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Jüdische Identität in Deutschland - Ein Überblick

von Susan Smart (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Aspekte
2.1 Migration und Staatenlosigkeit
2.2 Bildung von ethnischen Teilgruppen

3. Juden in Deutschland
3.1 Emanzipation und Akkulturation
3.2 Moderner Antisemitismus
3.3 Ostjuden in Deutschland

4. Juden heute
4.1 Identifikationen der emigrierten Juden
4.2 Institutionelle Konflikte

5. Resümee

6. Quellennachweis

1. Einleitung

Die Frage nach der jüdischen Identität ist ein facettenreiches Thema, dessen Beantwortung erst nach einem Blick auf die Geschichte der Juden geklärt werden kann. Diese soll hier aber nur kurz als Einleitung dieser Arbeit dienen, um Migration und Staatenlosigkeit dieses Volkes verständlich zu machen und die Ausprägung verschiedenster Mentalitäten und Teilgruppen zu erklären.

Um das Thema etwas einzugrenzen möchte ich mich in meinen Ausführungen besonders auf die Juden in Deutschland konzentrieren. In diesem Zusammenhang werde ich auf Emanzipation und Akkulturation des deutschen Judentums zu Beginn des 18.Jht eingehen, welches einen wesentlichen Bestandteil zum Verständnis jüdischer Kultur in Deutschland leistet und ein exemplarisches Bild von dieser Minderheit zeichnet, in dem der Fokus explizit auf die Darstellung von Bildung, Berufsstruktur und sozialen Milieus gerichtet ist. Als besonders prägnant wird hier der Wandel von Religion und Traditionspflege hervorstechen, der als ein wesentliches Charakteristikum der kulturellen Anpassung gesehen werden kann.

Chronologisch fortgeschritten erörtert der nächste Gliederungspunkt den modernen Antisemitismus und dessen Folgen für die Juden und die jüdische Identität. In diesem Kontext wird auf den Zentralverein der Juden in Deutschland und den Zionismus eingegangen, da diese Organisationen anhand der Einstellungen ihrer Mitglieder wiederum ein Beispiel für jüdische Identitätssuche und Identitätsprobleme darstellen. Das nächste Kapitel zu Ostjuden in Deutschland zeigt die Heterogenität und das Konfliktpotential allein unter den deutschen Juden. Hier werden die Diskrepanzen zwischen Ost- und Westjuden thematisiert, zusätzlich wird das Selbstverständnis der Ostjuden reflektiert, um die Zerrissenheit dieser Minorität zu veranschaulichen.

Abschließend geht es im letzten Kapitel um die heutige Integration und Identifikation der Juden. Mit der Analyse zu Interviews von emigrierten Juden, aus welchen sich geschlechtsspezifische Stereotype bezüglich der Einstellung gegenüber Deutschland und ihrer Vergangenheit erkennen lassen, sollen repräsentative Statements eine differenzierte Momentaufnahme dieser Thematik geben. Folgend wird die persönliche Ebene um die politische erweitert und institutionelle Unstimmigkeiten, wie die der Streit zwischen dem Zentralrat der Juden und der Union Progressiver Juden zeigt, wie die durch die Heterogenität erzeugten Konflikte noch immer fortbestehen. Im Resümee werden die wesentlichen Erkenntnisse komprimiert dargestellt. Ein hypothetisches Konstrukt möchte den Kontext dieser Arbeit um eine weitere Facette erweitern.

2. Historische Aspekte

Zunächst soll kurz auf die Geschichte des Judentums eingegangen werden, um die Vorrausetzungen für die Staatenlosigkeit und Zersplitterung in verschiedene Teilgruppen nachvollziehen zu können. Der Blickwinkel der Darstellungen wird sich nach Erörterungen zu der Lage der weltweiten Population besonders auf die deutschen Juden richten, die das hauptsächliche Interesse dieser Arbeit einnehmen.

