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Ein neuer Prototyp des Agentenhelden?

James Bond - Casino Royale, eine figurtheoretische Analyse

Hausarbeit 2010 19 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Figurentheorie - Der Forschungsstand
1.2. Viele Bonds - Die Geschichtliche Entwicklung

2. Daniel Craig, der neue Bond - Eine figurtheoretische Analyse
2.1. Der Bezug zur realen Welt
2.2. Die äußerliche Beschaffenheit der Figur
2.3. Die Dekonstruktion der Figur
2.4. Die moralische Ebene der Figur
2.5. Bond und die Frauen
2.6. Psychologische Ebene der Figur

3. Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Fazit und Ausblick

5. Bibliographie

1. Einleitung

Der Typus des Geheimagenten als Filmfigur wird seit je her durch den Charakter James Bond manifestiert. Kein anderer Actionheld kann auf eine solche filmische Mythologie zurückblicken wie diese Filmfigur. Dabei folgten die Produzenten der Bond Filme stets einem Schema der Anpassung und versuchten den Charakter in den zeitgeistlichen Kontext einzubetten.

Mit dem 2006 veröffentlichten Film „James Bond 007: Casino Royale“ wurde die Figur des Schriftstellers Ian Flemming an die veränderlichen gesellschaftlichen und politischen Umstände der realen Welt erneut angepasst. Als Prequel sollte diese Episode der Bond-Reihe erzählen wie Bond zu 007 wurde. Die Figur sollte den Schritt ins 21. Jahrhundert machen, mit einem Plot aus Flemmings erstem Buch, welcher die Figur eigentlich 1954 eingeführt hatte. Diese paradoxe Kombination ließ eine Neuerfindung des Helden zu und sollte dazu dienen das inzwischen ironisierte Image der Figur abzulegen und sie tiefgründiger und realitätsnaher zu gestalten.

Mit dieser Hausarbeit analysiere ich in wiefern die Figur James Bond erneuert wurde und wie sich dies für den Rezipienten auswirkt. Ich werde das Figurenmodell von Jens Eder auf die Figurenmerkmale der Psychoanalyse, der Persönlichkeitsanalyse, der emotionalen Dispositionen des Rezipienten und die Erlebnisqualität durch die aufgefundenen Merkmale anwenden. Dies werde ich anhand einer Thematischen Aufteilung des Films: „James Bond 007: Casino Royale“ beschreiben. Hieraus soll sich eine Antwort auf die Frage ergeben, ob in der neuen Bond-Figur auch ein neuer Prototyp gesehen werden kann, wodurch er möglicherweise entstanden ist und welche Merkmale er aufweist.

1.1. Figurentheorie - Der Forschungsstand

Bisweilen wird die Figurentheorie im Film als ein interdisziplinäres Zusammenspiel verschiedener Fachrichtungen gesehen. Jens Eder (2008) beschreibt in seinem Werk über die Figur im Film folgende drei Theorien:

1. Die strukturalistisch semiotische Theorie, welche besagt, dass sich Figuren durch Texte konstituieren. Strukturalisten nehmen davon Abstand Figuren als menschlich zu betrachten. Der Text dient als Interpretationskorpus und weist eine Tiefenstruktur mit einer Zeichenbehaftung. Mimik, Gestik, moralische und psychologische Aspekte blendet die strukturalistische Theorie auf. Es geht also hierbei vor allem um die Interaktion von Text und Rezipient.
2. Die Psychoanalytische Theorie befasst sich mit dem Charakter der Figur und der Anteilnahme des Rezipienten. Sie zeigt Begeherensstrukturen an der Figur auf. Die Figur wird hier als ein fiktives Wesen bezeichnet, welches der Zuschauer durch Typisierung, Individualisierung und Identifizierung einordnet und bewertet. Es geht hierbei um die emotionale und affektierte Anteilnahme an einer Figur.
3. Als letzte, wird die Kognitive Theorie aufgeführt. Sie ist von zwei Grundhypothesen geleitet. 1. Die Filmrezeption ist ein kognitiv geleiteter Prozess und 2. Die Wahrnehmung des Rezipienten ist weitgehend die gleiche wie in der Alltagswelt. Die Kognitive Theorie grenzt sich von der Strukturalistischen Theorie insofern ab, als dass sie behauptet, dass der Verstehensprozess nicht durch kulturelle Codes und Analogien zum Sprachverstehen geschieht, sondern durch den Rückgriff auf mentale Vorgänge und Alltagswahrnehmung. In diesem Zusammenhang kann auch von Wahrnehmungsheuristiken gesprochen werden, die der Rezipient nicht rational steuern kann. Die Informationsverarbeitung von Figuren ist ein kognitiver aber unbewusster Vorgang. Zur Ermittlung der Persönlichkeit der Figur und die Analyse der mentalen Dispositionen der Rezipeinten ist es hilfreich, Aspekte aus der Psychologischen und Kognitiven Theorie aufzugreifen um die Figurenanalyse von James Bond durchzuführen.

