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Die Anamorphose. Ein Spiel mit Wahrnehmung, Schein und Wirklichkeit im 17. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 23 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Die Anamorphose
2.1 Begriffsklärung und Formen von Anamorphosen
2.2 Geschichte der Anamorphose
2.3 Verfahren zur Herstellung von Anamorphosen
2.4 Kultureller Kontext
2.5 Bedeutung von Anamorphosen im Kontext des 17. Jahrhunderts

3 Zusammenfassung

Bibliographie

1 Einführung

Der Begriff der Anamorphose kommt ursprünglich aus der Biologie und bezeich- net tierische oder pflanzliche Gestaltwandelungen aufgrund von unerwarteten Veränderungen der Umwelt oder durch Veränderungen des Erbgutes eines Or- ganismus. Seit dem Beginn der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert in Eu- ropa etablierte sich der Begriff der Anamorphose jedoch auch in der Bildenden Kunst. Man versteht darunter die Darstellung einer Person, eines Gegenstandes oder eines Ereignisses, die in der normalen Ansicht nur verzerrt erscheint. Erst wenn der Betrachter das Bild selbst zurückformt, d.h. einen bestimmten Stand- punkt oder Blickwinkel zum verzerrten Bild einnimmt oder spezielle Spiegel zu Hilfe nimmt, wird es ihm möglich, das anamorphotische Bild zu entzerren und seine Originalform zu erkennen. Dieser bestimmte Standpunkt kann vom Maler vorgegeben werden oder er muss vom Betrachter selbst erst herausgefunden werden, z.B. durch Bewegung im Raum oder Betrachtung von den Seiten.

Schon Plato beschäftigte sich in der Antike im Zuge seiner Untersuchun- gen zur Wahrnehmung und dem Sehvorgang mit der Anfertigung von künstlich erzeugten Trugbildern. Er bezeichnete diese Bilder als „Phantasmen“, die die Fantasie erzeugt, um Gemeintes und Gesagtes unabhängig von der direkten sinnlichen Wahrnehmung bewusst zu machen. Dieses kann entstehen „aus ver- wirrten Linien auf landschaftsartigen Hügeln, Wolken, Bewachsungen und aus Wasser, oder aus einer bizarren Formlosigkeit, in der alles konsequent berech- net ist“ (Leemann 1975: 6).

Im 16. Jahrhundert galten Anamorphosen noch als Wunder der Kunst, de- ren „Geheimnis man einige Zeit lang sorgfältig hütete“ (Leemann 1975: 6), das sich aber immer weiter in Europa verbreitete, um bald als technisches Verfahren erklärt zu werden. Neben Italien war Frankreich ein Zentrum der Auseinander- setzung mit Anamorphosen. Im 17. Jahrhundert fertigten dort verschiedene Wis- senschaftler, u.a. Jean François Niceron, Abhandlungen über deren Herstellung an. Auch kam es zu jener Zeit neben der Malerei zu ersten theoretischen An- wendungen von Anamorphosen in der Architektur. „Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts verliert die Anamorphose langsam ihren metaphysischen Inhalt. Sie entwickelt sich zu einer Demonstration virtuoser Technik und erfährt eine künstlerische Degeneration“ (Leemann 1975: 7). Anamorphosen wurden „ein populäres Medium des intelligenten Zeitvertreibs […], das die steigende Nachfrage nach visuellen Unterhaltungen befriedigte“ (Gronemeyer 2004: 174-175) und in großer Stückzahl produziert wurde. Im 20. Jahrhundert schließlich fanden verzerrte Darstellungen den Eingang u.a. in die Musik, die Filmtechnik, die Literatur und die Psychoanalyse.

„Die Anamorphose appelliert schon seit langer Zeit sowohl an den Ver- stand als auch an die Neugierde. Sie ist noch immer eine große Unbekannte“ (Leemann 1975: 7) Diese Arbeit soll anhand der Geschichte und der verschiede- nen Herstellungsverfahren sowie der Einordnung in den kulturellen Kontext des 17. Jahrhunderts die Bedeutung von Anamorphosen aufzeigen und einen Einblick in das Mysterium der optischen Täuschung mittels Verzerrung geben und so eine Entdeckung der Unbekannten möglich machen.

