS) können problemlos verschickt werden. SMS ersetzen mittlerweile die reale „Mann zu Mann- Kommunikation“. Die anfallenden Kosten haben dabei nur Wenige im Blick.

Abgesehen von den hohen Handykosten geraten die Jugendlichen innerhalb ihrer Peergroup zunehmend in einen sogenannten Konsumdruck. Wer dazu gehören will, muss sich auch dementsprechend ausstatten können. Also wird schnell mal das schicke und vor allem teure Designerkleidungsstück gekauft, hier eine neue Markentasche erworben und auch der neue Mp3-Player sollte möglichst von einer bestimmten Firma produziert worden sein. Man will ja schließlich nicht zum Außenseiter deklassiert werden.

Weitere Ursachen, warum Jugendliche immer öfter in die Schuldenfalle geraten, sind: zu niedriges Einkommen um leben zu können, keine sorgfältige Planung der Ausgaben und keine Vorstellung über Kosten (der ersten eigenen Wohnung, des Führerscheins, des ersten eigenen Autos etc.).

Gerne spricht man über Geld, das man hat. Aber über das Geld, welches immer häufiger schon bei Jugendlichen fehlt und somit zur Schuldenfalle wird, wird selten oder nie gesprochen. Es ist in unserer Gesellschaft leider immer noch ein Tabuthema. 67,2%, der 2005 in einer Studie des SKM (Katholischer Verein für soziale Dienste Dortmund) befragten Jugendlichen, erwähnten, dass in ihren Familien nur „manchmal“, „selten“, oder „nie“ über Geld gesprochen wird.[31] „Mit ihrem Geld kommen aber nur 59,7% der 13 bis 17-Jährigen und 53,5% der 18 bis 24-Jährigen aus. Das deckt sich mit der Aussage, dass bereits 41,8% der Jugendlichen angeben, dass sie sich manchmal Geld leihen. Leihen sich die Jüngeren das Geld vorwiegend bei Eltern, Freunden und Bekannten, so haben 37,2% der jungen Erwachsenen bereits Schulden bei einer Bank.“[32]

Die 2005 durchgeführte Studie „Jugend und Geld“ zeigt ferner auf, dass verschuldete Jugendliche weder ein gestörtes Persönlichkeitsprofil aufweisen, noch, dass man sie einer spezifischen sozialen Herkunft zuordnen kann.[33] Verschuldung zieht sich demnach durch alle Schichten.

Aus den dargestellten Tatsachen muss sich die Konsequenz ergeben, dass über das Thema Finanzen vermehrt gesprochen wird. Ferner sollte präventiv fortgebildet werden und das bereits im frühen Kinder- und Jugendalter.

Mit dem vorliegenden Konzept versuche ich persönlich einen ersten Schritt zu gehen, um den Jugendlichen beim Aufbau einer eigenen Finanzkompetenz zu helfen.

2.3. Der Finanzführerschein

Der Finanzführerschein, der am Ende des Konzeptes erlangt werden kann und hier als Basis der Überprüfung der Finanzkompetenz herangezogen wird, ist ein Projekt bzw. ein Zertifikat des Vereins Schuldnerhilfe Essen e.V. (VSE). Er ermöglicht eine jugendgerechte Vermittlung von Finanzkompetenz, was durch eine Finanzführerscheinprüfung, die einer echten Führerscheinprüfung nachempfunden ist, geschieht. Durch die Ähnlichkeit zur wirklichen theoretischen Pkw-Führerscheinprüfung sollen die Jugendlichen motiviert werden, sich mit dem Thema Finanzkompetenz auseinanderzusetzen. Als Übung steht außerdem ein Übungsbogen zur Verfügung, welcher vor der Lernwerkstatt als Testführerscheinprüfung genutzt wurde. Dieser ist vom Anspruch identisch mit dem Prüfungsbogen, weist jedoch andere Fragestellungen auf.

