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Therapeutische Heilungsprozesse in diakonischen Einrichtungen an Beispielen aus Chile

Masterarbeit 2012 61 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Teil I Diakonisches Modell der Hausgemeinschaft in Chile (bezieht sich auf ein Rehabilitationszentrum für Alkohol- und Drogenabhängige)
1.1 Religiöse Aspekte in Chile
1.2 Angewandte Methoden zur Darstellung der chilenischen Modelle/Beispiele
1.2 Berichte aus dem Interview mit Mitgliedern der chilenischen Therapieeinrichtungen
1.3.1 Zentrum: „Siquem: Centro de restauración familiar“
1.3.2 Zentrum: „Crehad: Rehabilitationszentrum für Männer“
1.3.3 Zentrum: „Hogar Casa del Alfarero“
1.3.4 Zentrum: „Crehad: Comunidad Terapéutica La Cisterna“
1.3.5 Zentrum: „Centro de Rehabilitación Yireh
1.4 Hintergrund zum Verständnis der diakonischen Hausgemeinschaft
1.4.1 Das Leitbild der Diakonie in Chile und Deutschland
1.4.2 Finanziellen Ressourcen
1.5 Der Aspekt der Rituale im Hausgemeinschaftsmodell
2.1 Annährungen an den Begriff der Heilung bei Gerd Theißen
2.2 Das Element des Vertrauens im Heilungsprozess
2.3 Die positive Auswirkung des Glaubens auf den Menschen
2.4 Das Anwendung des Glaubensprozesses in der Hausgemeinschaft
2.4.1 Dynamik der Nächstenliebe in der Hausgemeinschaft
2.4.2 Das Motiv der Barmherzigkeit in der Hausgemeinschaft
2.4.3 Solidarität als diakonischer Faktor der Hausgemeinschaften

Teil III Auswirkungen zwischenmenschlicher Beziehungen, die auf diakonische Einrichtungen in Chile zutreffen
3.1 Der Einfluss der Beziehungskonstellation auf Menschen
3.2 Beziehungsprozesse bei Martin Buber
3.2.1 Die drei Sphären der Beziehung
3.2.2 Der Begriff „Urdistanz“ bei Martin Buber
3.2.3 Das dialogische Prinzip
3.3 Beziehungsaspekte im „Ich und Du“ bei Martin Buber
3.4 Bubers Einfluss auf die Therapie
3.5 Carl Rogers: die Gesprächspsychotherapie
3.6 Charakteristika des nicht-direktiven Ansatzes von Rogers
3.6.1 Das Element der Kongruenz oder Echtheit
3.6.2 Die Empathie bei Rogers
3.6.3 Die Wertschätzung des Therapeuten gegenüber dem Klienten
3.7 Therapieprozesse bei Rogers
3.8 Die therapeutische Gruppe bei Rogers
4.2 Wahrnehmungsprozesse nach Martin Buber und Carl Rogers
4.3 Ein Skizzierung der Rituale in der Hausgemeinschaft in Chile
4.4 Anwendung des empathischen Faktors im Hausgemeinschaftsmodell
4.5 Martin Bubers „dialogisches Prinzip“ und das Hausgemeinschaftsmodell
4.6 Carl Rogers Ansatz und das Hausgemeinschaftsmodell
4.7 Unterschiede zwischen therapeutischem Ansatz und dem Hausgemeinschaftsmodell

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Ausprägungen und Facetten

der Diakonie, wie sie in einigen chilenischen Einrichtungen gelebt wird. Der Grund dafür liegt in den wenig erforschten Auffassungen und Formen der diakonischen Tätigkeit in Chile. Das diakonische Handeln, realisiert durch das Modell der therapeutischen Hausgemeinschaft für Suchtkranke bildet somit die Basis, auf welcher die vorliegende Arbeit beruht. Die Hausgemeinschaften thematisieren Heilung in der Beziehungskonstellation zwischen Gott und den Menschen und der die von Menschen untereinander gebildet wird. Einen Schwerpunkt meiner Arbeit bilden daher die therapeutischen Aspekte des Themas Heilung. Die daraus abgeleitete und zu prüfende Hypothese lautet: Heilung, wie sie im Neuen Testament gezeigt und in Chile praktiziert wird, geht über die von Buber und Rogers vorgestellten Heilungsprozesse hinaus. Außerdem rücken die Thematik der finanziellen Unterstützung und die Frage des Fachpersonals in den Fokus der Untersuchung.

