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Sprachstörungen nach Schlaganfall und ihre Auswirkungen auf die linke Gehirnhälfte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 18 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1.) Einleitung

2.) Geschichtlicher Überblick zur Erforschung von Sprachstörungen
2.1) Antike
2.2) Simon Alexandre Ernest Aubertin und Paul Broca (1861)
2.3) Carl Wernicke 1874

3.) Das Wernicke-Geschwind Modell

4.) Sprachliche Auswirkungen verschiedener Schlaganfalltypen
4.1) Broca-Aphasie
4.2) Wernicke-Aphasie
4.3) Aphasie bei Zweisprachlern und Gehörlosen

5.) Zusammenfassung

6.) Anhang

7.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Unsere Sprache ist eine der wichtigsten Kommunikationsformen in den zwischenmenschlichen Beziehungen.

Sprache ist ein sehr komplexes Gebilde, das nicht nur aus Lauten besteht, sondern desweiteren auch Symbole und Gesten enthält, die alle der Kommunikation dienen. Ohne seine Sprache ist der Mensch als soziale Spezies undenkbar. Sprache und Gesellschaft bedingen einander. Doch nicht nur Sprache und Gesellschaft stehen in engem Zusammenhang, sondern auch Sprache und Gehirn, denn im Gehirn entsteht die Sprache. Ein großer Teil dessen, was man über die Gehirnmechanismen von Sprache weiß, stammt aus den Studien zu Sprachdefiziten infolge von Gehirnschädigungen. Diese Sprachstörungen nennen wir Aphasien: Aphasien haben neurologische Aspekte, weil sie Funktionsstörungen durch umschriebene Läsionen in bestimmten Arealen des Großhirns anzeigen, sie haben psychologische Aspekte, weil jede Hirnschädigung zu einer Minderung der intellektuellen Leistungsfähigkeit führt und sie haben linguistische Aspekte, weil bei ihnen bestimmte Komponenten des Sprachsystems spezifisch gestört sind.[1]

Diese Arbeit beschäftigt sich konkret mit Sprachstörungen nach Schlaganfall, wobei der Fokus auf der linken Gehirnhälfte liegt. Auf den Einfluss der rechten Gehirnhälfte, Therapiemöglichkeiten und Heilungschancen wird nicht eingegangen, da dies zu weit führen würde.

Zunächst wird ein kurzer geschichtlicher Überblick über die Erforschung von Sprachstörungen gegeben: zunächst werden die Ansichten in der Antike kurz vorgestellt, anschließend die Erkenntnisse von Simon Alexandre Ernest Aubertin, Paul Broca und Carl Wernicke.

Daraufhin wird das Wernicke-Geschwind Modell vorgestellt, das in vereinfachter Form den Zusammenhang zwischen Sprache und Gehirn erklärt. Auch Kritik, die sich aus diesem Modell ergibt, wird angesprochen.

Anschließend werden die sprachlichen Auswirkungen verschiedener Schlaganfalltypen thematisiert, wobei der Schwerpunkt auf der Broca Aphasie, der Wernicke Aphasie und der Aphasie bei Zweisprachlern und Gehörlosen liegt.

2.) Geschichtlicher Überblick zur Erforschung von Sprachstörungen

2.1) Antike

Bereits aus der Antike finden sich vielfältige Belege, die Interesse an und Vermutungen über die Funktion und Bedeutung des menschlichen Gehirns dokumentieren. Platon siedelte den unsterblichen Teil der Seele im Kopf an, während Aristoteles das Gehirn für einen kalten Schwamm hielt, der in erster Linie zur Kühlung des Blutes diente.[2] Nach Meinung der alten Griechen und Römer ging man davon aus, dass Sprache durch die Zunge kontrolliert werde und Sprachstörungen nicht im Gehirn, sondern im Mund entstünden. Um einen Sprachverlust infolge einer Kopfverletzung zu behandeln, wandte man spezielle Gurgeltechniken und Zungenmassagen an.[3]

Der griechische Arzt Hippokrates und seine Schüler trafen eine Unterscheidung zwischen Sprechverlust und Sprachverlust. Sie beobachteten, dass Gehirnverletzungen auf der einen Seite oft Paralysen und Spasmen auf der anderen Körperseite zur Folge hatten. Sie erkannten zwar eine Korrelation zwischen Sprachverlust und rechtsseitiger Paralyse, zogen jedoch daraus keine Schlussfolgerungen über die Lokalisation des menschlichen Sprachvermögens. Auch Maximus, der zweite wichtige Vertreter antiker Medizin, versuchte eine Erklärung für diese isolierte Störung zu finden. Er nahm eine Zerstörung des Gedächtnisses für Buchstaben an.[4]

