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Kulturkontakt Griechenlands und Persiens anhand der Übernahme des achämenidischen Reiches durch Alexander den Großen

Hausarbeit 2012 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eroberung als Forschungszug

2. Zur "Orientalisierung" Alexanders
2.1 Übernahme von und Respekt vor persischen Sitten vor griechischem Hintergrund
2.2 Das Ornat des Großkönigs
2.3 Die Proskynese
2.4 Hochzeiten
2.5 Persische Elemente im Heer

3. Übernahme des Perserreiches
3.1 Babylon
3.2 Susa
3.3 Persepolis
3.4 Letzte Fragen

4. Nach Alexanders Tod

Literaturverzeichnis

1. Eroberung als Forschungszug

Als Alexander nach Asien ging und seinen Feldzug gegen Dareios III, den König der Perser startete, verfolgte er offiziell zwei Ziele:

Das Erste war Rache. Rache an den Persern für die Verwüstung Griechenlands, die Xerxes in Athen hinterlassen hatte. Das zweite Ziel war die Befreiung der Völker von der persischen Herrschaft.[1]

Das inoffizielle dritte Ziel stellte die komplette Aneignung Asiens und somit einen Eroberungskrieg dar, und wurde nicht erst nach der Einnahme von Persepolis Programm, sondern zeigte sich schon nach der Schlacht bei Issos (333) in einem Briefwechsel mit Dareios.[2]

Mit allen Zielen hatte Alexander, wie sich im Verlaufe dieser Arbeit zeigen wird, Erfolg, doch ist es nicht zu vernachlässigen und würde der Geschichte Unrecht tun, wenn wir den Asienfeldzug „nur“ als einen Rachefeldzug betrachten würden. Zusätzlich zu den gesetzten Zielen kann der Zug nach Osten auch als Forschungszug gesehen werden, was sich an zwei Auswirkungen besonders deutlich zeigt: Die Erste ist, dass der Asienfeldzug besondere wissenschaftliche Erkenntnisse für die Griechen bereit hielt. Im Stab Alexanders befanden sich neben Strategen auch Gelehrte, die in den einzelnen Städten den geistigen Austausch vorantrieben. Ein Beispiel dafür ist Kallisthenes, der Chronist Alexanders, der während des Feldzugs in Babylon mit der Astronomie in Berührung kam. Seine Erkenntnisse schickte er weiter an seinen Verwandten, Aristoteles.[3]

Die Zweite ist, dass auf geographischer Ebene neue Entdeckungen zustande kamen, da Alexanders Zug teilweise als geographische Erkundungsreise konzipiert worden war. Alexanders Feldzug wirkte sich direkt auf den Vorstellungshorizont des griechischen Weltbildes aus und machte die damals bekannte Welt schlicht und ergreifend "größer".[4]

Mehr noch: Mit Alexander begann die Epoche des Hellenismus, die bis in die Spätantike andauerte und von einer "wechselseitigen Durchdringung der orientalischen und griechischen Kulturen"[5] gekennzeichnet ist.

Es ist also unbestreitbar, dass Alexander der Auslöser für einen Kulturkontakt mit dem Osten war. Fraglich bleibt jedoch, welche Vorraussetzungen er geschaffen hat, so dass eine derart bedeutende Epoche entstand. Mit anderen Worten: wie sah sein "persönlicher" Kontakt mit dem Osten aus, was machte er mit der vorgefundenen Situation und was hielten die Europäer bzw. Griechen davon? Dies soll anhand seiner politischen Entscheidungen so weit wie möglich analysiert werden.

2. Zur "Orientalisierung" Alexanders

"Orientalisierung" leitet sich von "Orientalismus" ab, ein Begriff der seit Edward W. Said im Jahr 1979 eine neue Definition erfahren hat.