Angeboten werden Finanzführerscheine für 16 bis 19-Jährige und für 13 bis 15-Jährige. Da die Schüler der Klasse JA 12 alle älter als 15 Jahre sind[34], wird deutlich, dass ich mich für Ersteren entschieden habe.

Thematisch geht es beim Finanzführerschein um Schwerpunkte wie Auto, erste eigene Wohnung, Versicherungen, Führerschein, Onlineshopping, Bürgschaften, Girokonten, Kredite, Handy und Geschäftsfähigkeit. Dazu stehen den Schülern Informationsbroschüren zur Verfügung.[35] Meine konzipierte Lernwerkstatt orientiert sich an diesen Schwerpunkten, ist jedoch thematisch weiter gefasst.

Gefördert wird der Finanzführerschein vom Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfahlen sowie vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfahlen.

3. Entwicklung und Durchführung des Konzeptes zur Förderung der Finanzkompetenz

3.1. Beschreibung der Lerngruppe

Bei der Lerngruppe JA 12 handelt es sich um eine Klasse des Bildungsgangs Klassen für Schülerinnen und Schüler ohne Berufsausbildungsverhältnis gemäß Anlage A der APO-BK am .

Die Dauer dieses Bildungsgangs erstreckt sich über ein Jahr und richtet sich an Jugendliche, denen es nach dem Verlassen der Sekundarstufe I nicht gelungen ist, in ein Berufsausbildungsverhältnis, einen weiterführenden vollzeitschulischen Bildungsgang oder in ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis einzutreten. Sie sollen in diesem Bildungsgang so gefördert und qualifiziert werden, dass ein Übergang in eine berufliche Ausbildung oder in eine Erwerbstätigkeit und ggf. der Erwerb des Hauptschulabschlusses möglich werden.[36] Die Schüler der JA 12 besuchen an einem Tag in der Woche das ….. An den restlichen Tagen werden sie bei einem freien Träger ausgebildet, dem Jugendförderungswerk .. Themenschwerpunkt der Ausbildung ist der Bereich Wirtschaft und Verwaltung, im Rahmen dessen sie an eine Berufsausbildung in diesem Bereich praxisnah herangeführt werden.

Die Klasse besteht aus 25 Lernenden (12 Schülerinnen und 13 Schüler) im Alter zwischen 16 und 19 Jahren. Die Vorbildung der Schüler lässt sich in folgender Tabelle zusammenfassen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Rahmen meines „Unterrichts unter Anleitung“ begleite ich die Klasse seit Mitte Oktober 2011 im Fach BWL unter Anleitung meines Ausbildungslehrers Herrn X. Seit dem 12.01.2012 unterrichte ich selbst diese Klasse mit zwei Wochenstunden.

Die Leistungsbereitschaft der Klasse im Hinblick auf die Lernmotivation ist als schwach zu bezeichnen. Der überwiegende Teil der Schüler zeigt wenig Interesse am Unterrichtsgeschehen. Ursachen hierfür lassen sich in der Perspektivlosigkeit der Schüler (viele sind frustriert, da sie keinen Ausbildungsplatz gefunden haben) vermuten.

Hinsichtlich der Finanzkompetenz der Schüler kann festgehalten werden, dass diese als sehr schwach einzustufen ist. Dies zeigen nicht nur die Fragen im Rahmen des Unterrichts, sondern auch die Ergebnisse des Übungstests. Wie bereits beschrieben, konnten diesen lediglich 13% der Schüler bestehen, wobei die durchschnittliche Fehlerpunktzahl bei 43 lag (Zulässige Fehlerpunkte 21).

Diesem geringen Ausmaß an Finanzkompetenz steht jedoch der ebenfalls bereits beschriebene Wunsch nach Weiterbildung in diesem Bereich gegenüber (91%). Auch der Stellenwert von Geld an sich unterstreicht die Wichtigkeit des Themas. So gaben bei der Befragung vom 12. Januar 2012 alle Schüler an, das Geld wichtig, sehr wichtig bzw. das Wichtigste sei. Ferner wurde durch die Erhebung deutlich, dass 65% der Schüler ihre finanzielle Situation als ausreichend bis ungenügend einschätzen.

