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Das Spannungsfeld der Diamesie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 26 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Varietätenlinguistik und Sprachvariation

2 Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Varietätenlinguistik
2.1 Das Modell von Koch und Oesterreicher
2.1.1 Terminologische Grundlagen
2.1.2 Die konzeptionelle Dimension
2.1.3 Die mediale Dimension
2.2 Die Position von Monica Berretta

3 Merkmale geschriebener und gesprochener Sprache
3.1 Universelle und einzelsprachliche Kriterien
3.2 Merkmale geschriebener Sprache
3.3 Merkmale gesprochener Sprache

4 Textbeispiele zu Mündlichkeit und Schriftlichkeit
4.1 Italienische Kriegsgefangenenbriefe von Leo Spitzer
4.2 Testi di italiano popolare von Giovanni Rovere

5 Auswertung und Ausblick

Bibliographie

1 Varietätenlinguistik und Sprachvariation

Die Varietätenlinguistik ist ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft und hat ihren Ursprung in der Dialektologie, die im 19. Jhd. in Italien u.a. von Graziadio Isaia Ascoli begründet wurde. Innerhalb der strukturellen Dialektologie entwickelte Uriel Weinreich 1954 die Konzeption eines Diasystems, einem ››System von Systemen‹‹: Zwei (oder mehr) Sprachsysteme mit partiellen Ähnlichkeiten werden zu einem D[iasystem] zusammengefasst, das damit strukturelle Gleichheiten/Überschneidungen und Unterschiede widerspiegelt. (Bußmann 2002: 166)

Im Allgemeinen entstehen beim Sprechen Varianten, die entweder vereinzelt zufällig entstehen oder gebräuchlich werden. Eine Vielzahl von einzelnen Va- rianten, die gebräuchlich geworden sind, wie z.B. eine besondere Aussprache oder Grammatik, bilden eine Varietät. Man unterscheidet allgemein drei Di- mensionen von Sprachvariationen in der Sprachwissenschaft. Die diatopische Variation bezieht sich auf geographische Unterschiede, die diastratische Vari- ation umfasst die Menge aller Merkmale, die eine soziale Gruppe oder Schicht ausmachen und die diaphasische Variation bezieht sich auf verschiedene Sprachstile, die je nach Formalität der Situation die Wahl eines bestimmten Registers bedingt. (vgl. Bollée 2000: 2-4)

In der italienischen Sprachwissenschaft führte Alberto Mioni noch den Begriff der diamesischen Variation ein, die das Medium betrifft, in dem eine Äußerung vorliegt, also ‚gesprochen‘ oder ‚geschrieben‘. Ludwig Söll orientier- te sich an Mionis Terminologie und dient dadurch als Grundlage für die aus- führlichen Untersuchungen der deutschen Sprachwissenschaftler Peter Koch und Wulf Oesterreicher. Und auch die italienische Linguistin Monica Berretta erkannte, dass die diamesische Variation in sprachlinguistische Untersuchun- gen miteinbezogen werden muss.

Jedoch verwenden den Ausdruck ‚diamesisch‘ nicht viele Sprachwis- senschaftler, obwohl sich zahlreiche unter ihnen bis heute mit dem Stellenwert der Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Varietätenlinguistik beschäftigen. Man geht zwar davon aus, dass die Unterscheidung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit grundlegend für das gesamte Varietätengefüge ist, aber gerade deshalb wäre es mit den anderen allgemein bekannten Dimensionen nicht vergleichbar. (vgl. Bollée 2000: 4) Die meisten wenden ein, dass diejeni- gen Elemente, die eine eventuelle Unterscheidung möglich machen, auch mühelos als Elemente z.B. der diaphasischen Variation verstanden werden können.

Diese Einwände werfen die Frage auf, was wirklich vom Kommunikationsmedium abhängt. Was ist prototypisch für gesprochene Sprache, was ist im Geschriebenen nicht denkbar?