2.1 Migration und Staatenlosigkeit

Aufgrund der Staatenlosigkeit haben sich die Juden stark verteilt. Heute leben etwa 13,3 Millionen Juden auf der Welt, dies sind 0,2 % der Weltbevölkerung. Die meisten leben in den Vereinigten Staaten und in Israel. Die Verteilung der Juden in den letzten Jahren hat sich sehr verändert: Anfang der 1990er-Jahre lebte noch ein Großteil der Juden in der ehemaligen Sowjetunion. Nach ihrer Auflösung wanderten viele Menschen nach Israel, in die Vereinigten Staaten von Amerika und nach Deutschland aus. Die folgende, komprimierte Tabelle nach der Jewish Agency for Israel aus dem Jahr 2002 zeigt die weltweite Bevölkerung der Juden:[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Bildung von ethnischen Teilgruppen

Das jüdische Volk besteht aus mehreren ethnischen Gruppen. Sie sind dadurch entstanden, dass sich die Juden vor allem nach der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem und ihrer Vertreibung aus dem Land Israel in verschiedenen Gebieten in Asien, Afrika und Europa angesiedelt haben. Hauptgruppen sind die Aschkenasim (Juden aus Mittel- und Osteuropa), die Sepharadim (Juden aus Spanien und Portugal) und die Mizrachim (Juden aus den muslimischen Ländern im Nahen und Mittleren Osten und aus Nordafrika). Außerdem gibt die Gruppe der Juden aus dem Jemen und die Gruppe der Juden aus Äthiopien sowie kleinere Gruppen in Süd- und Ostasien (vor allem Indien und China) sowie jüdische Volksstämme in Afrika südlich der Sahara.[2] Dies zeigt, dass die Juden bereits aufgrund der Staatenlosigkeit schon früher ein zersplittertes Volk waren. Doch es lassen sich nicht nur ethische Gruppen, sondern auch unterschiedliche religiöse Strömungen, wie die Zionisten, die Religiös-Orthodoxen, die Liberalen, die Assimilierten und die Konservativen unterscheiden.[3]

Diese Vielfalt an Gruppen, Einstellungen und verschiedenen Mentalitäten führt dazu, dass die Juden nie eine einheitliche Gruppe waren. Sie waren und sind stets durch Heterogenität gekennzeichnet, die sie als Minderheit gegenüber antisemitischen Bewegungen verlieren ließ. Es war kein Zusammenhalt da, der sie von innen heraus stärkte und Identifikationsprobleme, z.B. ob man nun als Volk oder Religion zu sehen sei in der Zeit erschwerten die Bildung einer Gemeinschaft. So gab es in Paris zu der Zeit des zweiten Weltkriegs Bedenken seitens der französischen Juden, die emigrierten und verfolgten Juden bedingungslos aufzunehmen. Zwar wurden zahlreiche Kommissionen zur Aufnahme der emigrierten Juden gegründet doch diese verhielten sich überwiegend defensiv und übten keine Kritik an der Regierung. Die Verteidigung und die Schutzmaßnahmen bezüglich der verfolgten Juden waren demnach sehr spärlich, was mit der Heterogenität begründet werden kann. Man sah in den Emigranten keine Glaubensbrüder, sondern Fremde. Auch die Behandlung der einzelnen Gruppen unterschied sich wesentlich. Die deutschen Juden erfuhren beispielsweise im Vergleich zu den Juden aus Osteuropa eine wesentlich bessere Behandlung die sich an den Privilegien die den Ostjuden meistens versagt waren, wie eine schnellere Aufnahme in den Flüchtlingslagern zeigte.[4]

3. Juden in Deutschland

Hier soll der Fokus nun auf den Juden in Deutschland liegen um dieses komplexe Thema seinem Umfang gemäß etwas zu komprimieren. Im Jahre 1930 war Deutschland noch nach Russland und Polen das Land mit der drittreichsten Bevölkerungsquote an Juden.[5] Deutschland war im Jahre 2002 das Land mit der achtgrößten jüdischen Population.[6] Folgend wird die Entwicklung der Juden und des Judentums innerhalb der letzten 200Jahre nachgezeichnet und die Auswirkungen auf die Kultur beschrieben.