2 Die Anamorphose

Im Folgenden soll erst der Begriff der Anamorphose etymologisch erklärt werden sowie die verschiedenen Formen von Anamorphosen vorgestellt werden. Danach wird die Geschichte der Anamorphose von ihren Anfängen bis ins 20. Jahrhundert präsentiert und im Anschluss die verschiedenen Verfahren zur Herstellung von Anamorphosen erklärt. Abschließend sollen die Anamorphosen in den kulturellen Kontext des 17. Jahrhunderts eingeordnet werden und deren Bedeutung hinsichtlich der Geschichte erläutert werden.

2.1 Begriffsklärung und Formen von Anamorphosen

Der Begriff Anamorphose kommt aus dem Griechischen. Das altgriechische Wort ἀναμόρφωσις für ‘anamorphosis‘ entwickelte sich zu Neugriechisch αναμόρφωση für ‚die Umformung‘, und μορφή für ‚morphe‘ im Sinne von ‚die Ge- stalt, Form‘ und bekam damit seine bis heute gültige Bedeutung einer Umgestal- tung oder gesetzmäßig verzerrten Darstellung. Wie bereits in der Einleitung er- wähnt, offenbart eine Anamorphose ihre ursprüngliche Gestalt erst nach der Ent- zerrung, z.B. durch eine Standpunkt- oder Blickwinkelveränderung oder unter Zuhilfenahme von geometrischen Spiegeln. Der Begriff Anamorphose wird 1657 erstmals bei Gaspar Schott erwähnt, dieser hat ihn aber vermutlich nicht selbst erfunden. Vielmehr geht man davon aus, dass er aus dem Mittelgriechischen stammt und die Neuformung des Menschen in der Taufe bezeichnete. (vgl. Mersmann 2008: 24-25)

Anamorphosen sind vergleichbar mit Anagrammen, bei denen die Buchstaben eines Wortes umgeformt werden, um die Bedeutung zu verschlüsseln. Genauso wird bei der Anamorphose die geläufige Art der räumlichen Darstellung umgeformt und verzerrt.

Dazu löst die Anamorphose die konventionelle Beziehung zwischen der bemalten Bildfläche, dem abgebildeten Gegenstand und dem Betrachter auf, die von der Zentralperspektive vorgesehen ist, ohne jedoch das vorgegebene System zu verlassen (Gronemeyer 2004: 156).

Somit sind Anamorphosen ein Sonderfall der perspektivischen Darstellung.

Man kann zwischen drei Formen von Anamorphosen unterscheiden.

Optische Anamorphosen müssen von einem bestimmten Standpunkt oder Blickwinkel aus betrachtet werden. Zu den optischen Anamorphosen gehören sowohl vertikal als auch horizontal ausgerichtete Längenanamorphosen. Sie sind gleichbedeutend mit perspektivischen Anamorphosen oder Anamorphosen auf geometrischen Körpern wie Pyramiden oder Kegeln. Um sie zu erkennen, reicht es, die Position zu verändern, weitere Hilfsmittel werden nicht benötigt.

Der Bildinhalt von katoptrischer Anamorphosen lässt sich mit dem pas- senden Spiegelkörper, also mit Hilfe von konischen, zylindrischen oder pyrami- denförmigen Spiegeln entzerren. Die Katoptrik ist ein Teilgebiet der Optik und beschäftigt sich mit Spiegeln und Reflexionen des Lichts. Zu katoptrischen Anamorphosen zählen Kegel-, Pyramiden-, Prismen- und Zylinderspiegel- Anamorphosen.

In einer dioptrischen Anamorphose ist ein weiteres Bild versteckt, dessen Bildinhalt in Form verstreuter Ausschnitte in der Abbildung enthalten ist. Um dioptrische Anamorphosen zu entschlüsseln, benötigt man eine facettierte Linse, das heißt ein spezifisch geschliffenes, normalerweise pyramidales Glas, das beim Durchblicken die verstreuten Ausschnitte richtig zusammensetzt. (vgl. Gehler: „Physicalisches Wörterbuch“1 )

2.2 Geschichte der Anamorphose

Grundlage der Herstellung von Anamorphosen ist die zentralperspektivische Konstruktion. Die Zentralperspektive wurde in der Renaissance in Italien ent- deckt und ist die „Lehre von der Darstellung des dreidimensionalen Raums auf einer zweidimensionalen Bildfläche“ (vgl. Nekes: Wörterbuch2 ). Der Kunsttheore- tiker Leon Battista Alberti beschrieb 1435 in einem Traktat zum ersten Mal theo- retisch, wie diese zentralperspektivische Konstruktion funktionieren sollte.

