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Zivilreligion und das Konzept des Laizismus am Beispiel der Türkei

Seminararbeit 2012 16 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition: Laizismus

3. Laizismus
3.1 Das Laizismusprinzip in den Anfängen der türkischen Republik
3.2 Das Laizismuskonzept in der Türkei zur heutigen Zeit
3.3 Islamisierung durch die Politik

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Konzept des Laizismus in der Türkei stellt ein interessantes Thema dar. Die Türkei ist das einzige Land in der muslimischen Staatengemeinschaft, in dem der Islam nicht Staatsreligion, sondern das Laizimusprinzip in der Verfassung verankert ist. Auch wenn sich die Türkei an einem westlichen Beispiel orientiert wurde, unterscheidet sich der türkische Laizismus stark vom französischen Vorbild und machte in den vergangenen Jahrzehnten eine beeindruckende Wandlung durch. Dabei kann die Frage nach der aktuellen Politik nicht unbeachtet bleiben, denn der Islam gewann in den vergangenen Jahren in der Türkei immer mehr an Einfluss. Nicht zuletzt aus diesen Gründen habe ich dieses Thema für die wissenschaftliche Arbeit gewählt.

Beginnen werde ich mit einer Einführung in das Laizismusprinzip, um im Anschluss daran einige konkrete Beispiele anhand des türkischen Laizismus zu geben. Der Laizismus in der Türkei zählt zu den kemalistischen Prinzipien, die von Kemal Atatürk bei der Staatengründung eingeführt worden sind. Deshalb werde ich auch auf den Kemalismus in der Türkei eingehen und einen kurzen geschichtlichen Abriss der Gründungszeit der türkischen Republik geben, um im weiteren Verlauf den Laizismus in der Türkei früher und heute zu vergleichen.

In den vergangenen Jahren ist auch der Einfluss der Politik immer wichtiger geworden. Die CHP, die Partei, die die kemalistischen Prinzipien vertritt, ist seit 2002 nur noch in der Opposition. Dabei stellt sich die Frage ob in der Türkei eine schleichende Islamisierung zu beobachten ist. Aus diesem Grund kann auch die Politisierung der Türkei nicht außer Acht gelassen werden. Auf diesen Punkt werde ich zum Ende der Arbeit im Abschnitt „Islamisierung durch die Politik“ eingehen.

In der Arbeit soll weiterhin untersucht werden, wie die türkische Gesellschaft die Unterordnung der Religion vom Staat bewertet. Als Primärliteratur werden Texte von dem Türkeiexperten Heinz Kramer verwendet, die in dem Türkeiband der Informationen zur politischen Bildung herausgegeben wurden. Weiterhin stützen sich die Ausführungen auf Texte von Faruk Sen und Cemal Karakas. Weitere verwendete Literatur ist der Literaturliste im Anhang zu entnehmen.

2. Begriffsdefinition: Laizismus

Unter Laizismus versteht man einen Verfassungsgrundsatz, der Staat und Religion streng voneinander trennt. Die Religion nimmt in diesem Konzept keinen Einfluss auf den Staat. Kirchliches ist strikt von Staatlichen getrennt. Dies bedeutet auch, dass auf staatliche Einrichtungen und Institutionen kein religiöser Einfluss ausgeübt werden darf. Der Begriff Laizismus wurde vom französischen Pädagogen Ferdinand Buisson geprägt. Er stammt aus dem griechischen und bedeutet dort soviel wie: „Laie, nicht-geistlich[1]“, beziehungsweise „Volk, Gemeinwohl“. Buisson bezeichnete mit dem Ausdruck laïcité den Gegensatz zu clérical[2] , also den Gegenpart zu geistlichen Angelegenheiten. 1905 wurde in Frankreich ein Gesetz verabschiedet, welches die Trennung zwischen Staat und Kirche festschrieb.

Seit 1946 ist das Prinzip des Laizismus in der französischen Verfassung festgeschrieben. Aber bereits im Ende des 19. Jahrhunderts zeigten sich die ersten Anfänge der Trennung von Staat und Kirche in Frankreich. So wurde 1886 per Gesetz der kirchliche Einfluss aus der Schule verbannt. Im gleichen Jahr stellte das französische Parlament die Finanzierung der theologischen Fakultät ein, die es in den Vorjahren gewährt hatte[3] . Mit der Verfassung von 1946 ist Frankreich eine laizistische Republik. In der Türkei ist der Laizismus bereits 1924 in die Verfassung aufgenommen worden. Auf den aufkommenden Laizismus in der Türkei werde ich im folgenden Abschnitte eingehen.