3.1 Emanzipation und Akkulturation

Zu Zeiten des Mittelalters waren die Juden eine eigenständige Gemeinschaft, welche sich sowohl legislativ, als auch exekutiv autonom verwaltete. Jüdische Gemeinden hatten sowohl eigene Gerichte, als auch ein eigenes Kirchen- und Erziehungswesen.[7] Im Zuge der Aufklärung im 18. Jahrhundert wuchs bei den meisten Juden der Wunsch nach Gleichberechtigung mit der ursprünglichen Bevölkerung welche Juden immer noch ausgrenzte. Die Juden lebten vornehmlich isoliert und gettoisiert und waren kulturell, so zum Beispiel in Sprache und Schrift eine eigenständige Einheit. Der kulturelle Anpassungsprozess an die deutsche Kultur erfolgte im 18. Jahrhundert zu Anfangs nur durch eine dünne Oberschicht. Vor allem die Taufe, jedoch unter Bewahrung der jüdischen Kultur und der Wandel des Sprachverhaltens gelten als wesentliche Elemente der Assimilation.[8] Das Jüdisch-Deutsche, hatte im 17.Jht. Hebräisch als Umgangssprache abgelöst und letzteres war nun vornehmlich nur auf den schriftlichen Bereich beschränkt. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde auch Jiddisch von Hochdeutsch als Umgangssprache abgelöst.

1812 wurde mit dem preußischen Emanzipationsedikt ein weiterer, staatlicher Meilenstein der Emanzipation erreicht. Es hatte die Angleichung der Juden in Beruf, Sittlichkeit und Kultur an die nichtjüdische Mehrheitsgemeinschaft zum Ziel.[9] Dies hatte weitreichende Folgen, wie die Christianisierung der Jüdischen Sakralkultur in dem die Bar Mizwa durch die Konfirmation ersetzt wurde, die Unterlassung des Schaukelns beim Gebet[10] oder die Veränderung der Sprache. Weiter bürgerte dieses Edikt ehemalige Schutzjuden, die meist nur aus monetären und politischen Gründen geduldet waren als Staatsbürger ein. Jedoch war es den neuen Bürgern nicht möglich in höheren Staatsämtern, so im Bereich des Militärs in der Staatsverwaltung oder im Hochschulsystem als Professor zu arbeiten. Die Annäherung zwischen den Juden und dem deutschen Staat vollzog sich also nur sehr langsam. In Folge der 48er-Revolution gelang es den Juden abermals ihre Rechte zu verbessern und zwei Jahre später sprach man von der Gleichheit aller Preußen. Ein weiteres Gesetz in 1871 sollte abermals die rechtliche Gleichstellung sichern.[11] Mit den Angleichungen des Judentums an das Christentum und die deutsche Kultur kam es zu keiner Selbstauflösung, vielmehr zu einer Neudefinition des Judentums. Bedeutete dies vor der Emanzipation eine eigenständige Gemeinschaft mit charakteristischen Werten und Leitbildern, so wandelte sich das Verständnis des Judentums. War früher das Volk der Juden darunter zu verstehen, so meinte man nun die Konfession der Juden.