Eine Annäherung an die Situation der Diakonie in Chile soll durch eine Befragung erfolgen, die in Berichtsform dargestellt wird. Obwohl die Interviews nicht repräsentativ sind, können sie wertvolle Einblicke in die diakonische Arbeit eröffnen. Der Veranschaulichung der Thematik der Heilung durch die diakonische Gemeinschaft sollen insbesondere die Interviews dienen, die ich in chilenischen Einrichtungen gemacht habe. Einerseits gilt es, damit die Motivation für diakonische Tätigkeit aufzuzeigen, und andererseits die Art der zu heilenden Verletzung näher zu betrachten.

Ausgangspunkt der Untersuchungen im dritten Abschnitt ist der therapeutische Ansatz zum Heilungsprozess, wie er bei dem Philosophen und Pädagogen Martin Buber und bei dem Gesprächstherapeuten Carl Rogers zu finden ist. In einem weiteren Schritt der Analyse wird dargestellt, inwieweit sich deren Ansätze in den verschiedenen diakonischen Einrichtungen wiederfinden, bzw. welche anderen Muster zu beobachten sind, etwa in dem einer Hausgemeinschaft.

Folgende zwei Leitfragen sind Schwerpunkte der Arbeit:

1. In welchem Ausmaß finden sich die therapeutischen Ansätze, also das „dialogische Prinzip“ Bubers bzw. die „Gesprächstherapie“ von Rogers, in der diakonischen Gemeindearbeit in Chile wieder?
2. Lässt sich aus der in Chile gelebten Diakonie ein neues Modell ableiten?

Die letzte Fragestellung macht es notwendig, zunächst zu beleuchten, wie Heilung im Neuen Testament praktiziert wird, und dann den Zusammenhang zur Gemeindearbeit in Chile anhand von Beispielen aufzuzeigen.

Im europäischen Kontext und nach dem dortigen Verständnis von Therapie sind christliche Einrichtungen mit einer kompetenten Fachberatung und mit finanziellen Ressourcen aufgebaut worden. Im Gegensatz dazu müssen die diakonischen Gemeinschaften in Chile meist ohne ständige Unterstützung von Fachpersonal auskommen und haben oft mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Innerhalb der freien christlichen Gemeinschaft, die etwa 15 Prozent der bekennenden Christen innerhalb der Bevölkerung Chiles ausmacht, sind Hausgemeinschaften als Antwort auf die Existenz- und Lebensproblematik der Menschen entstanden. Diese versuchen Menschen zu helfen, die infolge von Suchtproblemen am Rande der Gesellschaft leben. Informationen über den religiösen Rahmen und die chilenische Lebenswelt sind Teil der vorliegenden Untersuchung, da nur dann die Art und Weise, wie diakonisches Handeln in Chile geschieht, verstanden werden kann.

Diakonie im hier gemeinten Sinn setzt eine Beziehung zwischen Gott und den Menschen voraus, und zwar den Menschen, die Gott im Bereich kollektiv organisierter Nächstenliebe dienen wollen. Aus dieser persönlichen Beziehung zu Gott heraus entsteht zwischenmenschlicher Kontakt. Es können sogar Beziehungen möglich werden, die sonst von vornherein ausgeschlossen gewesen wären. Aus dieser Begegnung mit Gott entsteht die Möglichkeit, dass Menschen untereinander eine zwischenmenschliche Beziehung aufbauen können. „Beziehungen aufbauen“ eröffnet neue Perspektiven und befähigt Menschen, sich selbst neu zu definieren und ihre eigene Potentialität in „actio“ zu bringen. An dieser Stelle stellt sich generell die Frage der „Heilung durch Beziehung“; dabei bieten sich die Erfahrungen und Theorien von Buber und Rogers an. Außerdem ist die Frage des Heilungsprozesses aus dem „angewendeten“ Glauben - innerhalb der christlichen Gemeinschaft - besonders interessant, und dies wird am Beispiel der chilenischen Einrichtungen gezeigt.

In der vorliegenden Arbeit werden einige Aspekte der Heilung durch Beziehung im Neuen Testament berücksichtigt und dargestellt. „Heilung“ beschreibt hier einen Prozess, der eine neue Denkweise verlangt. Die Konstellation der Heilung in den Evangelien ist der Ausgangspunkt, auf den sich das Wirken in den verschiedenen Hausgemeinschaften gründet. Hierbei werden die Heilungen betrachtet, die Jesus zu seiner Zeit bewirkte, unter Einbeziehung des Themas „Heilung“ bei Gerd Theißen.

