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Die Wiener Schulreform - Das wichtigste Reformprojekt in der ersten Hälfte des 20. Jhd. in Österreich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 17 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

1. Einleitung

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten sich europaweit verschiedenste Reformideen des Bildungswesens. Die Frage, wie die Pädagogik durch eine „geplante und zielstrebige Verbesserung der gegebenen Verhältnisse“[1] dazu beitragen könnte, die Bildung zu reformieren, beschäftigte nicht nur Peter Petersen (Jena-Plan-Schule) oder Maria Montessori in Deutschland, sondern auch Otto Glöckel in Österreich. Mit dem Ziel die Schule zu erneuern, entwickelte der Politiker und Lehrer ein Reformmodell, welches unter seiner Leitung in der Zeit von 1919 bis 1934 in Österreich als die Wiener Schulreform, ein politisch realisiertes reformpädagogisches Modell, bekannt wurde.

Im Folgenden wird ein Gesamtüberblick gegeben werden, unter welchen Umständen sich diese Um- bzw. Neustrukturierung des österreichischen (1919/1920) und des wiener (1920-1934) Schulwesens entwickelte, welche politischen Ideale hinter der Umsetzung standen, wie diese Reform sich gestaltete und welche Umstände dazu führten, dass sie in ihrer ursprünglichen Form nicht weiter bestand.[2] Hierbei wird zugunsten des Gesamtüberblickes keine detaillierte Analyse der politischen Umstände und ihrer Bewegungen, sowie der Mikro- und Makrodidaktik der Reformumsetzung durchgeführt und der Bezug auf die Zeit zwischen 1869 und 1934 eingegrenzt werden. Randbemerkungen und Anmerkungen, die über diesen Rahmen hinaus gehen, werden lediglich am Rande aufgegriffen, da sie den Rahmen dieser Auseinandersetzung überschreiten würden.

Ein besonderes Augenmerk kommt der Frage zu, ob die pädagogische Reform einem politischen Zeitgeist entsprach: Zum einen reagierte das Reformmodell auf einen politischen Ordnungswandel von einer Monarchie zu einer Demokratie und endete mit einem erneuten Umschwung der politischen Verhältnisse; zum anderen verfolgte das Modell idealistische Ziele der sozialistischen (sozialdemokratischen) Strömung des Landes. Die Reform kann folglich als eine „Reform ihrer Zeit“ angesehen werden, die neue Impulse in die Gesellschaft einfließen ließ, oder als eine „revolutionäre Bewegung“ in einer Zeit, die durch einen politischen Umbruch gekennzeichnet ist: Erkannte ein Teil der österreichischen Politik, die SPÖ (=Sozialistische Partei Österreichs), die Zeichen der Zeit und setzte sie mit weitreichender Bedeutung um oder findet sich in der politisch motivierten Schulreform ein, in diesem Fall, noch zu bestimmendes Maß, an revolutionärem Geist?

2. Der historische Hintergrund

Österreich war im 19 Jhd. von verschiedenen Veränderungen und Umwälzungen betroffen. Ab ca. 1850 führte die Industrialisierung, ähnlich wie in Gesamteuropa, zu einer Landflucht und in der Folge zu einer Verstädterung der Bevölkerung. Die Arbeit in den Städten zog die Landarbeiter an und führte zu einer beträchtlichen Vergrößerung derselben, so dass sich die Einwohnerzahl Wiens, der Hauptstadt des Landes, durch die Angliederung der entstandenen Vorstädte und Ansiedlungen von vorher gerade 60.000 auf 2 Mio. (1905) erweiterte. Der wirtschaftliche Aufschwung ließ Wien ab 1848 langsam zu einem „Zentrum industrieller Produktion“[3] werden.

Dadurch entstanden für die Stadt jedoch nicht nur Vorteile. Das durch Kaiser Franz Joseph regierte parlamentarisch - monarchistische Österreich war vor das Problem gestellt, dass die Arbeiter u.a. bei geringem Verdienst und schlechten Wohnverhältnissen eine hohe Leistung und hohe Kosten zu decken hatten. Die ÖVP (=Österreichische Volkspartei) dominierte seit 1895 bis 1918 das Parlament und war so in der Lage im monarchistischen Sinne für Sicherheit der Ordnung zu sorgen:

Die SPÖ und entstehende Arbeiterverbände, die u.a. die soziale und finanzielle Lage der Arbeiter durch politische und soziale Reformen zu verbessern suchten, konnten als Opposition in ihrer Stärke und ihrem Einfluss eingedämmt werden, so dass es nicht zu u.a. Veränderungen der monarchistischen Ordnung und Aufständen der Bevölkerung kommen konnte. Mit 1907 verändert sich die Situation. Eine Wahlrechtsreform lässt gleiche, geheime Wahlen zu, die der Opposition auf Landesebene eine langsam steigende Mehrheit im Parlament einbrachten.[4]