Der Aussage des Emanzipationsgegners Johann Gottlieb Fichte, die Juden führten einen „Staate im Staate“ zu entgegen sei erwähnt dass man seit Ende des 18. Jahrhunderts verstärkt patriotische Einstellungen bei Juden erlebte. Sie betrachten sich als Mitglieder des jüdischen Teilstaates und der deutschen Nation. Eine historische und kulturelle Zugehörigkeit zu dem Judentum wurde akzeptiert, aber die Religion nahm innerhalb des jüdischen Alltagslebens einen immer geringeren Stellenwert ein. An Ihre Stelle trat nun die Familie, als ursprünglicher Ort der Religionspflege gewährte sie jüdische Kontinuität durch die Vermittlung und Ausübung jüdischer Kultur. Diese beinhaltet zum Beispiel die Sozialisation mit charakteristischen Werten, Einstellungs- und Verhaltensmustern, ebenso wie Sprache und Brauchtum. Als typisch jüdische Werte gelten zum Beispiel die Wertschätzung von Lernen und Wohltätigkeit.[12] Um den Einfluss der Juden auch auf das deutsche Kulturgut zu verdeutlichen, sollen die jüdischen Ideale, welche besonders in den Werken der Intellektuellen weiter lebten kurz erläutert werden. Eines der wichtigsten Werte ist die Humanität, welche ein Streben nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Bescheidenheit umfasst. Der Nächstenliebe wird hierbei ein dem Egoismus übergeordneter Stellenwert zugeordnet und es gilt Benachteiligte zu schützen und zu unterstützen.[13] Dies schließt an den nächsten Wert der Universalität an, welche das Prinzip der Gleichheit aller Menschen repräsentiert.[14] Dies impliziert Benachteiligten, wie zum Beispiel besonders Armen zu helfen und für sie zu sorgen.[15] Die hieraus geforderte Nächstenliebe, die identisch mit der Forderung des Christentums ist, knüpft nahtlos an das Ideal der Toleranz an. Diese bezieht sich im Talmund auf die Apostaten[16] kann aber als universeller jüdischer Wert begriffen werden.

[...]


[1] Tabelle: eigene Darstellung, Daten aus http://www.jafi.org.il/education/100/concepts/demography/demtables.html#8

[2] http://www.webportal-judentum.net/cms/ethnische-gruppen.html

[3] Daxelmüller, Christoph. Die deutschsprachige Volkskunde und die Juden. Zur Geschichte und den Folgen einer kulturellen Ausklammerung. In: Zeitschrift für Volkskunde 83, 1987,S. 7

[4] Franke, Julia. De véritables boches. Französische und emigrierte Juden im Paris der dreißiger Jahre. S. 81.

[5] http://www.politische-bildung-brandenburg.de/juden/juden_europa.htm

[6] http://www.jafi.org.il/education/100/concepts/demography/demtables.html#8

[7] http://forge.fh-potsdam.de/~Sozwes/werkstatt/adf/pdfs/j%FCd_%20identit%E4t.pdf

[8] Frölling, Werner. Zwischen deutscher und jüdischer Identität. Eine jüdische Reformschule in Berlin zwischen 1932 und 1939. Opladen 1995. S. 24

[9] Maurer, Trude: Die Entwicklung der jüdischen Minderheit in Deutschland (1780-1933). In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. 4. Sonderheft. Tübingen 1992. S. 13

[10] Maurer, Trude: Die Entwicklung der jüdischen Minderheit in Deutschland (1780-1933). In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. 4. Sonderheft. Tübingen 1992. S. 14

[11] Frölling, Werner. Zwischen deutscher und jüdischer Identität. Eine jüdische Reformschule in Berlin zwischen 1932 und 1939. Opladen 1995. S.26

[12] http://forge.fh-potsdam.de/~Sozwes/werkstatt/adf/pdfs/j%FCd_%20identit%E4t.pdf

[13] Prijs, Leo. Die Welt des Judentums. Religion, Geschichte, Lebensweise. München 1996. S. 76.

[14] Prijs, Leo. Die Welt des Judentums. Religion, Geschichte, Lebensweise. München 1996.S.78.

[15] Prijs, Leo. Die Welt des Judentums. Religion, Geschichte, Lebensweise. München 1996. S.83.

[16] Prijs, Leo. Die Welt des Judentums. Religion, Geschichte, Lebensweise. München 1996. S. 81.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656310174
ISBN (Buch)
9783656310754
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204157
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Lehrstuhl für Europäische Ethnologie
Note
2,9
Schlagworte
Identität Juden Mentalität Territorium 3. Reich Integration

Autor

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    Susan Smart (Autor)

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Titel: Jüdische Identität in Deutschland - Ein Überblick