Teil I Diakonisches Modell der Hausgemeinschaft in Chile (bezieht sich auf ein Rehabilitationszentrum für Alkohol- und Drogenabhängige)

Das diakonische Modell hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, durch den Einstieg in ein diakonisches Programm eine Chance anzubieten. Dieses Modell soll Menschen eine sinngebende Eingliederung [1]

in der Gesellschaft ermöglichen und einen positiven Einfluss auf die zukünftigen Generationen bewirken. Die verschiedenen Reha-Einrichtungen sind eine Art der Wohngemeinschaft. Deswegen habe ich – in Bezug auf die Art der Arbeit – den Begriff „Hausgemeinschaft“ eingeführt. Die Hausgemeinschaften für Suchtkranke sind nicht die einzige Art der diakonischen Arbeit in Chile. Allerdings haben sie Modellcharakter in den Kontexten der evangelischen Gemeinden in Chile, die als Freie Kirchen bekannt sind. Zuerst möchte ich einige Daten darstellen, die für das Verständnis dieser Arbeit sinnvoll sind. Danach stelle ich die Einrichtungen unter dem narrativen Forschungsaspekt vor. Zudem beziehe ich mich auf den Bereich der Rituale, die in einen Gemeinschaftsmodell eine einflussreiche Auswirkung haben.

1.1 Religiöse Aspekte in Chile

Laut der letzten Volkszählung (2002) sind 70 % der Bevölkerung (im Alter von 15 Jahren und älter) als römisch-katholisch und 15,1 % als evangelikal zu identifizieren. Bei der Volkszählung steht der Begriff "evangelikal" für eine Bezeichnung aller nicht-katholischen christlichen Kirchen mit Ausnahme der orthodoxen Kirche (…). Etwa

90 % der Evangelikalen sind Pfingstler. (…..) Lutherische, evangelisch-reformierte, presbyterianische, anglikanische Christen, Mitglieder der Episkopalkirche, Baptisten und Methodisten sind ebenfalls vorhanden.[2] Nach dem Zensus 2002 in Chile, “El censo de 2002 consultó nueve opciones en la pregunta sobre religión, ampliando así el número de alternativas respecto a los censos anteriores. Los resultados obtenidos indican que el 70,Prozent de los habitantes de quince años o más se declaró católico; el 15,1% evangélico; el 4,4% se identificó con otra religión o credo, y el 8,3% dijo no tener religión, ser ateo o agnóstico.”[3]

Mit der Erlangung der Unabhängigkeit des Staates Chile hat sich auch die katholische Kirche als staatstragende Religion etabliert. Deshalb wurden alle Andersgläubigen unterdrückt. Besonders evangelische Christen litten sehr darunter. Die Einwanderung evangelischer Ausländer, die nach Chile kamen, führte schrittweise zu einer gewissen Toleranz. Mit der Trennung von Staat und katholischer Kirche wurde schließlich 1925 die Religionsfreiheit eingeführt. Erst 1999 wurde das chilenische Kultusgesetz verabschiedet, welches das Verhältnis von Kirche und Staat regelt. In der Folge haben die chilenischen evangelischen Christen Anerkennung und gleiche Rechte erhalten. Sie bilden eine Minderheit von etwa 16 Prozent der Chilenen und kommen vor allem aus den unteren sozialen Schichten. Die diakonische Arbeit der chilenischen Pfingstkirche – 90Prozent der chilenischen evangelischen Christen gehören zu den sogenannten Pfingstlern – ist durch Glauben allein zum Handeln motiviert, weil keine staatliche Unterstützung zur Verfügung steht.[4] Deshalb ist der Glaube eine starke Basis, auf die die Einrichtungen sich beziehen.

1.2 Angewandte Methoden zur Darstellung der chilenischen Modelle/Beispiele

Zur Behandlung des Themas sind die Beispiele aus Chile der Ausgangspunkt. Die Untersuchung wird mit Hilfe von Interviews durchgeführt. Die Kriterien, nach denen die formulierten Fragen realisiert werden, sind in dem narrativen Interview integriert. Grundlage des Interviews sind Aussagen und Berichte über die heilende Wirkung, die aus einer zwischenmenschlichen Beziehung in einer Hausgemeinschaft resultiert. Zu den qualitativen Methoden der Organisationsforschung gehört im Bereich der Einzelinterviews das narrative Interview. „In narrativen Interviews werden die Gesprächspartner veranlasst, spontane Stegreiferzählungen zu den interessierenden Forschungsfragen zu erzeugen.“[5] Narrative Interviews werden in der Organisationsforschung gebraucht, wenn es für die gewählte Fragestellung auf subjektive Erfahrungen und erzählenswerte Ereignisse ankommt. Wichtig ist es, Ereignisse zu berücksichtigen, an denen die befragte Person beteiligt war. Dazu zählen Transformationsprozesse, Projekte mit Anfang und Ende oder Krisen. Erlebte Ereignisse werden nach bestimmten Fragen rekonstruiert: „wie alles anfing“, „wie sich die Dinge entwickelten“, „was daraus geworden ist“[6]. Des Weiteren sind, meines Erachtens, externe Faktoren mit einzubeziehen, wie z.B. kulturell-soziale Elemente der chilenischen Mentalität, die dem Verständnis dieses Modells dienen.

