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Veränderte Kindheit im Hinblick auf Erziehungsnormen

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Begriff Kindheit

3. Veränderte Kindheit
3.1 Historische Betrachtung von Kindheit
3.2 Heutige Kindheit und Veränderung in der familiären Lebenswelt

4. Veränderte Erziehungsnormen
4.1 Sichtweise nach Michael Winterhoff
4.2 Aktueller Stand der Erziehung nach der forsa – Studie

5. Änderungen in der Schule

6. Fazit

7. Literatur- und Quellenangaben

1. Einleitung

„Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.“ (Sokrates)

Zitate wie dieses lassen sich über die Jahrhunderte immer wieder finden. Offensichtlich hatten Eltern schon immer Probleme mit ihren Kindern, vor allem in Fragen der Erziehung. Und obwohl sich die Bedingungen, in denen Kinder aufwachsen, in jeder Generation stark verändern, scheinen die Probleme immer die gleichen zu bleiben. Es stellt sich also die Frage, wie sich die Kindheit verändert hat und wie Eltern und Lehrer angemessen darauf reagieren können.

In dieser Hausarbeit möchte ich zunächst den Begriff Kindheit klären und dessen historische Entwicklung ab dem Mittelalter nachverfolgen. Anschließend werde ich auf die heutige Bedeutung von Kindheit eingehen, darstellen inwiefern sie sich verändert hat und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Vertiefend betrachte ich den Punkt der Erziehungsnormen im Hinblick auf deren aktuellen Stand. Da Erziehungsratgeber heute sehr populär sind und eine große Rolle spielen, werde ich am Beispiel von Michael Winterhoff eine mögliche Sichtweise auf Erziehungsnormen analysieren. Zum Abschluss versuche ich mögliche Konsequenzen für die Arbeit an Grundschulen zu ziehen.

2. Der Begriff Kindheit

Die Kindheit bezeichnet im Allgemeinen den Altersabschnitt zwischen Geburt und Eintritt der Geschlechtsreife. Es ist primär kein biologischer Begriff, sondern ein gesellschaftlicher, der je nach Gebrauch unterschiedliche Altersstufen umfasst. Die Kindheit wird durch den Wandel der Gesellschaft direkt beeinflusst und unterliegt dadurch stetig veränderten Bedingungen. Man spricht deshalb auch von veränderter Kindheit. Auf diesen Begriff möchte ich im 3. Punkt dieser Hausarbeit konkreter eingehen.

Es gibt keine einheitliche Definition von Kindheit. Die Sichtweisen sind sehr unterschiedlich, weshalb es schwer ist eine deutliche Eingrenzung vorzunehmen. Je nach Epoche und Kontext variiert die Bedeutung. Nach dem französischen Historiker Philippe Ariès wird die Kindheit als „Entdeckung der Neuzeit bezeichnet“. Für den Psychoanalytiker Lloyd de Mause hingegen ist Kindheit ein „evolutionäres Entwicklungsprodukt“. (vgl. Vorlesung Grundschulpädagogik WS 2011/12) Im Folgenden werde ich näher auf die Auffassungen von Ariès und de Mause eingehen.

3. Veränderte Kindheit

3.1 Historische Betrachtung von Kindheit

Den Begriff der Kindheit gibt es nicht schon immer, somit kann man ihn als historische Errungenschaft sehen. Erst in der frühen Neuzeit kam die Erkenntnis, dass Kinder einen anderen Unterricht und eine andere soziale Umwelt benötigen als Erwachsene. Im 19. Jahrhundert entstand die Familie als „warmes Nest“(vgl. Vorlesung Grundschulpädagogik WS 2011/12). Die Bereiche Arbeit und Wohnen wurden voneinander getrennt. Die Frauen wurden vom unmittelbaren Erwerbsleben freigestellt. Dadurch entstand ein familiäres Binnenklima, dessen Merkmale Intimität, Abschottung nach außen und Betonung von Gefühlen waren. (vgl. Knörzer/ Grass/ Schumacher 2007 S.26)

Philippe Ariès befasst sich in seinem Werk „Die Geschichte der Kindheit“ mit der Rolle der Kindheit im geschichtlichen Kontext. Er beginnt dabei mit der Epoche des Mittelalters, danach folgen die Renaissance und die heutige Zeit. Zu diesen Epochen stellte Ariès Thesen auf, welche die soziale Stellung des Kindes in der Gesellschaft verdeutlichen sollten.

