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Die Anfänge der Dorfkolonisation in Holstein

Seminararbeit 2012 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A I. Gegenstand der Betrachtung
A II. Quellen
A III. Geographische Ausgangslage
A IV. Gründe für die Abwanderung aus dem Altsiedelland

B I. Vorgeschichte der Belehnung
B II. Maßnahmen Adolfs II.
B III. Christianisierung in Wagrien

C I. Verbleib der Slawen
C II. Stadtkolonisation, Ausblick

Literaturverzeichnis

A I. Gegenstand der Betrachtung

Diese Arbeit möchte einen Überblick über die Anfänge der dörflichen Kolonisation in den slawischen Räumen Holsteins geben. Meine Betrachtungen beschränken sich auf die Zeit des Schauenburger Grafen Adolf II. (d.h. die Jahre 1143–1164), da erst seine Belehnung mit Wagrien die Voraussetzung einer „aktiven Slawenpolitik“ schuf[1]. Im Verlauf wird aufgezeigt werden, wie er den Anfang jenes Unternehmens begann, das in sehr wechselhafter Rezeptionsgeschichte den Namen „deutsche Ostsiedlung“ oder jünger „hochmittelalterlicher Landesausbau“ erhalten hat[2] – eine Fülle verschiedenster Siedel- und Transformationsprozesse, die von West nach Ost verlaufend auf breiter Front ganz Mittel- und Osteuropa erfassten und das Christentum über die ursprünglichen Grenzen hinaus trugen. Der Fokus liegt dabei besonders auf Wagrien im östlichen Holstein als Zentrum der Kolonisation, das folgende Lande (terrae) bzw. Gaue (pagi)[3] umfasste: Dargun, Eutin, Süsel, Plön, Oldenburg und Lütjenburg[4].

A II. Quellen

Wichtigste Quelle für den hochmittelalterlichen Landesausbau in Schleswig-Holstein ist die Chronica Slavorum Helmolds von Bosau (*um 1120, † nach 1177), die dieser in seinen Jahren als Pfarrer in Bosau (ab 1156) am Plöner See verfasste. Sein Werk baut vor allem auf der Kirchengeschichte Adams von Bremen (Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum) auf[5]. Dabei zeichnet er, obwohl ebenfalls Kleriker, ein differenzierteres Bild der Christianisierung im Elbe- und Ostseeraum, bei seinem Werk ist eher von einer Missions- als einer Slawenchronik zu sprechen[6]. Seine Glaubwürdigkeit wurde vielfach bis in die jüngere Vergangenheit angezweifelt, etwa durch Carl Schirren[7] und Dimitrij Jegorov[8], weil er als Geistlicher zu stark Bezug auf die Bibel nehme und die angeblich toposhafte Ausgestaltung des Textes einer wahrheitsnahen Überlieferung der Geschehnisse entgegenstehe. Besonders Schmeidler konnte jedoch die trotz des Einsatzes vieler biblischer Versatzstücke gegebene Zuverlässigkeit der Chronica Slavorum belegen und seitdem gilt sie als unangefochten[9]. Die Erkenntnis, dass der Pfarrer sich bei der Darstellung der Ereignisse bis ca. 1072 hauptsächlich auf Adams Kirchengeschichte stützte[10], bildet dabei keinen Widerspruch. Sprachliche Untersuchungen konnten eine bloße unreflektierte Übernahme zugunsten eigener Umgestaltung der Adam‘schen Vorlage ausschließen[11]. Ganz besonders bezüglich des Raums Wagrien (Wagira) als „Bezugspunkt einer regionalen Identität“ kommt zudem seine eigene Beobachtung als Quell der Überlieferung zum Tragen[12]. Ich stütze mich auf die 1963 erschienene Ausgabe von Heinz Stoob, welche von den Formulierungen Schmeidlers nur zugunsten des Stils und neuerer Forschungserkenntnisse abweicht[13]. Ferner ziehe ich unterschiedliche Urkunden als Belege heran.

A III. Geographische Ausgangslage

Über Jahrhunderte erfolgte eine westwärts gerichtete Besiedelung der Ostseegebiete durch die Slawen, welche erst im 9. Jahrhundert an der Ostgrenze des karolingischen Reiches stoppte. Der Limes Saxoniae, ein unbewohnter Grenzstreifen, über dessen genauen Verlauf viel Forschung angeregt wurde[14], bildete nicht nur geographisch eine Scheide. Vielmehr trennte er das Gebiet des heutigen Schleswig-Holstein als „politische, militärische, kulturelle und religiöse Grenze“[15], wenngleich zusehends seine Separationsfunktion schwand[16]. Eine näherungsweise Bestimmung des slawischen Siedlungsgebietes wurde mittels toponomastischer Analysen versucht[17]. Susanne Luber geht für das Ende des 10. Jahrhunderts von einer gleichmäßigen Besiedelung Ostholsteins durch die Slawen aus[18]. Nach dem Feldzug Heinrich Badewides 1138/9, der das Land der Slawen verheerte[19], verblieb davon lediglich ein rein slawisch besiedeltes „Reservat“ im äußersten Ostholstein[20]. Dort siedelten die Wagrier, ein Teilstamm der Obodriten.

Die Binnenkolonisation mithilfe angeworbener Siedler beispielsweise an der unteren Elbe und Weser währte vermutlich schon seit 1106[21]. Doch erst mit der Auswanderung der Kolonisten aus dem Altsiedelland in östlich des Limes Saxoniae gelegene Gebiete begann der Prozess der sog. „deutschen Ostsiedlung“[22].

