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Arbeitsmigration und der japanische Pflegemarkt

Japan-Philippines Economic Partnership Agreement

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Japanologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Demographischer Wandel und der japanische Pflegemarkt

3 Japan-Philippines Economic Partnership Agreement
3.1 JPEPA Einreisebestimmungen
3.2 Restriktive Richtlinien

4 Die Umsetzung der EPA
4.1 Probleme
4.2 Verbesserungsvorschläge

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Das japanische Gesetz über die Ein- und Ausreisekontrolle sowie der Anerkennung von Flüchtlingen, welches im Jahr 1990 nach einer Revision als Immigration Control and Refugee Recognition Act in Kraft trat, sieht für die Zuwanderung nach Japan ausschließlich hochqualifizierte Arbeitskräfte für bestimmte Berufsfelder vor. Nicht ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte sind nach diesem Gesetz von der Immigration nach Japan ausgeschlossen (vgl. Chiavacci 2007: 6). Tatsächlich wurde die restriktive Immigrationsrichtlinie jedoch nicht konsequent durchgesetzt. Trotz der Revision des Gesetzes blieb es aufgrund verschiedener Visumskategorien auch ungelernten Kräften möglich, durch „Schlupflöcher“ nach Japan einzuwandern (vgl. Behagel; Vogt 2006: 130). Beispielsweise erhalten die sogenannten Nikkeijin1 bis zur dritten Generation problemlos erneuerbare Arbeitsvisa, ohne jegliche Beschränkung auf ein Berufsfeld. Ausländische Trainees, welche über das Praktikumsprogramm Japanese International Training Cooperation (JITCO) als ungelernte Kräfte ins Land gelangen, sind ein weiteres Beispiel für die Widersprüchlichkeit der japanischen Immigrationspolitik (vgl. Chiavacci 2007: 6-8).

Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels der japanischen Gesellschaft wurde der politische Diskurs zum Thema Arbeitsmigration in den letzten Jahren jedoch neu aufgerollt. Die Debatte wurde ausgelöst durch die Veröffentlichung des Berichtes Replacement Migration: Is it a Solution to Declinig and Ageing Populations? der Vereinten Nationen im Jahr 2000. Diesem Bericht zufolge seien bis zum Jahr 2050 etwa 553 Millionen Migranten notwendig, um das Verhältnis zwischen erwerbstätiger und nicht erwerbstätiger Bevölkerung auszugleichen (vgl. Vogt 2009: 6). Abgesehen davon, dass Zuwanderung in diesem Ausmaß als eher unwahrscheinlich erscheint, zeigten die am Diskurs beteiligten Akteure jedoch erstmalig Ambitionen, die unübersichtliche Immigrationspolitik in einem gemeinsamen, strategischen Ziel zu vereinen. Der Hauptstreitpunkt lag dabei auf der Frage, ob Japans Immigrationsrichtlinien zukünftig gelockert werden und offiziell auch ungelernten Kräften die Einwanderung nach Japan ermöglicht werden soll, um durch den demographischen Wandel entstehende Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu füllen. Ein erstes Ergebnis des Diskurses, welches Arbeitsmigration als eine mögliche Option versteht, dem demographisch bedingten Rückgang der Erwerbsbevölkerung entgegenzuwirken, ist die Verabschiedung so genannter Economic Partnership Agreements (EPA). EPA sind bilaterale Abkommen mit ausgewählten Staaten, die es ausländischen Arbeitskräften je nach Vertragsinhalt ermöglichen, eine sektorspezifische Ausbildung in Japan zu absolvieren und anschließend für eine befristete Zeit in Japan zu arbeiten. Diese wurden unter anderem bereits mit Staaten wie Singapur, Indonesien und den Philippinen unterzeichnet (vgl. MOFA 2010a: Internet).

Anhand der Ausarbeitung der Vertragsinhalte am Beispiel des Japan-Philippines Economic Partnership Agreement (JPEPA) welches im Jahre 2009 in Kraft trat, soll im Folgenden analysiert werden, wie sich ein solcher Vertrag auf den japanischen Arbeitsmarkt auswirkt. Dabei soll der Fokus der Analyse auf den Regularien bezüglich des Pflegesektors liegen, die den Kern der JPEPA bilden. Welche Rahmenbedingungen werden gesetzt? Welche Schwierigkeiten entstehen in der Umsetzung? Ist dieses Modell zukunftsfähig?