Obwohl man im 16. Jahrhundert bereits die Erkenntnis hatte, dass eine Person unter Sprachstörungen leiden konnte, ohne dass die Zunge gelähmt war, bestand die Therapie immer noch aus Verfahren wie Blutentnahme oder Blutegelbehandlung oder es wurde einfach die Zunge abgeschnitten.[5]

2.2) Simon Alexandre Ernest Aubertin und Paul Broca (1861)

Im Jahre 1861 behandelte der französische Arzt Simon Alexandre Ernest Aubertin einen Mann, der sich bei einem missglückten Suizidversuch die frontale Schädeldecke weggeschossen hatte. Aubertin stellte bei der Behandlung fest, dass, wenn er einen Spatel gegen den freiliegenden Frontallappen presste, während der Patient sprach, dessen Sprache augenblicklich aussetzte und erst dann wieder einsetzte, wenn der Druck des Spatels aufhörte. Aubertin zog daraus die Schlussfolgerung, dass der Druck auf das Gehirn die normale Funktion einer Hirnrindenregion im Frontallappen beeinträchtigte.[6]

Die Periode der klassischen Aphasieforschung beginnt mit den Arbeiten des französischen Chirurgen und Anthropologen Paul Pierre Broca.[7]

Ebenfalls im Jahre 1861 behandelte Paul Broca einen Patienten, der fast vollständig außerstande war zu sprechen. Gemeinsam mit Aubertin untersuchte er das Gehirn und beide kamen zu dem Schluss, dass die Frontallappen des Patienten geschädigt waren. Brocas Fallstudie bewirkte einen Meinungsumschwung, so dass ab diesem Zeitpunkt die Vorstellung dominierte, dass es im Gehirn ein Sprachzentrum gebe. Broca veröffentlichte 1863 einen Forschungsartikel, in dem er acht Fälle von Sprachstörungen beschrieb, die alle auf Schädigungen des Frontallappens in der linken Gehirnhälfte zurückzuführen waren. Andere Forschungsberichte, die verdeutlichten, dass die Sprechfähigkeit durch rechtshemisphärische Läsionen nicht beeinträchtigt wird, veranlassten Broca dazu, die Hypothese aufzustellen, dass der Sprachausdruck nur durch eine Hemisphäre, und zwar fast immer durch die linke, kontrolliert wird.[8]

Dies wurde mit Hilfe eines Verfahrens gestützt, mit dessen Hilfe festgestellt werden sollte, welche Rolle die beiden Gehirnhälften im Bezug auf Sprache spielen.

Der japanisch-kanadische Neuropsychologe Juhn Wada entwickelte 1960 ein Verfahren, das unter dem Namen Wada-Verfahren bekannt wurde. Durch Einspritzen eines Narkotikums (Natriumamytal) in die rechte oder linke Halsschlagader wird die entsprechende Hemisphäre für einige Minuten eingeschläfert. Danach tritt sofort eine komplette Lähmung der gegenseitigen Extremitäten und je nach Hemisphäre ein Sprachausfall auf. Diese eingreifende Untersuchung ist mit einigen Risiken behaftet und wurde daher nicht zu rein experimentellen Zwecken, sondern nur dann eingesetzt, wenn vor notwendigen operativen Eingriffen die möglichen Auswirkungen auf die Sprache sichergestellt werden sollten.[9]

In den meisten Fällen wird die Sprache durch Anästhesie der linken und nicht der rechten Hemisphäre gestört. Somit ist bei den meisten Menschen die linke Hemisphäre die für die Sprache dominante Hemisphäre. Die Region des dominanten linken Frontallappens, die Broca als kritisch für die Sprachenbildung betrachtete, nämlich den posterioren Teil der dritten Frontalwindung, wird als Broca Areal bezeichnet.[10]

Brocas Arbeiten sind von großer Bedeutung, weil durch diese erstmals dargelegt wurde, dass Gehirnfunktionen anatomisch lokalisierbar sind.

2.3) Carl Wernicke 1874

Im Jahre 1874 berichtete der deutsche Neurologe Carl Wernicke, dass Läsionen in der linken Hemisphäre und zwar in einer anderen Region als von Broca bezeichnet, ebenfalls die Sprachfunktion beeinträchtigen.[11] Er beschreibt Patienten, die bei gestörtem Sprachverständnis zwar fließend und mit normaler Intonation sprechen können, deren Äußerungen jedoch aus sinnlos aneinandergereihten Fragmenten bestehen. Autopsiebefunde ergaben Läsionen im hinteren Drittel der linksseitigen ersten Temporalwindung, die an die Hörrinde grenzt. Diese Region wird als Wernicke Areal bezeichnet. Wernicke nennt diese Aphasieform „sensorische Aphasie“ und grenzt sie damit von der Aphasie Brocas ab, die er als „motorische Aphasie“ bezeichnet.[12]