3. Laizismus

3.1 Das Laizismusprinzip in den Anfängen der türkischen Republik

Mustafa Kemal ist der Gründer der türkischen Republik. Später erhielt er den Beinamen Atatürk und wird seither als Mustafa Kemal Atatürk benannt. Das Osmanische Reich hat im 1. Weltkrieg an der Seite der Deutschen gekämpft und zählte somit zu den Verlierern dieses Krieges. Nach Ende des Krieges wurden viele Gebiete Anatoliens von den Alliierten besetzt. Aus den Friedensverhandlungen ging hervor, dass die besetzten Gebiete unter den Siegermächten aufgeteilt werden sollten. Gegen dieses Vorhaben bildete sich Widerstand aus der Bevölkerung. An der Spitze dieser Gruppierung stand Mustafa Kemal Atatürk und aus dem Widerstand wuchs die türkische Republik heran. Die Gründung der Republik fand am 29. Oktober 1923 statt und stellt einen radikalen Bruch mit dem vorherigen osmanischen Staat und deren Gesellschaft dar[4]. Atatürk versuchte einen grundlegenden Wandel der politischen und gesellschaftlichen Struktur. Dabei orientierte er sich stark an der „modernen europäischen Zivilisation“[5]. Der Gebrauch von Nachnamen war in der Türkei bis zu diesem Zeitpunkt eher unüblich. Mustafa Kemal war der erste Staatsbürger der Türkei, der einen Nachnamen erhielt. Der Name Atatürk bedeutet übersetzt soviel wie: „Vater aller Türken“.

Für Kemal Atatürk war zur Zeit der Gründung bereits klar, dass ein neuer, moderner türkischer Staat nur als ein einheitlicher Nationalstaat funktionieren kann. Um dies zu realisieren war nur eine strikte Trennung von Staat und Kirche vorstellbar. Die Trennung von Staat und Kirche, der Laizismus, ist in den 6 Prinzipien des Kemalismus festgeschrieben und sollte im Zweifelsfall auch gegen den Willen des Volkes durchgeführt werden. Die weiteren kemalistischen Prinzipien neben dem Laizismus sind Republikanismus, Populismus, Etâtismus, Revolutionusmus (zum Teil auch Reformismus) und Nationalismus. Diese 6 Prinzipien stellen den Modernisierungsprozess in der Türkei nach und verdeutlichen die Ebenen der Modernisierung. Sie wird sowohl gesellschaftlich, politisch wie auch wirtschaftlich vollzogen. Stellte der Islam vor der Gründung der Republik noch die Staatsreligion dar, ist er nun strikt von den staatlichen Angelegenheiten getrennt.

[...]


[1] Religionsunterricht in staatlichen Schulen? - http://www.verbildung.org/2010/05/10/religionsunetrricht-in-staatlichen-schulen-1/ (letzter Zugriff: 16.08.2012 – 12:30).

[2] Coutel Charles, „Laizismus und Moderne - die Bedeutung Condocrets für unsere Zeit“, in: Sauzay, Brigitte; von Thadden, Rudolf (Hrsg.), Eine Welt ohne Gott? Religion und Ethik in Staat, Schule und Gesellschaft, Wallstein Verlag, Göttingen, 1999 - S. 108.

[3] Kippenberg, Hans G.; Stuckrad, Kocku von, Einführung in die Religionswissenschaft: Gegenstände und Begriffe, München: Beck 2003, S.18.

[4] Kramer, Heinz, „Vom Reich bis zur Republik: die „kemalistische Revolution““, Informationen zur politischen Bildung 313 - Türkei, 2011, 4-11.

[5] Ebd. S. 5.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656314967
ISBN (Buch)
9783656316749
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204268
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Schlagworte
Zivilreligion Theorie Praxis Türkei Laizismus Kemalismus Atatürk Islam Islamismus

Autor

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