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Zukunftperspektiven in Heinrich Heines "Deutschland ein Wintermärchen"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Heine und der Kommunismus: ist Heines Zukunft kommunistisch?

2. Zukunftsperspektiven in Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen
2.1. Deutschland als Nährboden für Poesie
2.2. Konstruktivität statt Destruktivität
2.3. Mündigkeit und Wahrhaftigkeit statt und Unterwürfigkeit und Heuchelei
2.4. Utopien statt Dystopien
2.5. Bewegung und Dynamik statt Stillstand und Statik
2.6. Genießen statt Leiden
2.7. „Die Tat von deinem Gedanken“

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Hierin, und in noch manchen anderen Dingen, unterscheiden wir uns von den Männern der Revolution. Wir wollen keine Sansculotten sein, keine frugalen Bürger, keine wohlfeile Präsidenten; wir stiften eine Demokratie gleichherrlicher, gleichheiliger, gleichbeseligter Götter. Ihr verlangt einfache Trachten, enthaltsame Sitten und ungewürzte Genüsse, wir hingegen verlangen Nektar und Ambrosia, Purpurmäntel, kostbare Wohlgerüche, Wollust und Pracht, lachenden Nymphentanz, Musik und Komödien, – seid deshalb nicht ungehalten, ihr tugendhaften Republikaner! Auf eure zensorischen Vorwürfe entgegnen wir Euch, was schon ein Narr in Shakespeare sagte: meinst du, weil du tugendhaft bist, solle es auf dieser Erde keine angenehmen Taten und keinen süßen Sekt mehr geben?[1]

Dieses Zitat von Heinrich Heine zeigt, dass man über ihn trefflich streiten kann, weil es schwer ist, eindeutige Positionen zu erkennen. Er ist zwar gegen die kommunistische Revolution, gegen den Nationalismus und gegen starre Konventionen, aber der „Dichter Heine ist politisch nicht zu fassen. Das hat seinen Gegnern wie seinen Anhängern den Umgang mit Person und Werk immer wieder schwer gemacht.“[2]

Sein Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen wurde in der Literaturwissenschaft schon ausgiebig interpretiert und in erster Linie als ironische, harsche Kritik an den monarchischen Herrschaftsverhältnissen in Deutschland unter Führung von Preußen und Österreich, gedeutet. Ihm wurde vor allem destruktiver Charakter zugeschrieben und oft auch vorgeworfen, nur zu kritisieren, nie aber zukunftsweisende Vorschläge zu machen. Genau diese Richtung, nämlich eine zukunftsweisende, will diese Arbeit einschlagen. Sie soll keine weitere Interpretation der Heineschen Vergangenheits- und Gegenwartskritik darstellen, sondern sie versucht anhand von Textstellen zu zeigen, welch konstruktives Potential im Wintermärchen steckt und wie es Heine sehr wohl darum geht, eine Gesellschaft zu umreißen, die frei ist von Heuchelei, Deutschtümelei und Gehorsamkeit. Kurz: Sie will zeigen, wie Heine mit diesem Epos den Übergang zwischen dem konservativen, obsolet gewordenen Deutschland und dem neuen, einem freien Deutschland, absteckt und eben diesen Übergang lyrisch voraussagt. Die Arbeit bemüht sich also um einen Gegenstand, den ich Zukunftsperspektiven nenne. Damit sind alle diejenigen Stellen im Wintermärchen gemeint, die aus der Misere herausführen und die auf den konstruktiven Charakter des Epos verweisen. Sie sollen mithin zeigen, dass dieses Werk kein ausschließlich geschlossenes, die vergangenen und gegenwärtigen Zustände diskreditierendes Epos, sondern mindestens gleichrangig ein optimistisches ist, das Zukunftsperspektiven und Handlungsmöglichkeiten eröffnen will und sich damit als „Haupt der Literatur des Jungen Deutschland“[3] in die Aufbruchsstimmung mit einreiht.

1. Heine und der Kommunismus: Ist Heines Zukunft kommunistisch?

Karl Marx spielte für Heinrich Heine eine nicht zu unterschätzende Rolle. Immerhin hat Marx Heines Wintermärchen in der deutschsprachigen Wochenzeitung Vorwärts! veröffentlicht, die von 1844 bis 1845 in Paris herausgegeben wurde. Zudem gab es eine freundschaftliche Nähe zwischen den beiden Denkern, die sich 1843 zum ersten Mal begegneten.[4] Nicht umsonst wurde häufig die Frage gestellt, ob es sich bei Heines Wintermärchen um das „kommunistische Manifest in Versen“ handele. Trotzdem: wie die Heine-Forschung gezeigt hat – und deswegen soll das an dieser Stelle auch nicht wiederholt werden – ist Heines Zukunft nicht kommunistisch. Zwar teilte er die Marxsche Gesellschaftsanalyse- und kritik. Jedoch darf das nicht über seine „fundamentale Skepsis im Hinblick auf die Zukunft der Revolution“[5] hinwegtäuschen. In seiner französischen Vorrede zur Lutetia schreibt Heine über seine „Angst und Besorgnis“ darüber, dass den Kommunisten die Zukunft gehört.