Die Fähigkeit und die Bereitschaft zum selbständigen Arbeiten und Strukturieren von Arbeitsprozessen sind bei der überwiegenden Zahl der Lernenden nur wenig ausgeprägt. In vielen Unterrichtssituationen lässt sich immer wieder beobachten, dass die Jugendlichen abschalten, wenn es darum geht, sich neue Unterrichtsinhalte selbständig zu erschließen. Durch intensive und differenzierte Übungen konnten in diesem Bereich jedoch bereits Fortschritte erzielt werden. Auch im Rahmen des darzustellenden Konzeptes soll die Selbständigkeit weiter gefördert werden. Das Lerntempo kann nach wie vor aber als heterogen und langsam bezeichnet werden.

Im Rahmen ihrer praktischen Ausbildung bei dem Bildungsträger haben die Schüler kaum Berührungspunkte mit betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen. Das Interesse an derartigen Themen ist daher eher unterentwickelt. Lediglich in den Situationen, in denen eine Verbindung mit dem direkten persönlichen Umfeld hergestellt werden kann, ist eine verstärkte Aufmerksamkeit wahrnehmbar.

Das Klassenklima kann insgesamt als gut bezeichnet werden. Nennenswerte zwischen menschliche Probleme innerhalb der Schülerschaft liegen aus meiner Sicht nicht vor.

3.2. Sonstige Rahmenbedingungen

Um das vorliegende Konzept bestmöglich umzusetzen, ist es nötig einen geeigneten Raum innerhalb der Schule zu finden. Am ….. stellt dies kein Problem dar, da die Klasse JA 12 in einem großen Klassenraum unterrichtet wird. Es sollte ferner darauf geachtet werden, dass das Werkstattmaterial, übersichtlich geordnet, einen festen Standort während des gesamten Arbeitsablaufs im Raum einnimmt. Hierzu eignet sich der hintere Teil des Klassenzimmers, der dazu mit einer Tischreihe ausgestattet wird, auf denen die Angebotskästen positioniert und mit einem Übersichtsblatt (mit Angebotsnummer und Thema des Angebots) versehen werden.[37]

Vor der Tafel sollte man so viel Platz einkalkulieren, dass kleine Kreisgespräche möglich sind, innerhalb derer die Schüler noch einmal individuell betreut und gefördert werden können.[38]

Der Raum sollte übersichtlich gestaltet werden, damit die Lernenden sich darin wohlfühlen. Dinge, die für die Umsetzung des Konzeptes nicht gebraucht werden und eventuell zu einer optischen Reizüberflutung führen könnten, können in Absprache mit den Kollegen für den Zeitraum der Arbeit beiseite geschafft werden.[39]

Wichtig ist es auch Absprachen mit Schulleitung und Kollegen zu treffen. So müssen alle informiert sein, dass die Schüler an den geplanten Tagen in der Lernwerkstatt arbeiten und nicht für das „normale“ Unterrichtsgeschäft zur Verfügung stehen und dass die betreuende Lehrperson für diese Zeit aus dem Stundenplan genommen wird.

3.3. Didaktische Entscheidungen im Rahmen des Konzeptes

3.3.1. Zielsetzung des Konzeptes

Das übergeordnete Ziel des Konzeptes ist die Förderung der Finanzkompetenz der Schüler. Dies wird realisiert, indem die Schüler die einzelnen Angebote der Werkstatt selbständig erarbeiten, sich aktiv mit einem Schuldnerberater auseinandersetzen und die Finanzführerscheinprüfung ablegen.

