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Das Animalische im Menschen - Eine Konstitutive des Helden?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

I. Einleitung

Homo est animal rationale.[1]

Dieser Aphorismus des Thomas von Aquin ist nicht nur programmatisch für die mittelalterliche Philosophie, sondern auch für die Literatur jener Zeit. Doch nicht zu erwarten, dass sich die Dichter des Mittelalters in fachmännischer Manier diskursiv mit der Doktrin auseinandersetzten. Vielmehr scheint diese Vorstellung fest verankert im Menschenbild der damaligen Sozietät[2], findet allerdings unterschiedliche Wertung. Denn die animalische Natur des Menschen wurde nicht angezweifelt, nur dessen destruktive oder integrative Natur in Bezug auf ein Leben im menschlichen Kollektiv.[3]

In diesen thematischen Rahmen ist das abstrakte Motiv des Wilden, Chaotischen und Primitiven eingebettet. Wilde Männer, wilde Tiere und nicht zuletzt die Wildnis selbst spielen eine umfassende Rolle in antiken und mittelalterlichen Quellen, Erzählungen, Sagen und Mythen. Auch die mittelhochdeutsche Epik ist durchzogen von kuriosen Entitäten und Territorien jedweder Art. So wimmelt es in den Artusromanen geradezu von Drachen, Zwergen, Riesen und ähnlichen wunderlichen Geschöpfen. Sie alle gehören dem Bereich des 'Außerhöfischen' an und besitzen ihren spezifischen Aktionsraum in der wilden Natur, fernab der Zivilisation. Ihr Auftreten signalisiert zumeist eine Bedrohung des höfischen Raums, die es abzuwehren gilt - und so werden dem Protagonisten des jeweiligen höfischen Epos vielerlei Möglichkeiten geboten, sich zu bewähren.

Doch mit der simplen handlungsspezifischen Rolle des Antagonisten wird die Funktion dieser Wesen noch längst nicht ausgeschöpft, diese Reduktion ist sogar in höchstem Grade unzulänglich, bezieht man die symbolische Semantik ihres Daseins in der Romanwelt mit ein. Vielmehr bilden diese phantastischen Wesenheiten eine Szenerie, vor deren Hintergrund Konsens und Dissens von Natur und Kultur reflektiert werden können. Dabei werden diese Aspekte im Medium der mittelalterlichen Figuraltypologien, Aktionsschemata und Raumtopiken kodiert.

Im "Iwein" Hartmanns von Aue findet sich eine solch differenzierte Darstellung. Wobei es höchst bemerkenswert ist, mit welch hoher Frequenz sich das Wunderbare und Außerhöfische im Textganzen niederschlägt. Im Weiteren sollen genau drei Szenen des "Iwein" untersucht werden, um die Funktion und den Symbolgehalt der nämlichen Thematik zu erhellen. Es wird zu prüfen sein, ob Wildheit als Konstitutive des Höfischen, "als integrativer Faktor höfischer Kultur"[4] anzusehen ist; und ob der Dichter eine Umfunkionierung tradierter Motive vornahm, um seine ganz eigene Intention zu vermitteln.

Wie zuvor schon angemerkt, erscheint die Voraussetzung eines binär strukturierten Imaginationsvermögens reduktionistisch und unplausibel. Die gängige Antithese von Natur und Kultur offenbart sich bei genauer Analyse als problematisch, ist die These doch in einem vorgreifenden Anachronismus auf die mittelalterliche Literatur verhaftet.

Eine dritte Möglichkeit der Verhältnisbestimmung ist hingegen angemessener und viel versprechend. Die Annahme nämlich, dass die wilde Natur konstruktiv und produktiv in die menschliche Wesenheit impliziert ist, insofern man sich dessen bewusst und fähig ist zwischen den Extremen zu lavieren.