Diese Arbeit soll zu Beginn einen knappen Überblick über die Auffassungen von Koch/Oesterreicher einerseits und Berretta andererseits hinsichtlich der Unterscheidung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit als einer Variation von Sprache geben. Im Anschluss wird dann ein kurzer Überblick zur Terminologie der Merkmale von Sprache gegeben und daraufhin die universellen Merkmale und die einzelsprachlichen Merkmale von geschriebenem und gesprochenem Italienisch dargestellt. Abschließend soll anhand von konkreten Textbeispielen diskutiert werden, inwieweit eine Unterscheidung nach Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Sinne eines Kommunikationsmediums problematisch sein kann und kritisch hinterfragt werden sollte.

2 Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Varietätenlinguistik

Im Folgenden wird im Hinblick auf die Kontroverse über die diamesische Varietät erst das Modell von Peter Koch und Wulf Oesterreicher vorgestellt und anschließend die Ansicht von Monica Berretta aufgezeigt.

2.1 Das Modell von Koch und Oesterreicher

2.1.1 Terminologische Grundlagen

Die Romanisten Peter Koch und Wulf Oesterreicher entwickelten seit den 1980er Jahren in Anlehnung an Ludwig Söll ein Modell, um die Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache sinnvoll darzustellen (vgl. Koch/Oesterreicher 1990: 5-16). Die Begriffe ‚mündlich‘ bzw. ‚gesprochen‘ und ‚schriftlich‘ bzw. ‚geschrieben‘ bezeichnen dabei die Erscheinungsform der materiellen Realisierung von sprachlichen Äußerungen. ‚Münd- lich/gesprochen‘ meint die phonische Realisierung in Form von Lauten, ‚schriftlich/geschrieben‘ meint die graphische Realisierung in Form von Schriftzeichen.

Diese Bezeichnungen führen aber zu Unstimmigkeiten, da phonische Realisierungen existieren, deren Eigenschaften eher der Schriftlichkeit ent- sprechen (z.B. die Trauzeugenrede bei einer Hochzeit oder die Schilderungen während einer Museumsführung) und demzufolge auch graphische Realisie- rungen vorliegen, die vielmehr mit Mündlichkeit übereinstimmen (z.B. ein Lie- besbrief an den Partner oder der wöchentliche Einkaufszettel in Form von stichpunktartigen Begriffen).

Um dieses Missverständnis klarzustellen, nahmen sie eine Doppelun- terscheidung vor und stellten die Realisierungen ‚phonisch‘ und ‚graphisch‘ unter den Begriff Medium und haben demgegenüber den Begriff „Konzeption (gesprochen/geschrieben), [die] den sprachlichen Duktus von Äußerungen betrifft (z.B. syntaktische Planung, Textkohärenz, verwendete Varietäten, usw.)“ (Koch/Oesterreicher 1990: 5) eingeführt. Daraus ergeben sich vier Kombinationsmöglichkeiten, die im Folgenden mit konkreten Äußerungen beispielhaft dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Konzeption und Medium (vgl. Koch/Oesterreicher 1990: 5)

Die durchgezogene Linie zwischen dem graphischen und phonischen Medium in der Abbildung bedeutet eine strikte Zweiteilung, also eine Entweder-Oder- Realisierung. Die gestrichelte Linie zwischen gesprochener und geschriebener Konzeption „soll dagegen andeuten, daß das Verhältnis von ‚gesprochen‘ und ‚geschrieben‘ nur als Kontinuum zwischen zwei extremen Ausprägungen […] begriffen werden kann“ (Koch/Oesterreicher 1990: 6).

