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Der Einfluss von collective self-esteem auf die Wirkungsweise des big-fish-little-pond-effects

Empirische Befunde und praktische Anwendungsmöglichkeiten

Seminararbeit 2012 20 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitende Bemerkungen

2. Theoretischer Hintergrund

3. Empirischer Erkenntnisstand
3.1. Studie 1
3.2. Studie 2

4. Schlussfolgerungen für Lehr- und Lernkontexte
4.1. Einordnung und Übertragung der Ergebnisse auf die Schul-Praxis
4.2. Schlussfolgerungen für die Schul-Praxis
4.2.1. Individueller Wert eines Einzelnen für die Gruppe/-nleistung
4.2.2. Zufriedenheit mit der eigenen Gruppe
4.2.3. Zufriedenheit mit dem Ansehen der eigenen Gruppe in den Augen anderer
4.2.4. Einfluss der In-Group auf die eigene Persönlichkeit und Selbstbild

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen:

Beginn des Studentenlebens — erstes Semester — neue Hochschule: Nach der anfänglicher Euphorie für die neue „Welt“ der Universität beginnt gezwungenermaßen äußerst schnell die unmittelbare bewusste oder unbewusste Auseinandersetzung mit den stärksten Seminarbeiträgen der anderen Studierenden. Ein halbes Jahr vorher noch eine(r) der Besten in diversesten Abiturkursen — heute schon lediglich eine(r) unter vielen leistungsstarken Studenten, die, anders als noch der Durchschnitt zumeist in den Abiturkursen, über starkes Interesse und Motivation verfügen. Die Situation, plötzlich nur noch „der kleine Fisch im großen Teich“ zu sein, besitzt in unterschiedlicher Ausprägung einen irritierenden Einfluss auf das vorhandene individuelle akademische Fähigkeitskonzept. Bei weitem nicht ausschließlich an der Universität oder gar nur in schulischen Kontexten — ob bewusst oder unbewusst — jeder wurde schon mit jener psychologischen Theorie konfrontiert, die unter vielfältigen Namen bekannt ist: der Frog-Pond Effekts, Fischteicheffekt oder auch beispielweise Bezugsgruppeneffekt.

Was ist theoretische Bezugsrahmen dieser Theorie? Im weitesten Sinne zumindest steht diese im Zusammenhang mit dem Konstrukt der sozialen Bezugsnorm. In der Lehr-und Lernpsychologie gibt es zahlreiche Gründe, von dieser Abstand zu nehmen und stattdessen die sachliche, bzw. noch präferierter, die individuelle Bezugsnorm im Umgang mit Lernenden anzuwenden. Ein Grund für die übereinstimmende Ablehnung der Wissenschaft dieser Norm ist exakt diese Theorie des Frog-Pond Effekts. Im Zentrum der Leistungsreflexion steht nämlich hier der Vergleich mit der engsten bekannten sozialen Referenzgruppe und nicht die mit den eigenen, vorhergehenden Leistungen, Schwächen und noch verfügbaren Potenzialen zur Steigerung. Doch tatsächlich ist die Anwendung von Bezugsnormen im Schulalltag immer wieder unreflektiert anzutreffen, auch wenn die enormen Schwächen dieser sozialen Bezugsnorm eigentlich weitgehend bekannt sind. Eine Beschäftigung und Weiterführung dieser, im Kern, trivialen Theorie ist daher von großer Bedeutung, um die immer wiederkehrenden Fehler im alltäglichen Lehr-Alltag immer tiefgründiger zu überdenken.

Besonders bedeutsam wird dieser Frog-Pond Effekt, da es um die eine der hauptsächlichsten Begründung geht, warum die Anwendung der sozialen Bezugsnorm abzulehnen ist: das eigene Fähigkeitskonzept wird, abhängig von der jeweiligen eigenen Position in einer starken oder schwachen Bezugsgruppe, signifikant beeinflusst.