A IV. Gründe für die Abwanderung aus dem Altsiedelland

Eine Phase ungewöhnlich warmer Jahre, heute als Mittelalterliche Warmzeit bezeichnet, begünstigte einen weitreichenden Bevölkerungsaufschwung in Mitteleuropa. Nicht nur in den europäischen Zentren der Urbanisierung – Holland, Flandern und weitere – nahm die Bevölkerungsdichte zu und schuf einen Bevölkerungsdruck, der die Suche nach einem Ventil geraten erscheinen ließ. Helmold deutet die Landnot an:

[...]


[1] Vgl. Lange 1974, S. 21; Belehnung s. Helmold, S. 211.

[2] Der Prozess der Siedlung wurde verschiedensten Ideologien unterworfen und von ihnen instrumentalisiert. Verschiedenen „Sichtweisen“ über die Jahrhunderte widmen sich Ehlke, Celia: Slawen-Bilder. Die Rezeption der Slawen über die Jahrhunderte, in: Gläser 2006, S. 84–89 und Luber 2010. Der Egozentrismus sowohl (ehemals) slawischer Nationen als auch der deutschen Geschichtsschreibung ist einer allmählichen Verständigung und Relativierung der Standpunkte gewichen. Für eine Neubewertung im deutschsprachigen Raum sorgten vor allem die von Walter Schlesinger einberufenen Tagungen des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte, zusammengefasst in einem Tagungsband: Schlesinger, Walter (Hrsg.): Die deutsche Ostsiedlung als Problem der europäischen Geschichte, Sigmaringen 1975, S. 695–754. (= Vorträge und Forschungen 18). Zur geographischen Einordnung leistete das Projekt Germania Slavica unter der Obhut von Wolfgang Fritze einen entscheidenden Beitrag: Fritze, Wolfgang (Hrsg.): Germania Slavica I/II, Berlin 1980/1. (= Berliner Historische Studien 1/4) Ausführliche Darstellung bei Bünz 2008, S. 19–44.

[3] Helmold trennt anscheinend willkürlich die Bezeichnungen terra und pagus. Bohm leitet aus der sukzessiven Substitution der terrae durch pagi im Quellentext eine Unterscheidung slawischer Lande von eroberten Gebieten ab, Bohm 1980, S. 150–152. Lammers spricht unzutreffenderweise von Unsicherheit in der Benennung, Lammers 1981, S. 97.

[4] Helmold, S. 213.

[5] Daneben Bezug auf: Vita Anskarii, Vita Willehadi; Stoob 1963 (Einleitung Helmold), S. 11.

[6] Der Titel ist verschiedentlich aus dem Text des ersten Kapitels entlehnt worden und entspringt nicht der Feder des Pfarrers, Stoob 1963, S. 1, Anm. 1; Darstellung bei Scior 2002, S. 143f.

[7] Schirren, Carl C.G.: Beiträge zur Kritik älterer holsteinischer Geschichtsquellen, Leipzig 1876.

[8] Jegorov, Dmitrij Nikolajewitsch: Die Kolonisation Mecklenburgs im 13. Jahrhundert, 2 Bände, Breslau 1930; dazu: Witte, Hans: Die Kolonisation Mecklenburgs im 13. Jahrhundert. Ein Kritisches Nachwort, Breslau 1932. (= Bibliothek geschichtlicher Werke aus den Literaturen Osteuropas 1,3)

[9] Schmeidler, Bernhard: Über die Glaubwürdigkeit Helmolds und die Interpretation und Beurteilung mittelalterlicher Geschichtsschreiber, in: Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 50, 1935; Diskussion bei Gläser 1983, S. 30; Lammers 1981, S. 294f.

[10] Ohne Jahresangabe Ehlke 2006, S. 23; genauer: Fraesdorff 2005, S. 159.

[11] Fraesdorff 2005, S. 320; Scior 2002, S. 207f.

[12] Scior 2002, S. 208; Im Jahr 1156 besuchte Helmold persönlich Wagrien, was aus erster Person geschildert wird, Helmold Kap. 83f., S. 283–299.

[13] Stoob 1963, S. 22f.

[14] Maßgeblich hierbei: Willner 2011.

[15] Luber 2010, S. 16.

[16] Ruchhöft 2008, S. 72f.; Willner 2011, S. 335–362.

[17] Etwa bei Gläser 1983, S. 61–73; Lammers 1981, S. 302–305. Vgl. ebenso: Hofeditz, Simone: Slawische Orts- und Flurnamen, in: Gläser 2006, S. 29–33; Schmitz, Antje: Onomastische Studien zu slawischen Flur- und Siedlungsnamen. Ausgewählte Untersuchungen im südlichen Ostseeraum, Neumünster 2010;

[18] Luber 2010, S. 17; Ehlke 2006, S. 65 vermutet einen „Einklang“ der ethnischen und religiösen Grenzen.

[19] Helmold, S. 209.

[20] Lotter 1977, S. 65.

[21] Hamburgisches UB 129; Darstellung bei Higounet 1986, S. 98; ohne Quellenangabe ausführlich bei Lammers 1981, S. 297 f.; Bünz 2008, S. 105 (m. Anm. 39) datiert die Urkunde auf das Jahr 1113.

[22] Lange 2003, S. 68.; zur Rezeptionsgeschichte des Landesausbaus s. Anm. 2.

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656299486
ISBN (Buch)
9783656301790
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203623
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Schlagworte
Slawen Holstein Ostsiedlung Germania Slavica Landesausbau Ostholstein

Autor

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