Ein narratives Interview beginnt mit einer Erzählung, in der in einem bestimmten Kontext Erwartungen und Ansprüche dargestellt werden: „Die Abweichung von dem, was in Organisationen und von Sozialwissenschaftlern erwartet wird, ist gleichzeitig eine (mögliche) Stärke der Methode, wenn das Erzählen in Gang gekommen ist.“[7] Jede Art von Erzählung bewegt sich in einem bestimmten Muster, wie Kondensierung, Detaillierung oder Gestalt. Der Erzähler hat die Möglichkeit, die Beteiligten und die kontextuale Umgebung einzuführen. Außerdem ist er verpflichtet, Erklärungen zu liefern, nur das Notwendige zu erzählen und überflüssige Details auszusparen. Während der Erzählung sollte der/die InterviewerIn nicht unterbrechen, sondern aktiv zuhören. Jede Art von Nachfrage im Erzählmodus sind nur Phrasen wie: „Und dann?“, „Wie ist das denn gelaufen als…?“ Oder „Wie kam das?“. Dieser Erzählmodus darf nicht zwischen den Ebenen wechseln, wie z.B. durch Fragen wie: „Was meinen Sie?“ „Warum?“.[8] Es sollte eine, wenn möglich, durchlaufende Erzählung sein, die eine extensive Erläuterung ergänzt. Daher sind die entsprechenden Reha-Einrichtungen, um die es hier geht, in der Berichtsform dargestellt. Demzufolge werden hier Beispiele gebracht, die auf die Einwirkung der christlichen Gemeinden auf die Not in der Gesellschaft deuten und dadurch ein Signal setzen möchten. Die Interviews wurden telefonisch durchgeführt und von mir als Bericht rekonstruiert. Es ist kein wortwörtlicher Bericht, sondern eine sinngemäße Darstellung der Interviews in Berichtsform.

Die Auswahl der Hausgemeinschaft erfolgte anhand der Kriterien der Thematisierung der Heilung durch Gemeinschaft im Kontext der „Iglesias evangélicas“ (evangelischen Gemeinden oder Freien Kirchen), über die es keine bedeutsame Erforschung gibt. Die Interviews wurden telefonisch mit den entsprechenden Leitungen oder zuständigen Verantwortlichen durchgeführt und nahmen jeweils 60 Minuten in Anspruch. Der Rahmen des Interviews wurde in die narrative Form integriert, weil es passend für diese Untersuchung war und eine Erzählung eine sinnvolle Darstellung bietet. Die leitenden Fragen des Interviews waren: 1. Wie ist das Hausgemeinschaft entstanden? 2. Welche therapeutischen Aspekte in der Gemeinschaft dienen zur Genesung? Die Interviews sind in Berichtform wiedergegeben, deshalb wurden sie nicht protokolliert und in dieser Arbeit nicht angehängt. Im Folgenden werden fünf wiedergegebene Interviews dargestellt.

1.2 Berichte aus dem Interview mit Mitgliedern der chilenischen Therapieeinrichtungen

Im Folgenden werden fünf Therapieeinrichtungen für drogen- und alkoholabhängige Menschen vorgestellt, in denen die Heilung durch die Gemeinschaft und den christlichen Glauben begünstigt wird. Die Therapie-Zentren, die hier als Hausgemeinschaft bezeichnet werden, finanzieren sich größtenteils über Spenden und Einnahmen aus unterschiedlichen unternehmerischen Tätigkeiten in der Einrichtung wie Bäckerei, Schuhmacherei u.a. Der Eintritt in die Hausgemeinschaft ist freiwillig und erfordert keine Konfessionszugehörigkeit. Die Finanzierung wird, im Allgemeinen, aus eigenen Mitteln getragen. In einigen Fällen, wenn Bedarf an Finanzen gegeben ist, stehen die Familien der Betroffenen ihnen mit finanziellen Hilfen bei.