Diese Arbeit zielt nicht auf ein vollständiges Figurenmodell ab, sondern benutzt die Methodik der Figurentheorie, um die Auffälligkeiten und Veränderungen des Charakters James Bond gegenüber dessen Darstellung in vorangegangenen Filmen der Serie zu analysieren. (Eder, 2008, S.48,ff)

1.2. Viele Bonds - Die Geschichtliche Entwicklung

Zunächst ist festzustellen, dass die Bond Filme im Laufe der Jahre ständig einen Prozess der Veränderung durchlebt haben. So entstanden die ersten Filme mit Sean Connery in der Zeit des Kalten Krieges und thematisierten diesen. Bis zum Ende der 60er Jahre orientierten sich die Drehbuchautoren eng an den Originalromanen von Ian Flemming.

Mit dem Film „You Only Live Twice“(Gilbert, 1967) verabschiedete man sich erstmalig komplett von der Handlung des Romans und behielt lediglich Titel, Handlungsort und den Namen des Bösewichten bei. (Rauscher, Zywitz, & Mannsperger 2007, S.229)

Nach diesem bis dahin als am spektakulärsten bewerteten Bond-Film, versuchte man in „On Her Majesty‘s Secret Service“(Hunt, 1969) zum ersten Mal dem Charakter eine emotionale Tiefe zu geben. Das Publikum zeigte sich mit dem untypischen Inhalt jedoch überfordert und so musste George Lazenby als Ablösung für den Hauptdarsteller Sean Connery nach diesem experimentellen Intermezzo wieder abtreten. (Rauscher et.al., 2007, S.231)

Hieran schloss eine sich relativ konstant steigernde Phase des Actionkinos an, die mit Roger Moore 1979 seinen Höhepunkt in „Moonraker“ (Gilbert, 1979) fand. „Albern und bildgewaltig, dümmlich und poetisch, Oper und Comic.“ (Rauscher et.al., 2007, S.242) Die Meinungen über diesen vor Superlativen überlaufenden Bond-Film gingen weit auseinander und riefen eine erneute Rückbesinnung hervor. Das irdische Thema des Kalten Krieges wurde 1981 in „For Your Eyes Only“ (Glen, 1981) wieder aufgegriffen und holte den Agenten zurück in sein altes Metier. Allgemein kann man ab diesem Zeitpunkt feststellen, dass der Fokus nun auf intelligenteren Handlungen lag und der Hang zu nicht mehr steigerungs- fähiger Action vorerst abgelegt wurde.

Nachdem der Kalte Krieg längst zu Ende war, wagte man mit Darsteller Timothy Dalton 1987 eine Veränderung der Figur und eine Neuordnung von Gut und Böse. Ein neues Feindbild löste die UdSSR endgültig als solches ab. Die erweiterte psychologische Ebene, die von Filmkritikern bewundert und von Bond-Lieb- habern gehasst wird, sorgt 1989 nach einem zweiten Versuch mit Dalton in „License to Kill“ (Glen, 1989) für sein Ende als Bond und für eine erneute pro- gressivere Darstellung von Technologie und Fortschritt. (Rauscher et.al., 2007, S. 252)

Bond wird nun durch den glatten und vom Zuschauer unnahbaren Pearce Brosnan verkörpert. 2002 überschlägt sich die Produktion aber selbst mit dem wiedergekehrten Hang zu Superlativen des Actionkinos zulasten der Inhaltstiefe und erntet mit „Die Another Day“(Tamahori, 2002) wie zuvor mit „Moonraker“ heftige Kritik. Der finanzielle Misserfolg besiegelt letztlich das Ende der Ära Brosnan und läutet eine Schaffenspause von vier Jahren ein. Hier nach meldet man sich mit Daniel Craig als neuer Bond-Darsteller im November 2006 zurück.

2. Daniel Craig, der neue Bond - Eine figurtheoretische Analyse

In seinem „Lizenz zum Menscheln“ zitiert Autor Andreas Borcholte die Pro- duzentin Barbara Broccoli:“...die Figur James Bond [werde] wieder näher an das aktuelle politische Tagesgeschehen heranrücken. Man wolle mit realistischeren Szenarien eine Atmosphäre der momentanen Weltlage‘ erschaffen.“ (Borcholte, 2006)

Dieses Vorhaben wurde mit dem Plot des Ian Flemming Buches „Casino Royale“ versehen. Ein intertextuelles Vorgehen ermöglichte es, die Geschichte über den Beginn des James Bond als Doppelnullagenten, geschrieben im Jahre 1954, in den Kontext des aktuellen Weltgeschehens einzubinden.

Um die wichtigsten Ebenen der Figur herauszuarbeiten teile ich sie in verschiedene Kategorien, ein in denen ich die relevanten Aspekte für das Figurenmodell des James Bond Typus herausarbeite.

2.1. Der Bezug zur realen Welt

Die Handlung spielt im Zeitalter nach den Terroranschlägen vom 11. September. Somit wird vom Zuschauer eine mit Alltagswissen behaftete Lesart des Filmes erwartet. Die gesellschaftliche Einstellungs- und Verhaltensänderung gegenüber Sicherheitsaspekten in der Öffentlichkeit wird aufgegriffen und als Aufmerksam- keit erregende Thematik genutzt.

Der Plot dreht sich um den risikofreudigen Bankier LeChieffre (Mads Mikkelsen) der Kapital einer terroristischen Organisation bei Spekulationen an der Börse verliert. Mit einem Bombenanschlag auf ein Flugzeug hat er vor, die Börsenwerte der Airline zu beeinflussen. Bond hat damit sein geschichtlich veraltetes Feld des Kalten Krieges als auch das der Verhinderung von apokalyptischen Welt- untergängen verlassen und begibt sich wieder zu politisch aktuellen Themen.

2.2. Die äußerliche Beschaffenheit der Figur

Die Pre-Title-Sequence beginnt im Film-Noir Stil und erinnert damit an die geschichtlich weit zurückreichende Herkunft der Filmfigur.

Wir sehen Bond, wie er selbstsicher einen korrupten Agenten in dessen Büro mit dem Tod seines Informanten konfrontiert. Die hier immer wieder eingespielten Kampfszenen mit dem Informanten lassen die physische Härte des neuen Bond schon in den ersten Minuten des Films erahnen.

(Campbell, 2006, 00.01.52sec.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb: 1 Bond ertränkt einen Informanten

In einer kurz darauf folgenden Szene sehen wir das erste Mal Bond als Doppelnullagenten auf einer Verfolgungsjagd. Die wieder sehr physische Darstellung zeigt Bond, wie er rennend einen Bombenleger verfolgt. Jedoch nicht in gewohnt überlegener Form, sondern immer wieder durch Rückschläge geprägt.

Da der Verfolgte sich durch Free-Running Fähigkeiten auszeichnet, hat Bond es schwer, dem Gegner zu folgen. (Campbell, 2006, 00.14.32sec.) Er schafft es oft nur mit roher Gewalt mit dem Tempo Schritt zu halten. Der Fliehende macht hier eine deutlich bessere Figur. Bei dem Rezipienten stellt sich ein affektiertes Mitgefühl ein, wenn Bond mit voller Wucht auf dem Boden aufschlägt. Die fehlende Perfektion wird hier erstmalig deutlich.

Ein weiteres Beispiel für die realistische Darstellung von Bonds körperlicher Beschaffenheit, spielt sich während einer Pause des Pokerturniers ab. Hier wird Bonds animalische Härte dargeboten. Mit bloßen Händen erwürgt er einen Gegner nach minutenlangem Kampf. Bond wird blutverschmiert und sichtlich gezeichnet dargestellt. Diese Nahkampfszene wurde in schnellen und nahen Einstellungen gedreht. Der Rezipient wird hier auf der affektierten Ebene erreicht und kann jeden Schlag gegen Bond mitfühlen. (Campbell, 2006, 01.18.00sec.)

Die Erwartungen des Rezipienten an die realistischen körperlichen Fähigkeiten werden hier bestätigt. Die Figur wirkt durch die beschriebene Darstellungsform sehr realistisch. (Eder, 2008, S.241)

2.3. Die Dekonstruktion der Figur

In Minute 71 vollzieht sich eines der auffälligsten mythischen Bond-Rituale während des laufenden Poker-Turniers: Bond zitiert den Kellner herbei und bestellt daraufhin den obligatorischen Vodka-Martini. Es folgt eine kurze Pause und der Kellern ist bereits wieder im Begriff zu gehen. Der Rezipient würde hier den Ausspruch: „Gerührt, nicht geschüttelt!“ erwarten; stattdessen fügt Bond eine ganze Reihe an Zutaten hinzu, die er sich offenbar im gleichen Moment überlegt. Dies kann als symbolischer Versuch gesehen werden, ein bereits ironisiertes Bond- Klischee zu beseitigen. Die Figur wirkt überlegener als ihre Vorgänger und will durch einen differenzierteren Geschmack beweisen, dass sie auch auf der gustatorischen Ebene eine höhere Kompetenz aufweist. (Campbell, 2006, 01.11.20sec.)

Die Inkonsistenz, die die Figur aufweist, indem sie nicht ihrem geschichtlichen Ritus folgt, kann als Mittel der Verfremdung angesehen werden. (Eder, 2008, S.240) Dies ist, mit Barbara Broccolis Zitat im Hinterkopf, durchaus gewollt. Der Figur wird auf dekonstruierende Weise eine neue Tiefe verliehen.

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Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656305293
ISBN (Buch)
9783656305644
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204140
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – Institut für Gestaltung
Note
1,0
Schlagworte
James Bond 007 Agentenheld Actionheld Film Kino Figurtheorie Danie Craig Eva Green Jens Eder MArtin Cambell Mads Mikkelsen Judy Dench Casion Royale

Autor

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