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Islamischer Religionsunterricht und islamische Religionspädagogik

Ein Überblick über Hintergründe, Entwicklung und Inhalte

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Überblick über die Situation und die Problematiken der islamischen
religiösen Erziehung in Deutschland

II.I Die Ausgangslage: Koranschulen und außerschulischer Religionsunterricht
II.II Der Pädagogenmangel
II.III Sinn und Zweck eines Religionsunterrichts an staatlichen Schulen

III. Islamische Theologie an deutschen Universitäten
III.I Das Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen
III.II Interreligiöser Dialog
III.III Der 100jährige Vorsprung: Die Situation unserer Nachbarn in Österreich

IV. Der islamische Religionsunterricht
IV.I Die Lehrer
IV.II Inhalte des islamischen Religionsunterrichts

1. Die Grundlagen der islamische Religionspädagogik
2. Material und Lehrpläne
3. Die Wahl der Bücher
4. Kritik

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Als erstes Bundesland führt Nordrhein-Westfalen mit Beginn des neuen Schuljahres den islamischen Religionsunterricht an Grundschulen ein.“[1] – So unterschreibt ein Artikel über das neue Islam-Schulbuch und den Beginn einer neuen Ära seine Überschrift. Denn endlich ist das eingetroffen, worauf viele Politiker, Gesellschaftswissenschaftler und Repräsentanten der muslimischen Organisationen schon seit langem gewartet haben: An deutschen Schulen wird ein als geeignet angesehenes Modell des islamischen konfessionsgebundenen Religionsunterrichts eingeführt. Das bevölkerungsreichste Bundesland der Republik soll hier den Vorreiter spielen. Der Weg bis hierher war lang, doch er ist noch lange nicht bis zum Ende beschritten; dessen sind sich die meisten Beteiligten wohl bewusst.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Hintergründen der Problematik „Islamischer Religionsunterricht“ und „Islamische Religionspädagogik“ sowie dem direkt damit im Zusammenhang stehenden neuen Studienfach „Islamische Theologie“ in Deutschland. Ich versuche, die Situation der religiösen Erziehung der Muslime in Deutschland sowie deren Hintergründe und Entwicklungen darzulegen und einen Einblick zu geben in die Komplexität und die Schwierigkeiten, ein geeignetes Modell für alle muslimischen Schülerinnen und Schüler zu entwickeln.

Die Schwierigkeit bei der Behandlung dieser Themen auf breiter Basis liegt zum einen in der Ungenauigkeit der Zahlen und Fakten: Es herrscht seit dreißig Jahren eine ewige Ungewissheit, wie viele Koranschulen es in Deutschland gibt, wie viele von ihnen wirklich als solche bezeichnet werden können und wer die Betreiber sind. Zum anderen sind die Angaben und Untersuchungen zur islamischen Religionspädagogik von ihrer Zahl her relativ dürftig und außerdem oft veraltet. Ali Özgür Özdil schreibt hierzu: „Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten auch ein enormer Wandel in den islamischen Gesellschaften (nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland) vollzogen hat, halten die zahlreichen Artikel zum Koranunterricht mit dieser Entwicklung nicht mit. Vielmehr finden sich die gleichen Quellen in neuen Artikeln in reproduzierter Weise wieder, ohne die Stütze eigener und aktueller wissenschaftlicher Untersuchungen.“[2]

Was die Quellen betrifft, so muss man in größerem Maße auf Zeitungsartikel zurückgreifen, was bei zeitgenössischen, gesellschaftlichen Themen unumgänglich ist. Doch nichtsdestotrotz finden sich einige nützliche Werke, die uns entweder ein breiteres Sichtfeld auf die Muslime der westlichen Welt eröffnen – wie z.B. Jytte Klausens Untersuchungen zu „Europas muslimischen Eliten“ (2006) – oder detaillierte Fakten zum besten geben wie etwa Ali Özgür Özdils Aufsatz „Islamische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland“ (2004). Unverzichtbar sind auch die Bücher der „Reihe für Osnabrücker Islamstudien“, die von Bülent Ucar herausgegeben werden. Die darin enthaltenen Beiträge geben verschiedenste Einblicke in die Welt der islamischen Religionspädagogik.