Die Vermittlung eines reflektierten Umgangs mit Finanzen und sozialer Handlungskompetenz stehen im Vordergrund des Vorhabens. Die Jugendlichen sollen zu einem selbständigen und eigenverantwortlichen Umgang mit Geld und Konsum befähigt werden. Dazu gehört auch, dass sie in der Lage sind Risiken abzuschätzen und mittel- bis langfristige Planungen vorzunehmen.[40]

Auf methodischer Ebene sollen die Schüler die Arbeitsform der Lernwerkstatt kennenlernen, indem sie die einzelnen Angebote in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit bewältigen. Außerdem sollen sie gleichzeitig ihre Sozialkompetenz stärken, indem sie ihre Arbeit eigenständig und individuell gestalten, ihre Leistungen im Lerntagebuch reflektieren und in der Gruppe verschiedene Lösungszugänge und -möglichkeiten diskutieren.

Bei alle dem geht es nicht ausschließlich um die zu erbringende Leistung bei Ablegung der Führerscheinprüfung, sondern vielmehr um die Sensibilisierung hinsichtlich verschiedener Themen aus dem Bereich Finanzen.

Über die Grenzen des Konzeptes hinaus, sollen die Schüler die Kompetenz entwickeln Einschätzungen und Urteile zur Inanspruchnahme von Angeboten, die ihnen im alltäglichen Leben begegnen, abgeben zu können. Meine Konzeption soll die Grundlagen schaffen, die die Jugendlichen hierzu befähigen. Des Weiteren sollen sie zum eigenverantwortlichen Umgang mit dem Thema Geld, Konsum und Finanzen auch über die Schule hinaus motiviert werden. Die Finanzkompetenz soll somit so gefördert werden, dass sie von den Schülern auf Elternhaus und soziales Umfeld übertragen werden kann.

3.3.2. Entscheidung für die Methode Lernwerkstatt

3.3.2.1. Theoretische Grundlagen der Methode

„Hilf mir, es selbst zu tun“ ( Montessori)

Hört man den Begriff des „Werkstattunterrichts“ zum ersten Mal, verbindet man ihn wohl zunächst mit einer Werkstatt wie wir sie zum Beispiel aus einer Schreinerei kennen. Natürlich hat die im Unterricht einzusetzende Lernwerkstatt mit solch einer Werkstatt im üblichen Sinne nicht viel zu tun, Gemeinsamkeiten kann man aber sehr wohl erkennen:[41]

Im Werkstattunterricht steht den Schülern eine vorbereitete Lernumgebung zur Verfügung. Alle Materialien, die sie für ihre individuelle Erarbeitung der Themen benötigen liegen im Klassenraum bereit und sind so organisiert, dass die Lernenden motiviert werden und eine gewissen Struktur erkennen können. Auch in einer Schreinerei liegen die Materialien zur Erarbeitung geordnet bereit, so dass die Arbeiter ihre Aufträge ordnungsgemäß ausführen können. In beiden Werkstattformen arbeiten unterschiedliche Menschen an verschiedenen Arbeitsschritten. So arbeiten die Schüler an unterschiedlichen Arbeitsangeboten mit verschiedenen Themen. Sie haben dabei die Möglichkeit, sich frei im Raum zu bewegen und sich selbständig für einen Arbeitsauftrag zu entscheiden, der ihren individuellen Interessen und Lernbedürfnissen am ehesten entspricht. Den Schülern wird dabei ein Entscheidungsspielraum hinsichtlich der Reihenfolge der Aufgabenbearbeitung sowie des Lerntempos zugestanden.[42]

Werkstattunterricht entspricht weitgehend den Grundsätzen der konstruktivistischen Didaktik, denn hier sind verschiedene Lösungswege und Sichtweisen der Lerner zulässig. Der Erziehung zu Selbständigkeit, Eigeninitiative und Selbstverantwortung kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn dies sind Schlüsselqualifikationen, die unter anderem im Setting Schule vermittelt werden müssen.[43]

Reichen, der das Konzept Werkstattunterricht entwickelt hat, sieht dieses als eine junge Form offenen Unterrichts an.[44] Sie ermöglicht es geschlossene und offene Konzepte, zum Beispiel durch Kleinmethoden wie Partnerarbeit, Einzelarbeit und Gruppenarbeit, aber auch durch kooperative Methoden miteinander zu verbinden. Dadurch ergibt sich für diese Art von Unterricht eine große Variationsmöglichkeit.