Wie bereits einführend deutlich geworden ist, ordnet sich das fokussierte Phänomen in einen bestimmten Theorierahmen ein. Besonders die Erkenntnisse Marsh´s (1984/1987) waren grundlegend für die weitere Forschung, was sowohl die Erkenntnisse, als auch dessen Methodik zur Untersuchung des big - fish -little-pond-effects (BFLPE) betrifft. Im weiteren Verlauf der vorgelegten Arbeit steht zunächst einmal die Erhebung der empirischen Befunde im Mittelpunkt, die die Grundlage fortfolgender Überlegungen bilden. Dabei befinden sich Studien von Buehler/McFarland (1995) im Fokus, die den Einfluss eines Kollektiv-Selbstbewusstseins[1] auf die Verarbeitung von Feedback im Hinblick auf den BFLPE untersuchten. Den Abschluss der Arbeit bilden Anwendungen der gewonnenen Erkenntnisse auf die Praxis der Schule. Dabei liegt der Fokus auf den Prämissen jener sich bestätigenden Hypothesen, die mit dem besseren Umgang mit verschiedenen Arten von Feedback verknüpft sind. Da jene positiv mit dem Vorhandensein eines Kollektiv-Selbstbewusstsein korrelieren, gilt es, Handlungsanweisungen zu formulieren, die genau ein solches Verständnis der Schüler fördern.

2. Theoretischer Hintergrund

Zwei der grundlegenden Studien für jegliche weitere Forschung hinsichtlich dieses Bezugsgruppeneffekts sind jene von Davis (1966): “The campus as a frog pond: An application of the theory of relative deprivation to career decisions of college men” und von Herbert W. Marsh und John W. Parker (1984): “Determinants of student self-concept: Is it better to be a relatively large fish in a small pond even if you don't learn to swim as well ?” Haupterkenntnis dieser Studien ist es, dass sich der Besuch von Schulen, die den Anspruch besitzen, höhere Fähigkeiten auszubilden bzw. deren Schüler aus sozioökonomisch starken Bevölkerungsschichten entstammen, statistisch gesehen signifikant negativ sowohl auf das akademische Selbstkonzept, als auch auf die tatsächliche akademische Fähigkeit bzw. Leistung auswirkt (Marsh/ Parker, 1984). Allein die Tatsache, dass Marsh/Parker zwar aus psychologischer Perspektive zur Schlussfolgerung gelangen, dass die im Forschungstitel gestellte Hypothese sich verifiziert, in allerletzter Konsequenz aber aus bildungspolitischer Sicht durch all die moderierenden anderen Faktoren nicht eindeutig postulieren können, ob eine leistungsstärkeres- oder schwächeres Umfeld zu bevorzugen sei (Marsh et al., 1984, S. 230), zeigt, dass in der Folge erheblicher weiteren Forschungsbedarf entstehen sollte.

Zum einen erweiterte Marsh selbst diese Theorie, indem er das effektiv höhere Schulnotenniveau an sozio-ökonomisch niedrigeren bzw. leistungsschwächeren Schulen als moderierenden Faktor seines BFLPE ermitteln konnte (Marsh, 1987). Außerdem erwiesen die Studien aus den Jahren 2003 und 2006 von Marsh/ Tracey/Craven, dass sich der Leistungsvergleich in einer heterogenen Lerngruppe negativer auf akademisch benachteiligte Schüler auswirkt als auf jene, die in homogenen, leistungsschwächeren Lerngruppen ihren Bezugsrahmen besitzen.

Zum anderen umfasst diese grundlegende Theorie, gerade weil sie zunächst erst einmal derartig weit formuliert ist, einen äußerst weiträumigen Raum vertiefender psychologischer Konstrukte, sodass auch andere Autoren die basierenden Annahmen auf andere Art und Weisen untersuchten, bzw. andere moderierende Einflüsse untersuchten. Die Studie “Mere Categorization and the Frog-Pond Effect” von Alicke/Zell/Bloom (2010) ist ein sehr gutes Beispiel für die zahlreichen Folgestudien, die das Ziel besaßen, den sogenannten Fischteicheffekt noch allgemeingültiger und präziser zu verifizieren. Die Probanden agierten in einem Test als menschliche Lügendetektoren und erhielten in der Folge ein verfälschtes Ergebnis. Ohne Wissen um die Ergebnisse der anderen Probanden wurde jeweils der Hälfte mitgeteilt, den fünften Platz in einer Zehner-Gruppe belegt zu haben, der anderen Hälfte den sechsten Platz. Manche der Fünftplatzierten erhielten zusätzlich die Information, quasi in einer aus fünf Personen bestehenden „Unter-Gruppe“ dieser 10, jeweils den letzten Platz in der besseren der beiden, bzw. die Sechstplatzierten den ersten Platz der besseren Unter-Gruppe belegt zu haben. Es zeigte sich, dass der Unterschied zwischen den Selbsteinschätzungen der Probanden mit der zusätzlichen 5er-Gruppen-Information zwischen den Erst- und Letztplatzierten signifikant größer war als die Differenz in der Selbsteinschätzung zwischen jeden Probanden, die lediglich Kenntnis über die Mittelfeldränge 5 und 6 in der 10er-Gruppe verfügten.