II. Überblick über die Situation und die Problematiken der islamischen religiösen Erziehung in Deutschland

II.I Die Ausgangslage: Koranschulen und außerschulischer Religionsunterricht

Um die grundlegende Ausgangssituation des zurzeit entstehenden Religionsunterrichts vollständig zu klären, sollten wir einen Blick werfen auf die gesamte Entwicklung – von den Koranschulen über erste Versuche, den Religionsunterricht zu koordinieren und für die breite Masse der muslimischen Kinder und Jugendlichen zugänglich zu machen, bis hin zur heute in einem Großteil der Bundesländer erteilten „Islamkunde“ oder dem „religionskundlichen Islamunterricht“.

In seinem Aufsatz „Islamische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland“ (2004) stellt Ali Özgür Özdil einige private Bildungseinrichtungen heraus, die zu dieser Zeit schon islamischen Religionsunterricht durchgeführt haben. Zu ihnen gehörten z.B. die staatlich anerkannten islamischen Grundschulen in Berlin und München, die Islamische Wochenendschule in Stuttgart, die König-Fahd-Akademie Bonn, das Institut für Islamische Bildung und einige andere. Gleichzeitig wurde außerdem in mehr als 2.000 Moscheen und Gebetshäusern islamischer Religionsunterricht erteilt.

Bei näherer Betrachtung muss man unterscheiden zwischen sogenannten „Koranschulen“ und sonstigem Religionsunterricht. Lange Zeit war die religiöse Erziehung der Muslime auf die Moscheen und Kulturvereine beschränkt, d.h. es gab keine staatlichen Lehrpläne und jede muslimische Gemeinde war mehr oder weniger frei in der Wahl ihrer Pädagogen.

Koranschulen haben über längere Zeit ein äußerst negatives Image erworben. Woran das unter anderem liegt, erklärt Hasan Alacacıoğlu in seiner Studie „Außerschulischer Religionsunterricht für muslimische Kinder und Jugendliche türkischer Nationalität in NRW“ (1999). Dabei stellt er den Katechismus in den Vordergrund. Der Katechismus bestimme „eindeutig die Ziele und Inhalte des Religionsunterrichts sowie das didaktische Vorgehen. Die Aussagen des Katechismus gelten als unhinterfragbar und werden von den Schülern in den didaktischen Formen des Memorierens und der Textanalyse nahe gebracht. Dieses Verständnis des Religionsunterrichts hat ebenso weitreichende Auswirkungen auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis: Der Lehrer gilt hier als Verkünder der Wahrheiten des Katechismus, der Schüler als jemand, der zu diesen Wahrheiten geführt werden muss.“[3]

Problematisch beim außerschulischen Religionsunterricht war die Einigung auf eine bestimmte Sprache: Während türkische Organisationen wie DITIB (vom türkischen Staat getragen) oder Milli Görüş (getragen von der radikalislamischen Saadet Partisi ) einen Unterricht in türkischer Sprache forderten und durchführten, verlangten andere islamische Dachverbände einen unabhängigen Islamunterricht, der auf deutscher Sprache für alle Muslime zugänglich war.[4] Angesichts der türkischen Mehrheit innerhalb der muslimischen Bevölkerung in der Bundesrepublik sollten die Mitglieder anderer Minderheiten wie z.B. der Bosnier oder der Kosovo-Albaner nicht vergessen werden. Unterricht auf Deutsch würde den Zugang für alle Muslime ermöglichen.