II. Das Animalische im Menschen -Eine Konstitutive des Helden?

Letzteres trägt somit die Problematik in das Feld der mittelalterlichen Anthropologie hinein, mehr indirekt und latent versteht sich, da die beschriebenen Vorstellungen längst konventionell gefestigt waren.[5] Die zu beweisende These lautet demnach, dass Animalität eine essentielle Rolle in der Konstitution des Protagonisten spielt und dessen spezifische[6] Bewältigungsweise erst seine Aristokratie und Prädestination begründet.

1) Der Waldhirte

Der Waldhirte gilt als typisches Exemplar für den Wilden Mann,[7] entspricht seine äußere Beschreibung doch der üblichen Schemenvorlage mittelalterlicher Anthropologien. Umso mehr kontrastiert sich seine Wortgewandtheit und sein Verhalten, die eine immense Differenz zu jenem Stereotyp bezeichnen, der dem Rezipienten ansonsten in den historischen Schriftstücken begegnet. Die Art und Weise mit der diese Figur eingeführt wird und die Reaktion des Ritters Kalogrenant geben hinreichend Aufschluss, wie solche Außenseiter wahrgenommen wurden und wie man gemeinhin mit ihnen umzugehen pflegte.

a) Hybridform aus Mensch und Tier

Üblicherweise symbiotisieren animalische Attribute mit menschlichen, was das Äußere anbelangt:

zwâre ime was sîn houbet

grœzer danne eim ûre.

[...]

diu nase als eim ohsen grôz,

kurz, wît, niender blôz;

das antlütze dürre, vlach;

[...]

er was starke gezan,

als ein eber, niht als ein man:

(V. 430-456)

Zwar ist die Schilderung des Körperlichen mit tierischen Merkmalen überladen oder mit diversen Ausrüstungsgegenständen, welche ihn zusätzlich als ein Wesen, das außerhalb der höfischen Normen steht, klassifizieren:

er truoc an seltsæniu cleit:

zwô hiute het er an geleit:

die heter in niuwen stunden

zwein tieren abe geschunden.

er truoc ein kolben alsô grôz

daz mich dâ bî im verdrôz.

(V. 465-470)

Dennoch ordnen ihn kategorisierende Titel, wie geb ûre (V. 432) oder M ôre (V. 427), eindeutig der menschlichen Spezies zu, wenn auch auf Ebene der Dissoziation.[8] Und schon die einführenden Worte seines Auftretens weisen ihn grundlegend als humanoides Wesen aus:

do gesach ich sitzen einen man

[...]

sîn menneschlich bilde

was anders harte wilde

[...]


[1] Vgl. Thomas von Aquin: Contr. gent. III, 39; De pot. 8, 4 ob. 5.

[2] Kein Wunder, beachtet man die reichhaltige Tradition von der Antike bis ins Mittelalter. Vgl. z. B. Aristoteles: Politik, 1253a2. Johannes Scotus E.: De divina natura IV, 7. Albertus Magnus: De intellectus II, 8; Summa theologica II, 9.

[3] Vgl. Friedrich (2009), S. 118.

[4] Vgl. Quast (2001), S. 121.

[5] Man denke nur an die Heldenepik, in der mit aller Evidenz Höfische und Heroische Wesenselemente im Helden widerstreiten.

[6] Nicht gleichzusetzen mit einer individuellen Methode des Umgangs mit Problemen, da keine einzigartigen Personen im Mittelpunkt stehen, sondern stereotype exemplarische Figuren.

[7] Vgl. Friedrich (2009), S. 360.

[8] Die gegenteilige Meinung ohne nähere Argumentation vertritt Niessen (1973), S. 121.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656300144
ISBN (Buch)
9783656300861
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203418
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
1.3
Schlagworte
germanistische Mediävistik Mediävistik Iwein Kultur und Natur Das Wilde und das Höfische wild vs. höfisch Hartmann von Aue mittelalterlicher Ritterroman Artusroman klassischer Artusroman Literatur des Mittelalters deutscher Artusroman

Autor

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