Als Form des offenen Unterrichts bietet die Lernwerkstatt den Schülern eine „anregungsreiche Lernumwelt“ an, die handlungsorientiertes, erfahrungsbezogenes, entdeckendes, ganzheitliches und aktives Lernen ermöglicht.[45] Somit wird die im § 1 APO-BK geforderte Handlungskompetenz gefördert.

Hilbert Meyer zählt das Werkstattlernen zur Freiarbeit und somit zu individualisierendem Unterricht.[46]

Verschiedene Rahmenbedingungen und Formen des Werkstattunterrichtes werden von unterschiedlichen Verfassern ganz unterschiedlich definiert und diskutiert.[47]

Generell lässt sich für die in diesem Konzept gewählte Lernwerkstatt aber Folgendes festhalten: Es handelt sich um ein vom Lehrer geplantes offenes Arrangement von Angeboten mit unterschiedlichen Inhalten, hier zum Thema Finanzen. Dieses Arrangement enthält multisensorische und handlungsorientierte Materialien und Aufgabentypen, die von den Schülern individuell und selbständig bearbeitet werden. Das Thema wird hierbei in Teilbereiche zerlegt und in Pflicht- und Wahlangebote sowie in ein Abschlussangebot gegliedert. Arbeitstempo und Verweildauer an einzelnen Angeboten bestimmen die Lernenden selbst, wobei ihnen ein zeitlicher Gesamtrahmen vorgegeben wird. Die Sicherung der Ergebnisse erfolgt dabei in einem Werkstatthefter.

Diese Organisationsform beinhaltet große Chancen für die Schüler persönliche Kompetenz zu entwickeln, die sich unter anderem in folgende Bereiche zergliedert: Selbständigkeit, Selbstverantwortlichkeit, Selbstbewusstsein, Verantwortungs-fähigkeit, Gemeinschaftsfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Kritikfähigkeit, Urteilsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Ausdauer, Toleranz etc.[48]

Wichtig ist es, im Vorfeld gemeinsam mit den Jugendlichen Regeln für das Arbeiten in einer Lernwerkstatt aufzustellen, damit ein möglichst optimales Lernen gewährleistet werden kann.[49]

Ebenfalls sollte auf eine ausreichende Sicherung der Lernergebnisse Wert gelegt werden. Hierzu eignet sich ein Werkstatthefter, der durch ein Lerntagebuch, in dem täglich Eintragungen über den individuellen Lernfortschritt gemacht werden, ergänzt wird.[50]

Die Ziele der Lernwerkstatt sind folgendermaßen zu umreißen: Die Lernumgebung soll so motivierend gestaltet sein, dass die Schüler gerne mit den angebotenen Materialien arbeiten und so individuell ihrem eigenen Lerntempo entsprechend arbeiten können. So lernen sie ihre Zeit einzuteilen und ihre Arbeit zu organisieren. Sie übernehmen die Verantwortung für ihr Lernen und werden so zu mündigen Menschen.[51] Die Lernenden erweitern ihre Fachkompetenz, indem sie die Aufgaben der einzelnen Angebote bearbeiten. Die Erweiterung der Methoden- und Lernkompetenz sollte sich durch die verschiedenen Aufgabentypen wie z. B. Puzzletechnik, Mind-Map, die Arbeit mit Fachliteratur, ergeben. Auch auf der Seite der Sozialkompetenz findet durch mein „Konzept zur Förderung der Finanzkompetenz durch eine Lernwerkstatt“ eine Entwicklung statt. So arbeiten die Schüler in kooperativen Partner- und Gruppenarbeiten und lernen sich mit ihrem Gegenüber zu arrangieren und ergebnisorientiert zu diskutieren.