Das Interesse der Öffentlichkeit hat sich seit den 1990er Jahren von den unbekannt erscheinenden Koranschulen verlagert auf den islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Auch in der Politik wuchs das Interesse am Thema Islamischer Religionsunterricht. Die Strategie, auf die man sich festlegte, bezweckte ein Herausholen der Muslime aus ihren „Hinterhofmoscheen“[5]. In einigen Bundesländern gab es bereits die sogenannte „Islamkunde“. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise wurde seit 1986 eine „Islamische Unterweisung“ im Rahmen des Herkunftssprachlichen Unterrichts erteilt, der auch bis ins
21. Jahrhundert hinein existierte: „An dem entsprechenden Unterricht in albanischer, arabischer, bosnischer und türkischer Sprache nehmen im Schuljahr 2009/2010 mehr als 63.500 Schülerinnen und Schüler teil.“[6] Seit 1999 existierte hier zudem der Schulversuch „Islamkunde in deutscher Sprache“, der als „religionskundliches Angebot ohne Verkündungscharakter“[7] angeboten wurde. Es handelte sich also nicht um einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht, wie ihn etwa katholische oder evangelische Schüler erhielten. Den Ansprüchen sowohl der muslimischen Bevölkerung als auch der staatlichen Seite genügte dies nicht mehr.

Ali Özgür Özdil beschreibt die Forderungen diverser islamischer Dachverbände nach einem konfessionellen Religionsunterricht an deutschen Schulen, der den gleichen Rang einnehmen sollte wie der schon lange existente evangelische oder katholische Religionsunterricht. Obwohl sich auch die Parteien und Kirchen für das gleiche Ziel eingesetzt hätten, wäre man nicht so recht voran gekommen: „Trotzdem wird noch in keinem Bundesland islamischer Religionsunterricht in befriedigendem Maße praktiziert, was einerseits rechtliche und andererseits organisatorische und finanzielle Gründe hat“,[8] schreibt der türkische Islamwissenschaftler und Religionspädagoge noch im Jahr 2004.

Während vereinzelte Stimmen diese Neuerung mit der populistischen Begründung vehement ablehnten, diese Maßnahme würde die „Islamisierung“ Deutschlands vorantreiben, enthält die Masse der weit vertretenen Meinungen der meisten politischen Institutionen und Kirchen einen durchaus positiven Tenor. Es kam langsam Bewegung in die Sache. Der islamische Religionsunterricht erfuhr schon in seinen Anfängen große Unterstützung. Auch die Deutsche Islamkonferenz, die unter dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble initiiert wurde, sprach sich schon in ihrem zweiten Jahr (2008) für einen flächendeckenden Islamunterricht in ganz Deutschland aus, doch erweist es sich auf allen Ebenen als eine große Herausforderung, sich auf elementare Dinge wie etwa die Inhalte des Lehrplans zu einigen.

II.II Der Pädagogenmangel

Als grundlegende Problematik – neben den Sprachschwierigkeiten – kam sowohl in den Koranschulen als auch beim Religionsunterricht allgemein seit jeher die des Lehrpersonals hinzu. Moscheegemeinden werden zurzeit größtenteils durch ausländische Imame betreut, die normalerweise für die Dauer von vier Jahren nach Deutschland kommen und dann in ihr Ursprungsland zurückkehren.

Aus muslimischer Perspektive ist dies problematisch, da erneut nicht alle, sondern nur eine bestimmte (ethnische) Gruppe von Gläubigen befriedigend versorgt werden kann. Die Türken in Deutschland werden von Geistlichen betreut, die vom türkischen Staat durch die Diyanet, die Abteilung für religiöse Angelegenheiten, entsandt werden, meist ein Visum für vier Jahre erhalten und vom türkischen Staat ein Gehalt bekommen.[9] Araber werden durch saudische Imame versorgt. Bosnier oder Tadschiken jedoch sind hier wieder außen vor. Außerdem hat die Beanspruchung islamischer Gelehrter aus dem Ausland noch andere praktische Nachteile: Sie sprechen in der Regel kein Deutsch und kennen sich weder in Deutschland noch in ihrer nichtmuslimischen Umgebung aus. Es ist ihnen nahezu unmöglich, für die Dauer von vier Jahren genügend Verständnis für ihre deutsche Lebensumwelt aufzubringen, um ihren Gläubigen auch im Alltag den benötigten Beistand leisten zu können.