Demnach ist nun die Trauzeugenrede bei einer Hochzeit also bei- spielsweise ‚medial phonisch‘ aber ‚konzeptionell schriftlich‘ formuliert. Ent- sprechend ist der Liebesbrief an den Partner zwar ‚medial graphisch‘, jedoch ‚konzeptionell mündlich‘ verfasst. Es besteht gleichwohl eine gewisse Zu- sammengehörigkeit zwischen ‚medial phonisch‘ und ‚konzeptionell mündlich‘ einerseits und ‚medial graphisch‘ und ‚konzeptionell schriftlich‘ andererseits. So wird z.B. ein vertrautes Gespräch zwischen Mutter und Tochter in der Re- gel phonisch geführt und ein Zeitungsartikel typischerweise graphisch ver- fasst. Prinzipiell gilt für alle Kommunikationsformen, egal in welcher Konzepti- on sie vorliegen, dass sie „aus der für sie typischen medialen Realisierung in das jeweils andere Medium ‚transferiert‘ werden können“ (Koch/Oesterreicher 1990: 6). D.h. ein Zeitungsartikel, der ‚medial graphisch‘ und ‚konzeptionell geschrieben‘ ist, kann auch vorgelesen werden, beziehungsweise das vertrau- te Gespräch zwischen Mutter und Tochter, das ‚medial phonisch‘ und ‚konzep- tionell gesprochen‘ ist, kann schriftlich festgehalten werden. Ebenso lässt sich selbstverständlich mit dem Liebesbrief und der Trauzeugenrede verfahren.

2.1.2 Die konzeptionelle Dimension

Bei Koch und Osterreicher liegt der Fokus schwerpunktmäßig auf der konzep- tionellen Dimension. Aufgrund verschiedener „Instanzen und Faktoren der sprachlichen Kommunikation“ (Koch/Oesterreicher 1990: 8), die immer eine gewisse Varianz zulassen, ergeben sich im Kontinuum zwischen konzeptio- neller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit „eine Reihe skalierbarer Parameter […], die von Koch/Oesterreicher […] als Kommunikationsbedin- gungen und Versprachlichungsstrategien bezeichnet wurden“ (Thaler 2007: 149).

Um Äußerungen zu beschreiben, sind u.a. folgende Parameter rele- vant: Öffentlichkeit, Vertrautheit der Kommunikationspartner, Emotionalität, Referenzbezug, physische Nähe bzw. Distanz der Kommunikationspartner, Dialogizität und Themenfixierung. Alle Parameter sind gradueller Natur und außersprachliche Gegebenheiten. Die Gesamtheit der Kommunikationsbedin- gungen bewirkt dann bestimmte Versprachlichungsstrategien des Sprechers bzw. Redekonstellationstypen (vgl. Koch/Oesterreicher 1985: 19).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Nähe-Distanz-Kontinuum (vgl. Koch/Oesterreicher 1990: 12)

Da in den Kommunikationsbedingungen schon die physische Nähe und Dis- tanz einbezogen wurde, weiten Koch und Oesterreicher diesen Begriff weiter aus auf soziale Nähe bzw. Distanz (umfasst u.a. die Parameter Öffentlichkeit, Vertrautheit oder Emotionalität) und referentielle Nähe bzw. Distanz (ent- spricht dem Parameter des Referenzbezuges). Sie fassen „sämtliche Kom- munikationsbedingungen innerhalb der Parameter […], ihre Kombination und Gewichtung mit Hilfe der Begriffe kommunikative Nähe und kommunikative Distanz“ (Koch/Oesterreicher 1990: 10) zusammen. Sprache der Nähe ent- spricht dabei Mündlichkeit und Sprache der Distanz entspricht Schriftlichkeit. Im Kontinuum der konzeptionellen Realisierungen bilden die maximale kom- munikative Nähe und die maximale kommunikative Distanz jeweils die Pole, in deren Mitte sich alle anderen Möglichkeiten ansiedeln können.

2.1.3 Die mediale Dimension

Da Koch und Oesterreicher hauptsächlich Interesse an den Unterschieden zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit als Problem einer sprachlichen Vari- etät haben, vernachlässigen sie neben ihrer Konzentration auf die dafür rele- vante konzeptionelle Dimension die mediale vollständig. Doch diese hat gera- de für die folgenden Ausführungen in dieser Arbeit große Bedeutung.