3.3.2.2. Gründe für den Einsatz der Lernwerkstatt

Vor dem Hintergrund der Befragung der Schüler stellt sich grundsätzlich die Frage, wie Finanzkompetenz nachhaltig fördert werden kann?

Werkstattunterricht erscheint in diesem Zusammenhang als eine Möglichkeit zur nachhaltigen Förderung, da die Schüler hier im selbständigen Lernen gefördert werden, was sich wiederum positiv auf die Lernmotivation auswirkt.[52]

Schule hat den Auftrag elaboriertes Wissen über die Welt zu vermitteln, gleichzeitig aber auch die Jugendlichen des Lernen lernens zu befähigen. Da die reine Unterrichtszeit aber knapp bemessen ist, kommt es hier immer wieder zu einem Zeitproblem. Die Methode der Lernwerkstatt löst dieses Problem auf und ermöglicht beide Zielsetzungen zu erreichen.[53] Somit erlangen die Schüler eine Selbstlernkompetenz, die sie dazu nutzen sollen, sich in ihrem weiteren Werdegang immer wieder Gedanken über ihre finanzielle Situation zu machen und sich gegebenenfalls fortzubilden.

Die Methode der Lernwerkstatt kam für mich auch deswegen in Frage, weil so möglichst viele Schüler angesprochen werden. Durch verschiedene Aufgabentypen, Angebote mit PC, Angebote bei denen man lesen, malen, schreiben oder rechnen muss werden die zentralen Lerntypen nach Vester berücksichtigt[54] und motiviert an den Aufgaben zu arbeiten. Ein als durchaus positiv zu bewertender fächerübergreifender Ansatz wird hier erkennbar.

Im Rahmen meiner Befragung vom 12. Januar 2012 wollte ich die Einstellung der Schüler der JA12 zum Thema Lernwerkstatt erfragen. Dabei gab kein Schüler an die Methode der Lernwerksatt im Unterricht ganz generell zu bevorzugen. Auch gaben lediglich zwei Schüler an, dass sie an einer Weiterbildung im Bereich Finanzen im Rahmen einer Lernwerkstatt interessiert seien. Natürlich gaben diese Zahlen Anlass die Methodenwahl zu überdenken. Bei weiterer Auswertung des Fragebogens wurde jedoch deutlich, dass diese Ergebnisse insbesondere mit der Tatsache zusammenhängen, dass 91% der Schüler noch nie in einer Lernwerkstatt gearbeitet hatten.

Zusammenfassend ist für mich die Lernwerkstatt die geeignetste Methode zur Förderung der Finanzkompetenz. So kann hier insbesondere die Selbständigkeit und somit auch die Handlungskompetenz in bestimmten Bereichen gefördert werden. Wie beschrieben sind dies zentrale Bausteine des Begriffes Finanzkompetenz. Auch wenn die Schüler sich überwiegend nicht für die Lernwerkstatt ausgesprochen haben, ist es aus meiner Sicht doch die richtige Wahl, da sie so umfassend gefördert werden können.

3.3.3. Fachlich/methodische Schwerpunkte der einzelnen Werkstattangebote

Die Auswahl der Werkstattangebote (9 Pflichtangebote, 3 Wahlangebote und 1 Abschlussangebot) basiert zum einen auf den im Finanzführerschein geforderten Fakten und den bei der Testführerscheinprüfung auffälligen Wissenslücken der Schüler, zum anderen auf den in den Richtlinien und Lehrplänen verankerten Schwerpunkten und auf der Auswertung des bereits erwähnten Fragebogens.

Im Rahmen der Auswertung dieses Fragebogens wurde deutlich, dass die meisten Schüler (91%) noch bei ihren Eltern wohnen, dass 65% noch kein eigenes Girokonto haben, das 83 % der Schüler noch nie eine Versicherung abgeschlossen haben und ebenfalls 83 % noch nicht im Besitz eines Führerschein sind.