Wie erwähnt, existiert eine lange Reihe vertiefender Forschungen zu den moderierenden Faktoren dieses Bezugsgruppeneffekts. Während sich einige Untersuchungen mit institutionellen Rahmenbedingungen, wie dem genannten differierenden Schulnotenniveau, beschäftigen, konzentrieren sich andere auf weitere individuelle psychologische Charakteristika der Probanden.

So auch Cathy McFarland und Roger Buehler, die in ihrer gemeinsamen Arbeit „ Collective self-esteem as a moderator of the frog-pond effect in reactions to performance feedback” (1995) vier ähnliche, aber in ihrem exakten Zielen differenten, Studien zusammenfassten. Jede dieser vier darin vorgestellten Studien beschäftigt sich mit dem Einfluss des Kollektiv-Selbstbewusstseins auf verschiedene Arten von Feedback. Wie bei anderen Studien in dieser Forschungsrichtung ebenfalls, interessiert es hierbei besonders, wie Individuen reagieren, wenn sie gutes Feedback in einer schlechten In-Group bzw. schlechtes Feedback in einer leistungsstarken Gruppe im Vergleich zu einer anderen erhalten.

Um die folgenden Ausführungen zu den beiden Studien wirklich exakt verstehen zu können, ist die Betrachtung dieser Variable des collective self-esteem von großer Bedeutung. Übersetzt man diese Formulierung ins Deutsche, erhält man etwas wie „Kollektiv-Selbstbewusstsein“. Sowohl Forschende, die sich mit Minderheiten beschäftigen, als auch Sozialpsychologen verwenden eine möglichst valide Operationalisierung dieses Begriffs die Mitgliedschaftssubskala von Luhtanen und Crocker (1992). Erst durch die genauere Betrachtung der genauen Indikatoren dieser vier Subskalen wird deutlich, was collective self-esteem genau meint und worin dabei eine Verbindung zum Bezugsgruppeneffekt herzustellen ist.

1) Membership misst die Wahrnehmung des Individuums hinsichtlich seines Werts als Mitglied einer sozialen Gruppe.
2) Die Subskala Private misst die persönliche Zufriedenheit ein Mitglied der eigenen Gruppe(n) zu sein.
3) Public misst die Reflexion des Gruppenmitglieds, wie andere die eigene Gruppe wahrscheinlich sehen.
4) Identity misst den selber wahrgenommen Einfluss der Gruppenzugehörigkeit auf die eigene Persönlichkeit, bzw. auf das eigene Selbstbild.

Basierend auf dieser Definition dessen untersuchten Buehler und McFarland den Einfluss des collective self-esteem auf unterschiedliche Arten von Feedback nach einem ähnlichen experimentellen Ablauf einiger klassischer Studien zum Frog-Pond Effekt .

3. Empirischer Erkenntnisstand

Da durch die vorangegangenen Studien der damals letzten Jahre bereits erwiesen war, wie sich diese einfache randomisierte Zuweisung auf akademische Selbstkonzepte auswirkt (Marsh et al. 1984, 1987), standen in den folgenden Jahren die Präzisierung von Aussagen über sämtliche moderierende Faktoren, bzw. in diesem Fall über das „Innenleben“ der Individuen im Fokus der Forschung. Im Hinblick auf das im Vorfeld erläuterte collective self-esteem ist es die erste Arbeit, die untersucht, wie sich das stärkere bzw. schwächere Vorhandensein eines solchen bei unterschiedlichen Arten von Feedback auf Selbstkonzepte und die eigene Evaluation auswirkt.

[...]


[1] Siehe Skalen zum collective self-esteem (Crocker/Luhtanen, 1992) auf S. 4f.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656306573
ISBN (Buch)
9783656306726
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204413
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie
Note
1,3
Schlagworte
Big fish little pond Fischteicheffekt collective self-esteem Bezugsgruppeneffekt Marsh Parker Buehler McFarland Alicke Zell

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Titel: Der Einfluss von collective self-esteem auf die Wirkungsweise des big-fish-little-pond-effects