2.1 Das Schulwesen

Das Schulwesen war zu dieser Zeit durch die Schulverfassung (1805-1869), das Reichsvolksschulgesetz (ab 1869) und die Novelle (ab 1883) rechtlich festgeschrieben. Mit 1869 hatte jedes Kind eine Schulpflicht bis zu seinem 14. Lebensjahr zu erfüllen und sollte regelmäßig zum Unterricht erscheinen. Innerhalb der Schule war der Lehrer beauftragt die Schüler zum Glauben bzw. zur Gottesfürchtigkeit und zur Dienstbarkeit bzw. zur Landestreue zu erziehen, damit sie nach ihrer Schulausbildung so sozialisiert seien, dass sie u.a. mit einer tiefen Kaiserliebe und einer grundsätzlichen Treue und Loyalität gegenüber der Ordnung und der Kirche in das Volk eintreten würden. Für dieses Ziel kam dem Lehrer ein Anspruch auf eine absolute Autorität und Machtbefugnis zu, jedes Mittel einzusetzen, dieses Ziel zu erreichen, so dass auch körperliche Gewalt nicht ausgeschlossen war. [5]

Er durfte von den Schülern unbedingten Gehorsam und Anerkennung seiner Führung und Ordnung einfordern. Außerdem waren regelmäßige Gebete vor dem Unterricht (Morgengebet) und nach dem Unterricht (Abschlussgebet), sowie der Religionsunterricht verpflichtend zu erteilen und zu beaufsichtigen.

Die Kinder besuchten zunächst bis zu ihrem 11. Lebensjahr die Unterstufe der Volksschule gemeinsam, bevor sie je nach Herkunft und Geschlecht auf die verschiedenen Schulformen aufgeteilt wurden. Je mehr ökonomisches Kapital das Elternhaus aufwies, desto selbstverständlicher war der Wechsel zu einer Mittelschule[6] (Realschule, Realgymnasium und Gymnasium). Die Kinder des Kleinbürgertums besuchten die Bürgerschule und nur die Kinder aus armen Elternhäusern verblieben auf der Volksschule.[7] Die höhere Bildung innerhalb des staatlichen Schulsystems blieb so den Arbeiterkindern und bis ca. 1900 auch den Mädchen verwehrt.[8] Analog dazu eröffnete die Mittelschulausbildung u.a. eine Möglichkeit auf einflussreiche Stellungen in der Bürokratie und die Volks- oder Bürgerschule eine Zukunft, in der die Schulabgänger auf sich selbst gestellt blieben und ihren weiteren Bildungsgang nur durch Fachschulen (bei gleichzeitiger Berufsausbildung) gestalten konnten. Über die berufliche Orientierung entschied zumeist das Erbrecht[9].

[...]


[1] aus: Böhm, 2005

[2] Eine wesentliche Rolle nahm bei dieser Entwicklung und für Otto Glöckel persönlich auch die Position der katholischen Kirche ein. In dieser Auseinandersetzung kann jedoch aufgrund der inhaltlichen Ausrichtung nicht vertiefend auf dieselbe eingegangen werden. Einige relevante Punkte werden in Verweisen aufgegriffen und teilweise mit weiterführenden Quellen versehen, so dass dieser Aspekt im Nachhinein nachvollzogen werden kann.

[3] aus: Achs/Tesar, 1985, S.12

[4] Weitere Informationen u.a. in: Bohnen/Hoffmann, 2006 und Böhnel, 1990

[5] Eine veranschaulichende Abbildung des Schulsystems findet sich unter den Anmerkungen.

[6] Die einzelnen Arten der Mittelschule unterscheiden sich u.a. in ihrer Spezifikation (z.B. einer bestimmten Fachausrichtung) und ihrem Schwierigkeitsgrad. Weitere Informationen finden sich u.a. in Böhm, 2005; Roth, 2001.

[7] Weitere Informationen zur Organisation der einzelnen Schulformen finden sich u.a. in Böhm, 2005; Roth, 2001 und Achs/Tesar, 1985.

[8] Ein kurzer Abriss zur Mädchenbildung befindet sich unter den Anmerkungen.

[9] Eine Erklärung zu diesem Begriff befindet sich unter den Anmerkungen.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656303220
ISBN (Buch)
9783656303749
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203569
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,7
Schlagworte
wiener schulreform reformprojekt hälfte österreich

Autor

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