Ferner wurde durch die Testführerscheinprüfung deutlich, dass insbesondere im Bereich Handy, Kredite und Onlineshopping große Defizite bestehen.

Es wurde bei der Auswertung also schnell deutlich, dass ich in der Methodenwahl innerhalb der Werkstatt sehr flexibel sein musste. Um möglichst vielen Schülern gerecht zu werden, habe ich die Angebote soweit möglich abwechslungsreich gestaltet.

Diese beschriebenen Punkte waren die Grundlage der Konzeption der einzelnen An-

Bei der methodischen Ausgestaltung der einzelnen Werkstattangebote erfolgte ebenfalls eine Orientierung an den Ergebnissen des Fragebogens. So gab es bei der Frage „Wie lernst du am besten?“ kein eindeutiges Ergebnis:

Abbildung 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

gebote in der Lernwerkstatt, die sich aus folgender Tabelle ergeben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[55]

Natürlich kann diese Lernwerkstatt keine vollumfassende Darstellung aller Themen aus den Bereich Finanzen leisten. Es wurde daher beispielsweise eine vertikale Reduktion hinsichtlich verschiedenster Themen, wie Kreditkartengeschäft, Wertpapiergeschäft, Steuern und Altersabsicherung vorgenommen. Jedoch wurden aus meiner Sicht die für die Schüler und deren Lebensumwelt relevantesten Themen dargestellt.

Für die Schüler haben die Themen sowohl Gegenwarts- als auch Zukunftsbedeutung.[56] Als mündiger Teil unserer Gesellschaft sowie als zukünftiger Mitarbeiter eines Unternehmens ist es immer wieder notwendig Entscheidungen im Bereich Finanzen zu treffen. Diese Situationen werden durch die Lernwerkstatt abgebildet.

Als exemplarisch können die unterschiedlichen Werkstattangebote bezeichnet werden, weil immer wieder Sachverhalte geprüft werden müssen, um eine sachgerechte Entscheidung fällen zu können.

Im Rahmen der horizontalen Reduktion wird der Zugang zu den abstrakten Gegenständen durch die Vorgabe konkreter Fälle, durch Originalmaterial und Tippkarten, durch spielerische Aufgaben (Puzzle, Domino) etc. erleichtert.

Letztendlich ist auf die Sicherungsphase hinzuweisen, in der Ergebnisse festgehalten, kontrolliert und verbessert werden. Jeder Schüler muss korrekte Ergebnisse in seinen Unterlagen haben. Dies wird durch den Lösungsordner sichergestellt. Da manche Jugendlichen bereits Vorkenntnisse in einzelnen Themengebiete (z.B. bereits eine eigene Wohnung) besitzen, mache ich Gebrauch von einem Helfersystem, bei dem so genannte Experten ihr Wissen zunächst wiederholen und nach Kontrolle durch die Klasse gehen und andere bei der Erarbeitung der Themen unterstützen.[57]

[...]


[1] Vgl. Hoffmeister, 2005, S. 31

[2] Vgl. Creditreform, 2009, S. 15

[3] Vgl. Teichert, 2005, S. 5

[4] Die Ergebnisse der gesamten Befragung werden im Anhang („Ergebnisse des Fragebogens 1 vom 12. Januar 2012“) auf S. 41 ff. dargestellt, dies gilt auch für nachfolgende Zitierungen dieser Befragung.

[5] Im Folgenden wird der Begriff „Schüler“ synonym für Schülerinnen und Schüler verwendet, um die bessere Lesbarkeit des Textes zu gewährleisten. Dies gilt auch für die Begriffe „Kollegen“, der synonym für Kolleginnen und Kollegen sowie für „Lehrer“, der synonym für Lehrerinnen und Lehrer verwendet wird.

[6] Vgl. hierzu Kapitel 2.3. „Der Finanzführerschein“ auf S. 10

[7] Die Ergebnisse der Testführerscheinprüfung werden im Kapitel 4.2. dargestellt, dies gilt auch für nachfolgende Zitierungen dieses Tests.