Said stellt die These auf, dass das Bild des Orients eine Konstruktion des Westens ist. Hierbei wird eine Abgrenzung zwischen Westen und Osten geschaffen, die allerdings auf einseitiger Sicht beruht und von Machtdenken und Dominanz geprägt ist. Eine Verzerrung der Sicht auf die „Anderen“ ist die Folge.[6]

Said bezieht sich damit im Zuge des Orient-Diskurses, der seit dem 18. Jh. in der westlichen Welt existiert, einerseits auf die Orientalistik, welche sich als Wissenschaft etabliert, und andererseits auf das Bild über den Osten, welches von westlicher Literatur für den Westen gezeichnet wird. Vom "realen Orient" wird dabei laut Said größtenteils abgesehen.[7]

"Die politische Aneignung des Orients und die damit einhergehende diskursive Orientalisierung' machen nach Said das Wesen des Orientalismus aus."[8]

Er stützt sich dabei auf realhistorische Begebenheiten, wie z.B. den Ägyptenfeldzug von Napoleon. Said übt auf diese Weise Kritik am Orient-Diskurs und weist dem Westen mit seiner Theorie ein imperialisitsches Interesse am Osten nach.[9]

Von einer Orientalisierung zur Zeit Alexanders kann also im herkömmlichen Sinn nicht die Rede sein, da imperialistische Interessen auch immer eine Überlegenheit impliziert, die die Griechen gegenüber den Persern lediglich zu haben glaubten. Allein aus den Größenverhältnissen der regierten Gebiete lässt sich dies schließen. Jedoch kann man den Begriff hier trotzdem gebrauchen und zwar augfrund der Tatsache, dass die Griechen sich tatsächlich für kulturell überlegen hielten, dementsprechend ein falsches Bild von den Persern zeichneten und versuchten, sich von der Kultur der "Fremden" abzugrenzen. Dies wird z.B. am Problem der Proskynese besonders deutlich werden. Zudem gab es seit der Zeit Phillips II, dem Vater des Alexanders, ein politisches Interesse an den "Barbaren" (gemeint sind die Perser), denn ihnen sollte die "Freiheit" vom Joch der Perser gebracht werden.[10]

Reden wir nun also von einer "Orientalisierung" Alexanders, ist damit gemeint, dass er nicht die andere Kultur von seiner eigenen abgrenzte, sondern eben das Gegenteil tat und einzelne Elemente dieser Kultur in seine Lebenweise integrierte. Um es mit Said zu sagen: Aus der Sicht der Griechen war Alexander derjenige, der "orientalisiert" und damit fremd wurde.

2.1 Übernahme von und Respekt vor persischen Sitten vor griechischem Hintergrund

Mit der Zeit wandelte sich das Bild der Griechen über die Perser. Galt den Persern und ihrer Kultur im 5. Jh. v. Chr noch eine gewisse Anerkennung, wich diese im 4. Jh. zunehmend aus dem Gedächtnis der Griechen. Die Historiker dieser Zeit waren mehr an der Idealisierung von toten persischen Herrschern interessiert, als an der Realität.[11]

Griechenland wurde als eine Hochkultur verstanden, die sich durch eine aristokratische/demokratische Prägung auszeichnete. Die Vorstellung einer größeren Hegemonie wurde zugunsten des Gedankens der Autonomie einzelner Poleis fallengelassen. Man verstand sich hier trotzdem zusammengehörig, allerdings in einem unpolitischen Sinn.[12]

Der Osten galt somit als rückständig, kulturell unterlegen und politisch unfrei, da die Regierung nur aus despotischen Herrschern bestand. Man kam zu der Auffassung, dass es im Osten nur "Barbaren" gebe.[13]

Aristoteles bezeichnete die Perser als ein Volk, welches militärische Stärke bevorzugt, und diese auch ehrt, stellte aber die Herrscher des Reiches ebenfalls als Tyrannen dar.[14]

Er schlug Alexander während seines Feldzuges vor, die "Barbaren" wie Sklaven und Feinde zu betrachten. Alexander schlug diesen Ratschlag jedoch in den Wind. Er hatte eine ganz andere Meinung vom Osten. Um dieser Meinung Gewicht zu verleihen, ging er sogar so weit, Orientalen mit in die Armee aufzunehmen, die regionalen Gesetze seiner eroberten Gebiete anzuerkennen und zu respektieren und fing an, nach und nach persische Sitten zu praktizieren.[15]

Mehr noch, laut Droysen betrieb Alexander eine Verschmelzungspolitik zwischen Asien und Europa, da sein Reich nur durch das Zusammenrücken dieser beiden Regionen eine wirkliche Stabilität erreichen könnte.[16]