Im Mittelalter wurden die Kinder sehr früh in die Gesellschaft integriert und nahmen am Leben der Erwachsenen teil. So wie wir Erziehung heute kennen, fand sie nicht statt. Durch die dominierende kollektive Lebensform im Mittelalter gab es kaum Privatsphäre innerhalb der Familie, die Beziehungen der Familienmitglieder waren nicht so emotional wie heute.

Erst Philosophen und Reformisten in der Renaissance weckten ein Interesse an Erziehung. Ariès beruft sich auf Studien zum französischen Schulwesen: Die Erkenntnis, dass Kinder anderen Unterricht brauchen als Erwachsene kam mit der Gelehrtenschule. Diese entstand aus der Feststellung, dass Kinder einen Reifeprozess durchlaufen müssen. Das Kind sollte nun zur Schule gehen und getrennt von der Gesellschaft aufwachsen. Dadurch bekam die Familie eine andere Bedeutung. Die Schule war nun eine moralische Institution, welche die Aufgabe besaß, das Kind zu bilden und es vor Gewalt oder schädlichen Einflüssen zu schützen. Pädagogen, Moralisten, Kleriker propagierten die Vorstellung vom moralischen Schonraum, dieser sei das Leitbild für die richtige Kindheit. Ariès sah hier kritisch, dass das Kind durch die Schule seine Freiheit verlor und aus der Gesellschaft isoliert wurde. Er kommt zu der Ansicht, dass Kinder ghettoisiert werden. Sie werden aus der Erwachsenenwelt ausgeschlossen um sich moralisch gesund entwickeln zu können.

Heute sieht Ariès einen Wandel, der die Familie zu einer festen, intimen Institution gemacht hat. Die Freiheit des Kindes wird noch mehr eingeschränkt und Erziehung ist heute Grundlage der Gesellschaft geworden. Ariès zieht den möglichen Schluss, dass Familiensinn und Sozialität sich jeweils nur auf Kosten des anderen entwickeln können, jedoch nie gemeinsam. Insgesamt betrachtet, sieht Ariès die Entwicklung der Kindheit negativ. Er ist der Ansicht, dass es den Kindern früher besser ging, als sie noch nicht in einen Schonraum gedrängt wurden. (vgl. Aries 1985/ Vorlesung Grundschulpädagogik WS 2011/12)

Lloyd de Mause wendet sich gegen Ariès´ Meinung, dass Kindheit früher glücklicher gewesen sei: Je weiter man in der Geschichte zurück blickt, desto schlimmere Geschehnisse entdeckt man, beispielsweise wurde Gewalt gegen Kinder unreflektierter gesehen und war nicht durch Gesetze verboten. Für ihn ist die zunehmende Reife der Eltern die zentrale Antriebskraft für einen Wandel hin zum Besseren. Er stellt die Theorie auf, dass beim Umgang der Eltern mit ihren Kindern Probleme aus der eigenen Kindheit reaktualisiert werden. Laut de Mause überwinden Elterngenerationen ihre Ängste und gehen auf ihre Kinder und deren Bedürfnisse ein. Die Probleme der Eltern werden somit immer weniger an den Kindern abgearbeitet. Kinder werden mehr und mehr als eigenständige Wesen wahrgenommen und respektiert.

