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Bindungsstörungen bei Kindern (F94.1, F94.2)

Erscheinungsformen, Ursachen, Diagnostik, Behandlungsmöglichkeiten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 20 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition und Symptomatik nach ICD-10 und Leitlinien KJPP

3. Prävalenz und Komorbidität

4. Ätiologie

5. Diagnostisches Vorgehen

6. Behandlungsmöglichkeiten

7. Fazit

8. Quellen

1. Einleitung

Diese Arbeit soll einen allgemeinen Überblick über die Bindungsstörungen des Kindesalters nach ICD-10 geben. Wir unterscheiden zwei Varianten der kindlichen Bindungsstörung, F94.1 Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters und F94.2 Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung. Im weiteren Verlauf werde ich vorstellen, welche Leitsymptome nach ICD-10 für diese beiden Formen festgestellt wurden. Ich werde einen Überblick über die Prävalenz der Störung in Deutschland geben und mögliche Komorbiditäten benennen. Weiterhin stelle ich ein Ursachenmodell vor, das Aufschluss darüber gibt, inwiefern sich eine Bindungsstörung im Kindesalter entwickeln kann. Außerdem gehe ich kurz auf den diagnostischen Prozess und die Behandlungsmöglichkeiten ein.

Den Themen Bindungsqualität in der Eltern-Kind-Beziehung, und Entwicklung bzw. die Auswirkungen der Nichtentwicklung des Urvertrauens innerhalb der ersten zwei Lebensjahre haben in letzter Vergangenheit an Bedeutung gewonnen. Immer wieder wird deutlich wie maßgeblich das nahe Umfeld des Kindes (d.h. Eltern, Geschwister, Großeltern) für ein adäquates Heranreifen des Kindes sind. Es wird behauptet, dass ein schwach ausgeprägtes bis nicht vorhandenes Urvertrauen Bindungsstörungen hervorrufe und Menschen mit einer derartigen Disposition im Verhalten weder empathisch noch sonst beziehungsfähig seien. Eine sehr starke These, die allerdings empirisch noch sehr dürftig gesichert werden konnte. Gerade deshalb lohnt es sich, der Entstehung von Bindungsstörungen im Kindesalter auf den Grund zu gehen. Hierzu nun ein Rundumblick, mit Querverweisen zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema.

2. Definition und Symptomatik nach ICD-10 und Leitlinien KJPP

Die Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters (F94.1) sowie die Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung (F94.2) befinden sich in einer heterogenen Störungsgruppe der ICD-10. Die Symptome in der Gruppe F94.- beschreiben allesamt Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend. Während tiefgreifende Entwicklungsstörungen und/oder primär organische Ursachen bei diesem Typ von Störung als Ursache ausgeschlossen werden können, kommen häufig umschriebene Entwicklungsstörungen vor, oft kombinierte Entwicklungsstörungen (vgl. Leitlinien, 2007, 311). Betont wird in den Anmerkungen, dass in „vielen Fällen […] schwerwiegende Milieuschäden oder Deprivationen eine vermutlich entscheidende Rolle in der Ätiologie spielen“ (ICD-10-GM, 2012, 222).

F94.1 Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters

- tritt während der ersten fünf Lebensjahre auf

- definiert als anhaltende Auffälligkeiten im Beziehungsmuster des Kindes mit begleitender emotionaler Störung und (heftigem) Reagieren auf Veränderungen in den Milieuverhältnissen

- Leitsymptome:

- Störungen der sozialen Funktionen: eingeschränkte soziale Interaktionen mit Gleichaltrigen (z.B. im Spiel); gegen sich selbst oder andere gerichtete Aggressionen; abnormes Beziehungsmuster zu Betreuungspersonen mit einer Mischung aus Annäherung und Vermeidung und Widerstand gegen Zuspruch

- Emotionale Auffälligkeiten: Furchtsamkeit; Übervorsichtigkeit; Unglücklichsein; Mangel an emotionaler Ansprechbarkeit (freudlos); Mangel/Verlust an emotionalen Reaktionen (apathisch, „frozen watchfulness“)

- teilweise Wachstumsverzögerungen

- entsteht wahrscheinlich als direkte Folge schwerer elterlicher Vernachlässigung (z.B. Entbehrung der Mutter), Missbrauch oder schwerer Misshandlung

- Störungen der sozialen und emotionalen Reaktionen sollten nicht nur im Umgang mit einer Person beschränkt sein, sondern in verschiedenen sozialen Situationen beobachtet werden können

(vgl. ebd., 223; Leitlinien, 2007, 311f.).

F94.2 Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung

- tritt während der ersten fünf Lebensjahre auf

- definiert als spezifisches abnormes soziales Funktionsmuster, das tendenziell auch trotz deutlicher Änderungen in den Milieubedingungen fortbesteht

- Leitsymptome:

- Störung der sozialen Funktionen: aufmerksamkeitssuchendes, nicht selektives Bindungsverhalten mit wahlloser Freundlichkeit und Distanzlosigkeit; inadäquate Reaktionen auf Beziehungsangebote von fremden Bezugspersonen; kaum modulierte Interaktionen mit Gleichaltrigen (z.B. im Spiel); gleichförmige Interaktionsmuster mit Fremden; gegen sich selbst und andere gerichtete Aggressionen

- Emotionale Auffälligkeiten: je nach Umständen kommen auch emotionale und Verhaltensstörungen vor (Gefühlsarme Psychopathie; Hospitalismus), sind aber nicht vordergründig.

(vgl. ICD-10-GM, 2012, 223; Leitlinien, 2007, 311f.).