1.3.1 Zentrum: „Siquem : Centro de restauración familiar“

Diese Einrichtung befindet sich in Isla de Maipo, eine Stunde von Santiago de Chile entfernt, und kann bis zu 15 drogen- und alkoholabhängige Frauen aufnehmen. Das Projekt „Siquem: Centro de restauración familiar“[9] ist ein Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, süchtigen Frauen, die mindestens 18 Jahre alt sind und die aus eigenem Willen in das Zentrum kommen, zu helfen. Die Heilungsaussichten liegen bei etwa

50 %. Es ist auch als eine kirchliche Einrichtung vor Ort anerkannt. Die Arbeit wird kaum von öffentlichen Trägern finanziert, sondern lebt vorrangig von den Mitteln der konfessionellen freien Kirchen und von privaten Spenden.

Das Zentrum wird von einer Frau – Ximena Salinas - geleitet, die in Verbindung mit einer christlichen Gemeinde steht. Die regelmäßigen Gottesdienste werden in einer nahe gelegenen Gemeinde gefeiert. Ein zusätzliches Problem dieser Einrichtung ist, dass die Frauen meistens ein oder zwei Kinder haben, die für die Zeit der Therapie möglichst in einer Familie betreut werden müssen. Nach Möglichkeit werden die Frauen und deren Kinder von dieser Familie unterstützt. Dadurch gelingt die Reintegration in die Gesellschaft.

Dieses Zentrum betreibt seit September 2011 eine Bäckerei, die das Bindeglied zwischen den Menschen in der Einrichtung und den Menschen der Kirchengemeinde ist. Die Mitarbeiterinnen arbeiten ehrenamtlich. Da sie ab und zu ausfallen, muss die Leiterin ein hohes Maß an Flexibilität haben und oft selbst die anfallende Arbeit übernehmen. In der Einrichtung wird nicht nur ein kostenloses Gesundheitssystem angeboten, sondern auch ein wöchentliches Therapiegespräch mit einem Psychologen. Dazu kommt eine körperliche Tätigkeit: zweimal in der Woche Gymnastik.

Das Leben findet in festen Ritualen statt und soll damit den jungen Frauen ermöglichen, klare Strukturen in ihr Leben zu bringen. Es gibt klare Regeln für das Telefonieren oder den Ausgang. Feste Bestandteile des Tagesablaufs sind gemeinsame Mahlzeiten, Bibelarbeit und das Übernehmen von Tätigkeiten im Haushalt und in der Bäckerei. Die Einrichtung würde gern die Bäckerei erweitern und weitere Projekte angehen, wie zum Beispiel Blumenzucht im Gewächshaus; dies scheiterte bisher aber an der fehlenden finanziellen Unterstützung.

Das Frauenzentrum Siquem in Chile ist ein Ort solcher Beziehungen, an dem man durch die tägliche Arbeit in der Hausgemeinschaft die Voraussetzungen, den Nächsten zu lieben und zu akzeptieren, erlebt. Die Bäckerei in Siquem als Hilfe zur Selbsthilfe sorgt für finanzielle Unterstützung. Dadurch, dass sich die Gesellschaft in einem ständigen Wandel befindet, wird von Gruppen wie Siquem in Chile eine große Dynamik und Flexibilität verlangt. Diese Flexibilität erfordert eine kulturelle Anpassung an die gesellschaftliche und rechtliche Situation eines Landes.

1.3.2 Zentrum: „Crehad: Rehabilitationszentrum für Männer“

Diese Therapieeinrichtung für drogen- und alkoholabhängige Männer befindet sich in Los Andes, einem Ort in der Nähe von Santiago de Chile. Maximal 30 Rehabilitanden können aufgenommen werden. Das Zentrum hat einen offenen Ansatz. Nach dem Aufenthalt können 70% der Abhängigen wieder erfolgreich in die Gesellschaft integriert werden. Voraussetzung für die Aufnahme ist, dass sie freiwillig erfolgt und dass die Klienten bereit sind, die Regeln der Einrichtung zu akzeptieren und zu befolgen. Die Aufnahme erfolgt ohne schriftlichen Vertrag.

Der reguläre Aufenthalt dauert neun Monate. In den ersten 15 Tagen dürfen keine Besucher empfangen werden. Nach drei Monaten dürfen die Klienten zum ersten Mal Ausgang in Begleitung haben; wobei der Begleiter/die Begleiterin auch ein Bekannter oder die Ehefrau sein kann. Nach sechs Monaten in der Einrichtung wird versucht, die Klienten in einen Arbeitsprozess einzugliedern - entweder in der Einrichtung selbst oder außerhalb des Zentrums.

Die Menschen, die vor ihrer Aufnahme in das Zentrum Medikamente verschrieben bekamen, nehmen diese auch weiterhin bei ihrem Aufenthalt ein. Eine Fachkraft (Psychologe) kommt einmal in der Woche in die Einrichtung. Ein Pastor leitet das Zentrum und organisiert den geistlichen Teil, wie Andachten, Gottesdienste, sowie die ganze Verwaltung.