Von deutscher staatlicher Seite stellt die Situation jedoch eher eine politische Problematik dar: Geistliches Personal aus dem Ausland birgt auch die Gefahr, dass unerwünschte politische Grundhaltungen und Ideologien in die Moscheen und somit auch in die Unterrichtsräume muslimischer Kinder gelangen, z.B. durch wahhabitisch geprägte Imame aus Saudi-Arabien oder Lehrer der rechtsextremen türkischen Bozkurt-Bewegung („Schwarze Wölfe“).

Erwähnenswert ist an dieser Stelle der salafistische Prediger Ibrahim Abou-Nagie, der vor allem durch seine Koranverteilaktionen bekannt wurde. Der gebürtige Palästinenser hat laut Verfassungsschutz selbst „keinerlei islamtheologische Ausbildung“ genossen. Dennoch lehrt er an verschiedenen Moscheen in Deutschland und hält deutschsprachigen Religionsunterricht für Kinder und Jugendliche. Abou-Nagie verkörpert exemplarisch die Angst der deutschen Behörden vor der unkontrollierten Verbreitung extremistischer Ansichten, die außerhalb des staatlichen Schulsystems nur schwer zu kontrollieren ist: Der Salafist vertritt eine sehr radikale Auslegung der islamischen Lehren und befürwortet den Märtyrertod, die Steinigung von Ehebrechern und andere fundamentalistische Ansichten.

Aus staatlicher und behördlicher Sicht steht dem Fehlen einer in Deutschland ausgebildeten Elite von islamischen Religionslehrern also ein nahezu unkontrollierbares extremistisches Potenzial in Form von inkompetenten, oftmals selbsternannten Predigern gegenüber, das die Schaffung staatlich geförderter und kontrollierter Lehreinrichtungen unumgänglich macht.

[...]


[1] Ulrike Hummel: Islam im Schulbuch – eine Herausforderung (Qantara.de, 21.08.2012)

[2] Ali Özgür Özdil: Islamische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland , in: Hans-Martin Barth, Christoph Elsas (Hrsg.): Religiöse Minderheiten. Potentiale für Konflikt und Frieden. (E.B. Verlag, Hamburg 2004, S. 205-212)

[3] Hasan Alacacıoğlu: Außerschulischer Religionsunterricht für muslimische Kinder und Jugendliche türkischer Nationalität in NRW. Eine empirische Studie zu Koranschulen in türkisch-islamischen Gemeinden. (LIT-Verlag, Münster 1999, S. 255)

[4] Ali Özgür Özdil: Islamische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland , in: Hans-Martin Barth, Christoph Elsas (Hrsg.): Religiöse Minderheiten. Potentiale für Konflikt und Frieden. (E.B. Verlag, Hamburg 2004, S. 205-212)

[5] Der Begriff „Hinterhofmoschee“ hat sich im volkstümlichen Sprachgebrauch eingebürgert, ist jedoch weder eine offizielle Bezeichnung noch wird er von muslimischen Migranten verwendet. Der Begriff beschreibt einen Gebetsraum, der ursprünglich einem anderen Zweck diente und zur Moschee umfunktioniert wurde.

[6] Informationsseite zur Islamkunde (Islamische Unterweisung) auf der Website des nordrhein-westfälischen Schulministeriums.

(URL: http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Unterricht/Faecher/Islamkunde; Stand 09.10.2012)

[7] ebd.

[8] Ali Özgür Özdil: Islamische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland , in: Hans-Martin Barth, Christoph Elsas (Hrsg.): Religiöse Minderheiten. Potentiale für Konflikt und Frieden. (E.B. Verlag, Hamburg 2004, S. 205-212)

[9] Jytte Klausen: Europas muslimische Eliten – Wer sie sind und was sie wollen (Campus Verlag, Frankfurt am Main 2006,
S. 147)

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656310389
ISBN (Buch)
9783656310471
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204396
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Asien-Orient-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Islamischer Religionsunterricht Islamische Religionspädagogik

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Titel: Islamischer Religionsunterricht und islamische Religionspädagogik