Kritisch an de Mause wäre zu sehen, dass er nur die Fakten berücksichtigte, die in sein Schema passten. De Mause vertieft sich sehr in die Eltern-Kind-Beziehung, sodass er die Beeinflussbarkeit des Kindes durch den sozialen Wandel außerhalb der Familie vernachlässigt. Kinderarbeit kommt beispielsweise bei de Mause kaum zur Sprache. Er bezieht sich auf die physischen Misshandlungen der Kinder, vergisst aber, dass Eltern auf die Arbeitskraft ihrer Kinder zur Lebenserhaltung angewiesen waren. (vgl. Vorlesung Grundschulpädagogik WS 2011/12)

Während es historisch gesehen vor allem um die Entstehung von Kindheit als solche ging, stehen heutzutage die veränderten Bedingungen von Kindheit im Mittelpunkt, auf welche ich im Folgenden eingehen möchte.

3.2. Heutige Kindheit und Veränderung in der familiären Lebenswelt

Kindheit wird vor allem durch soziostrukturelle Bedingungen geprägt. Dazu zählen demographische und familienstrukturelle Veränderungen.

Zu den demographischen Veränderungen zählt unter Anderem die gesunkene Kindersterblichkeit aufgrund verbesserter hygienischer Bedingungen. Auch die bessere ärztliche Versorgungslage hat hier ihren Einfluss. Der Wohlstand ist zwar im Vergleich zu anderen Ländern groß, aber er ist ungleichmäßig verteilt. Arme Kinder sind dadurch benachteiligt. Im Vergleich zu früher sind die Wohnbedingungen besser geworden. Auch in der Arbeitswelt hat sich vieles verändert. Oft sind beide Elternteile berufstätig und somit herrscht weniger elterliche Anwesenheit. Die Verantwortung für die Erziehung wird somit oft auch ein Stück weit an die Institutionen wie Kindergarten und Schule abgegeben. Die Bildungs- und Berufschancen sind nicht mehr so stark von der gesellschaftlichen Herkunft abhängig. Aber durch die dazu gewonnenen Freiheiten ist auch das Risiko des Scheiterns gestiegen. Durch die Überflussgesellschaft fällt es schwerer sich zu entscheiden. Kinder haben heute mehr Entscheidungsmacht und mehr Handlungsräume. Auch die Rolle der Medien hierbei ist viel stärker geworden. Das Freizeitverhalten hat sich durch die familiäre Situation und die neuen Medien geändert. H. von Hentig spricht beispielsweise von einer „Fernsehkindheit“. ( vgl. Vorlesung Grundschulpädagogik WS 2011/12)

Zum 2. Faktor, den familienstrukturellen Veränderungen zählen beispielsweise die Pluralisierung der Familienformen und der starke Geburtenrückgang. Durch die kleiner werdenden Familien steigt die emotionale Zuwendung der Eltern für jedes einzelne Kind, da die elterliche Aufmerksamkeit mit weniger Geschwistern geteilt werden muss. Allerdings steigt nicht nur die Zuwendung, sondern auch die Erwartungshaltung der Eltern. Weniger Kinder machen Erfahrungen mit einem Geschwisterteil. Die Reduktion der Geschwisterkontakte ist eine veränderte Form der Sozialerfahrung. Durch die Verringerung der Geburtenrate gibt es außerdem mehr erwerbstätige Mütter, wodurch zusätzlich ein Problem mangelnder Betreuungsangebote entsteht. Bedeutsam ist auch der zunehmende Anteil an verschiedenen vielfältigen Familienkonstellationen. Neben der traditionellen Ehepaarfamilie gibt es noch viele weitere Formen der Familie: Durch die Zunahme von Scheidungen und neuen Partnerschaften der einzelnen Elternteile entstehen neuartige Familienformen wie Stieffamilien. Eine erheblich Zunahme findet bei den nicht ehelichen Lebensgemeinschaften sowie bei den Eineltern-Familien statt. Bei Letzteren sind sehr heterogene Strukturen vorzufinden: So gibt es hier Scheidungsfamilien, getrennt Lebenden sowie die von Anfang an ledigen Eineltern- Familien. (vgl. Fölling- Albers 1992)

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Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656315223
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204439
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd
Note
1,0
Schlagworte
veränderte kindheit hinblick erziehungsnormen

Autor

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