Der Tagesablauf besteht aus einem gemeinsamen Frühstück, , ,, danach finden ein Gesprächskreis und die Bibelarbeit statt. Im Laufe des Tages gehen die Rehabilitanden handwerklichem Arbeiten nach. Zum regulären Tagesablauf gehören Mittagessen, Siesta und Arbeiten im Haushalt, die in der Gruppe demokratisch verteilt werden. Nach dem Abendessen treffen sie mit den entsprechenden Mitarbeitern zusammen, um Probleme in der Gruppe bzw. Probleme der Einzelnen zu besprechen. Zweimal in der Woche findet ein Gottesdienst statt. Hinzu kommen Treffen mit Angehörigen, die den Rehabilitanden in emotioneller und finanzieller Sicht beistehen.

Die Produkte, die in den Hausgemeinschaften hergestellt werden, werden verkauft und tragen damit zur Finanzierung der Einrichtung bei. Besondere Bedeutung hat dabei die Bäckerei, die zum einen der Selbstversorgung dient und zum anderen durch den Verkauf von 300 Broten täglich eine wichtige Einnahmequelle darstellt.

1.3.3 Zentrum: „Hogar Casa del Alfarero“

Das Zentrum “Hogar Casa del Alfarero” ist 1996 in Calera de Tango[10] gegründet worden, um Menschen zu helfen, die in eine Abhängigkeit von Drogen und/oder Alkohol geraten sind. Die Hausgemeinschaft begleitet den Prozess der Rehabilitation der Menschen, damit dieser erfolgreich abgeschlossen und der Weg in ein menschenwürdiges Leben beschritten werden kann. Das Leitbild ist dem christlichen Glauben verpflichtet, und die therapeutischen Methoden, die im Zentrum angewendet werden, sind von dieser Vision geprägt: „Nuestra Visión es ser un modelo de Hogar e Iglesia "Integral" que Dios use para traer Sanidad a la Sociedad a través de los Principios y Valores del Reino de Dios.”[11] Einer der Verantwortlichen, Daniel González, erklärt, ein wichtiger Anhaltspunkt sei die Wiederherstellung der Menschen in spiritueller, emotionaler, sozialer und psychischer Hinsicht. Um dies zu erreichen, sind ritualisierte Tagesabläufe ein wichtiger Bestandteil der Arbeit im Zentrum. Das Programm des Zentrums „Hogar Casa del Alfarero“ umfasst einen Aufenthalt von neuen Monaten, während dem ein langer Prozess mit unterschiedlicher therapeutischer Gruppendynamik und verschiedenen Ritualen stattfindet.

Die etwa 37 Männer, die das Zentrum bewohnen, bilden eine Gemeinschaft, die nach außen einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft bewirkt. Von Anfang an werden die Mitbewohner „Schüler“ bzw. „Studenten“ genannt, die nach einem neuen Monat „Ausbildung“ (Therapiezeit) bereit sind, sozial eingegliedert zu werden. Die neun Monate symbolisieren die Zeit, während der sich ein Baby im Mutterleib heranbildet. Beruflich gesehen werden die „Schüler“ durch produktive und kreative Workshops ausgebildet in Handwerksberufen wie Schuhmacher, Bäcker, Koch; auch in den Bereichen Schweißtechnik, Elektrotechnik, Bauwesen, Herstellung von Musikinstrumenten, Theater und Computer werden Ausbildungen angeboten.

Die Rituale strukturieren den Tagesablauf deutlich und bestimmen die Zeiten des Aufstehens und des Zu-Bett-Gehens, wie Daniel González erzählt. Es gibt gemeinsame praktische Arbeitsfelder, die nach dem Frühstück zusammen abgesprochen werden. Nach dem Mittagessen folgen die verschiedenen Tätigkeiten bis ca. 17:30 Uhr. Danach steht Zeit zur freien Verfügung. Die Mitarbeiter des Zentrums nennen die Arbeitsmethoden Gruppentherapie, Spieltherapie, Arbeitstherapie. Sie bekommen von Zeit zu Zeit eine fachliche psychologische Orientierung, wobei sie in Gesprächskreisen die verschiedenen Konflikte und Probleme der Männer bearbeiten.

Von Zeit zu Zeit organisiert die diakonische Einrichtung „Hogar Casa del Alfarero“ Gesprächsrunden mit Schülern, um auf die Gefahr von Drogen aufmerksam zu machen. Sie laden verschiedene Schulklassen zu sich ein, um Gespräche innerhalb der Gebäude des Zentrums zu führen. Aus diesem Grund hat sich das „Hogar“[12] auch in der Gemeinde außerhalb der Einrichtung eine Vorbildfunktion erworben.