Die Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung entwickelt sich in der Regel aus einer reaktiven Bindungsstörung. Daher tritt letztgenannte eher bei jüngeren Kindern auf, während die erste sich im Alter von fünf Jahren entwickelt (vgl. Leitlinien, 2007, 312).

Sehr bedeutsam für die Entstehung von Bindungsstörungen sind auch die Befunde der Deprivationsforschung, zusammengefasst bei Dornes (in: Suess & Pfeifer, 2003, 28f.).

3. Prävalenz und Komorbidität

Es liegen zurzeit keine offiziellen Angaben zur Prävalenz beider Bindungsstörungen in Deutschland vor. Es gibt einige extrapolierte Schätzungen aus bekannten statistischen Werten der Vernachlässigung und Misshandlung. Nach Richters et al., 1994 liegt die Prävalenz bei 1% der Kinder in Deutschland. Allerdings hat die Fallquote von Vernachlässigung und Misshandlung in den vergangenen Jahren noch zugenommen. Ebenfalls muss von einer hohen Dunkelziffer nicht aufgedeckter Fälle ausgegangen werden. Dem gegenüber wird die Prävalenz von entstandenen Bindungsstörungen wahrscheinlich auch noch etwas höher ausfallen. Nach Zeanah et al., 2004 beträgt die Prävalenz in Risikogruppen (Kinder aus Institutionen, misshandelte Kinder, Kinder mit Gedeihstörungen) ca. 40%.

Es sind nur wenige Studien vorhanden. Von diesen beziehen sich fast alle auf die Bindungsstörung mit Enthemmung. In einer englischen Studie an rumänischen Adoptivkindern, die vor ihrer Adoption länger als zwei Jahre deprivierenden Verhältnissen ausgesetzt waren, wurden bei 30% der Kinder im Alter von sechs Jahren schwere Bindungsstörungen festgestellt. Lag die Deprivationsdauer unter 6 Monaten, fand man bei 7% der Adoptivkinder im Alter von 6 Jahren Symptome einer Bindungsstörung (vgl. O’Connor & Rutter, 2000).

Die KJP Berlin verzeichnete im Zeitraum 1992 – 2003 eine Inanspruchnahmepopulation von 3,9% bei einem mittleren Alter von 6,1 Jahren (vgl. Uebel). Insgesamt ergeben sich eher ungünstige Prognosen. Das statistische Bundesamt hat 2011 in seiner Broschüre „Wie leben Kinder in Deutschland“ festgestellt, dass unverändert 15% der Kinder in Deutschland von Armut bedroht sind. Im Jahr 2009 begannen 470.000 Kinder und Jugendliche eine erzieherische Hilfe nach SGB VIII aufgrund einer Kindeswohlgefährdung. Häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch gegen Kinder und Jugendliche sind immer noch ein großes Problem. Eben diese Faktoren begünstigen in der frühen Kindheit die Entwicklung von Bindungsstörungen. Insbesondere Kinder mit einer Bindungsstörung mit Enthemmung gehören sogleich zu einer Hochrisikogruppe, da diese tendenziell persistiert und insofern die Entwicklung weiterer psychischer Störungen begünstigt (vgl. Rushton et al., 1995; O’Connor, 2003, zit. n. Ziegenhain, 2006). Eine häufige Diagnose im späten Jugendalter bzw. jungem Erwachsenenalter ist dann eine Persönlichkeitsstörung (ebd.).

Mögliche Komorbiditäten bei einer Bindungsstörung sind Störungen des Sozialverhaltens, altersspezifische emotionale Störungen, hyperkinetische Störungen, Angststörungen, Intelligenzminderungen. Boris et al. (2000) und Richter & Volkmar (1994) berichten über Fälle mit Impulsivität, Depressivität, Angst und Hyperkinetischem Verhalten.

4. Ätiologie

Wie bereits angesprochen wurde, scheint es für Bindungsstörungen keine genetische Prädisposition seitens der Eltern zu geben, denn vielmehr ist die Entstehung von Bindungsstörungen auf negative Umwelteinflüsse zurückzuführen. Eine unsichere Bindung zur primären Bezugsperson (z.B. aufgrund eines negierenden Erziehungsstils), eine plötzlich unterbrochene Bindung zur primären Bezugsperson (z.B. durch Tod der Mutter, möglicherweise auch durch ein zu frühes Betreuen durch Fremde, z.B. in der Kinderkrippe); das Aufwachsen in einem Elternhaus, in welchem ein oder gar beide Eltern psychisch erkrankt sind, aber auch Verarmung und Verwahrlosung, sexueller Missbrauch oder körperliche oder seelische Gewalt gegen das Kind stellen Risikofaktoren dar, die die Herausbildung einer Bindungsstörung begünstigen. Dabei ist es nachvollziehbar, dass dieses negative Umfeld einen Nährboden für viele weitere Probleme bietet. In vielen Fällen von bindungsgestörten Kindern ist das Kindeswohl innerhalb der Herkunftsfamilie gefährdet, eine adäquate Persönlichkeitsentwicklung und körperliches Heranreifen ist dann nicht gewährt oder mindestens bedroht. Falls die Milieubedingungen sich nicht verbessern, kann eine Bindungsstörung in der frühen Kindheit den Ausgang für weitere psychiatrische Komorbiditäten bilden.

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Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656299110
ISBN (Buch)
9783656299783
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203490
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
bindungsstörungen kindern erscheinungsformen ursachen diagnostik behandlungsmöglichkeiten

Autor

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Titel: Bindungsstörungen bei Kindern (F94.1, F94.2)