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Ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau

Hausarbeit 2010 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das vermeintliche Paradies unter Wasser

3. Unsterbliche Liebe auf den ersten Blick

4. Die Entscheidung

5. Endlich glücklich

6. Die kleine Meerjungfrau und Hans Christian Andersen

7. Fazit

1. Einleitung

Wie naiv und einfältig muss jemand sein, das eigenes Leben zu opfern? So könnte man sich nach der Lektüre des Märchens Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen verwundert fragen. Warum wählt die junge Prinzessin den äußerst schmerzvollen Weg, ein Mensch zu werden? Und vor allem: Warum tauscht sie ihr für dreihundert Jahre andauerndes, also beinahe unendliches Leben im paradiesischen Königreich unter Wasser gegen ein sterbliches Dasein, nur um einem hübschen Prinzen nahe zu sein, der zu allem Überfluss eine ganz andere liebt?

Es sind das sensible Wesen der kleinen Meerjungfrau, eine nicht zu brechende Hoffnung auf eine bessere Welt und eine tiefe Liebe, die das junge Mädchen zu dieser Entscheidung und letztendlich zu ihrem Ende führen. Psychologisch wunderbar einfühlsam und nachvollziehbar beschreibt Andersen den Lebens- und Leidensweg der jungen Nixe, die ihr Leben und vor allem sich selbst völlig aufgibt. So wenig verständlich ihr Tun und Handeln für viele wirken mag - so romantisch, bemitleidenswert und gleichzeitig bewundernswert scheint der Wille der kleinen Meerjungfrau und der stete Glaube an ein besseres Leben und an die Liebe in der heutigen Welt.

Die kleine Meerjungfrau, die die Begeisterung ihrer Schwestern für die Welt unter Wasser und deren grundlegende Zufriedenheit überhaupt nicht teilen kann, sehnt sie sich nach einer anderen Welt; nach der Welt der Menschen. Ihr größter Wunsch ist es, wie die Menschen eine sterbliche Seele zu haben; also jeden Tag genießen zu können, als wäre es der letzte. Nahezu qualvoll scheint sie auf ihren fünfzehnten Geburtstag zu warten – der Tag, an dem die Prinzessinnen aus dem Meer auftauchen und sich ein Bild der Menschenwelt machen dürfen. Als es endlich so weit ist, verliebt sich die kleine Meerjungfrau sofort unsterblich in einen jungen Prinzen, der seinen Geburtstag auf einem Schiff feiert. Nach einem Schiffsbruch rettet sie das Leben des Prinzen und bringt ihn an Land. Von da an hat das Verlangen und die Sehnsucht der Nixe, ein Mensch zu sein, größtmögliche Dimensionen angenommen. Voller Unglück, Sehnsucht und Liebeskummer begibt sie sich auf den Weg zur Meerhexe, mit der sie einen Vertrag schließt: Um auf äußerst schmerzvollem Weg ein Mensch zu werden, muss die kleine Meerjungfrau einen von der Hexe gebrauten Trank trinken. Lohn hierfür ist die Zunge der Prinzessin. Das Gebräu wirkt, statt der Schwanzflosse wachsen der Meerjungfrau wunderschöne Beine und auch wenn ihr jeder Schritt unendliche Qualen und Schmerzen bereitet, ist sie so glücklich wie noch nie. Der junge Prinz nimmt sich ihrer an und obwohl die Prinzessin sich ihm nicht mitteilen kann, entsteht ein inniges Verhältnis zwischen den Beiden.

Doch es ist nicht die Prinzessin, die der Prinz liebt. Er hegt eine innige Liebe zu dem Mädchen, das ihn nach dem Schiffsbruch an Land gefunden hat und das er fälschlicherweise für seine Retterin hält. Stumm muss nun diejenige, die ihr altes Leben für ihre große Liebe aufgab und die täglich Höllenschmerzen für ihre Entscheidung erleiden muss, mit ansehen, wie der Königssohn schließlich die lang Gesuchte findet und heiratet. Bis zum Ende macht sie gute Miene zum bösen Spiel und entscheidet sich selbst im Angesicht ihres eigenen Todes gegen einen Mord am Prinzen – die einzige Möglichkeit, wieder zur Meerjungfrau zu werden und am Leben zu bleiben. Die Tatsache, dass der Prinz einer anderen Frau das Jawort gibt, besiegelt den Tod der Prinzessin. Für sie existiert keine Möglichkeit mehr, eine unsterbliche Seele zu erlangen und auch die Chance, wieder als Meerjungfrau ein zeitloses Dasein zu fristen, gibt es nicht.