Koch und Oesterreicher begreifen mediale Mündlichkeit und mediale Schriftlichkeit als sich gegenseitig ausschließende Realisierungsformen, als strikte Dichotomie oder Entweder-Oder-Realisierung. Das bedeutet, dass jede Äußerungsform, sei es nun eine Textsorte, wie z.B. die Zeitungsanzeige, oder im Falle einer dialogischen Kommunikation eine Diskursart, wie z.B. ein Inter- view oder aber ein konkretes individuelles Spracherzeugnis, wie in Abbildung 1, entweder medial phonisch oder medial graphisch realisiert ist, „nicht aber in beiden Formen oder einer dazwischen anzusiedelnden Form“ (Thaler 2007: 153) vorliegen kann.

Betrachtet man jedoch neuere Kommunikationsformen, stellt man fest, dass die Annahme der Dichotomie nicht mehr zwangsläufig vorliegen muss. Im Zuge der technischen Weiterentwicklung wird es „in absehbarer Zeit zu einer universellen Konvertierbarkeit von Schrift und Ton auf computervermit- teltem Wege“ (Thaler 2007: 153) kommen, die es zulässt, dass man medial phonische Realisierungen in medial graphische Realisierungen umwandeln kann und umgekehrt. Auch Koch und Oesterreicher bedenken bereits in ihren Erläuterungen zur Geschichte der Nähe- und Distanzsprache in der lateinisch- romanischen Diachronie (vgl. Koch/Oesterreicher 1990: 129/130) die Möglich- keit eines Medienwechsels, z.B. im juristischen oder kirchlichen Bereich: „ei- nerseits Vorlesen - mit Nachsprechen - und Vortragen, andererseits protokoll- artiges Aufzeichnen (einerseits bei Eidesformeln, Predigten, Dichtung usw., andererseits bei Zeugenaussagen usw.)“ (Koch/Oesterreicher 1990: 130).

Mit einer solchen Umwandlung hängt jedoch auch immer ein Wechsel des Kommunikationsmediums im Sinne eines Übertragungs- oder Speicher- mediums (z.B. Computer, Telefon oder Buch) zusammen. Das Vorlesen eines ursprünglich schriftlichen Textes oder das Drucken einer Rede hat zur Folge, dass die neuen Realisierungen in einer anderen Übertragungs- oder Spei- cherform vorliegen. Es kann aber auch zu Umwandlungen ohne Wechsel des Kommunikationsmediums kommen, z.B. bei einer computergestützten Trans- formation. Dann hat „man es mit einer Äußerungsform zu tun […], die - inner- halb ein und desselben Mediums - in zwei medialen Realisierungsformen vor- liegt“ (Thaler 2007: 154).

2.2 Die Position von Monica Berretta

Neben Koch und Oesterreicher beschäftigen sich, wie bereits in der Einleitung geschildert, einige andere Linguisten mit der Dimension der Mündlichkeit und Schriftlichkeit, darunter auch die bereits verstorbene italienische Sprachwis- senschaftlerin Monica Berretta. Ihrer Meinung nach herrschte ein großes Un- gleichgewicht in Italien bezüglich der Analyse der gesprochenen Sprache, verglichen mit anderen europäischen Sprachen, wie z.B. dem Französischen oder Deutschen. Sie kritisierte auch das offensichtliche Fehlen von brauchba- ren, systematisch je nach Auswahl der Texte und Transkriptionen veröffent- lichten Korpora.

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Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656295211
ISBN (Buch)
9783656297284
Dateigröße
966 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203390
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Romanistik
Note
2,0
Schlagworte
Romanistik Sprachstruktur Sprachsystem Italienisch Diamesie Dialektologie Varietätenlinguistik Sprachvariation Mündlichkeit Schriftlichkeit Monica Berretta geschriebene Sprache Leo Spitzer Giovanni Rovere Diasystem Peter Koch Wulf Oesterreicher diastratisch diatopisch diaphasisch diamesisch Medium gesprochene Sprache italiano popolare

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