Obwohl die Bezeichnungen „Broca Areal“ und „Wernicke Areal“ noch immer allgemein verwendet werden, sind die Grenzen dieser Gebiete nicht klar definiert und offenbar von Person zu Person recht unterschiedlich. Beide Areale sind möglicherweise an mehr als nur einer Sprachfunktion beteiligt.[13]

3.) Das Wernicke-Geschwind Modell

Nachdem Wernicke seine Beobachtungen zu dem später nach ihm benannten Aphasietyp gemacht hatte, schlug er ein Modell zur Sprachverarbeitung vor, das Norman Geschwind an der Boston University weiterentwickelte und das als Wernicke-Geschwind Modell bekannt wurde. Die Schlüsselelemente in diesem System sind das Broca-Areal, das Wernicke-Areal, der Fasiculus arcuatus, ein Axonenbündel, das zwei Hirnrindenareale miteinander verbindet, sowie der Gyrus angularis, eine Windung der Großhirnrinde. Desweiteren umfasst das Modell auch sensorische und motorische Areale, die am Sprachempfang und an der Sprachproduktion beteiligt sind.[14]

Anhand zwei verschiedener Aufgaben wird die Funktionsweise des Modells erläutert:

Die erste Aufgabe besteht aus dem Nachsprechen eines gesprochenen Wortes. Die Sprachlaute erreichen zunächst das Ohr und werden dort vom akustischen System weiterverarbeitet. Die daraus resultierenden Nervensignale erreichen schließlich die Hörrinde. Nach dem Wernicke-Geschwind Modell werden die Laute erst dann als bedeutungsvolle Wörter interpretiert, wenn sie im Wernicke Areal verarbeitet wurden. Wortbasierende Signale werden anschließend vom Wernicke-Areal über den Fasiculus arcuatus zum Broca-Areal weitergeleitet, um die Wörter zu wiederholen. Im Broca-Areal werden die Wörter für die Muskelbewegungen, die zum Sprechen erforderlich sind, codiert. Der Output des Broca-Areals wird zu den benachbarten motorischen Hirnrindenarealen weitergeleitet. Diese kontrollieren die Zungen-, Lippen- und Kehlkopfbewegungen.

Die zweite Aufgabe ist das laute Vorlesen eines geschriebenen Textes. In diesem Fall werden die eingehenden Informationen über das visuelle System durch die primäre Sehrinde sowie die Sehrindenareale höherer Ordnung verarbeitet. Es erfolgt eine Weiterleitung der visuellen Signale zum Gyrus angularis an der Schaltstelle des Okzipital-, Parietal- und Temporallappen. Man vermutet, dass die visuellen Signale im Cortex des Gyrus angularis transformiert werden, so dass der Output im Wernicke-Areal die gleichen Aktivitätsmuster auslöst wie gesprochene Wörter. Von diesem Zeitpunkt an verläuft die Verarbeitung genau wie beim ersten Beispiel: vom Wernicke-Areal über das Broca-Areal zum Motorcortex.[15]

[...]


[1] Helmut Schnelle (Hrsg.): Sprache und Gehirn, Frankfurt a.M. 1981, 97 [ im Folgenden zitiert als Schnelle, Sprache und Gehirn].

[2] Vgl. Corina König-Linek: Aphasie bei Mehrsprachigkeit. Eine Fallstudie, Diss. Hamburg 1995, 6 [im Folgenden zitiert als König-Linek, Aphasie bei Mehrsprachigkeit].

[3] Vgl. Mark F. Bear/ Barry W. Connors/ Michael A. Paradiso: Neurowissenschaften. Ein grundlegendes Lehrbuch für Biologie, Medizin und Psychologie, Heidelberg 2009, 698 [im Folgenden zitiert als Bear, Neurowissenschaften].

[4] Vgl. König-Linek, Aphasie bei Mehrsprachigkeit, 7.

[5] Vgl. Bear, Neurowissenschaften, 698.

[6] Ebd.

[7] Vgl. König-Linek, Aphasie bei Mehrsprachigkeit, 9.

[8] Vgl. Bear, Neurowissenschaften, 699.

[9] Theodor R. von Stockert: Theorie und Praxis der Aphasietherapie, München 1984, 44 [im Folgenden zitiert als Von Stockert, Aphasietherapie].

[10] Vgl. König-Linek: Aphasie bei Mehrsprachigkeit, 10.

[11] Bear, Neurowissenschaften, 699.

[12] Vgl. König-Linek: Aphasie bei Mehrsprachigkeit, 10.

[13] Bear, Neurowissenschaften, 699.

[14] Bear, Neurowissenschaften, 705.

[15] Vgl. Bear, Neurowissenschaften, 705.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668689268
ISBN (Buch)
9783668689275
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203778
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Schlagworte
Sprachstörung Sprache Schlaganfall Behinderung Krankheit Laute Sprechen Gehirn

Autor

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