[8] Vgl. http://www.schuldnerhilfe.de/finanzfuehrerschein und Anhang („Finanzführerschein“) auf S. 109 ff.

[9] Vgl. Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), 2012, S. 2

[10] Ebd.

[11] Vgl. Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), 2001, S. 8

[12] Ebd.

[13] Im Folgenden wird die Abkürzung .. verwendet, um die bessere Lesbarkeit des Textes zu gewährleisten.

[14] Vgl. Berufskolleg …., S. 12 und 19

[15] Vgl. Berufskolleg….., 2011

[16] Vgl. hierzu Anhang „Protokoll zur Bildungsgangkonferenz JA11/JA12“ auf S. 116

[17] Vgl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), 2004

[18] Vgl. hierzu Anhang „Lernwerkstatt zum Thema Finanzen“ auf S. 45 ff.

[19] Vgl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), 2004

[20] Genauere Ausführungen dazu in Kapitel 4 auf S. 25 ff.

[21] Vgl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), 2004

[22] Ebd.

[23] Vgl. Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.), 2010, S.164

[24] Vgl. Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.), 2010, S. 262

[25] Dehnbostel, 2007, S. 31

[26] Weinberg ,1996, S. 3

[27] Vgl. Schreiber, 2011, S. 6

[28] Vgl. http://www.netzwerk-finanzkompetenz.de/Was_ist_Finanzkompetenz-260.html

[29] Vgl. Habschick/ Jung/ Evers, 2004, S. 9

[30] Vgl. Krumpolt, 2008, S. 39

[31] Vgl. SKM - Kath. Verein für soziale Dienste, 2005, S. 4

[32] SKM - Kath. Verein für soziale Dienste, 2005, S. 5 ff.

[33] Vgl. Lange/Fries, 2005, S. 8

[34] Vgl. http://www.schuldnerhilfe.de/finanzfuehrerschein/index.php

[35] Vgl. http://www.schuldnerhilfe.de/fileadmin/user_upload/pdf-dokumente/schuelerheft-grosser-ff.pdf

[36] Vgl. Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), 2001, S. 3

[37] Vgl. hierzu Anhang „Ausgewählte Fotos“ auf S. 103 ff.

[38] Vgl. Reichen,1991, S. 71

[39] Ebd.

[40] Vgl. http://www.unterrichtshilfe-finanzkompetenz.de/arbeitshinweise.htm

[41] Vgl. Weber, 1998, S. 8 ff.

[42] Vgl. Reichen, 1991, S. 61

[43] Vgl. http://methodenpool.uni-koeln.de/werkstatt/werkstatt_reflexion.html

[44] Vgl. Reichen, 1991, S. 61

[45] Vgl. Bastian, 1995, S. 8

[46] Vgl. Meyer, 2004, S. 79

[47] Vgl. Weber, 1998, S. 65

[48] Vgl. Weber,1998, S. 64 f.

[49] Vgl. hierzu Anhang „Regeln für das Arbeiten in der Werkstatt“ auf S. 101

[50] Vgl. hierzu Anhang „Hinweise zum Umgang mit dem Werkstatthefter“ auf S. 102

[51] Vgl. Weber,1998, S. 18

[52] Vgl. Reichen, 1991, S. 62

[53] Ebd.

[54] Vgl. Vester, 2007, S. 112

[55] Aufgrund der Übersichtlichkeit wird im Rahmen dieser Tabelle das Wort Schüler mit „S“ abgekürzt.

[56] Vgl. Klafki, 1963, S. 128 ff.

[57] Vgl. Becker, 2007, S. 174

Details

Seiten
104
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668141964
ISBN (Buch)
9783668141971
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204670
Note
2,0
Schlagworte
Finanzkompetenz Lernwerkstatt Werkstatt

Autor

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Titel: Finanzkompetenz fördern. Eine Lernwerkstatt für Schülerinnen und Schüler ohne Berufsausbildungsverhältnis