Seine Anbindung an die achämenidischen Kultur wird an einzelnen Entscheidungen besonders deutlich. So zum Beispiel, als er die Familie von Dareios III, welche nach der Schlacht bei Issos in seine Gewalt fiel, mit Respekt behandelte ( Dareios ist der Hauptgegner Alexanders und Großönig des persischen Reiches).[17]

Besonders am (und zeitlich nach dem) Tod des Dareios (330) wird deutlich, dass sich Alexander immer mehr als legitimer Nachfolger des Achämenidenreiches verstand und nicht als "Eroberer": Als er von Dareios' Gefangennahme durch Bessos erfuhr, machte er den Konvoi mit dem Gefangenen ausfindig, konnte Dareios aber nur noch tot bergen. Hier erwies Alexander seinem Widersacher die letzte Ehre, indem er ihn mit einem Mantel zudeckte, was sowohl eine politische als auch menschliche Geste darstellte. Alexander erkannte Dareios somit als seinen Vorgänger an und übernahm gleichzeitig die Aufgabe, dessen Tod, der durch Bessos (ein Verwandter des Dareios) verursacht wurde, zu rächen.[18]

Auch dass er den Leichnam würdig bestatten ließ und Oxyathres, den Bruder des Dareios, in sein persönliches Gefolge aufnahm, spricht für diese Annahme.[19]

Diese "perserfreundliche" Politik fand allerdings nicht bei allen Menschen Anklang. Hauptsächliche Opposition zu seinen Entscheidungen erfuhr Alexander größtenteils aus seinem eigenen Heer und hier speziell seitens der Makedonen, die unter ihm dienten.[20]

Der Grund für die Opposition lässt sich aus dem verletzten Siegerstolz der Makedonen ableiten: Asien sollte eigentlich durch Eroberung der Hellenenwelt angeschlossen werden und damit sollten die "Barbaren" unter den Hellenen stehen. Alexander plädierte dagegen ganz offen für die Überwindung dieses festgefahrenen Denkens und setzte auf Gleichberechtigung beider Völker.[21]

Die Übernahme persischer Sitten darf man aber eher als politisch motivierte Schritte betrachten: Alexander nannte ein asiatisches Großreich sein Eigen, obwohl er mit seiner Armee ein Europäer auf nicht-europäischen Grund und Boden war. Mit anderen Worten war er, obwohl es "sein" Reich war, eine kulturelle Minderheit und somit auf die Perser (und Meder) zum Verwalten seines Reiches angewiesen. Er wollte also die persischen Kräfte ganz gezielt mit der Übernahme traditioneller achämenidischer Sitten auf seine Seite ziehen.[22]

Dies kommt rückblickend in einzelnen politischen Entscheidungen Alexanders deutlich zum Ausdruck.

2.2 Das Ornat des Großkönigs

Kleidung hatte schon zu Zeiten Alexanders eine kommunikative Wirkung. Gewisse Schnittmuster, Farbkombinationen und Schmuck gaben Aufschluss darüber, welche Position der Einzelne in der Gesellschaft inne hatte.[23]

Ein Schachzug den Alexander durchführte, um seine asiatischen Untertanen loyal zu stimmen, war das Anlegen von orientalischen Trachten, im Speziellen auch Teile des Ornats des Großkönigs.[24]

Es soll aber darauf hingewiesen werden, dass er nicht das komplette Kostüm trug, sondern nur ausgewählte Stücke und diese auch mit makedonischen Elementen kombinierte. Feste Bestandteile seines "Konigskostüms" waren aber definitiv der Siegelring des Dareios und das Diadem.[25]

Laut Stier wird das Diadem bei Droysen als "altmakedonisch" geschildert, was aber nicht richtig ist, da das Diadem auch zum Ornat des Großkönigs gehöre. Er behauptet, dass es jedoch im späteren Verlauf der Geschichte von makedonischen Königen nach Alexander getragen wurde.[26]

[...]


[1] Vgl. Pedro Barceló: Alexander der Große. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2007. S. 146

[2] Vgl. Hans Erich Stier: Welteroberung und Weltfriede im Wirken Alexanders des Großen. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1973. S. 20

[3] Vgl. Barceló: Alexander der Große. S. 146 f.