Die Familien der Bewohner sollen beim Prozess des Auflösens der Abhängigkeit von Alkohol und Drogen miteinbezogen werden, weil das parallele Arbeiten mit den Familien als hilfreich empfunden wird. Daher unterstützt die Hausgemeinschaft die Zusammenarbeit mit den Familien, die als Teil der Heilung wirken und die Gefahr von erneutem Suchtverhalten abwenden können.

1.3.4 Zentrum: „Crehad: Comunidad Terapéutica La Cisterna“

Jesu Hinwendung zu Zöllnern und Sündern zeigt, wie positiv Jesus Menschen gegenübersteht, die gesellschaftlich am Rande stehen. In Jesu Wundern – Krankenheilungen – realisiert sich zeichenhaft das Kommen des Reichs Gottes. Die „Crehad: Comunidad terapéutica” in La Cisterna, einem Stadtteil von Santiago de Chile, ist eine diakonische Einrichtung, in der zurzeit sieben Personen wohnen. Das Männerwohnheim fungiert als Modelltherapie-Zentrum, in dem Männer im Alter von 20 bis 35 Jahren 9 Monate zusammen ihr Leben gestalten.

Die Hausgemeinschaft unterscheidet sich von den anderen, weil sie finanzielle Hilfe von der chilenischen Regierung erhält. Viele andere Einrichtungen haben keinen Anspruch auf staatliche Gelder, weil sie eine mangelhafte Infrastruktur aufweisen. Dadurch ist die Einrichtung in La Cisterna fachlich besser ausgestattet und die Bewohner bekommen verschiedene Arten von Therapien, die aus der Gesprächstherapie entstanden sind. Psychologen werden nicht durch Spenden bezahlt, sondern von den finanziellen Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Zusätzlich gibt es ausgebildete Rehabilitationstechniker, die die Bewohner in den verschiedenen Workshops begleiten. Sport, gemeinsames Essen, Gruppentherapien, gemeinsame Gottesdienste und pastorale Seelsorge sind wichtige Bestandteile des Heilungsprozesses. Eine Nachbetreuung erfolgt neun Monate lang, und die Eingliederung in den Arbeitsmarkt wird persönlich durch den Therapeuten begleitet. Diese Form der Hausgemeinschaft regelt den Tagesablauf und vermittelt Sicherheit durch Rituale. Die Therapeuten analysieren und bewerten die Veränderung bei den Bewohnern, die auf Dauer sichtbar wird.

Seit 25 Jahren wirkt die „Crehad: Comunidad Terapéutica“ im Stadtteil La Cisterna. Durch das therapeutische Modell der Hausgemeinschaft konnte der größte Teil der Bewohner geheilt werden. Die Leitung, ein evangelischer Pastor, berichtet: “un porcentaje importante se ha rehabilitado e insertado nuevamente a la sociedad”[13]

Hausgemeinschaften helfen Menschen die eigene Identität zu finden und wirksam in der Familie und Gesellschaft zu agieren. Dies deutet auf die Zugehörigkeitsidentität jenes menschlichen Wesens hin: „Wie sozialpsychologische Forschungen zeigen, sind individuelle Identität und gemeinschaftliche Identität untrennbar miteinander verbunden. Menschen bestimmen, wer sie sind, indem sie sich vergewissern, zu wem sie gehören.“[14] In diesem Zusammenhang übernehmen die Mitarbeiter einer Hausgemeinschaft eine Verantwortung gegenüber anderen Menschen, im Einzelne und in der Gruppe. Der natürlichen Vernunft des Menschen entspricht es, die Rechte des Anderen ebenso zu achten und zu respektieren wie die eigenen. Eine noch geltende Theorie muss fallengelassen oder abgeändert werden, wenn sie nicht wahr ist; ebenfalls müssen noch so gut funktionierende Gesetze und Institutionen abgeändert oder abgeschafft werden, wenn sie ungerecht sind. Jeder Mensch besitzt eine aus der Gerechtigkeit entspringende Unverletzlichkeit, die auch im Namen des Wohles der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann.[15]

1.3.5 Zentrum: „Centro de Rehabilitación Yireh“

Die Yireh [16] Reha-Einrichtung befindet sich in Maipú in einem Ort in der Region Metropolitana (Kreis Santiago). Der zuständige Verantwortliche, Leonardo Parada, erklärt, dass sich das Fundament des Rehabilitationsprozesses nur auf der biblischen Grundlage befindet.