Die Bildfläche wird als ein Durchschnitt durch eine imaginäre Sehpyramide ge- dacht, deren Spitze im Auge des Betrachters liegt, von wo aus Geraden oder ‚Sehstrahlen‘ mit dem dazustellenden Gegenstand verbunden sind. Diese An- ordnung erlaubt es, die Größe und Lage eines Gegenstandes in Abhängigkeit vom Standort des Betrachters auf einer planen Fläche festzulegen. (Gronemeyer 2004: 156)

Die Beschreibung der Anordnung Albertis findet sich knapp hundert Jahre später in einer Konstruktion Albrecht Dürers wieder, die dieser von einer Reise nach Italien mitgebracht hatte und in seiner Schrift ‚Underweysung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheyt‘ abbildete.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Albrecht Dürer, Underweysung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheyt (1525)

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:358durer.jpg

Mithilfe Dürers Abbildung war es nun möglich, ein perspektivisch präzises Abbild eines Gegenstandes zu erzeugen. Um daraus eine Anamorphose zu erstellen, musste man nur noch den Holzrahmen, dessen sich Dürer bediente, um Albertis Bildebene als planen Schnitt durch die Sehpyramide darzustellen, drehen. Das Abbild wird dadurch verzerrt und erklärt gleichzeitig das Prinzip der Anamorphose als Spezialfall der Zentralperspektive.

„Der Betrachter verändert seinen Standpunkt zum darzustellenden Ge- genstand nicht, nimmt nun aber einen extremen zur Bildfläche ein“ (Gronemeyer 2004: 157). Das erklärt auch die Besonderheit der Anamorphosen, die bei der Betrachtung vom richtigen Standpunkt aus losgelöst von der Bildoberfläche im Raum schweben zu scheinen. Dazu kann es nur kommen, weil die Zentralper- spektive ein Verfahren ist, das die konkrete Bildfläche negiert. (vgl. Gronemeyer 2004: 157)

Die tatsächlich erste überlieferte Anamorphose entstand jedoch schon früher, um ca. 1485. Leonardo Da Vinci experimentierte schon damals mit anamorphotischen Verzerrungen und stellte sowohl einen Kinderkopf als auch ein Auge dar. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch keine Konstruktionsanleitungen hatte haben können, ähnelten die verzerrten Darstellungen den heute bekannten Anamorphosen. (vgl. Hick 1999: 92)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Leonardo Da Vinci, Anamorphosen eines Kinderkopfes (ca. 1485)

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vinci.jpg

Da Vinci experimentierte damals schon mit Abbildungen auf schrägen Ebenen und in Raumecken. Auf der Zeichnung des Auges z.B. sind kurze vertikale Mar- kierungen erkennbar, die von rechts nach links größer werden und darauf schließen lassen, dass sich Da Vinci bei seinen Versuchen schon Gedanken über mathematisch-proportionale Gesetze gemacht hat (vgl. Eser 1998: 92).

Was zuerst als mathematisch-geometrische Experimente begann, entwi- ckelte sich im 16. Jahrhundert weiter und erlebte den ersten künstlerischen Hö- hepunkt im Gemälde „Die Gesandten“ des deutschen Malers Hans Holbein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Hans Holbein, Die Gesandten (1533) Abbildung 4: Der entzerrte Totenschädel

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/

Datei:Hans_Holbein_the_Younger_-_The_Ambassadors_-

_Google_Art_Project.jpg

[...]


1 <http://archimedes.mpiwg-berlin.mpg.de/cgi- bin/archim/dict/hw?lemma=Anamorpho%C5%BFe&step=entry&id=d007> [Zugriff am 24.03.2012].

2 <http://wernernekes.de/00_cms/cms/front_content.php?idart=119#Zentralperspektive> [Zugriff am 24.03.2012].

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668685918
ISBN (Buch)
9783668685925
Dateigröße
6.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203395
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Romanistik Literaturwissenschaft Kulturwissenschaft Frankreich 16. Jahrhundert 17. Jahrhundert Spiegelung Spiegel Täuschung Anamorphose Wahrnehmung Schein Wirklichkeit Zerrspiegel Bildende Kunst Malerei Zerrung anamorphotisch Trugbild Jean François Niceron Italien Leonardo Da Vinci Hans Holbein Emanuel Maignan Jean Du Breuil Leon Battista Alberti Albrecht Dürer

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