In der Tat, nur mit Grauen und Schrecken denke ich an die Zeit, wo jene dunklen Bilderstürmer zur Herrschaft gelangen werden: mit ihren rohen Fäusten zerschlagen sie alsdann erbarmungslos alle Marmorbilder der Schönheit, die meinem Herzen so teuer sind; sie zertrümmern alle jene Spielzeuge und phantastischen Schnurrpfeifereien der Kunst, die dem Poeten so lieb waren; sie hacken mir meine Lorbeerwälder um und pflanzen darauf Kartoffeln; die Lilien, welche nicht spannen und arbeiten und doch so schön gekleidet waren wie König Salomon in all seinem Glanz, werden ausgerauft aus dem Boden der Gesellschaft, wenn sie nicht etwa zur Spindel gereifen wollen; den Rosen, den müßigen Nachtigallbräuten, geht es nicht besser; die Nachtigallen, die unnützen Sänger, werden fortgejagt, und ach! mein ´Buch der Lieder´ wird der Krautkrämer zu Tüten verwenden, um Kaffee oder Schnupftabak darin zu schütten für die alten Weiber der Zukunft. Ach! das sehe ich alles voraus, und eine unsägliche Betrübnis ergreift mich, wenn ich an den Untergang denke, womit das siegreiche Proletariat meine Gedichte bedroht, die mit der ganzen alten romantischen Weltordnung vergehen werden.[6]

Das ist jedoch nur die eine Seite. Denn der Kommunismus übte gleichzeitig einen "Zauber" aus, "dessen ich mich nicht erwehren kann". Es waren vor allem zwei Gründe für den Kommunismus, die Heine zusagten: Erstens das Ziel, die "Ausbeutung des Menschen durch den Menschen" zu beenden. Und zweitens: Der Kommunismus werde die verhasste "Partei der sogenannten Vertreter der Nationalität in Deutschland im Falle seines Sieges als erste hinwegfegen. Aus Haß gegen die Anhänger des Nationalismus könnte ich schier die Kommunisten lieben. Wenigstens sind sie keine Heuchler, die immer die Religion und das Christentum im Munde führen."[7] Dass Heines Zukunft also nichtsdestotrotz keine kommunistische ist, ist darüber hinaus insofern interessant, als sich damit andere Zukunftsperspektiven abzeichnen. Und zwar solche, die sich um eine Gesellschaft bemühen, die sich jenseits des radikalen Kapitalismus und Kommunismus verorten lässt. Eine Gesellschaft ohne „Ausbeutung“, wie sie im Kapitalismus vorzufinden ist, gleichzeitig aber auch keine „gleichgeschorene, gleichblökende Menschenherde“[8], wie Heine sie im Kommunismus heraufziehen sieht. So hat Jost Hermand dieses Verhältnis zwischen Heine und Marx treffend interpretiert, in dem er es als Trennung zweier – bezogen auf die Analyse gegenwärtiger Verhältnisse – Gleichgesinnter beschreibt, deren Vorstellungen einer zukünftigen Gesellschaft auseinander gehen:

Im Dunkeln der Geschichte wird ein Augenblick des schreckhaften Bewußtwerdens erhellt. Ich nennen es vorerst eine Hypothese, was ich sehe: Bewußtsein einer Trennung. Trennung der Vorstellungswege eines künstlerischen und eines demokratisch-zentralistischen Versuches, auf die Verelendung der Menschen im Industriekapitalismus intellektuell zu reagieren.[9]

In welcher Weise Heines künstlerische Reaktion nun zukunftsweisend ist in dem Sinne, dass sie Zukunftsperspektiven formuliert und verhandelt, soll Gegenstand der nächsten Kapitel sein.

2. Zukunftsperspektiven in Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen

Bevor es konkret um Zukunftsperspektiven im Wintermärchen gehen soll, muss geklärt sein, auf welche Weise sich die Arbeit seinem Gegenstand nähern will, wie sie methodisch vorgehen will. Gerade in Bezug auf die vorliegende Fragestellung kann ein close reading sehr nützlich sein. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Deutungen – die sich ja dem Ziel verschreiben, im Wintermärchen den Blick in die Zukunft, bzw. eine Haltung herauszuarbeiten, die zukunftsgerichtet ist – nicht „bodenlos“ bleiben, sondern im Text verankert sind. Des Weiteren ist es das Ziel, gerade durch eine Umkehrung der durch das lyrische Ich kritisierten gesellschaftlichen Missstände konstruktives Potential im Wintermärchen aufzuspüren bzw. zu zeigen, wie sich durch deren Verneinung Alternativen abzeichnen. Somit sollen auch die Interpretationen erweitert werden, die aus Heines Versepos den Blick in die Zukunft nicht herauslesen.[10]

2.1. Deutschland als Nährboden für Poesie

Es sei zunächst auf die psychische Verfasstheit des lyrischen Ichs hingewiesen, die sich gleich zu Beginn des Epos als eine besondere herausstellt.