[4] Vgl. Hans-Joachim Gehrke: Alexander der Große – Welterkundung als Welteroberung, In: Hansen, Svend (u.a.) [Hrsg.]: Alexander der Grosse und die Öffnung der Welt, Asiens Kulturen im Wandel. Schnell & Steiner [u.a.] Regensburg [u.a.] 2009, S. 25

[5] Svend Hansen, Alfried Wieczorek, Michael Tellenbach: Vorwort der Herausgeber. In: Hansen, Svend / Wieczorek, Alfried / Tellenbach, Michael (Hrsg.): Alexander der Grosse und die Öffnung der Welt. Asiens Kulturen im Wandel. Regensburg [u.a.] Schnell & Steiner [u.a.], 2009. S. 19

[6] Vgl. Edward. W. Said: Orientalism: Western Conceptions of the Orient. London: Penguin Books, 1991. S. 5

[7] Vgl. Michael Stolz: Kulturelle Varianzen. Religiöse Konfrontationen im Spiegel der Parzival – Überlieferung. In: Jean-Marie Valentin (Hrsg.): Akten des XI Internationalen Germanistikkongresses Paris 2005, Germanistik im Konflikt der Kulturen. Bern [u.a.]: Lang, 2008. S, 154

[8] Stolz: Kulturelle Varianzen. In: Valentin (Hrsg.) Akten des XI Internationalen Germanistikkongresses Paris 2005. S. 154

[9] Vgl. Stolz: Kulturelle Varianzen. In: Valentin (Hrsg.) Akten des XI Internationalen Germanistikkongresses Paris 2005. S. 154

[10] Vgl. Stier: Welteroberung und Weltfriede im Wirken Alexanders des Großen. S. 11

[11] Vgl. Arnaldo Momigliano: Hochkulturen im Hellenismus, die Begegnung der Griechen mit Kelten, Römern, Juden und Persern. C.H. Beck, 1979. S. 158

[12] Vgl. Siegfried Lauffer: Alexander der Große. München, Dt. Taschenbuch-Verlag, 1993. S. 10 f.

[13] Vgl. Lauffer: Alexander der Große. S. 12

[14] Vgl. Momigliano: Hochkulturen im Hellenismus. S 160

[15] Vgl. Peter A. Brunt: The Aims of Alexander. In: Ian Worthington: Alexander the Great, a Reader. Routledge 2003. S. 50

[16] Vgl. Albert B. Bosworth: Alexander and the Iranians. In: Ian Worthington: Alexander the Great, a Reader. Routledge 2003. S. 208

[17] Vgl. Nicholas G.L. Hammond: The Kingdom of Asia and the persian Throne. In: Alexander the Great, a Reader. Routledge 2003. S. 141

[18] Vgl. Lauffer: Alexander der Große. S. 112 f.

[19] Vgl. Lauffer: Alexander der Große. S. 113

[20] Vgl: Brunt: The Aims of Alexander. In: Worthington: Alexander the Great. S. 50

[21] Vgl. Stier: Welteroberung und Weltfriede im Wirken Alexanders d. Gr. S. 37 f.

[22] Vgl. Hammond: The Kingdom of Asia and the persian Throne. In: Alexander the Great S. 141

[23] Vgl. Annette Paetz gen. Schieck: Alexander der Große und das Ornat des persischen Großkönigs. In: Svend Hansen [u.a.]: Alexander der Grosse und die Öffnung der Welt, Asiens Kulturen im Wandel. Schnell & Steiner [u.a.], Regensburg [u.a.], 2009. S. 105

[24] Vgl. Barceló: Alexander der Große. S. 164

[25] Vgl. Gehrke: Alexander der Große. S. 64

[26] Vgl. Hans Werner Ritter: Diadem und Königsherrschaft, Untersuchungen zu Zeremonien und Rechtsgrundlagen des Herrschaftsantritts bei den Persern bei Alexander dem Großen und im Hellenismus. München [u.a.] Beck 1965. S. 31

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656309079
ISBN (Buch)
9783656310570
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204033
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Kultur - und Sozialwissenschaftliches Institut
Note
1,7
Schlagworte
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