2 Demographischer Wandel und der japanische Pflegemarkt

Die Betreuung pflegebedürftiger Familienmitglieder wurde in Japan lange Zeit als familiäre Aufgabe, insbesondere als Aufgabe der Frau verstanden (vgl. Vogt 2009: 13). Die Verhaltenswissenschaftlerin Suzuki Nobue 2 , Professorin an der Universität Chiba, führt die Assoziation von Pflegearbeit als Aufgabe der Frau auf das sich in den 1950er Jahren in Japan durchsetzende Ideal der Kernfamilie, mit dem Modell des Mannes in der Rolle des Versorgers und der Frau in der Rolle der Hausfrau, zurück (vgl. Suzuki 2007: 360). Die Auffassung von Pflegearbeit als eine Handlung aus „Liebe“ zu den Angehörigen wurde laut Suzuki dabei auch seitens der Regierung propagiert. Demnach erscheint Pflegearbeit als eine Art Freiwilligenarbeit. Freiwilligenarbeit wiederum werde nicht mit geldlichem Lohn assoziiert, sondern eher als Ehrenamt verstanden. Diese normative Vorstellung führte dazu, dass auch heute von Pflegearbeitern verlangt wird, verhältnismäßig niedrige Löhne zu akzeptieren (vgl. Suzuki 2007: 362). Während das japanische Durchschnittseinkommen im Jahr 2007 bei 4,52 Millionen Yen im Jahr lag, verdienten männliche Pflegekräfte mit 3,15 Millionen und weibliche Pflegekräfte mit 2,81 Millionen Yen deutlich unter dem Durchschnitt (vgl. Suzuki 2007: 372-373). Darüber hinaus wird der Pflegesektor nur unzureichend durch staatliche Mittel gefördert. Bezüglich der Berufe im Bereich der Pflege haben sich außerdem negative Konnotationen wie kitanai (schmutzig), kiken (gefährlich) und kitsui (schwierig) entwickelt (vgl. Cortez 2009: 127).

Die schlechten Arbeitsbedingungen und das geringe gesellschaftliche Ansehen der Pflegeberufe haben dazu geführt, dass sich immer weniger Berufsanfänger für einen Einstieg in diesem Bereich entscheiden. Es gibt doppelt so viele offene Stellen wie Bewerber. Ferner gestaltet sich auch die hohe Zahl von Berufswechslern zu einem Problem. Hunderttausende ausgebildete Pflegekräfte arbeiten angesichts der oben genannten Missstände bereits in anderen Berufen (vgl. Vogt 2008: 9). Folglich herrscht auf dem Pflegemarkt schon heute ein Personalmangel, der mit der wachsenden Zahl pflegebedürftiger Menschen noch weiter ansteigen wird (vgl. Vogt 2009: 15). Hinzu kommt, dass seit den 1990er Jahren ein Bewusstseinswandel stattgefunden hat, der dadurch gekennzeichnet ist, dass sich immer weniger junge Menschen dazu verpflichtet sehen, für ihre zukünftig eventuell pflegebedürftigen Angehörigen zu sorgen. Gleichzeitig sinkt aber auch die Zahl derjenigen, die diese Pflege von ihren Angehörigen in Anspruch nehmen wollen (vgl. Vogt 2009: 13).

Zusammengefasst bedeutet dies, dass die Anzahl der Personen, die zukünftig Pflege auf professioneller Ebene beanspruchen wird, parallel zum fortschreitenden Arbeitskräftemangel ansteigt. So wird damit gerechnet, dass bis zum Jahr 2014 bereits 1,4 bis 1,6 Millionen zusätzliche Pflegearbeiter nötig wären, um den Mangel in diesem Bereich auszugleichen (vgl. Vogt 2009: 15). Aus den Bevölkerungsgruppen wie etwa der bisher nicht erwerbstätigen Hausfrauen oder arbeitsloser Jugendlicher allein werden die erforderlichen Arbeitskräfte nicht angeworben werden können. Man wird sie stattdessen auch aus dem Ausland heranziehen müssen (vgl. Coulmas 2007: 182).

Ein erster Schritt, Arbeitskräfte bedarfsgerecht auch außerhalb Japans zu rekrutieren ist die Etablierung sogenannter EPA. Am Beispiel der JPEPA zwischen Japan und den Philippinen sollen im Folgenden die Grundzüge der Einreisebestimmungen, wie sie in einem solchen Vertrag festgelegt sind, aufgezeigt werden.

[...]


1 Mit diesem Begriff sind hier vorwiegend Brasilianer und Peruaner gemeint, die, als Nachfahren der im 19. Jahrhundert nach Lateinamerika ausgewanderten Japaner, nach Japan zurückkehren (vgl. Vogt 2007: 239).

2 In dieser Arbeit werden japanische Namen in der in Japan üblichen Reihenfolge wiedergegeben. An erster Stelle steht der Nachname, auf den der Vorname folgt.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656300168
ISBN (Buch)
9783656300809
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203414
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Modernes Japan
Note
1,3
Schlagworte
arbeitsmigration pflegemarkt japan-philippines economic partnership agreement

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Titel: Arbeitsmigration und der japanische Pflegemarkt