Die Hausgemeinschaft Yireh folgt einem strukturierten Tagesablauf mit gemeinsamem Essen und Gottesdiensten. Die Klienten müssen sich nicht außerhalb des Hauses begeben, um einen Therapeuten zu besuchen, weil dieser regelmäßig kommt und Workshops in Form von Gruppenarbeit durchführt. Der Psychologe bringt den Bewohnern bei, wie man mit der eigenen Problematik umgehen kann. (Alle Therapeuten sind Psychologen, die ein entsprechendes Studium an der Universität abgeschlossen haben.) Die Bezeichnung als Hausgemeinschaft wurde von mir eingeführt, um den Sinn der Arbeit besser nachvollziehen zu können. Meines Erachtens werden Strukturierung und Arbeit besser erklärt und sinnbildlich dargestellt.

Der Aufenthalt kann zwischen 6 und 9 Monaten dauern und die Bewohner treten freiwillig ein. Dabei gibt es eine Art der persönlichen Betreuung, bei der sich eine emotionelle Verbindung aufbaut. Der Verantwortliche L. Parada erzählt, dass die meisten Mitarbeiter – er selbst inklusive – aus dem Sucht-Bereich kommen. Demzufolge sind sie in der Lage, verständnisvoll mit der Problematik umzugehen. Zum Zeitpunkt dieses Interviews befanden sich etwa 10 Bewohner in der Einrichtung. Die Kosten des Aufenthalts werden durch Spenden der Familien oder andere getragen. Nach dem Aufenthalt können 50% der Abhängigen wieder erfolgreich in die Gesellschaft integriert werden. Der Direktor L. Parada nennt die Arbeitsmethoden: Arbeitstherapie, Manuelle Therapie, Gruppentherapie, Einzelgespräche und, wie sie es selbst nennen, spirituelle Therapie.

1.4 Hintergrund zum Verständnis der diakonischen Hausgemeinschaft

Im Folgenden werden die Formen der Diakonie in Bezug auf Leitbilder und auf finanzielle und fachliche Ressourcen erörtert.

[...]


[1] Die jeweiligen Hausgemeinschaften sind Reha-Zentren, die ein familiäres Umfeld schaffen.

[2] http://www.state.gov/j/drl/rls/irf/2008/108518.htm Original English: According to the most recent census (2002), 70 percent of the population over age 14 identify as Roman Catholic and 15.1 percent as evangelical. In the census, the term "evangelical" referred to all non-Catholic Christian churches with the exception of the Orthodox Church…. . Approximately 90 percent of evangelicals are Pentecostal. (…) Lutheran, Reformed Evangelical, Presbyterian, Anglican, Episcopalian, Baptist, and Methodist churches are also present.

[3] Censo, S. 25, http://www.ine.cl/cd2002/sintesiscensal.pdf

[4] Vgl. http://www.uni-heidelberg.de/presse/unispiegel/us05_01/chile.html

[5] Holtgrewe, Ursula, „Narratives Interview“, S. 57

[6] Vgl. Holtgreve, Ursula, „Narratives Interview“, S. 57-58

[7] Holtgrewe, Ursula, „Narratives Interview“, S.60

[8] Vgl. Holtgrewe, Ursula „Narratives Interview“, S. 60

[9] Übersetzung: „Siquem: Zentrum für familiäre Wiederherstellung“

[10] in der Nähe von Santiago de Chile

[11] Übersetzung: Unsere Vision soll ein Modell der Familie und Gemeinde darstellen, das Gott verwendete, um der Gesellschaft Gesundheit durch göttliche Werte und Grundprinzipien zu vermitteln.

[12] bezeichnet Haus im familiären Sinn

[13] Übersetzung: ein bedeutender Prozentsatz wurde rehabilitiert und wieder in die Gesellschaft integriert. http://comunidadcrehad.blogspot.de

[14] Vgl. Sandler, Willibald, „Heilung von Gemeinschaft bei Jesus von Nazaret“ , Parag. 75

[15] Vgl. Rawls, John, „ Eine Theorie der Gerechtigkeit“, S. 19

[16] „Yireh“ besitzt einen eigenen rechtlichen Status und bildet ein Netz von Reha- Zentren in verschiedenen Regionen in Santiago.

Details

Seiten
61
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656311942
ISBN (Buch)
9783656313397
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203548
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Diakoniewissenschaftliches Institut
Note
"-"
Schlagworte
therapeutische heilungsprozesse einrichtungen beispielen chile

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Titel: Therapeutische Heilungsprozesse in diakonischen Einrichtungen an Beispielen aus Chile