Ich fühle mich wunderbar erstarkt,

Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,

Durchströmen mich Zaubersäfte –

Der Riese hat wieder die Mutter berührt,

und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

Man muss diese Eingangspassage im Kontext lesen. Heine kehrt nach zwölf Exiljahren in Paris nach Deutschland zurück und erkennt – angesichts der gesellschaftspolitischen Situation, die sich seitdem nicht verändert hat – in den Umständen ein Potential, das er für seine literarische Produktion nutzen will. Anders gesagt: Das in Heines Augen völlig veraltete Metternich´sche System bietet ihm den denkbar besten Nährboden für Poesie.

2.2. Konstruktivität statt Destruktivität

Heines Wintermärchen wurde – soweit ich sehe – vor allem in Bezug auf seine ironische Kritik an den monarchischen Herrschaftsverhältnissen unter Führung von Preußen und Österreich interpretiert. Was ja auch richtig ist. Dabei wurde jedoch viel zu stark der destruktive Charakter des Epos herausgearbeitet, was zur Folge hatte, dass der konstruktive Charakter zum großen Teil übersehen wurde. Dieses nachzuholen ist deshalb auch Motivation dieser Arbeit. Schon zu Beginn wird klar: das lyrische Ich meint es gut mit Deutschland. Es signalisiert gleich in der zweiten Strophe seine gegenüber Deutschland positiven Gefühle:

Und als ich an die Grenze kam,

Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen

In meiner Brust, ich glaube sogar,

Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,

Da ward mir seltsam zumute;

Ich meinte nicht anders, als ob das Herz

Recht angenehm verblute.

Es sind dies Gefühle eines nach langer Zeit Heimkehrenden. Da ist kein Anklang von Ironie, von Frust, gar von Wut. Was hier deutlich wird, ist die ehrliche Verbundenheit des lyrischen Ichs mit seiner Heimat. Das bedeutet zweierlei: erstens wird hier schon angekündigt, dass es dem Dichter – eben durch seine Heimatverbundenheit – nicht ausschließlich darum gehen kann, sein Heimatland lyrisch „niederzumachen“. Und zweitens kann, durch den hier anklingenden Patriotismus, Konstruktivität im Denken (zumindest) erwartet werden.

Auch wenig später wird Zukunftgerichtetheit evident. Das lyrische Ich begibt sich in Köln an das Ufer des Rheins:

Und als ich an die Rheinbrück kam,

Wohl an die Hafenschanze,

Da sah ich fließen den Vater Rhein

Im stillen Mondenglanze.

„Sei mir gegrüßt, mein Vater Rhein,

Wie ist es dir ergangen?

Ich habe oft an dich gedacht

Mit Sehnsucht und Verlangen.“

Und wenig später, nachdem der Rhein im Dialog mit dem lyrischen Ich sich über das Wiedersehen mit diesem freut, jedoch die Situation im Land beklagt, reagiert der Dichter folgendermaßen (19):

[...]


[1] Klaus Briegleb (Hrsg.): Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Dritter Band. München 1997, S. 570.

[2] Ralf Schnell: Heinrich Heine zur Einführung. Hamburg 1996, S. 180.

[3] Joseph A. Kruse: Ein neues Lied vom Glück? Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen. In: J. A. K.: Heine-Zeit. Stuttgart/München 1997, Vorwort.

[4] Schnell: Heinrich Heine, S. 178.

[5] Ebd, S. 179.

[6] Hans Kaufmann (Hrsg.): Heinrich Heine. Sämtliche Werke, Band 11. München 1964., S. 337f.

[7] Hans Kaufmann (Hrsg.): Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 6. Berlin 1972, S. 246f.

[8] Ebd., S. 434.

[9] Jost Hermand: Heinrich Heine. Kritisch. Solidarisch. Umstritten. Köln 2007, S. 85.

[10] Z.B. Timo Pörsel: Heines Deutschlandkritik. Eine Untersuchung zu Deutschland. Ein Wintermärchen. Duisburg 2007, S. 34.

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656304968
ISBN (Buch)
9783656307082
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204333
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
zukunftperspektiven heinrich heines deutschland wintermärchen

Autor

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