Zwar stirbt sie nicht, sondern lebt als Luftgeist weiter; was allerdings keinen wirklichen Trost für sie darstellt.

Schon immer melancholisch, in sich zurückgezogen und nachdenklich wird die kleine Meerjungfrau selbst nach kompletter Selbstaufgabe nicht vollkommen glücklich. Ihre Hoffnung, als Mensch eine unsterbliche Seele zu erhalten, wird nicht erfüllt. Trotzdem wirkt die kleine Prinzessin auf eine bestimmte Art dankbar für das Erlebte. Sie akzeptiert ihre Situation und gibt sich sogar ihrem eigenen Tod bewusst hin.

Auch wenn das Märchen nicht mit einem Happy End im traditionellen Sinne endet, so steht es doch für unendlichen Glauben an Besserung, (wenn auch nur teilweise) erfolgreiches Drängen nach Glück und starken Optimismus. Die Meerjungfrau scheint trotz dem Scheitern der Liebe und unendlicher Verzweiflung glücklich über die Zeit, die sie mit dem Prinzen verbringen durfte; auch wenn es für sie eine Tortur gewesen sein musste. Sie konnte wenigstens für kurze Zeit ihrer großen Liebe nahe sein. Obwohl gezwungen, leidvoll mit ansehen zu müssen, wie der über alles Geliebte schließlich eine andere zur Frau nimmt, hält die kleine Meerjungfrau nichts in ihrer alten Welt. Nie bereut sie, diese für sie so schwerwiegende Entscheidung getroffen zu haben.

Die Hoffnung stirbt nun mal zuletzt.

2. Das vermeintliche Paradies unter Wasser

Um die Entscheidung der kleinen Meerjungfrau, ein Mensch werden zu wollen, nachzuvollziehen, muss man erst verstehen, in was für einer Welt sie lebt und was sie so schmerzlich an ihrem jetzigen Dasein vermisst.

Hans Christian Andersen entführt den Leser gleich zu Beginn seines Märchens Die kleine Meerjungfrau in die wunderbare Unterwasserwelt des Meeres. In allen Einzelheiten und ihrer vollen Pracht werden Farben, Pflanzen und Bewohner des Meeresgrundes beschrieben. Die äußerst anschaulichen Schilderungen versetzen den Leser sofort in eine wundervolle Traumwelt; er sieht förmlich diese „wunderlichsten Bäume und Pflanzen“[1], den herrlichen Palast des Seekönigs und fühlt sich in die beinahe mystische Ruhe und Idylle, die dieser Ort ausstrahlt, hinein versetzt.

Doch bei intensiverer Lektüre stechen die zahlreichen Vergleiche der Welt unter Wasser mit der an Land ins Auge und machen die Sehnsüchte der kleinen Meerjungfrau nach einem Leben in der Welt der Menschen verständlich.

Ein scheinbar glückliches Leben führen die Prinzessinnen unter Wasser; sie haben alles, was sie brauchen. Bis auf die Jüngste sind alle zufrieden und fühlen sich wohl. Ein derartiges Verlangen und tiefe Sehnsucht nach der Menschenwelt hegt allein die jüngste der Meerjungfrauen.

Nur sie stellt die Idylle, in der sie lebt, in Frage. Was ihr vor allem fehlt, ist jegliches Gefühl von familiärer Geborgenheit und Liebe. Die kleine Meerjungfrau wächst als Halbwaise auf, ihre Mutter ist früh gestorben. Doch auch ihr Vater, der Meereskönig, übernimmt keinerlei Vaterrolle, es ist nie von einem Kontakt zwischen dem Vater und seinen Töchtern die Rede. So ist zu erwarten, dass es die Großmutter ist, zu der sich die kleine Meerjungfrau emotional hingezogen fühlt, zu der sie Vertrauen aufbauen und deren Liebe sie sich gewiss sein kann. Doch auch diese Beziehung lässt an Herzlichkeit, Intimität und Vertrauen zu wünschen übrig. Die Mutter des Meereskönigs wird als sehr klug beschrieben. Sie ist sehr auf höfische Etikette bedacht und wirkt äußerst hochmütig und anmaßend, wenn sie zum Zeichen ihres Standes als einzige der Meeresbewohner zwölf statt wie die anderen Vornehmen sechs Austern an ihrem Schwanz trägt.[2] Dass „sie die kleinen Meerprinzessinnen so liebte“[3], zeigt zwar eine gewisse Fürsorge ihrer Familie gegenüber; wirkt allerdings durch die zur Schau gestellte Eitelkeit nicht wie ehrliche, herzliche Liebe, sondern eher wie die Beruhigung eines lästigen Pflichtgefühls.

