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Plädoyer für ein memento mori

Eine anthropologische Betrachtung des Todes

Studienarbeit 2012 19 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Memento mori – Eine (kurze) Einleitung

2 Drei Betrachtungsweisen des Todes
2.1 Ende des Lebens – Anfang des Todes: biologisches Sterben
2.2 „Jenseits der Schwelle“ – Spekulationen über ein Leben nach dem Tod
2.3 Das Sein zum Tode – philosophische Implikationen am Lebensende

3 Fazit: Was uns Tod und Sterben lehren

Literaturverzeichnis

1 Memento mori – Eine (kurze) Einleitung

Jeder Student der Philosophie muss im Laufe seines Studiums mindestens einen einsemestrigen Kursus der Logik absolvieren. Ich erinnere mich noch an meine erste Logikstunde, in der ich eine Konklusion generieren musste. Das Argument hatte folgende Form:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Damals erschien mir die Schlussfolgerung dieses sogenannten modus ponens allzu trivial: Natürlich bin ich sterblich! Das Argument ist im logischen Sinne schlüssig, weil seine Prämissen wahr sind und die Konklusion logisch folgt. Es ist daher rational den Schlusssatz „Also bin ich sterblich“ zu akzeptieren.

Wenn ich nun heute über jede einzelne Aussage des Argumentes nachdenke, gerate ich ins Schwanken. Es drängen sich mir Fragen auf: Bin ich wirklich sterblich? Und was heißt dieses ‚sterblich‘ eigentlich? Die Logik hat keine Antwort für mich parat, denn sie beschäftigt sich nur mit Aussagesätzen, deren Wahrheit nicht von den Umständen ihrer Äußerung abhängt. Prämissen und Konklusion sind lediglich formalisierte Aussagen.

Ist in unserer Gesellschaft vom Sterben und Tod die Rede, dann findet man diese logische Formalisierung wieder. Man spricht zwar hier und da vom Absterben, Verscheiden, Abgang, Abschied, Ende, Entschlafen, Heimgang, Hingang, Lebensende, Einschläfern usw., gleichzeitig aber fehlt es an tatsächlicher Kommunikation über das, was der Tod für uns Menschen bedeutet. Es ist weniger tragisch, dass der Tod keinen Sinn mehr hat; die Tragödie liegt vielmehr darin, dass es keine Suche mehr nach Sinn gibt. Der Tod ist unser Feind geworden und hat mit dem Leben nichts zu tun.

Im Zeitalter der Hightech-Medizin mit den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten zur Heilung ist jeder verstorbene Patient eine Niederlage im Kampf gegen den Tod. Sätze wie „In der Uniklinik wird nicht gestorben!“ sind längst Realität und gehören zu den gesellschaftlichen Erwartungen. Doch der Tod trifft uns härter denn je, gerade weil er massiver als je zuvor bekämpft wird.

Mit dieser Studienarbeit plädiere ich für ein memento mori. Das Nachsinnen über den Tod als eine anthropologische Naturkonstante erfolgt dabei in drei Schritten und aus drei verschiedenen Perspektiven: Zuerst stelle ich eine naturwissenschaftliche Perspektive vor, um zu einem ersten Begriff des Todes zu gelangen. Im Anschluss werden dann natur- und kulturwissenschaftliche Positionen herangezogen, um die „große Frage“ zu beantworten, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Der letzte Teil entwickelt eine eigene Philosophie des Todes, welche die Gedanken der „alten Meister“ Kierkegaard und Heidegger fortführt und neuere Ansätze aus der Sterbeforschung berücksichtigt.

Ich habe mich bewusst für diese „bunte Mischung“ von Perspektiven entschieden, weil ein memento mori – will es zu einem Ergebnis, zu einem Sinn kommen – auf diese Vielfalt angewiesen ist.

2 Drei Betrachtungsweisen des Todes

2.1 Ende des Lebens – Anfang des Todes: biologisches Sterben

Es erscheint auf den ersten Blick paradox, dass der „moderne“ Tod im Großen und Ganzen ein Konzept der Biologie geworden ist. Als Naturwissenschaft ist sie doch – was sie schon etymologisch impliziert (gr. βίος λόγος) – eine Lehre vom Leben. Und dieses Konzept vom Leben benutzt die Biologie auch, wenn sie vom Tod spricht: sie gibt durch eine Liste festgelegter Lebensmerkmale eine Definition der Grenzen ihres eigenen Gegenstandsbereiches an. Damit klammert sie den Tod eigentlich aus, weil er aus ihrem Zuständigkeitsbereich herausfällt. Andererseits sagt sie uns aber ex negativo, was Nicht-Leben ist. Dieses ‚Nicht-Leben‘ wird dann synonym zu ‚Tod‘ verwendet.

Alle Entitäten, die nicht die Merkmale des Lebens tragen, werden für tot erklärt. Das hat zur Konsequenz, dass die meisten Dinge, die uns umgeben, tot sind ohne jemals gestorben zu sein: z.B. die Computertastatur, auf der ich gerade diese Zeilen tippe und das Biologiebuch auf meinem Schreibtisch usw.

Die Biologie trägt ein Verständnis vom Tode als ‚Abwesenheit von Leben‘. Es ist daher unmöglich vom biologischen Tod zu reden, ohne sich gleichzeitig auf das Leben zu beziehen. Und es ist auch nicht möglich das Leben zu thematisieren, ohne einen Bezug zum Toten herzustellen. Der Tod wird als Negation des Lebens gedacht; er ist ein „Leben“ mit anderen Vorzeichen. Daher sind Leben und Tod begrifflich leicht ineinander überführbar; sie erwachsen jeweils aus ihrem Antipoden. Hier liegt die Schlussfolgerung nahe, dass Leben und Tod zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Schon Platon formulierte im Phaidon einen ähnlichen Gedanken:

Sokrates: Behauptest du nicht, der Gegensatz zum Leben sei das Todsein? […] und es entsteht das eine aus dem anderen? […] Was entsteht demnach aus dem Lebenden?

Kebes: Das Tote.

Sokrates: Und aus dem Toten?

Kebes: […] das Lebende […]

Sokrates: Wir sind uns also auch darin einig, dass die Lebenden aus den Toten entstanden sind, gleich wie die Toten aus den Lebenden. Wenn dem aber so ist, dann schien uns das ein genügender Beweis dafür, dass die Seelen der Toten irgendwo ein Dasein haben müssen, von wo sie dann wieder lebendig werden können […] (Platon zit. n. Bethge 2008, 43f.).

Doch was sind nun die fundamentalen Eigenschaften des Lebendigen, damit sich das Nicht-Lebende, der Tod, verstehen lässt? Diese Frage beantwortet jedes Biologiebuch ziemlich einheitlich – und meist auf den ersten Seiten: „[…] so vermögen wir doch das Leben an seinen Funktionen zu erkennen: am Stoffwechsel, am Wachstum, an der Bewegung, an der Vermehrung und an der Vererbung“ (Buselmaier 1990, 1). ‚Leben‘ wird hier durch die Angabe funktionaler Teilkriterien definiert. Diese essentialistische Methodik findet sich schon bei Aristoteles, wenn er von einer spezifischen inhärenten Funktion (ergon) der Dinge spricht (vgl. EN 1097b25).

Das Leben aus der Sicht der Biologie wird nur als solches anerkannt, wenn sich seine Teilkriterien in einem konjunktionalen Verhältnis zueinander befinden: Etwas lebt, wenn es einen Stoffwechsel hat und wenn es wächst und wenn es sich bewegt und wenn es sich vermehrt und wenn es seine Eigenschaften vererbt. Etwas lebt nicht – ist im biologischen Sinne also ‚tot‘ – wenn mindestens eine Teilaussage falsch ist. Damit hat die Biologie eine logische Junktorengleichung gefunden, mit der sie Leben von Tod unterscheidet. Das Problem dabei ist, dass jedes Merkmal für sich betrachtet sehr unbestimmt ist.

Was heißt in diesem Paradigma ‚Bewegung‘? Ein Mensch bewegt sich augenscheinlich ständig: er geht zur Arbeit oder treibt Sport, und auch wenn er schläft sind Herz, Atmung und Blutfluss immer in Bewegung. Bewegen sich tote Dinge nicht? Die heraklitsche Philosophie vom panta rhei („Alles fließt“) wird heute von der Physik bestätigt. Gegenstände bestehen aus Atomen, die je nach Energiezustand mehr oder weniger rotieren. Dieses Phänomen bezeichnet man als Brownsche Molekularbewegung, welche die Ursache der ständigen Veränderung unserer Welt ist. Ein bloßer Stein, die Wolken und tote Menschen bestehen aus bewegter Materie. Auch Schelling sprach den Dingen der Welt eine innewohnende Bewegung zu, sodass der Gegenstand nur scheinbar tot sei, in Wirklichkeit aber schliefe (vgl. Schelling zit. n. Bethge 2008, 21).

Stoffwechsel bedeutet ein Austauschen von Teilchen und Energie; ein Prozess, der bei genauer Betrachtung ubiquitär vorkommt, denn selbst ein einzelnes Atom ist in der Lage Photonen aufzunehmen. Auch ist Wachstum keine genuine Eigenschaft des Lebens. In Tropfsteinhöhlen wachsen beispielsweise tote Salzkristalle heran.

Schlagkräftige Argumente scheinen mit den Begriffen ‚Vermehrung‘ und ‚Vererbung‘ verbunden zu sein. Allgemein versteht man unter Vermehrung die Fortpflanzung zwischen (in der Regel) männlichen und weiblichen Individuen mittels Spermien und Eizellen oder nur die einfache Zellteilung. Dabei gibt jedes Lebewesen einen ganz bestimmten Anteil seiner selbst an die nächste Generation weiter. Der Begriff der Vererbung setzt also die Vermehrung schon voraus, weshalb eine begriffliche Trennung, wie man sie in biologischen Lebenskriterien vorfindet, zu überdenken sein müsste.

Die biologische Definition vom Lebendigen und seinem Komplement, dem Tod, führt zu weiteren Paradoxien: Wie verhält es sich mit Lebewesen, die nicht vermehrungsfähig sind, z.B. ein von Geburt an zeugungsunfähiger Mensch? Dieser erfüllt eine notwendige Bedingung des biologischen Lebens nicht, und doch würde niemand ernsthaft diesem Menschen das Leben absprechen und ihn als ‚tot‘ bezeichnen. Die Fähigkeit zur Vererbung kann keine hinreichende Bedingung für das Leben sein. Doch wenn man den Begriff der Vererbung nicht mehr funktional denkt, sondern ihn auf seine materiellen Bedingungen zurückführt, könnte man zu einem brauchbaren Konzept vom Leben gelangen:

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656305309
ISBN (Buch)
9783656305989
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204139
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Tod Philosophie Anthropologie Sterben Medizin Nahtoderlebnisse Biologie Leben Existenzialismus Palliativmedizin Heidegger Kübler-Ross Lebensende Sterbephasen Sein zum Tode Diversitätserfahrung Sein und Zeit Five Stages Of Grief Dasein memento mori Vergänglichkeit

Autor

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