So stellt auch die Großmutter keine wirkliche Bezugsperson für die Jüngste der Prinzessinnen dar. Diese bleibt einsam und sehnt sich weiterhin unendlich nach Liebe und Geborgenheit. Von Anfang an beschreibt Andersen ihr tiefes Verlangen nach der Welt der Menschen. Ein sehr anschauliches Indiz hierfür ist die Statue der kleinen Meerjungfrau im Garten des Schlosses. Jede der Prinzessinnen hat ein kleines Beet, das sie ganz nach ihren eigenen Vorlieben und Wünschen gestalten kann. Während die älteren Schwestern ihren kleinen Garten ausschließlich mit Gegenständen und Symbolen aus der ihnen vertrauten Welt bepflanzen und dekorieren – so pflanzt die eine ihre Blumen in der Form eines Walfisches[4] – ist es das Marmorstandbild eines „hübsche[n] Knabe[n]“[5], das die kleine Meerjungfrau fasziniert und das sie später in wahrhaftiger Gestalt des jungen Prinzen wieder finden wird.

Fast noch deutlicher zeigt sich ihr tief im Unterbewusstsein verankertes Verlangen nach Wärme in der Tatsache, dass sie nur rote Blumen pflanzt; vermittelt doch gerade diese Farbe ein besonderes Gefühl von Wärme und Geborgenheit.[6] Besonders bemerkenswert ist, dass sie ihr Beet „ganz rund wie die Sonne“[7] anlegt. In dieser Sehnsucht nach der Sonne, Symbol für Licht und Wärme, komprimiert sich das ganze Verlangen der kleinen Meerjungfrau nach einem anderen Leben, einem Leben voller Emotionen, Gefühle, Intimität; kurz nach der Welt der Menschen an Land. Nicht nur die physikalisch sicht- und fühlbaren Effekte der Sonne vermisst das junge Mädchen. Vor allem die emotionalen Erlebnisse, die ihnen gleichen - verkörpert durch Nächstenliebe, Geselligkeit und Verständnis - muss die kleine Meerjungfrau in der Welt unter Wasser vermissen. Mit ihrem Licht und ihrer Wärme, nach der sich die kleine Meerjungfrau so sehr sehnt, ist die Sonne „Symbol des Lebens, [sie] lässt sich dem Leben gleichsetzen.“[8] Bemerkenswert wird hier also die Sonne eingesetzt, um die Sehnsüchte der Prinzessin nach einem richtigen – wenn auch sterblichen – Leben deutlich zu machen.

[...]


[1] Andersen, Hans Christian: Sämtliche Märchen in zwei Bänden. Erster Band, vollständige Ausgabe, aus dem Dänischen von Thyra Dohrenburg, mit einem Nachwort, Anmerkungen und einer Zeittafel herausgegeben von Heinrich Detering, Düsseldorf/Zürich 2005, S. 81.

[2] Vgl.: Ebd., S. 82.

[3] Ebd.

[4] Vgl.: Ebd.

[5] Ebd., S. 83.

[6] Vgl.: Michelmann, Judith: Art. 'Rot'. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole, hrsg. von Günter Butzer und Joachim Jacob, Stuttgart/Weimar 2008, S. 305.

[7] Andersen, Hans Christian: Sämtliche Märchen in zwei Bänden, S. 82.

[8] Sinn, Christian: Art. 'Sonne'. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole, hrsg. von Günter Butzer und Joachim Jacob, Stuttgart/Weimar 2008, S. 354.

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656305248
ISBN (Buch)
9783656306641
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204350
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Institut für Literaturwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Hans Christian Andersen Kunstmärchen Märchen Die kleine Meerjungfrau

Autor

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Titel: Ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau